Funktionelle Schädigungen des Rückenmarks: Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten

Das Rückenmark, eine lebenswichtige Verbindung zwischen Gehirn und Körper, kann durch verschiedene Ursachen funktionell beeinträchtigt werden. Diese Schädigungen können zu einer Vielzahl von neurologischen Ausfällen führen, die die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen funktioneller Schädigungen des Rückenmarks, die resultierenden Symptome und die verfügbaren Behandlungsansätze.

Einführung

Das Rückenmark verläuft im Wirbelkanal und stellt die Verbindung zwischen Gehirn und Extremitäten her. Es enthält sowohl aufsteigende (afferente) als auch absteigende (efferente) Nervenbahnen, die Informationen zwischen Gehirn und Körper übertragen. Schädigungen des Rückenmarks können diese Signalübertragung unterbrechen und zu motorischen, sensorischen und autonomen Funktionsstörungen führen.

Ursachen funktioneller Schädigungen des Rückenmarks

Funktionelle Schädigungen des Rückenmarks können durch traumatische und nicht-traumatische Ursachen bedingt sein.

Traumatische Ursachen

  • Verkehrsunfälle: Verkehrsunfälle sind eine der häufigsten Ursachen für traumatische Rückenmarksverletzungen.
  • Stürze: Stürze, insbesondere bei älteren Menschen, können zu Rückenmarksverletzungen führen.
  • Sportunfälle: Sportarten mit hohem Verletzungsrisiko, wie z. B. American Football oder Eishockey, können traumatische Rückenmarksverletzungen verursachen.
  • Gewaltverbrechen: Schuss- oder Stichverletzungen können das Rückenmark direkt schädigen.

Nicht-traumatische Ursachen

  • Neurodegenerative Erkrankungen: Erkrankungen wie Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) können zum Absterben von Neuronen im Rückenmark führen.
  • Infektionen: Infektionen wie Myelitis können Entzündungen des Rückenmarks verursachen.
  • Tumore: Tumore im oder am Rückenmark können Druck auf das Rückenmark ausüben und dessen Funktion beeinträchtigen.
  • Multiple Sklerose (MS): MS ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung, die Entzündungsherde im Gehirn und Rückenmark verursacht.
  • Spinale Ischämie: Eine Unterbrechung der Blutzufuhr zum Rückenmark kann zu einer Schädigung des Gewebes führen.
  • Autoimmunerkrankungen: Systemische Autoimmunerkrankungen wie Lupus erythematodes oder Sjögren-Syndrom können eine Myelitis verursachen.
  • Sarkoidose: Sarkoidose ist eine entzündliche Erkrankung, die verschiedene Organe befallen kann, einschließlich des Rückenmarks.
  • Strahlenmyelopathie: Eine Strahlentherapie im Bereich des Rückenmarks kann zu Schädigungen führen.
  • Vitamin B12-Mangel: Ein Mangel an Vitamin B12 kann neurologische Symptome verursachen, einschließlich einer Querschnittssymptomatik.
  • Myelopathie: Eine Myelopathie wird durch eine Verengung des Spinalkanals ausgelöst. Der Spinalkanal liegt im Inneren der Wirbelsäule. Dort verlaufen das Rückenmark und die Nervenwurzeln. Kommt es zu einer Einengung des Spinalkanals, so werden Rückenmark und Nerven eingeschnürt oder gereizt, was Schmerzen und weitere Symptome auslöst.

Pathophysiologie

Die Pathophysiologie funktioneller Schädigungen des Rückenmarks ist komplex und hängt von der Ursache und dem Ausmaß der Schädigung ab. Bei traumatischen Verletzungen kommt es zu einer direkten Schädigung der Nervenzellen und -bahnen. Nicht-traumatische Ursachen können Entzündungen, Ischämie, Kompression oder Demyelinisierung verursachen, die die Funktion des Rückenmarks beeinträchtigen.

