Epilepsie: Anfälle vermeiden – Was wirklich hilft

Epilepsie ist eine chronische neurologische Erkrankung, die durch wiederholte Anfälle gekennzeichnet ist. In Deutschland sind etwa eine halbe Million Menschen davon betroffen, wobei Kinder und ältere Menschen ein besonders hohes Erkrankungsrisiko haben. Die gute Nachricht ist, dass viele Betroffene mit der richtigen Behandlung ein normales Leben führen können. Dieser Artikel beleuchtet, was Epilepsie ausmacht, wie Anfälle entstehen, welche Faktoren sie auslösen können und was man tun kann, um Anfälle zu vermeiden und die Lebensqualität zu verbessern.

Was ist Epilepsie?

Epilepsie ist keine einzelne Krankheit, sondern ein Sammelbegriff für verschiedene chronische Erkrankungen des Gehirns. Charakteristisch ist eine Übererregbarkeit der Nervenzellen, die mit einer erniedrigten Krampfschwelle einhergeht. Das bedeutet, dass die Nervenzellen leichter unkontrolliert feuern können, was zu Anfällen führt.

Ursachen und Formen der Epilepsie

Die Ursachen für Epilepsie sind vielfältig. Man unterscheidet:

  • Idiopathische Epilepsien: Hier sind keine direkt erkennbaren Ursachen vorhanden, aber es besteht eine genetische Veranlagung. Primär generalisierte Anfälle sind oft genetisch bedingt.
  • Symptomatische Epilepsien: Diese entstehen durch stoffwechselbedingte oder strukturelle Fehlfunktionen im Gehirn. Dazu gehören beispielsweise Gehirnentzündungen, Hirnfehlbildungen, vorgeburtliche oder traumatische Schädigungen des Gehirns, Stoffwechselerkrankungen, Tumore oder Vergiftungen. Sekundär generalisierte Anfälle resultieren aus einer fokalen Epilepsieform.
  • Epilepsien mit unbestimmtem Ursprung: Bei diesen kann die Ursache nicht eindeutig festgestellt werden.

Arten von Anfällen

Epileptische Anfälle lassen sich grob in zwei Haupttypen unterteilen:

  • Fokale Anfälle (partielle Anfälle): Diese gehen von einem bestimmten Bereich des Gehirns aus.
    • Einfache fokale Anfälle: Patient:innen haben keine Bewusstseinsstörung. Die Symptome hängen davon ab, welcher Bereich des Gehirns betroffen ist. Sie können sich als Zuckungen, Kribbeln, plötzliche Wärme oder Kälte äußern. Einige Betroffene haben sogar Halluzinationen.
    • Komplexe fokale Anfälle: Es kommt zu einer Bewusstseinsstörung. Die Betroffenen wirken benommen, verwirrt oder abwesend. Häufig treten Automatismen auf wie Kauen, Schmatzen, Scharren mit den Füßen oder Nesteln an der Kleidung. Die Betroffenen können sich hinterher nicht daran erinnern.
  • Generalisierte Anfälle: Diese sind nicht auf eine bestimmte Hirnregion eingrenzbar, sondern betreffen beide Hirnhälften. Sie werden meistens von einer Bewusstseinsstörung begleitet. Eine eher milde Form sind die sogenannten Absencen, eine kurze geistige Abwesenheit. Die Betroffenen wirken für einige Sekunden abwesend und blicken ins Leere. Manchmal ist es, als würden sie bei ihren Tätigkeiten einfrieren. Sie stoppen, was sie tun, für ein paar Sekunden. Wenn sie weitermachen, erinnern sie sich nicht daran. Die häufigste Form des generalisierten epileptischen Anfalls ist der sogenannte große Krampfanfall, auch „Grand Mal“ genannt. Der verläuft in zwei Phasen: Zuerst versteift sich der ganze Körper, die Betroffenen verlieren das Bewusstsein und atmen nur noch sehr flach. In Kombination mit der hohen Muskelanspannung kann das zu Sauerstoffmangel führen. Das erkennst du daran, dass sich die Haut oder die Lippen blau färben. Nach zehn bis 30 Sekunden setzt die zweite Phase mit unkontrollierten Zuckungen ein. Diese Phase dauert in der Regel nur ein bis zwei Minuten.

