Depressionen sind eine der häufigsten psychischen Erkrankungen weltweit. Allein in Deutschland leiden schätzungsweise vier Millionen Menschen aktuell darunter. Obwohl die Forschung in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht hat, sind die genauen Ursachen und Mechanismen, die zur Entstehung einer Depression führen, noch nicht vollständig geklärt. Es gilt als gesichert, dass Depressionen multifaktoriell bedingt sind, also durch das Zusammenspiel verschiedener Faktoren entstehen. Neben psychosozialen Auslösern spielen auch körperliche, insbesondere neurobiologische Veränderungen im Gehirn eine entscheidende Rolle.
Neurobiologische Grundlagen: Wie unser Gehirn funktioniert
Um die Entstehung von Depressionen auf neurobiologischer Ebene zu verstehen, ist es wichtig, die grundlegende Funktionsweise des Gehirns zu kennen. Jedes Gefühl, jede Stimmung, jeder Gedanke und jedes Verhalten gehen mit einem spezifischen Aktivitätsmuster der Nervenzellen im Gehirn einher. Diese Nervenzellen kommunizieren miteinander, um Informationen zu verarbeiten und weiterzuleiten.
Die Kommunikation zwischen Nervenzellen erfolgt über sogenannte Synapsen. Dabei werden Botenstoffe, auch Neurotransmitter genannt, ausgeschüttet, die an Rezeptoren der nachgeschalteten Zelle binden und so die Aktivität weiterleiten. Dieser Prozess ist entscheidend für die reibungslose Funktion des Gehirns und die Regulation von Emotionen, Kognition und Verhalten.
Was passiert bei einer Depression im Gehirn?
Viele Untersuchungen deuten darauf hin, dass Depressionen mit typischen Veränderungen von Botenstoffen im Gehirn einhergehen. Bestimmte Neurotransmitter wie Serotonin, Dopamin und Noradrenalin scheinen bei depressiven Patienten aus dem Gleichgewicht geraten zu sein. Im Vergleich zu gesunden Menschen weisen Betroffene oft eine erniedrigte Aktivität dieser Botenstoffe auf.
Die Monoaminmangel-Hypothese
Die älteste und bekannteste Theorie zu den biologischen Vorgängen im Gehirn während einer Depression ist die Monoaminmangel-Hypothese. Diese Hypothese besagt, dass ein Mangel an bestimmten Neurotransmittern, insbesondere Serotonin und Noradrenalin, im synaptischen Spalt zu einer gestörten Informationsweiterleitung im Gehirn führt und somit Depressionen verursacht.
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Diese Annahme wird durch den generellen Wirkmechanismus von Antidepressiva gestützt. Diese Medikamente zielen darauf ab, die Konzentration bestimmter Botenstoffe im neuronalen System zu erhöhen und so die Symptome einer Depression zu mindern bzw. zu unterdrücken. Allerdings sind Antidepressiva nicht bei allen Patienten wirksam, was darauf hindeutet, dass die Monoaminmangel-Hypothese allein nicht alle Aspekte der Depressionsentstehung erklären kann.
Veränderungen im limbischen System
Mithilfe bildgebender Verfahren wurde bei depressiven Patienten eine veränderte Aktivität des limbischen Systems im Gehirn festgestellt. Das limbische System, auch als stressregulierendes System bezeichnet, ist für das Empfinden und Verarbeiten von Gefühlen mitverantwortlich. Veränderungen in diesem Bereich können zu einer beeinträchtigten Emotionsregulation und somit zur Entstehung depressiver Symptome beitragen.
Veränderungen im Hypothalamus
Eine aktuelle Studie des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig hat herausgefunden, dass bei depressiven Patienten der Hypothalamus vergrößert ist. Der Hypothalamus ist eine Hirnregion, die wichtig für Appetit, Schlafrhythmus, Hormonregulation und Libido ist. Studien konnten zeigen, dass der Hypothalamus bei depressiven Patienten vergrößert ist. Dies könnte eine Erklärung sein, warum der Spiegel des Stresshormons Cortisol permanent erhöht ist.
Verminderte synaptische Plastizität
Eine weitere wichtige Erkenntnis ist, dass depressive Patienten eine verminderte synaptische Plastizität aufweisen. Die synaptische Plastizität beschreibt die Fähigkeit des Gehirns, die Verbindungen zwischen Nervenzellen an neue Reize anzupassen. Dieser Vorgang ist die Grundlage von Lernen, Gedächtnisbildung und unserer Anpassungsfähigkeit an eine sich verändernde Umwelt. Eine verminderte synaptische Plastizität kann zu einer beeinträchtigten Informationsverarbeitung im Gehirn und somit zur Entstehung depressiver Symptome führen.
Genetische Faktoren und Vulnerabilität
Im Zusammenhang mit der Frage nach den Ursachen einer Depression kommt oft die Frage nach der Vererbbarkeit der Erkrankung auf. Es gibt jedoch kein einzelnes "Depressionsgen", das hauptverantwortlich für die Erkrankung ist. Vielmehr spielen mehrere Gene eine Rolle, die das Risiko, an einer Depression zu erkranken, beeinflussen können.
