Rückenmarkentzündung und MRT-Diagnostik: Ein umfassender Überblick

Die Rückenmarkentzündung (Myelitis) ist eine seltene neurologische Erkrankung, die in Deutschland jährlich etwa 100 Menschen betrifft. Sie tritt vor allem im Alter von 10 bis 19 und von 30 bis 49 Jahren auf. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die Ursachen, Symptome, Diagnose und Behandlung der Myelitis, wobei ein besonderer Fokus auf der Bedeutung der Magnetresonanztomographie (MRT) in der Diagnostik liegt.

Was ist eine Myelitis?

Eine Myelitis beschreibt alle Arten von Rückenmarkentzündungen. Die Lage der Entzündung und ob sie einmal oder mehrmals auftritt, sind wichtige Faktoren zur Unterscheidung der unterschiedlichen Typen dieser Erkrankung.

Klassifikation der Myelitis

Myelitiden lassen sich nach ihrem Verteilungsmuster oder ihrer Lokalisation einteilen:

Nach Verteilungsmuster:

  • Transversale Myelitis (Querschnittsmyelitis): Diffuse Entzündung über den gesamten Rückenmarksquerschnitt in einem oder mehreren angrenzenden Segmenten.
  • Disseminierte Myelitis: Mehrere verteilte Entzündungsherde im Rückenmark.

Nach Lokalisation:

  • Leukomyelitis: Entzündung der weißen Substanz des Rückenmarks.
  • Poliomyelitis: Entzündung der grauen Substanz des Rückenmarks.
  • Querschnittsmyelitis: Entzündung der weißen und grauen Substanz des Rückenmarks.
  • Myeloradikulitis: Myelitis mit Entzündung der Nervenwurzeln.
  • Meningomyelitis: Myelitis mit Entzündung der Rückenmarkshäute.

Ursachen der Rückenmarkentzündung

Die Ursachen der Myelitis können vielfältig sein. In vielen Fällen lässt sich keine Ursache finden (idiopathische Myelitis). Bekannte Ursachen sind:

  • Infektionen: Bakterien (z. B. Borreliose, Syphilis), Viren (z. B. FSME, HIV, Epstein-Barr-Virus) oder Pilze können direkt das Rückenmark entzünden. Auch parainfektiöse Myelitiden (im Rahmen einer Infektion, jedoch nicht direkt durch den Erreger bedingt) sind möglich.
  • Impfungen: Selten kann es nach Impfungen (postvakzinale Myelitis) zu einer fehlgeleiteten Immunreaktion kommen, die eine Myelitis auslöst.
  • Autoimmunerkrankungen: Multiple Sklerose, Neuromyelitis optica, Systemischer Lupus erythematodes, Sjögren-Syndrom oder Sarkoidose können mit einer Myelitis einhergehen.
  • Krebs: Bei einer paraneoplastischen Myelitis greifen Antikörper gegen Krebszellen auch das Rückenmark an.
  • Weitere Ursachen: Strahlentherapie, Vergiftungen (z. B. mit Blei).

Symptome der Myelitis

Das Erscheinungsbild der Rückenmarkentzündung kann äußerst unterschiedlich sein, in Abhängigkeit davon, welche Ebene des Rückenmarks und welche Fläche des Rückenmarkquerschnitts betroffen ist. Typische Symptome sind:

Lesen Sie auch: Diagnose und Therapie der Myelitis

  • Muskelschwäche bis hin zur Lähmung
  • Gefühlsstörungen in Form von Taubheitsgefühlen, Kribbelmissempfindungen sowie schmerzhaften Missempfindungen
  • Fehlfunktionen der Harnblase, des Enddarms sowie sexuelle Störungen
  • Bei Schädigungen des oberen Halsmarks können auch Herz-Kreislauf-Regulationsstörungen auftreten.
  • Kribbel- oder Taubheitsgefühle vor allem in den Beinen sowie strumpfhosenförmig im Bereich des Rumpfes unterhalb der Läsion
  • Spastik der Beine

Die Zunahme der Symptome von Beginn bis zur vollständigen Ausprägung kann zwischen 4 und 21 Tage dauern, mit einer Erholungsphase von bis zu 2 Jahren ist zu rechnen. Eine eher schlechtere Prognose haben Patienten, deren Symptome sich sehr rasch entwickeln.

