Viele Eltern sind besorgt, wenn sie bei ihrem Baby ungewöhnliche Bewegungen oder Verhaltensweisen beobachten. Ein solcher Moment der Besorgnis kann auftreten, wenn ein Baby krampft oder den Moro-Reflex zeigt. Dieser Artikel soll Klarheit über das KISS-Syndrom (Kopfgelenk-induzierte Symmetrie-Störung) und seine möglichen Zusammenhänge mit Krampfanfällen, insbesondere im Vergleich zum Moro-Reflex, schaffen.
Der Moro-Reflex: Was ist das?
Der Moro-Reflex ist ein frühkindlicher Reflex, der bei Neugeborenen auftritt. Eltern erschrecken oft, wenn sie ihn zum ersten Mal sehen.
Wie äußert sich der Moro-Reflex?
Die Reaktion dauert nur wenige Sekunden: Scheinbar aus heiterem Himmel und blitzschnell spannt sich der ganze Körper deines Babys an. Es reißt den Mund auf und atmet heftig ein, während es seine Arme mit Wucht nach vorne streckt und alle Finger starr abspreizt, bevor es im nächsten Moment ausatmet und den Mund wieder schließt, die Arme beugt und die Hände gleichzeitig zu Fäusten ballt, als würde es etwas umklammern wollen. Nur, um die Arme dann in der wieder einkehrenden Entspannung vor die Brust zu legen, als wäre nichts gewesen.
Funktion und Bedeutung
Der Moro-Reflex ist ein angeborener Reflex, der dem Schutz und dem Überleben des Kindes dient. Er entwickelt sich ab der 9. Schwangerschaftswoche und verschwindet normalerweise zwischen dem zweiten und vierten Lebensmonat. Ursprünglich diente er dazu, dass sich das Kind bei Gefahr an der Mutter festklammern oder bei Erstickungsgefahr einatmen kann. Auslöser können laute Geräusche, Licht oder plötzliche Bewegungen sein. Benannt wurde der Reflex nach dem Kinderarzt Ernst Moro, der dieses Verhalten 1918 zum ersten Mal dokumentierte.
Was tun bei einem ausgeprägten Moro-Reflex im Schlaf?
Bei manchen Kindern tritt der Moro-Reflex verstärkt im Schlaf auf, was zu Unruhe und häufigem Aufwachen führen kann. In solchen Fällen wird oft das Pucken empfohlen, bei dem das Kind eng in eine Decke gewickelt wird, um die Extremitäten am Körper zu fixieren. Dies soll beruhigend wirken und den Schlaf fördern. Allerdings ist das Pucken nicht unumstritten, da einige Kinderärzte vor möglichen Gefahren wie Überhitzung, Nervenabklemmung oder Hüftdysplasie warnen.
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Warum ist die Überprüfung des Moro-Reflexes wichtig?
Der Moro-Reflex sollte bei jedem Kind vorhanden sein. Kinderärzte nutzen ihn bei den ersten Vorsorgeuntersuchungen, um die neurologische Entwicklung des Kindes zu überprüfen. Der Arzt kippt das Baby dabei meist aus dem Sitzen in die Rückenlage, um den Reflex auszulösen.
Was, wenn der Moro-Reflex bestehen bleibt?
Normalerweise wird der Moro-Reflex zwischen dem zweiten und vierten Lebensmonat durch das Heranreifen des Nervensystems durch den Schreckreflex des Erwachsenen abgelöst. Bleibt er jedoch bestehen, spricht man von einem persistierenden Moro-Reflex. Dies kann ein Hinweis auf Entwicklungsstörungen oder vererbte Erkrankungen sein und sollte ärztlich abgeklärt werden.
Das KISS-Syndrom: Kopfgelenk-induzierte Symmetrie-Störung
Das KISS-Syndrom ist eine Blockade des Kopfgelenks, die insbesondere Babys und Kleinkinder betrifft. Es beschreibt eine Fehlstellung oder Blockierung der oberen Halswirbelsäule, die zu Entwicklungs- und Funktionsstörungen führen kann.
Mögliche Ursachen
Als wahrscheinlichste Ursache gilt starker Zug oder Druck auf den Kopf und die obere Halswirbelsäule während der Geburt. Insbesondere Kinder, bei deren Geburt eine Saugglocke oder Zange eingesetzt wurde, oder die per Kaiserschnitt zur Welt gekommen sind, sind häufiger betroffen. Auch eine Querlage des Kindes im Mutterleib, Mehrlingsschwangerschaften oder ein Geburtsgewicht von über 4.000 Gramm können Risikofaktoren sein.
Symptome des KISS-Syndroms bei Säuglingen
Häufig ist die Fehlhaltung einige Tage nach der Geburt oder erst später im Laufe des zweiten Lebensmonats feststellbar. Die Fehlstellung kann zu verschiedenen Symptomen führen, darunter Asymmetrien im Erscheinungsbild und Bewegungseinschränkungen. Typische Anzeichen sind:
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- Schiefhaltung des Kopfes und Rumpfes
- Überstrecken des Körpers
- Einseitiger Abrieb der Haare
- Kopfhalte- und Kopfdrehschwäche
- Ungleiche oder einseitige Bewegung von Armen und Beinen
- Druckempfindlichkeit im Nacken
- Schlafstörungen
Folgen eines unbehandelten KISS-Syndroms
Unbehandelt sind aufgrund der Fehlhaltung Spätfolgen für das Kind möglich. In Betracht kommen beispielsweise Auffälligkeiten wie:
- Kopfverformung
- Verschiebung der Gesichtszüge
- Koordinationsschwierigkeiten
- Sprachschwierigkeiten
- Wahrnehmungsstörungen
- Haltungsschwäche
- Motorische und vokale Tics
Das Auftreten dieser Symptome wird unter dem Begriff Kopfgelenk-induzierte Dyspraxie und Dysgnosie, als sogenanntes KiDD-Syndrom zusammengefasst. Dabei stehen die Bezeichnungen Dysgnosie für die Störung der Wahrnehmung und Dyspraxie für eine gewisse motorische Ungeschicklichkeit. Es ist jedoch umstritten, ob ein unbehandeltes KiSS-Syndrom generell Spätfolgen hat.