Epilepsie-Risikofaktoren und Auslöser

Es gibt eine Reihe von Faktoren, die das Auftreten von epileptischen Anfällen begünstigen können. Dazu gehören:

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  • Fehlende Medikamente: Der häufigste Grund für einen Anfall ist das Vergessen der Einnahme der Antiepileptika oder das absichtliche Unterlassen der Einnahme. Selbst wenn Sie es nur einmal vergessen, kann dies einen Anfall auslösen.
  • Alkohol: Mäßiger Alkoholkonsum (ein bis zwei Gläser pro Tag) ist normalerweise in Ordnung. Vermeiden Sie aber auf jeden Fall übermäßiges Trinken, da dies einen Anfall auslösen kann.
  • Freizeitdrogen: Viele Freizeitdrogen, darunter auch legale Highs, können die Gehirnchemie beeinflussen und möglicherweise einen Anfall auslösen.
  • Schlafmangel/ Müdigkeit: Dies ist einer der größten Auslöser für Anfälle.
  • Stress: Dabei gibt es viele verschiedene Möglichkeiten, Stress zu bekämpfen. Einfache Dinge wie ein Spaziergang, ein Treffen mit Freunden oder das Hören von Musik können Ihnen helfen, sich von einer stressigen Situation zu erholen.
  • Dehydrierung: Achten Sie darauf, dass Sie immer ausreichend Flüssigkeit zu sich nehmen. Dies ist besonders wichtig, wenn Sie Sport treiben.
  • Unregelmäßige Mahlzeiten: Regelmäßige Mahlzeiten können dazu beitragen, dass Ihre Anfälle unter Kontrolle bleiben.
  • Blinkendes/ flackerndes Licht: Nur etwa 3 % der Menschen mit Epilepsie sind lichtempfindlich, d.h.
  • Lebensmittel als Auslöser: Führen Sie einige Wochen lang neben Ihrem Anfalls-Tagebuch auch ein Ernährungstagebuch.
  • Weitere Auslöser: Überanstrengung, Angst, Medikamentenmissbrauch bzw. Drogenmissbrauch.

Was tun, um Anfälle zu vermeiden?

Für Menschen mit Epilepsie ist es wichtig, bestimmte Strategien zu entwickeln, um Anfälle zu vermeiden und die Lebensqualität zu verbessern:

Medikamentöse Therapie

  • Regelmäßige Einnahme von Antiepileptika: Die wichtigste Maßnahme zur Anfallskontrolle ist die regelmäßige Einnahme der verschriebenen Medikamente. Es ist entscheidend, die Medikamente genau nach Anweisung des Arztes einzunehmen und keine Dosis auszulassen.
  • Generika: Insbesondere das andere Aussehen der Tabletten kann zu Einnahmefehlern und Verwechslungen führen, die den Therapieerfolg gefährden können. Daher sollte das Medikament, egal ob Original oder Generikum, auf das ein Patient gut eingestellt ist, nicht ausgetauscht werden. In der Regel weiß Ihr Arzt darüber Bescheid und kreuzt auf Ihrem Rezept das so genannte „aut idem“-Feld an bzw. ergänzt den Vermerk "Kein Austausch" und schließt so den Austausch aus. Damit ist die Apotheke verpflichtet, Ihnen genau das Medikament auszuhändigen, das der Arzt auf dem Rezept angegeben hat. Leider kommt es immer wieder vor, dass Medikamente in der Apotheke dennoch ausgetauscht werden. Sprechen Sie den Apotheker darauf an, bzw. halten Sie in einem solchen Fall Rücksprache mit Ihrem Arzt.
  • Anpassung der Medikation: Die Behandlung einer Epilepsie ist sehr individuell. Es kann notwendig sein, verschiedene Medikamente oder Dosierungen auszuprobieren, um die optimale Anfallskontrolle zu erreichen. Eine enge Zusammenarbeit mit dem behandelnden Arzt ist hierbei entscheidend.