Diagnostik der Myelitis

Die Diagnostik der Myelitis umfasst mehrere Schritte:

  1. Anamnese und neurologische Untersuchung: Erhebung der Krankengeschichte und gründliche neurologische Untersuchung zur Beurteilung von Reflexen, Muskelkraft und Sensibilität.
  2. MRT (Kernspintomographie): Die MRT ist das wichtigste bildgebende Verfahren zur Diagnose der Myelitis. Sie ermöglicht die Darstellung von Entzündungsherden im Rückenmark und den Ausschluss anderer Ursachen wie Raumforderungen oder Veränderungen der Wirbelsäule.
  3. Nervenwasseruntersuchung (Lumbalpunktion): Entnahme und Analyse von Nervenwasser zur Bestimmung von Entzündungszeichen (z. B. erhöhte Zellzahl, Eiweiß) und zum Nachweis von Erregern oder Autoantikörpern.
  4. Blutuntersuchungen: Untersuchung auf Infektionserreger, Autoantikörper und andere Entzündungsmarker.

Die Rolle der MRT in der Myelitis-Diagnostik

Die Magnetresonanztomographie (MRT) ist ein entscheidendes Instrument in der Diagnostik der Myelitis. Sie ermöglicht eine detaillierte Darstellung des Rückenmarks und der umgebenden Strukturen, wodurch Entzündungsherde, Raumforderungen und andere Veränderungen sichtbar gemacht werden können.

Funktionsweise der MRT

Die MRT nutzt ein starkes Magnetfeld und Radiowellen, um Bilder des Körpers zu erzeugen. Dabei reagieren vor allem die Wasserstoffatome im Körpergewebe auf das Magnetfeld. Spezielle Spulen nehmen diese Signale auf und geben sie an einen Computer weiter, der daraus Schnittbilder berechnet.

Was die MRT bei Myelitis zeigt

  • Entzündungsherde: In den MRT-Aufnahmen sind in der Regel die Entzündungsherde im Rückenmark gut zu erkennen. Diese erscheinen oft als helle, unscharf begrenzte Bereiche im Nervengewebe.
  • Lage und Ausdehnung der Entzündung: Die MRT ermöglicht die genaue Bestimmung der Lage und Ausdehnung der Entzündung, was für die Diagnose und Therapieplanung wichtig ist.
  • Ausschluss anderer Ursachen: Die MRT kann helfen, andere Ursachen für die Symptome auszuschließen, wie z. B. Tumoren, Bandscheibenvorfälle oder Gefäßerkrankungen.
  • Differenzierung verschiedener Myelitis-Formen: Bestimmte MRT-Muster können Hinweise auf die Ursache der Myelitis geben, z. B. bei Multipler Sklerose oder Neuromyelitis optica.

MRT-Sequenzen und ihre Bedeutung

Für die Diagnose der Myelitis werden verschiedene MRT-Sequenzen eingesetzt, die unterschiedliche Aspekte des Gewebes hervorheben:

Lesen Sie auch: Myelitis: Ein umfassender Überblick

  • T1-gewichtete Aufnahmen: Dienen der Darstellung der anatomischen Strukturen. Entzündungsherde können hier als dunkle Bereiche erscheinen.
  • T2-gewichtete Aufnahmen: Heben Flüssigkeitsansammlungen hervor. Entzündungsherde erscheinen hier als helle Bereiche.
  • FLAIR-Sequenz: Unterdrückt das Signal von freiem Wasser und macht Entzündungsherde noch deutlicher sichtbar.
  • T1-gewichtete Aufnahmen mit Kontrastmittel: Kontrastmittel reichert sich in Bereichen mit erhöhter Durchblutung oder gestörter Blut-Hirn-Schranke an, was auf aktive Entzündungen hinweist.
  • Diffusionsgewichtete Bildgebung (DWI): Kann helfen, akute Entzündungen von älteren Läsionen zu unterscheiden.

MRT bei Multipler Sklerose und Neuromyelitis Optica

Die MRT spielt auch eine wichtige Rolle bei der Differenzierung zwischen Multipler Sklerose (MS) und Neuromyelitis Optica (NMOSD), zwei Autoimmunerkrankungen, die ähnliche Symptome verursachen können.