Nach einer Verletzung können Neurone des ZNS geschädigte Nervenfasern, sogenannte Axone, nicht mehr regenerieren, sodass sie dauerhaft von ihren Zielgebieten abgeschnitten bleiben. Die Ursachen hierfür sind vielschichtig und liegen sowohl an den Neuronen selbst, da sie nicht in der Lage sind, ein regeneratives Wachstumsprogramm zu starten als auch an einer für die regenerierenden Axone inhibitorischen Umgebung im verletzten ZNS.

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Schädigungen von Nervenfasern im Gehirn oder Rückenmark führen daher in der Regel immer zu irreversiblen Funktionsverlusten und damit lebenslangen Behinderungen, wie beispielsweise Querschnittslähmungen nach Rückenmarksverletzungen oder Erblindungen nach Sehnervschädigungen.

Symptome funktioneller Schädigungen des Rückenmarks

Die Symptome funktioneller Schädigungen des Rückenmarks sind vielfältig und hängen von der Lokalisation und dem Ausmaß der Schädigung ab. Zu den häufigsten Symptomen gehören:

  • Motorische Störungen: Muskelschwäche bis hin zur Lähmung, Spastik (erhöhte Muskelspannung), Koordinationsstörungen
  • Sensible Störungen: Taubheitsgefühle, Kribbelmissempfindungen, Schmerzen, Verlust der Temperatur- oder Schmerzempfindung
  • Autonome Funktionsstörungen: Blasen- und Darmfunktionsstörungen, sexuelle Störungen, Herz-Kreislauf-Regulationsstörungen, trophische Störungen der Haut
  • Schmerzen: Chronische Schmerzen können eine erhebliche Belastung darstellen.
  • Weitere Symptome: Fatigue, Depressionen, Angstzustände

Spezifische Syndrome

Das klinische Erscheinungsbild der Rückenmarksyndrome wird durch die topografische Anordnung der spinalen Kerngebiete und Leitungsbahnen bestimmt. Bei Läsionen, die das Rückenmark im Querschnitt treffen, resultiert die Symptomatik aus der Unterbrechung auf- und absteigender Leitungswege und aus der Ausschaltung von Kerngebieten im Läsionsniveau. Die Höhe des Querschnitts, der partiell oder komplett sein kann, bestimmt die spezielle klinische Ausgestaltung.

  • Zervikaler Querschnitt: Spastische Tetraplegie, Interkostalmuskulatur gelähmt, segmentale atrophische Paresen in Läsionshöhe, aufgehobene Sensibilität unterhalb Läsionsniveau, Reflexblase. Bei Läsion oberhalb C4 Atemlähmung (Zwerchfell).
  • Thorakaler Querschnitt: Spastische Paraplegie, segmentale atrophische Paresen in Läsionshöhe, aufgehobene Sensibilität unterhalb Läsionsniveau, Reflexblase. Bei Läsion oberhalb Th6 Ateminsuffizienz (Interkostalmuskulatur).
  • Lumbaler Querschnitt: In der Regel schlaffe Paraplegie, aufgehobene Sensibilität unterhalb Läsionsniveau, Überlaufblase.
  • Epikonussyndrom: Schlaffe Beinparesen (Ausnahme Hüftbeugung, Hüftadduktion, Kniestreckung). PSR +, ASR -, TPR -. Sensibilität ab L4 oder tiefer aufgehoben. Reflexe perineal erhalten. Reflex- oder Überlaufblase.
  • Konussyndrom: Bein- und Fußmotorik intakt. Beineigenreflexe +, Analreflex -. Sensibilität im Reithosengebiet aufgehoben. Überlaufblase.
  • Kaudasyndrom: Schlaffe Lähmungen unterhalb L4 oder tiefer (Hüftfunktionen, Kniestreckung nicht plegisch). PSR (+), ASR und TPR -, Analreflex -. Sensibilität unterhalb L4 oder tiefer aufgehoben, einschl. Reithosengebiet.
  • Brown-Séquard-Syndrom: Ipsilateral finden sich in Läsionshöhe segmentale schlaffe Paresen und unterhalb der Läsionshöhe durchgehende spastische Paresen mit gesteigerten Muskeleigenreflexen und spastischen Zeichen. Sensibel sind Lage- und Vibrationsempfinden und taktile Diskriminationsfähigkeit ipsilateral aufgehoben. Kontralateral sind Temperatur- und Schmerzempfinden unterhalb der Läsionshöhe aufgehoben.