Lebensstil-Anpassungen

  • Ausreichend Schlaf: Schlafmangel ist ein häufiger Auslöser für Anfälle. Achten Sie auf einen regelmäßigen Schlafrhythmus und ausreichend Schlaf (7-9 Stunden pro Nacht).
  • Stressmanagement: Chronischer Stress kann Anfälle begünstigen. Finden Sie gesunde Wege, um Stress abzubauen, wie z.B. Entspannungsübungen, Yoga, Meditation, Sport oder Hobbys.
  • Gesunde Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst, Gemüse und Vollkornprodukten kann helfen, den Blutzuckerspiegel stabil zu halten und Entzündungen im Körper zu reduzieren. Vermeiden Sie übermäßigen Konsum von Zucker, Koffein und Alkohol.
    • Ausgeglichener Blutzuckerspiegel: Reduzieren Sie die Zufuhr von kurzkettigen Kohlehydraten, die vor allem in Weißmehlprodukten wie Pasta, Brötchen und Kuchen stecken. Greifen Sie zu Produkten aus Vollkornmehl.
    • Antioxidantien: Essen Sie Obst und Gemüse. In ihnen sind Antioxidantien enthalten. Diese natürlichen Radikalfänger reduzieren den oxidativen Stress.
    • Hochwertige Nahrungsmittel: Achten Sie bei Ihren Nahrungsmitteln auf eine hohe Qualität. Entscheiden Sie sich für Bio-Fleisch-Produkte. Wenn Fleisch mit Hormonen belastet ist, verstärkt dies das Risiko versteckter Entzündungen im Körper.
    • Omega-3-Fettsäuren: Greifen Sie zu Fisch. Insbesondere Meeresfische enthalten Omega-3-Fettsäuren. Diese essenziellen Stoffe, die den mehrfach ungesättigten Fettsäuren zuzuordnen sind, stellt der Körper selbst nicht her. Sie erfüllen jedoch wichtige Aufgaben. Die Docosahexaensäure etwa wirkt auf die Struktur und Funktion des Gehirns positiv ein. Sie hilft, Anfälle zu reduzieren.
    • Vermeiden Sie: zuckerhaltige Getränke, Kaffee und grünen oder schwarzen Tee.
  • Regelmäßige Mahlzeiten: Regelmäßige Mahlzeiten können dazu beitragen, dass Ihre Anfälle unter Kontrolle bleiben.
  • Ausreichende Flüssigkeitszufuhr: Achten Sie darauf, ausreichend Wasser zu trinken, um Dehydrierung zu vermeiden.
  • Vermeidung von Triggern: Identifizieren Sie Ihre persönlichen Anfallsauslöser und versuchen Sie, diese zu vermeiden. Dies können beispielsweise bestimmte Lichtmuster, Stresssituationen oder bestimmte Lebensmittel sein.
  • Sport: Regelmäßiger Sport trägt nicht nur zur körperlichen Fitness bei, sondern sorgt auch für seelische Ausgeglichenheit. Er trägt zur Steigerung des Selbstwertgefühls bei und kann sich positiv auf Konzentration und Koordination auswirken. Epilepsie-Patienten können also, wie alle anderen Menschen auch, regelmäßig Sport treiben. Es ist jedoch wichtig, ein paar Punkte bei der Auswahl des richtigen Sports zu bedenken. Wählen Sie eine Sportart, die Ihnen Spaß macht. Sportarten, bei denen jedoch Stürze drohen (z. B. beim Klettern) oder bei denen die Gefahr des Ertrinkens besteht (Wassersport), sollten nur nach sorgfältiger Rücksprache mit dem Arzt / mit der Ärztin betrieben werden. Beim Schwimmen besteht für Epilepsie-Kranke ein 20-fach erhöhtes Risiko zu ertrinken. Gehen Sie daher nur in Begleitung schwimmen. Um Tauchen zu dürfen, benötigen Sie eine ärztliche Bescheinigung. Bei der Stiftung Michael finden Sie eine Broschüre, die Sie bei der Auswahl der für Sie richtigen Sportart unterstützt. Viele Epilepsie-Kranke haben Ängste, dass die Anstrengung beim Sport Anfälle auslösen kann, oder dass sie nicht so leistungsfähig sind wie gesunde Menschen. Auch von Seiten der Sportvereine oder Lehrer gibt es Vorbehalte, Epilepsie-Patienten am Sport teilnehmen zu lassen, da sie Haftungsansprüche befürchten. In den meisten Fällen sind diese Ängste unbegründet. Kommt es allerdings zu starkem Stress (z. B. in einer Wettkampfsituation) oder zu einer Unterzuckerung, kann es zu einem Anfall kommen. Fotosensible Patienten müssen auch beim Sport rhythmische Lichtveränderungen vermeiden, um keine Anfälle auszulösen (z. B. beim Radfahren auf Alleen).
