Epilepsie ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen im Kindesalter. Während viele Kinder mit Medikamenten erfolgreich behandelt werden können, gibt es eine bedeutende Anzahl, bei denen die medikamentöse Therapie versagt. Für diese Kinder kann die ketogene Diät eine vielversprechende Option sein. Die ketogene Diät ist eine spezielle Ernährungsform, die reich an Fetten und arm an Kohlenhydraten ist. Sie wird seit Jahrzehnten zur Behandlung von Epilepsie eingesetzt, insbesondere bei Kindern mit schwer behandelbarer Epilepsie.
Was ist die ketogene Diät?
Die ketogene Diät ist eine sehr fettreiche und extrem kohlenhydratarme Diät. Sie besteht üblicherweise aus 90 % Fett sowie 10 % Eiweiß und Kohlenhydraten, wobei der Eiweißanteil je nach Alter des Kindes variiert. Durch die drastische Reduktion der Kohlenhydrate wird der Körper gezwungen, Fett anstelle von Glukose als Hauptenergiequelle zu nutzen. Dieser Stoffwechselzustand wird als Ketose bezeichnet. In der Leber werden Ketonkörper gebildet, die als alternative Energiequelle für das Gehirn dienen können.
Anstelle von Glukose wird das Gehirn bei der ketogenen Ernährung mit Ketonen versorgt, die der Körper in der Leber aus Fett herstellt. Dazu gehören etwa Aceton, Acetoacetat und Beta-Hydroxybuttersäure.
Wie funktioniert die Ketose?
Führt man dem Körper kaum noch Kohlenhydrate zu, muss die Energie anders als aus Glukose gewonnen werden. Der Körper beginnt, Fette zu verbrennen und bildet sogenannte Ketonkörper als Energieträger. Er kommt in die „Ketose“. Diese Fette müssen dem Körper über die Nahrung zugeführt werden.
Der genaue Wirkmechanismus der Ketose bei Epilepsie ist noch nicht vollständig geklärt. Es wird vermutet, dass die Ketose die Energiebereitstellung im Gehirn verbessert, bestimmte Hirnbotenstoffe aktiviert, die ihrerseits gegen Anfälle wirken, und freie Sauerstoffradikale vermindert. Es gibt auch genetisch verursachte Stoffwechselstörungen, die von vornherein mit ketogener Ernährung behandelt werden, weil zum Beispiel Glukose als Energielieferant nicht ausreichend gut in das Gehirn aufgenommen wird.
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Varianten der ketogenen Diät
Neben der klassischen ketogenen Diät (KD), mit einem Verhältnis von Fett zu Kohlenhydraten plus Proteinen von 4:1, gibt es abgewandelte Formen, wie die modifizierte Atkins Diät (MAD), eine Diät mit mittelkettigen Fettsäuren (MCT-Diät) und die niedrig-glykämische Index-Therapie (LGIT). Unter dem Begriff Ketogene Ernährungstherapie (KET) werden all diese Formen zusammengefasst.
- Klassische ketogene Ernährung: Das Verhältnis der aufzunehmenden Makronährstoffe ist streng definiert. Meist beträgt die „ketogene Ratio“ (d.h. der Gewichtsanteil von Fett vs. Anteil der Kohlenhydrate und Proteine) 3:1 oder 4:1.
- Modifizierte Atkins-Diät (MAD): Die Menge an Kohlenhydraten wird berechnet, die Menge an Proteinen und Fetten ist frei. Dadurch ist die Variante weniger restriktiv als die klassische ketogene Diät.
- Niedrig-glykämische Indextherapie (LGIT): Der Verzehr von reichlich Fett bei gleichzeitiger Kohlenhydratrestriktion versetzt den Körper in eine katabole Stoffwechsellage.