Diagnose

Die Diagnose funktioneller Schädigungen des Rückenmarks umfasst in der Regel eine umfassende neurologische Untersuchung, bildgebende Verfahren und elektrophysiologische Tests.

  • Neurologische Untersuchung: Beurteilung der motorischen Funktion, Sensibilität, Reflexe und autonomen Funktionen.
  • Bildgebende Verfahren:
    • Röntgenaufnahmen: Zur Beurteilung der knöchernen Strukturen der Wirbelsäule.
    • Computertomographie (CT): Detailliertere Darstellung der knöchernen Strukturen und des Spinalkanals.
    • Magnetresonanztomographie (MRT): Standarddiagnostik zur Beurteilung des Rückenmarks, der Nervenwurzeln und des umgebenden Gewebes.
  • Elektrophysiologische Tests:
    • Nervenleitgeschwindigkeit (NLG): Messung der Geschwindigkeit, mit der elektrische Signale entlang der Nervenbahnen übertragen werden.
    • Somatosensorisch evozierte Potentiale (SSEP): Messung der elektrischen Aktivität im Gehirn als Reaktion auf Stimulation peripherer Nerven.
  • Lumbalpunktion (Nervenwasseruntersuchung): Zur Untersuchung des Nervenwassers auf Entzündungszeichen oder andere Auffälligkeiten.

Behandlung

Die Behandlung funktioneller Schädigungen des Rückenmarks zielt darauf ab, die Symptome zu lindern, die Funktion zu verbessern und Komplikationen zu vermeiden. Die Behandlungsstrategien sind vielfältig und werden individuell auf die Bedürfnisse des Patienten abgestimmt.

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Akutbehandlung

  • Stabilisierung der Wirbelsäule: Bei traumatischen Verletzungen ist die Stabilisierung der Wirbelsäule von entscheidender Bedeutung, um weitere Schädigungen zu verhindern.
  • Medikamentöse Therapie:
    • Kortikosteroide: Zur Reduktion von Entzündungen und Schwellungen im Rückenmark.
    • Schmerzmittel: Zur Linderung von akuten Schmerzen.
    • Muskelrelaxantien: Zur Reduktion von Muskelkrämpfen und Spastik.
  • Chirurgische Dekompression: Bei Kompression des Rückenmarks durch Knochenfragmente, Bandscheibenvorfälle oder Tumore kann eine Operation erforderlich sein, um den Druck zu entlasten.

Langzeitbehandlung und Rehabilitation

  • Physiotherapie: Zur Verbesserung der Muskelkraft, Koordination und Beweglichkeit.
  • Ergotherapie: Zur Verbesserung der Selbstständigkeit im Alltag und zur Anpassung der Lebensumgebung.
  • Logopädie: Bei Schluck- oder Sprachstörungen.
  • Psychotherapie: Zur Bewältigung der psychischen Belastungen durch die Erkrankung.
  • Medikamentöse Therapie:
    • Schmerzmittel: Zur Behandlung von chronischen Schmerzen.
    • Antidepressiva: Zur Behandlung von Depressionen und neuropathischen Schmerzen.
    • Anticholinergika: Zur Behandlung von Blasenfunktionsstörungen.
    • Laxantien: Zur Behandlung von Darmfunktionsstörungen.
    • Botulinumtoxin: Zur Behandlung von Spastik.
  • Hilfsmittel: Rollstühle, Orthesen, Gehhilfen und andere Hilfsmittel können die Mobilität und Selbstständigkeit verbessern.
  • Funktionelle Elektrostimulation (FES): FES kann eingesetzt werden, um gelähmte Muskeln zu aktivieren und die Funktion zu verbessern.