  • Reisen: Auch mit einer Epilepsie sind Reisen möglich. Informieren Sie sich rechtzeitig vor einer Flugreise, ob die Fluggesellschaft bestimmte Transportbedingungen für Menschen mit Epilepsie hat. Einige Fluggesellschaften fordern ein ärztliches Attest mit Angaben zu Ihrem Anfallstyp und den einzunehmenden Medikamenten. Es gibt auch einige wenige Fluggesellschaften, die eine Bescheinigung über eine Flugtauglichkeit verlangen. Informieren Sie sich ebenfalls über die richtige Medikamenten-Einnahme bei Zeitverschiebungen (siehe unten Fernreisen). Bei Fernreisen sollten Sie darauf achten, dass Ihr Tag-Nacht-Rhythmus nicht zu stark durcheinandergerät, da dies Anfälle provozieren kann. Passen Sie Ihren normalen Rhythmus daher möglichst langsam an die Zeitumstellung an. Auch bei der Einnahme von Medikamenten auf Fernreisen muss an die Zeitumstellung gedacht werden. Dies hängt davon ab, ob Sie nach Westen oder Osten reisen und um wie viele Stunden sich die Zeit für Sie verschiebt. Nehmen Sie ausreichend Medikamente mit. Zwar gibt es die meisten Medikamente in ganz Europa, jedoch heißen sie am Urlaubsort oft anders oder sind anders dosiert. Sich sein Medikament am Urlaubsort holen zu müssen, sorgt in der Regel nur für unnötigen Stress. Lassen Sie sich daher vor Reiseantritt eine ausreichende Menge an Medikamenten verschreiben und bitten Sie Ihren Arzt / Ihre Ärztin bei größeren Mengen um eine Bescheinigung für den Zoll. Auch sollten Sie Ihre Medikamente immer im Handgepäck mit sich führen, da es zu Verlust des aufgegebenen Gepäcks kommen kann. Besprechen Sie auch mit Ihrem Arzt / Ihrer Ärztin, ob es sinnvoll ist, Notfallmedikation mitzunehmen, sollte es z. B. Es ist grundsätzlich für alle Reisen sinnvoll, eine Reiserücktrittsversicherung abzuschließen. Hinsichtlich der ärztlichen Versorgung am Urlaubsort kann eine Reisekrankenversicherung nützlich sein. Bei Reisen innerhalb Europas greift jedoch meist die gesetzliche Krankenversicherung, weswegen es sich lohnt, vor Reiseantritt bei der Versicherung zu erfragen, wie man im Krankheitsfall im Ausland abgesichert ist. Bei allen zusätzlich abgeschlossenen Versicherungen (Reiserücktritts- und Reisekrankenversicherung) sollten Sie sich genau informieren, ob es bestimmte Klauseln für Epilepsie-Patienten gibt. Möglicherweise brauchen Sie zum Abschluss ein ärztliches Attest, oder es werden keine Epilepsie-Patienten versichert. Am Urlaubsort können Sie in erster Linie Ihren Urlaub genießen. Wie gesunde Menschen auch, sollten Sie in Ländern mit niedrigeren Hygienestandards darauf achten, was Sie zu sich nehmen. Verzichten Sie gegebenenfalls z. B. auf Salat, ungeschältes Obst, Eiswürfel in Getränken und Eis, um Durchfallerkrankungen vorzubeugen. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen kann es trotzdem zu Durchfall und Erbrechen kommen.
  • Alkohol: Größere Mengen Alkohol erhöhen die Gefahr für einen epileptischen Anfall. Auch kann die Wirkung und einige Nebenwirkungen von Medikamenten durch Alkohol verstärkt werden. Umgekehrt kann regelmäßiger Alkoholkonsum dazu führen, dass Medikamente in der Leber schneller abgebaut werden und diese so an Wirksamkeit verlieren. Keinesfalls sollten Sie Ihre Medikamente nicht einnehmen, oder die Einnahme verschieben, wenn sie z. B. auf eine Feier eingeladen sind und vorhaben, Alkohol zu trinken.