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Bei eineiigen Zwillingen, d.h. bei Personen mit gleicher genetischer Ausstattung, leiden in circa 50 % der Fälle beide Zwillinge an einer depressiven Erkrankung. Das bedeutet aber auch, dass die Gene nicht alles erklären können. Eine Depression entsteht in der Regel aus dem Zusammenwirken mehrerer Faktoren.
Die Betroffenen besitzen eine - durch verschiedene Faktoren bedingte - geringere Toleranz gegenüber seelischen, körperlichen und biografischen Belastungsfaktoren als gesunde Menschen. Diese besondere Verletzlichkeit (Vulnerabilität) spielt bei dem Ausbruch und der Aufrechterhaltung einer Depression eine große Rolle.
Weitere Faktoren, die zur Entstehung einer Depression beitragen können
Neben den genannten neurobiologischen und genetischen Faktoren gibt es eine Reihe weiterer Faktoren, die zur Entstehung einer Depression beitragen können:
- Fehlgeleitete Entwicklung in der Kindheit: Ein ängstlich-fürsorglicher Erziehungsstil, eine daraus resultierende „erlernte Hilflosigkeit“ sowie geringe Fähigkeiten der Betroffenen, Stress zu bewältigen, können Risikofaktoren für die Entwicklung einer Depression sein. Auch der frühe Verlust eines Elternteils, eine Störung der Mutter-Kind-Beziehung oder mangelndes Selbstwertgefühl seit frühester Kindheit können zu einer besonderen Verletzlichkeit gegenüber Enttäuschungen führen.
- Belastende Lebensereignisse: Bei vielen Depressionen tritt die Erkrankung nach kritischen, belastenden oder negativen Ereignissen auf, z.B. dem Verlust eines Partners bzw. Angehörigen oder Probleme mit nahen Bezugspersonen, Scheidung/Trennung etc. oder einfach nur Veränderungen der gewohnten Lebensweise wie z.B. durch Pensionierung. Stressreiche Lebensereignisse können zu neurobiologischen Reaktionen wie z.B. vermehrter Ausschüttung des Stresshormons Cortisol führen, welches auch bei Depression in erhöhter Konzentration im Blut gefunden wird.
- Körperliche Erkrankungen: Auch körperliche Erkrankungen können Depressionen auslösen oder begünstigen.
- Soziale Faktoren: Nach Untersuchung verschiedener depressiver Patienten scheinen folgende Faktoren neben den aufgeführten Mechanismen die Entstehung einer Depression zu begünstigen: weibliches Geschlecht; Single-Dasein; Großstädte; wenig gesellschaftliche Kontakte; niedriger Ausbildungsgrad; Arbeitslosigkeit; Cannabis-Konsum und Alkohol-Missbrauch.
Die Rolle der Pupillenreaktion
Forschende des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München haben herausgefunden, dass die Erweiterung der Pupille als Reaktion auf eine erwartete Belohnung davon abhängt, ob ein Mensch Freude empfinden kann. Bei gesunden Menschen erweiterten sich die Pupillen bei der Erwartung auf eine Belohnung während einer Aufgabe, wohingegen diese Reaktion bei Personen mit Depressionen weniger ausgeprägt war. Die Pupillenreaktion ist unter anderem ein Marker für die Aktivität im Locus Coeruleus, einer Gehirnstruktur mit der größten Ansammlung noradrenerger Neuronen im zentralen Nervensystem. Eine geringere Pupillenreaktion bei Menschen, die unter höherer Antriebslosigkeit leiden, weist darauf hin, dass eine mangelnde Aktivierung des Locus Coeruleus einen entscheidenden physiologischen Prozess darstellt, der dem Gefühl der Antriebslosigkeit unterliegt.
Die Pupillometrie könnte als ergänzende Methode zur Diagnosestellung eingesetzt werden und dazu beitragen, individualisierte Behandlungsstrategien für Depression zu entwickeln.
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Therapieansätze
Die Behandlung der Depression erfolgt in der Regel multimodal, d.h. unter Ausschöpfung verschiedener Behandlungsmöglichkeiten. Dazu gehören:
- Psychotherapie: Die Psychotherapie ist eine effektive Methode zur Behandlung der Depression. Man unterscheidet Verhaltenspsychotherapie und analytische Psychotherapie. Für die Depression wird man überwiegend die Verhaltenspsychotherapie anwenden.
- Medikamentöse Therapie: Ziel der medikamentösen Therapie der Depression ist es, Störungen im Stoffwechsel der Überträgerstoffe zwischen den Nervenzellen im Gehirn zu verbessern.
- Körperliches Training und Entspannungstraining: Durch körperliches Training werden die Gehirnzellen aktiviert und Stammzellen im Gehirn zur Teilung angeregt. Entspannungstraining kann helfen, Stress abzubauen und die Entspannung zu fördern.
- Weitere Therapieverfahren: Zusätzlich können ergänzend eine Neural-Akupunktur und eine magneto-elektrische Stimulation angewendet werden.
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