Erlaubte und nicht erlaubte Lebensmittel
Erlaubte Lebensmittel sind etwa stärkearme Gemüse, Fleisch, Fisch, Eier, Käse, Nüsse und (vorzugsweise pflanzliche) Fette. Auf Kohlenhydrate und kohlenhydrathaltige Nahrungsmittel wie Brot, Kartoffeln, Obst oder Süßigkeiten wird fast völlig verzichtet. Normales Brot ist tabu, ebenso Kartoffeln, Reis, oder andere kohlenhydrathaltige Lebensmittel, nicht einmal in einen Apfel darf man einfach so beißen. Es muss alles genau berechnet werden.
| Lebensmittelkategorie | Erlaubt | Nicht erlaubt |
|---|---|---|
| Diätetische Lebensmittel | Fertigpräparate für die ketogene Ernährung | |
| Getränke | Wasser, Tee, Kaffee, Gemüsebrühe, Mandelmilch (ungesüßt) | Zuckerhaltige Limonaden, Säfte, Kakao, gezuckerter Tee oder Kaffee |
| Gemüse | Stärkearme Sorten wie Kohl, Blattgemüse, Gurke, Tomaten, Avocado, Artischocke, Broccoli, Lauch, Zucchini, Salat, Spargel, Oliven | Stärkereiche Sorten wie Kartoffeln und Hülsenfrüchte, Wurzelgemüse sowie verarbeitetes Gemüse mit Zuckerzusatz |
| Obst | Dunkle Beerenfrüchte in kleinen Mengen, z. B. Brombeeren, Himbeeren, Johannisbeeren | Alle süßen Obstsorten, auch als Kompott, Marmelade etc. |
| Fleisch, Fisch und Eier | Fleisch und Fleischerzeugnisse, fettreicher Meeresfisch (z. B. |
Für wen ist die ketogene Diät geeignet?
Die ketogene Diät kann als Ernährungstherapie vor allem bei Kindern zur Behandlung von Epilepsie eingesetzt werden, wenn Medikamente nicht ausreichend wirken (medikamentenresistente Epilepsie). Ungefähr 10% aller Epilepsien im Kindesalter sind pharmakoresistent. Hier ist die ketogene Diät als erfolgreiche Therapieoption weltweit etabliert. Bei einigen Formen der Epilepsie im Kindesalter wird sie besonders häufig angewendet. Es gibt auch genetisch verursachte Stoffwechselstörungen, die von vornherein mit ketogener Ernährung behandelt werden, weil zum Beispiel Glukose als Energielieferant nicht ausreichend gut in das Gehirn aufgenommen wird.
Grundsätzlich kann die ketogene Ernährungstherapie aber bei allen Formen der Epilepsie als nicht-medikamentöse Behandlung in Erwägung gezogen werden. Vor allem dann, wenn es um Personen geht, die unter nicht tolerablen Nebenwirkungen der Anfallssuppressiva leiden, oder bei Personen, die besonders häufig einen Status epilepticus erleiden.
Die Diät darf bei bestimmten Stoffwechselstörungen, Erkrankungen der Leber, der Niere oder des Herzens nicht eingesetzt werden.
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Indikationen für eine ketogene Ernährungstherapie
- Epilepsien und Epilepsiesyndrome:
- Angelman-Syndrom
- Dravet-Syndrom
- Epilepsie mit myoklonisch-atonen Anfällen (Doose-Syndrom)
- Fieberinduziertes Epilepsiesyndrom (FIRES)
- Blitz-Nick-Salaam-Epilepsie (infantile Spasmen; West-Syndrom)
- Entwicklungs- und epileptische Enzephalopathie beim Säugling
- Super-refraktärer Status epilepticus
- Tuberöse Sklerose
- Stoffwechselstörungen:
- Komplex-I-Mitochondriopathie
- Glukosetransporter-1-Defekt
- Pyruvatdehydrogenase-Mangel (PDHD)
Wie wird die ketogene Diät durchgeführt?