Behandlungsmöglichkeiten des KISS-Syndroms
Eine frühzeitige Erkennung ist entscheidend, um rechtzeitig geeignete Therapiemaßnahmen einzuleiten. Verschiedene Therapiemöglichkeiten kommen zur Behandlung des KiSS-Syndroms infrage:
- Atlastherapie: Der Therapeut konzentriert sich auf den Atlaswirbel und bringt das Gelenk durch schnellen, präzisen Druck wieder in die korrekte Form.
- HIO (Hand-in-Hand-Osteopathie): Ziel ist es ebenfalls, das Gelenk wieder in eine korrekte Position zu bringen, wobei ein stärkerer Druck als bei der Atlastherapie ausgeübt wird.
- Therapie nach Biedermann: Diese Therapieform behandelt die obere Halswirbelsäule von der Schädelbasis bis zum unteren Halswirbel C3 und berücksichtigt dabei auch Rotationsabweichungen der betroffenen Wirbel.
- Craniosacrale Therapie: Ziel der Therapie ist es, die Kopfgelenk-induzierte Symmetrie-Störung zu korrigieren und Bewegungseinschränkungen zu beheben. Dabei wird sanfter Druck auf die betroffenen Stellen ausgeübt, um Einschränkungen und Blockaden zu lösen und die Selbstheilungskräfte des Immunsystems anzuregen.
Kritik am KISS-Syndrom
Kritiker diskutieren, dass die Symptome der Fehlstellung weit verbreitet und häufig auch zu unspezifisch sind. Auftretende Beschwerden müssen nicht unbedingt im Zusammenhang mit dem KiSS-Syndrom stehen. Aktuell gibt es keine anerkannten wissenschaftlichen Studien dazu. Ärzte warnen davor, die empfindliche Halswirbelsäule von Babys zu behandeln. Umstritten ist auch, ob ein unbehandeltes KiSS-Syndrom Folgen hat.
KISS-Syndrom, Krampfanfälle und der Moro-Reflex: Zusammenhänge und Unterschiede
Es ist wichtig, das KISS-Syndrom von anderen Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen abzugrenzen. Das West-Syndrom, eine Serie von Krampfanfällen des Babys, die gekennzeichnet sind durch blitzartiges und wiederholtes Nicken des Kopfes, des Rumpfes, der Extremitäten sowie Strecken und Beugen der Arme (BNS-Krampf), kann beispielsweise mit dem Moro-Reflex verwechselt werden, obwohl die Ausprägungen weitaus heftiger sind. Ursache dieser Krampfanfälle ist jedoch meistens die vererbte, schwere Stoffwechselerkrankung Phenylketonurie.
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Auch ADS, ADHS und das KIDD-Syndrom werden von einigen Fachleuten als mögliche Folgen einer Blockade des Kopfgelenkes (KISS-Syndrom) genannt. Zudem kann der Moro-Reflex sich durch die Blockade nicht herauswachsen und bestehen bleiben. Dies kann zu Wahrnehmungsproblemen, gesteigerter Ängstlichkeit, Koordinationsstörungen, Gleichgewichtsproblemen, Lichtempfindlichkeit, schneller Ermüdung der Augen, Geräuschüberempfindlichkeit und wiederholten Infekten im Hals-Nasen-Ohren-Bereich führen.
Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass die Zusammenhänge zwischen KISS-Syndrom und diesen Folgeerkrankungen wissenschaftlich umstritten sind und weiterer Forschung bedürfen.
Worauf sollten Eltern achten?
Wenn Eltern bei ihrem Baby Krampfanfälle oder andere ungewöhnliche Verhaltensweisen beobachten, ist es wichtig, Ruhe zu bewahren und die Situation genau zu beobachten. Folgende Fragen können helfen, die Situation besser einzuschätzen:
- Wie sehen die Bewegungen genau aus?
- Wie lange dauern die Anfälle?
- In welchen Situationen treten sie auf?
- Gibt es Begleitsymptome wie Rötung des Gesichts, Verdrehen der Augen oder Veränderungen der Atmung?
Es ist ratsam, ein "Tagebuch" zu führen, in dem Uhrzeit, Dauer, Situation und eventuelles vorheriges Essen notiert werden. Diese Aufzeichnungen können dem Arzt helfen, die Ursache der Anfälle zu erkennen.
Wann sollte man einen Arzt aufsuchen?
In folgenden Fällen sollte umgehend ein Arzt aufgesucht werden:
- Wenn das Baby wiederholt krampft.
- Wenn die Anfälle von anderen Symptomen begleitet werden, wie z.B. Bewusstseinsverlust, Atemnot oder Fieber.
- Wenn der Moro-Reflex nach dem vierten Lebensmonat weiterhin besteht.
- Wenn das Baby Anzeichen eines KISS-Syndroms zeigt, wie z.B. eine Schiefhaltung des Kopfes, Trinkprobleme oder Schlafstörungen.
Der Arzt kann durch eine gründliche Untersuchung und gegebenenfalls weitere Tests die Ursache der Beschwerden feststellen und eine geeignete Behandlung einleiten.
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