Notfallvorsorge

  • Notfallausweis: Epileptiker:innen sollten stets einen Notfallausweis mit sich führen.
  • Information der Umgebung: Informieren Sie Familie, Freunde und Arbeitskollegen über Ihre Epilepsie und wie sie im Falle eines Anfalls reagieren sollen.
  • Anfalls-Tagebuch: Es ist hilfreich, einen sogenannten Anfallskalender zu führen. Darin dokumentiert man, welche Medikamente man wann einnimmt, wann Anfälle auftreten und wie sie sich äußern. Dies kann es Ärztinnen und Ärzten erleichtern, den Krankheitsverlauf zu beurteilen.

Was tun bei einem epileptischen Anfall?

Auch wenn Sie alle Vorsichtsmaßnahmen treffen, kann es dennoch zu einem Anfall kommen. In diesem Fall ist es wichtig, richtig zu reagieren:

  • Ruhe bewahren: Bleiben Sie ruhig und besonnen.
  • Schutz vor Verletzungen: Sorgen Sie dafür, dass die Person sich nicht verletzen kann. Räumen Sie gefährliche Gegenstände beiseite und polstern Sie den Kopf ab.
  • Nicht festhalten: Halten Sie die Person nicht fest und versuchen Sie nicht, die Zuckungen zu unterdrücken.
  • Atemwege freihalten: Lockern Sie enge Kleidung am Hals und drehen Sie die Person nach dem Anfall in die stabile Seitenlage, um die Atemwege freizuhalten.
  • Notruf: Rufen Sie den Notruf (112), wenn der Anfall länger als 5 Minuten dauert, sich mehrere Anfälle kurz hintereinander ereignen oder die Person sich verletzt hat.
  • Beobachtung: Schauen Hilfeleistende während des Anfalls auf die Uhr, können sie dessen Dauer für den behandelnden Arzt dokumentieren.
  • Unterstützung nach dem Anfall: Bleiben Sie nach dem Anfall bei der Person und bieten Sie Ihre Unterstützung an.

Epilepsie im Alltag

Viele Patienten sind nach der ersten Diagnose verunsichert, wie sich ihr gewohntes Leben nach der Diagnose Epilepsie verändern wird. Allerdings ist diese Erkrankung heute dank guter Medikamente für viele Patienten nicht mehr sehr einschränkend im Lebensstil.

Beruf und Studium

  • Berufswahl: Bei der Auswahl des Berufes sollten die eigenen Interessen im Vordergrund stehen. Vorausgesetzt die Epilepsie ist gut kontrolliert, gibt es kaum Einschränkungen bei der Berufswahl für Patienten mit Epilepsie. Jede Epilepsie verläuft anders und stellt den Betroffenen vor individuelle Herausforderungen. Der Spitzenverband der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGVU) gibt regelmäßig eine Informationsbroschüre zur „Beruflichen Beurteilung bei Epilepsie und nach erstem epileptischen Anfall“ heraus (DGUV Information 250-001). Hier kann sich jeder darüber informieren, wie die Prüfung zur Eignung für einen bestimmten Beruf erfolgt. Wie alle Berufsanfänger sollten sich auch Epilepsiepatienten rechtzeitig Gedanken über die Berufswahl machen. Berufsziele sollten mit dem behandelnden Arzt / der behandelnden Ärztin besprochen werden. Auch die Sozialdienste an Epilepsiezentren können hier unterstützen. Jugendliche, die stärker durch ihre Erkrankung eingeschränkt sind, können sich auch bei der Bundesagentur für Arbeit informieren.
  • Studium: Eine Epilepsie ist kein Grund, nicht zu studieren. Grundsätzlich können Sie jeden Studiengang wählen, der Sie interessiert. Keine Universität darf Sie wegen Ihrer Krankheit benachteiligen oder ausschließen. Die Uni ist verpflichtet, Ihnen (über den Nachteilsausgleich) die Teilnahme an allen studienrelevanten Kursen und Prüfungen zu ermöglichen. Auch ohne Schwerbehindertenausweis haben chronisch kranke Studenten ein Recht darauf. Die Nachteilsausgleiche sind individuell unterschiedlich und bei der Universität zu erfragen, an der man studieren möchte. Ein solcher Ausgleich kann eine große Hilfe sein, wenn es z. B. darum geht, dass man Fristverlängerungen für Prüfungen benötigt oder längere krankheitsbedingte Fehlzeiten hat. Erkundigen Sie sich bei der jeweiligen Universität, welche Möglichkeiten Sie haben. In erster Linie sollten Sie sich Ihren Studiengang also nach Interesse auswählen. Bedenken Sie aber auch, welche Berufsaussichten Sie später mit Ihrer Erkrankung haben. Abhängig von Ihrer Anfallssituation kann es sein, dass es z. B. schwierig wird, eine Zulassung als Arzt zu bekommen.
  • Arbeitgeber informieren?: Ob Sie Ihren Arbeitgeber über die Epilepsie informieren oder nicht, ist weitestgehend Ihre Entscheidung. Sollten sie jedoch sich oder andere durch Ihre Erkrankung am Arbeitsplatz gefährden (z. B. durch das Bedienen von Maschinen), oder sind Sie nicht mehr in der Lage, Ihre Tätigkeit auszuüben, sind Sie verpflichtet, Ihrem Arbeitgeber Ihre Epilepsie zu melden. Das gilt auch für mögliche finanzielle Verluste, die dem Arbeitgeber durch die Erkrankung entstehen können (z. B. durch eine Fehlprogrammierung oder Fehlbedienungen von Maschinen). Hat die Epilepsie keine Auswirkungen auf Ihre Tätigkeit oder besteht schon eine lange Anfallsfreiheit, sind Sie nicht verpflichtet, dies Ihrem Arbeitgeber mitzuteilen. Neben den rechtlichen Fragen sollten Sie sich auch im Sinne der guten Zusammenarbeit mit Ihren Kollegen überlegen, wie Sie mit Ihrer Krankheit umgehen wollen. Dies ist eine ganz persönliche Entscheidung und hängt auch von der Art der Epilepsie ab. Unter Umständen kann es sinnvoll sein, die Kollegen zu informieren, damit diese wissen, wie sie sich in einer Anfallssituation verhalten sollen. Bei der Frage, ob und wie Sie das Thema ansprechen, kann Ihnen ein Epilepsie-Schulungsprogramm wie MOSES helfen.