Eine ketogene Ernährung kann bei Kindern nicht in Eigenregie durchgeführt werden, sondern muss immer unter (kinder)ärztlicher Aufsicht und in Zusammenarbeit mit speziell ausgebildeten Ernährungsfachleuten stattfinden. Meistens wird die Diät stationär, also in einer Klinik eingeleitet. Dort können mögliche Komplikationen sofort erkannt werden. Außerdem werden der Patient und seine Angehörigen intensiv geschult, damit die Diät in der täglichen Routine umsetzbar ist. Die Durchführung dieser Diät im Team ist anspruchsvoll, Supplemente und engmaschige Betreuung sind erforderlich.
Die Kinder fangen im Krankenhaus mit der Diät an. Vorausgegangen sind da schon umfangreiche Untersuchungen und Gespräche. Jede Mahlzeit ist nun genau berechnet, und es gibt einen ganz genauen Essensplan. In der Regel bekommt jedes Kind pro Tag 4 Mahlzeiten mit der jeweils gleichen Kalorienzahl. Es müssen engmaschige Kontrollbesuche in der Klinik erfolgen, um Blutwerte, das Wachstum der Kinder und den Erfolg der Behandlung zu kontrollieren. Auch Nebenwirkungen einer sehr hohen Fettzufuhr müssen im Auge behalten werden. Die Eltern müssen lernen zu verstehen, in welchen Nahrungsmitteln wie viel Fett, Kohlenhydrate und Eiweiß enthalten sind und sie müssen kochen können. Auch das trainiert Frau Müller mit den Eltern. Das Einkaufen ist eine Herausforderung. Es fällt fast alles flach, was man an Fertiggerichten kaufen kann.
Vorbereitung und Überwachung
Damit die ketogene Diät bei Kindern erfolgreich angewendet werden kann, ist es ratsam das gesamte Umfeld einzubinden (Kita, Schule, Sportverein, Betreuung, ggf. Passende Rezepte und Lebensmittel sollten immer vorrätig sein. Es sollte damit gerechnet werden, dass die allgemeinen Kosten für Lebensmittel im Rahmen einer ketogenen Diät um bis zu ein Drittel steigen können. Bereiten Sie sich darauf vor, dass Sie und/oder Ihr Kind lernen müssen, eigenständige Kontrollen im Rahmen der ketogenen Diät vorzunehmen, z. B. mittels Ketonteststreifen aus der Apotheke, mit denen sich die Ketonkörperkonzentration im Urin kontrollieren lässt. Außerdem müssen die Ergebnisse eigenständig bewertet werden können.
Zu Beginn der Diät kann mit einem ketogenen Verhältnis von 1:1 begonnen werden, um Verdauung und Stoffwechsel langsam an die ketogene Ernährung zu gewöhnen. Anschließend wird der Fettanteil schrittweise von 2:1, auf 3:1 und bis auf 4:1 erhöht.
Nach dem Einleiten der ketogenen Ernährungstherapie beginnt eine Zeit des Übergangs, bis die Ketose stabil bleibt, also bis die anhaltende Umstellung des Stoffwechsels zur Energiebereitstellung aus Ketonkörpern eintritt. Während dieses Übergangs ist eine besonders engmaschige Überwachung notwendig. Vor allem die Blutwerte müssen regelmäßig geprüft werden, Blutzucker, Ketone, Blutgasanalyse. Wenige Tropfen Blut reichen dazu bereits aus. Üblich ist zum Beispiel ein kleiner Piks in den Finger. Sind zum Beispiel die Ketonwerte zu hoch und/oder der Blutzucker zu niedrig, kann die Einnahme von Glukose veranlasst werden (z. B. als Fruchtsaft). So lässt sich ein rasches Absinken der Ketonwerte bewirken. Sind sie zu niedrig, muss der Diätplan ggf.