  • Multiple Sklerose: In der MRT zeigen sich typischerweise kleine, überwiegend exzentrisch im Myelon gelegene, in der T2w Aufnahme hyperintense Herde. Die Verteilung von Multiple-Sklerose-Herden in Gehirn und Rückenmark entspricht etwa einem Verhältnis von 80:20, wobei das Zervikalmark am häufigsten betroffen ist.
  • Neuromyelitis Optica: Charakteristisch für die NMOSD sind größere, zusammenhängende Entzündungsherde, vor allem in den Sehnerven und dem Rückenmark. Eine akute Rückenmarksentzündung (Myelitis) zeigt sich in der MRT der Wirbelsäule häufig zentral im Rückenmark liegend und langstreckig über mindestens drei Wirbelsäulensegmente erstreckend.

Ablauf einer MRT-Untersuchung

Die MRT-Untersuchung dauert in der Regel 20 bis 30 Minuten und umfasst verschiedene hochauflösende Sequenzen. Während der Untersuchung liegt der Patient auf einer Liege, die in eine röhrenförmige Öffnung des MRT-Geräts gefahren wird. Es ist wichtig, während der Untersuchung ruhig zu liegen, um die Bildqualität nicht zu beeinträchtigen. Da das MRT-Gerät laute Klopfgeräusche verursacht, erhalten die Patienten in der Regel einen Gehörschutz.

Kontraindikationen

Es gibt einige Kontraindikationen für eine MRT-Untersuchung, wie z. B. Herzschrittmacher, bestimmte Metallimplantate oder Schwangerschaft. Vor der Untersuchung wird der Arzt den Patienten nach möglichen Kontraindikationen fragen.

Behandlung der Myelitis

Die Behandlung der Myelitis richtet sich nach der Ursache der Entzündung.

  • Erregerspezifische Therapie: Bei bakteriellen Infektionen werden Antibiotika, bei viralen Infektionen Virostatika eingesetzt.
  • Kortikosteroide: Bei autoimmuner Ursache oder unklarer Ursache werden hochdosierte Kortikosteroide zur Entzündungshemmung eingesetzt.
  • Plasmaaustausch (Plasmapherese): Bei unzureichendem Ansprechen auf Kortikosteroide kann ein Plasmaaustausch durchgeführt werden, um schädliche Antikörper aus dem Blut zu entfernen.
  • Immuntherapie: Bei Autoimmunerkrankungen wie Multipler Sklerose oder Neuromyelitis optica kommen immunmodulatorische oder immunsuppressive Medikamente zum Einsatz, um das Immunsystem zu regulieren und weitere Entzündungen zu verhindern.
  • Symptomatische Therapie: Medikamente gegen Schmerzen, Spastik, Blasenfunktionsstörungen und andere Symptome.

Nach Abschluss der Akuttherapie schließt sich eine intensive Rehabilitationsphase an. Physiotherapie und Ergotherapie sollen dauerhaften Einschränkungen durch Muskelschwäche, Spastizität und Koordinationsstörungen entgegenwirken bzw. deren Auswirkungen verringern. Einige Patienten leiden aufgrund der körperlichen Einschränkungen auch unter psychischen Belastungen wie Ängsten und Depressionen.

Lesen Sie auch: Diagnose von HWS-Entzündungen

Prognose der Myelitis

Die Prognose der Myelitis ist sehr variabel und hängt von der Ursache, dem Ausmaß der Entzündung und dem Zeitpunkt des Behandlungsbeginns ab. In 75-90 % der Fälle tritt die Myelitis einmal im Leben auf (monophasischer Verlauf), deutlich seltener gibt es wiederkehrende Entzündungen des Rückenmarks, z. B. im Rahmen einer Multiplen Sklerose oder Neuromyelitis optica.

Eine erfolgreiche Myelitis-Behandlung hängt von der raschen Erstversorgung ab. Viele Menschen mit einer Myelitis führen ein selbstständiges und selbstbestimmtes Leben. Mögliche verbleibende Ausfälle durch die Myelitis stehen grundsätzlich weder Ausbildung noch Beruf, Freundschaften, Sport, sozialen Kontakten oder der Gründung einer Familie im Wege.

