Die Vorstellung, dass die menschliche Persönlichkeit und Fähigkeiten in zwei klar getrennten Gehirnhälften lokalisiert sind, hält sich hartnäckig. Besonders populär ist die Idee, dass die linke Gehirnhälfte für Logik, Analyse und Sprache zuständig ist, während die rechte Gehirnhälfte Kreativität, Intuition und Emotionen steuert. Ein beliebter Test, um herauszufinden, welche Gehirnhälfte "dominant" ist, ist die Animation einer sich drehenden Ballerina. Doch was steckt wirklich hinter diesem Test und den weitverbreiteten Annahmen über die unterschiedlichen Funktionen der Gehirnhälften?
Die populäre Theorie: Links vs. Rechts
Viele Menschen glauben, dass sie entweder "links-denkend" oder "rechts-denkend" sind, abhängig davon, welche Gehirnhälfte bei ihnen angeblich stärker ausgeprägt ist. Es gibt zahlreiche Online-Tests, die vorgeben, dies anhand verschiedener Aufgaben und visueller Reize bestimmen zu können. Einer dieser Tests ist der sogenannte "Ballerina-Test". Hierbei beobachtet man eine animierte Tänzerin, die sich dreht, und versucht zu bestimmen, ob sie sich im oder gegen den Uhrzeigersinn dreht. Angeblich soll die wahrgenommene Drehrichtung Aufschluss darüber geben, welche Gehirnhälfte dominant ist.
Die Theorie dahinter besagt, dass eine Drehung im Uhrzeigersinn auf eine Dominanz der rechten Gehirnhälfte hindeutet, was mit Kreativität, Gefühlen und Intuition in Verbindung gebracht wird. Eine Drehung gegen den Uhrzeigersinn soll hingegen eine Dominanz der linken Gehirnhälfte anzeigen, die für logisches, analytisches und faktenbasiertes Denken verantwortlich sein soll. Einige Interpretationen gehen sogar so weit zu behaupten, dass ein ständiger Wechsel der Drehrichtung auf eine ausgeglichene Nutzung beider Gehirnhälften hindeutet.
Der Ballerina-Test: Eine optische Täuschung
Trotz seiner Popularität ist der Ballerina-Test wissenschaftlich nicht fundiert. Neurowissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass die wahrgenommene Drehrichtung der Tänzerin nicht direkt mit der Dominanz einer bestimmten Gehirnhälfte korreliert. Stattdessen handelt es sich bei der Animation um eine optische Täuschung, die von unserem Gehirn unterschiedlich interpretiert werden kann.
Da die Figur in der Animation keine eindeutige dreidimensionale Tiefe hat, erfindet unser Gehirn diese Tiefe selbst. Wir stellen uns vor, dass sich Arme und Beine entweder vor oder hinter dem Körper befinden, was zu unterschiedlichen Wahrnehmungen der Drehrichtung führt. Es ist sogar möglich, die wahrgenommene Drehrichtung bewusst zu beeinflussen, indem man sich auf bestimmte Details der Animation konzentriert.
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Was die Neurowissenschaft wirklich sagt
Die moderne Neurowissenschaft widerlegt die einfache Dichotomie von "links-denkend" versus "rechts-denkend". Zwar gibt es funktionelle Asymmetrien in den Gehirnhälften, sogenannte Lateralisierungen, aber diese sind viel komplexer als die populären Vorstellungen. Neurowissenschaftler untersuchen die Dominanz einer Gehirnhälfte für bestimmte Funktionen, indem sie die Aktivität in beiden Hirnhälften mithilfe bildgebender Verfahren beobachten und das Verhältnis von links zu rechts berechnen.
Es ist wichtig zu betonen, dass beide Gehirnhälften immer aktiv sind und zusammenarbeiten. Es gibt keine Menschen, die ausschließlich "mit links" oder "mit rechts" denken. Die Dominanz einer Gehirnhälfte ist spezifisch für eine bestimmte Aufgabe oder Fähigkeit und kann sich von Mensch zu Mensch unterscheiden.
Emotionen und die rechte Gehirnhälfte
Obwohl die Vorstellung einer klaren Aufteilung von kognitiven und emotionalen Funktionen zwischen den Gehirnhälften überholt ist, gibt es Hinweise darauf, dass die rechte Gehirnhälfte eine besondere Rolle bei der Verarbeitung von Emotionen spielt. Insbesondere wird ein Zusammenhang zwischen einer Dominanz der rechten Gehirnhälfte und negativen Emotionen diskutiert.
Die sogenannte Valenzhypothese besagt, dass eine Hyperaktivität der rechten Gehirnhälfte dazu führen kann, dass negative Gefühle stärker verarbeitet werden, pessimistische Gedanken auftauchen und unkonstruktive Denkmuster entstehen. Aktivität in der rechten Hirnhälfte ist auch mit Selbstreflexion verbunden, die bei depressiven Patienten häufig intensiver ist als bei gesunden Menschen. Darüber hinaus spielt die rechte Hirnhälfte eine wichtige Rolle bei der Anpassung unseres Erregungszustands, was erklären könnte, warum depressive Menschen häufig an Schlafproblemen leiden.
Neglect: Wenn die rechte Gehirnhälfte ausfällt
Ein weiteres Beispiel für die Bedeutung der rechten Gehirnhälfte ist das Phänomen des Neglect. Dieses tritt häufig nach einer Schädigung der rechten Hirnhälfte, meist am Scheitellappen, auf. Betroffene ignorieren die linke Hälfte ihrer Umwelt, obwohl sie diese normal wahrnehmen. Sie beachten keine Personen, die sich links im Raum befinden, ziehen sich nur den rechten Jackenärmel an oder zeichnen Bilder, bei denen die linke Seite fehlt.
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Der Neglect zeigt, dass die rechte Gehirnhälfte eine entscheidende Rolle bei der Ausrichtung unserer Aufmerksamkeit spielt, und zwar sowohl nach links als auch nach rechts. Eine Schädigung der linken Gehirnhälfte führt hingegen nur selten zu einem rechtsseitigen Neglect, was darauf hindeutet, dass die rechte Gehirnhälfte eine dominante Rolle bei der Aufmerksamkeitssteuerung einnimmt.
Gehirntraining: Beide Hälften profitieren
Die Idee, gezielt die rechte Gehirnhälfte trainieren zu können, um beispielsweise die Aufmerksamkeit zu steigern, ist wissenschaftlich nicht fundiert. Im gesunden Gehirn arbeiten beide Hälften immer zusammen, auch wenn eine Seite für bestimmte Aufgaben eine größere Rolle spielt.
Dennoch ist es möglich, die Aufmerksamkeit und andere kognitive Fähigkeiten durch gezieltes Training zu verbessern. Es gibt eine Vielzahl von Übungen, die die Aufmerksamkeitsspanne verlängern und den Fokus verbessern können. Wichtig ist dabei, dass das Training wissenschaftlich fundiert ist und beide Gehirnhälften anspricht.
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