Spezifische Therapien

  • Myelitis: Je nach Ursache erfolgt eine erregerspezifische Therapie (Virustatika oder Antibiotika) oder bei autoimmuner Ursache eine hochdosierte Kortikoidtherapie. Bei geringem Ansprechen auf die Kortikoidbehandlung kann sich ein Plasmaaustausch anschließen.
  • Zervikale Myelopathie: Für moderate und schwere Myelopathien wird eine Operation empfohlen, bei einer milden Myelopathie kommt auch eine konservative Therapie in Frage. Verschiedene Operationsverfahren stehen zur Verfügung. Möglich ist eine ventrale Dekompression mit Fusion, aber auch eine dorsale Dekompression durch eine Laminektomie mit Schraubenfixation oder eine Laminoplastie.

Komplikationen

Funktionelle Schädigungen des Rückenmarks können zu einer Reihe von Komplikationen führen, darunter:

  • Druckgeschwüre (Dekubitus): Durch die eingeschränkte Mobilität und Sensibilität besteht ein erhöhtes Risiko für Druckgeschwüre.
  • Harnwegsinfektionen: Blasenfunktionsstörungen und die Verwendung von Kathetern erhöhen das Risiko für Harnwegsinfektionen.
  • Darmfunktionsstörungen: Verstopfung oder Stuhlinkontinenz können auftreten.
  • Spastik: Erhöhte Muskelspannung kann zu Schmerzen, Kontrakturen und Bewegungseinschränkungen führen.
  • Osteoporose: Durch die fehlende Belastung der Knochen kann es zu Knochenschwund kommen.
  • Thrombose: Die eingeschränkte Mobilität erhöht das Risiko für Thrombosen.
  • Autonome Dysreflexie: Bei Läsionen oberhalb des 6. Thorakalsegments kann es zu einer autonomen Dysreflexie kommen, einer potenziell lebensbedrohlichen Komplikation, die durch eine unkontrollierte Erhöhung des Blutdrucks gekennzeichnet ist.
  • Psychische Probleme: Depressionen, Angstzustände und soziale Isolation sind häufige Begleiterscheinungen.

Rehabilitation und soziale Integration

Die Rehabilitation spielt eine entscheidende Rolle bei der Verbesserung der Lebensqualität von Menschen mit funktionellen Schädigungen des Rückenmarks. Ein interdisziplinäres Team aus Ärzten, Therapeuten, Pflegepersonal und Sozialarbeitern arbeitet zusammen, um die individuellen Bedürfnisse des Patienten zu erfüllen. Ziel ist es, die Selbstständigkeit zu fördern, die Mobilität zu verbessern und die soziale Integration zu ermöglichen.

Forschung

Die Forschung im Bereich der Rückenmarksverletzungen und -erkrankungen schreitet stetig voran. Ziel ist es, neue Therapien zu entwickeln, die die Regeneration des Rückenmarks fördern und die Funktion wiederherstellen können. Zu den vielversprechenden Forschungsansätzen gehören:

  • Gentherapie: Ziel ist die Entwicklung von neuen gentherapeutischen sowie pharmakologischen Ansätzen zur Förderung der axonalen Regeneration und somit der Wiederherstellung von verlorengegangenen Funktionen nach Schädigungen des Gehirns und Rückenmarks.
  • Stammzelltherapie: Transplantation von Stammzellen in das Rückenmark, um die Regeneration von Nervenzellen zu fördern.
  • Neuroprotektive Medikamente: Medikamente, die Nervenzellen vor weiteren Schäden schützen.
  • Robotik: Einsatz von Robotik zur Unterstützung der Rehabilitation und zur Verbesserung der Mobilität.

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