Neuromyelitis optica Spektrumerkrankungen (NMOSD)

Die Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankungen (NMOSD) umfassen eine Gruppe von seltenen Autoimmunerkrankungen, die vor allem das Rückenmark und die Sehnerven betreffen. Die Entzündungen können jedoch auch andere Bereiche des Gehirns betreffen.

Diagnose von NMOSD

Besteht der Verdacht auf NMOSD, erfolgt die Diagnose mithilfe von verschiedenen Untersuchungen:

  • Ausführliches Gespräch (Anamnese)
  • Körperliche Untersuchung
  • Blutuntersuchung: Test auf AQP4-Autoantikörper (bei etwa 80 % der Patienten nachweisbar). Bei negativem AQP4-AK-Test sollte die Untersuchung auf MOG-Antikörper erfolgen.
  • MRT: Untersuchung des Gehirns und des Rückenmarks auf NMOSD-typische Entzündungsherde (Läsionen). Eine akute Rückenmarksentzündung (Myelitis) zeigt sich in der MRT der Wirbelsäule häufig zentral im Rückenmark liegend und langstreckig über mindestens drei Wirbelsäulensegmente erstreckend.
  • Untersuchung des Nervenwassers (Liquordiagnostik)

Differentialdiagnose Multiple Sklerose

Die Multiple Sklerose (MS) gehört ebenfalls zu den Autoimmunerkrankungen und betrifft Gehirn und Rückenmark. Daher kann es zu sehr ähnlichen Symptomen wie bei NMOSD kommen. Die Abgrenzung der NMOSD von der MS ist besonders wichtig, da einige MS-Medikamente bei NMOSD unwirksam oder schädlich sein können.

Ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal sind Autoantikörper gegen AQP4, die bei 80 Prozent der Patientinnen und Patienten mit NMOSD nachweisbar sind, bei MS-Patientinnen und Patienten jedoch fehlen. Auch bei den MRT-Befunden gibt es Unterschiede: Charakteristisch für die NMOSD sind größere, zusammenhängende Entzündungsherde, vor allem in den Sehnerven und dem Rückenmark, während sich bei MS eher viele kleine Entzündungsherde in Gehirn und Rückenmark finden.

Entzündliche Erkrankungen der Wirbelsäule

Entzündliche Erkrankungen der Wirbelsäule können verschiedene Ursachen haben, wie z. B. bakterielle Infektionen (Spondylodiszitis), rheumatische Erkrankungen (rheumatoide Arthritis, Spondylarthropathie) oder andere entzündliche Prozesse (Leptomeningitis, Arachnoiditis). Die MRT spielt auch hier eine wichtige Rolle bei der Diagnose und Beurteilung des Ausmaßes der Entzündung.

Spondylodiszitis

Etwa 80% aller Spondylodiszitiden werden durch Staphylococcus aureus ausgelöst. Typische Kriterien in der MRT sind:

  • T1w Sequenzen: Homogene Signalabsenkung der Wirbelkörper mit Unterbrechung der angrenzenden Wirbelkörperkonturen.
  • T2w Sequenzen: Signalanhebung von Wirbelkörpern und Bandscheiben.
  • Nach Kontrastmittelgabe: Anreicherung der Bandscheibe und angrenzender Wirbelkörperabschnitte.
  • Zudem: Höhenminderung der Bandscheibe, paravertebrales Exsudat, epiduraler Abszess.

Rheumatoide Arthritis

Die Hauptveränderungen sind in der oberen Halswirbelsäule zu finden. Epidurale Rheumaknötchen können zu einer Myelonkompression führen. Am häufigsten besteht eine HWK1/HWK2-Subluxation. In der MRT zeigt der Pannus auf den T2w Bildern je nach Fibrosierung oder Vaskularisierung ein niedriges bis mittleres oder hohes Signal.

Spondylarthropathie

Die Spondylitis bei Spondylarthropathie beginnt zumeist am vorderen Anteil der Bandscheibe. Etwa 15 % der Patienten entwickeln eine Spondylodiszitis. In der MRT zeigen sich häufig Signalveränderungen in anterokranialen und anterokaudalen Wirbelkörperabschnitten, daneben diffuse Signalveränderungen, wobei insbesondere in der STIR-Sequenz eine Signalanhebung besteht.

tags: #entzundung #ruckenmark #mrt