Schwangerschaft

Schwangerschaft und Epilepsie schließen einander nicht aus. In Deutschland hat eine von 200 schwangeren Frauen eine aktive Epilepsie. In der überwiegenden Mehrzahl verlaufen diese Schwangerschaften komplikationslos und die Frauen gebären gesunde Kinder. Es gibt allerdings einige Besonderheiten, die Sie beachten und wissen sollten, auch wenn Ihre Epilepsie gut eingestellt ist und Sie anfallsfrei sind. Bei Kinderwunsch sollte eine Schwangerschaft sorgfältig geplant werden, um mögliche Risiken von vornherein zu vermeiden. Einige Medikamente bergen höhere Risiken als andere. Sollten Sie Valproat einnehmen und einen Kinderwunsch haben, bzw. schwanger sein, bitten wir Sie, sich unverzüglich von Ihrem Arzt beraten zu lassen. Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie hier. Es ist wichtig, dass Sie Ihre Fragen mit Ihren behandelnden Ärzten (Frauenarzt, Neurologe, Hausarzt) besprechen. Auch die Hebamme kann Ihnen bei bestimmten Fragen Auskunft geben.

Impfungen

Generell sollte auch bei Menschen mit Epilepsie ein ausreichender Impfschutz bestehen. Aktuelle Informationen hierzu hält das Robert-Koch-Institut als zentrale Einrichtung der Bundesregierung in diesem Bereich bereit. Die bei in Deutschland recht große Gruppe der Impfgegner führt als eines ihrer Argumente an, dass es als Folge des Impfens zu schweren Nebenwirkungen kommen kann (Spätkomplikationen), u. a. zur Auslösung einer Epilepsie. Ist es dann überhaupt sinnvoll, Kinder, Jugendliche oder Erwachsene mit Epilepsie zu impfen? Und wie sieht es mit Kindern aus sogenannten Risikofamilien aus? Wie häufig sind Impfkomplikationen eigentlich wirklich? In den letzten Jahrzehnten ist die Rate an schwerwiegenden Impfkomplikationen wie Krampfanfällen oder anderen neurologischen Störungen stetig gesunken. Zu verdanken ist dies der fortdauernden Verbesserung in der Zusammensetzung der Impfstoffe. Die früher vor allem bei der Keuchhusten-Impfung noch angebrachte Vorsicht ist heute − auch bei Menschen mit Epilepsie und deren Familienangehörigen − glücklicherweise nicht mehr nötig. Darüber hinaus gibt es gewichtige Gründe dafür, dass gerade Menschen mit Epilepsie und insbesondere an Epilepsie leidende Kinder einen ausreichenden Impfschutz erhalten. So können z. B. Infektionskrankheiten wie Masern und Keuchhusten zu einer vorübergehenden oder dauernden Verschlechterung des Anfallsleidens führen. Ärzte und Angehörige berichten, dass Infektionskrankheiten bei Kindern mit Epilepsie schwerer verlaufen können als bei gesunden Kindern. Dagegen gibt es keine Anhaltspunkte dafür, dass Schutzimpfungen bei anfallskranken Menschen häufiger zu Komplikationen führen als bei Menschen ohne Anfälle. Dennoch gibt es einige Dinge, die man beim Impfen mit Epilepsie beachten sollte. Menschen mit Epilepsie sollen daher grundsätzlich den gleichen Impfschutz erhalten wie Menschen ohne Epilepsie.

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