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Wenn die Diät greift und die stabile Ketose eintritt, sind auch die Ketonwerte im Blut stabil. Die Überwachung der Blutwerte kann nun reduziert werden. Kommt es aber zu Veränderungen im Alltag, oder zu einer zwingend notwendigen Umstellung der Essgewohnheiten, muss die häufigere Kontrolle wieder aufgenommen werden. Dies gilt auch, wenn der Schlafrhythmus sich ändert, oder es häufiger zu epileptischen Anfällen kommt.
Eine strikte Einhaltung des mit Arzt und Ernährungsberater entwickelten Diät-Plans ist unabdingbar. Snacks zwischendurch müssen in der Planung berücksichtigt werden. Es muss pro Tag mehr getrunken werden als für das jeweilige Alter üblich. Wenn Veränderungen des Alltags oder des Körpers es zwingend notwendig machen, dass das Essverhalten oder die Uhrzeiten für die Mahlzeiten geändert werden müssen, muss der Diät-Plan ausgewertet und neu errechnet werden. Auch im normalen Verlauf der Diät sollten die Untersuchungen und Erfolge immer wieder ausgewertet und der Diätplan ggf.
Sehr wichtig: Zucker ist nicht nur in Lebensmitteln enthalten, sondern auch in Medikamenten oder Zahnpasta. Diese Mengen müssen bei der Aufstellung des Diätplans ebenfalls berücksichtigt werden. Eventuell müssen Medikamente oder Zahnpasta ausgetauscht werden.
Dauer der Diät
In der Regel wird die ketogene Diät zunächst für maximal zwei Jahre durchgeführt. Auch Anfallssuppressiva werden häufig für maximal zwei Jahre verabreicht, bevor sie dann testweise abgesetzt werden. Auch in dieser Hinsicht ist die KET also wie ein Medikament einzustufen. Bei Erwachsenen erfolgt dieses Absetzen zurückhaltender als bei Kindern. Die positiven Effekte, die durch die Therapie erreicht wurden, halten häufig auch nach dem Absetzen an. Zudem verändern sich Epilepsien, gerade bei sich noch entwickelnden Gehirnen, was das regelmäßige Absetzen oder Nachjustieren der Behandlung ebenfalls erforderlich macht.
Wie wirksam ist die ketogene Diät?
Im Schnitt zeigt eine Auswertung verschiedener Studien, dass ca. Bei Menschen mit fokalen Anfällen, Grand-Mal-Anfällen und Absencen scheint die ketogene Diät nicht so gut zu wirken wie bei den o.g. Anfalls- und Epilepsie-Formen.
Die durch Kohlenhydratrestriktion und hohe Fettzufuhr entstehende Ketose kann antikonvulsiv wirken und eine Anfallskontrolle vergleichbar mit Antikonvulsiva erreichen. Bei Nichtansprechen rasch beendbar sollte die Diät bei Therapieerfolg für 2 Jahre beibehalten werden - dieser kann auch nach Absetzen der Diät anhalten.
Mittlerweile sind verschiedene, individuell angepasste ketogene Diäten verfügbar, die Nebenwirkungen gut überschaubar und die Standards der Therapie gut definiert.
Studienergebnisse
- Eine Studie im »European Journal of Clinical Nutrition« zeigt, dass die ketogene Diät bei strikter Einhaltung die Anfallshäufigkeit bei Epilepsiepatienten, insbesondere bei Kindern, um mehr als 50 Prozent senken kann.
- Ein Cochrane-Review aus dem Jahr 2020 (DOI: 10.1002/14651858.CD001903.pub5) kommt zu ähnlichen Ergebnissen und betont die gesundheitlichen Vorteile der Keto-Diät vor allem bei pädiatrischen Epilepsiepatienten. Demnach war die Wahrscheinlichkeit, anfallsfrei zu werden, bei strikt ketogener Ernährung bis zu dreimal höher als bei nicht ketogener Ernährung.
Welche Nebenwirkungen kann die ketogene Diät haben?
Unter der ketogenen Diät treten meist nur wenige Nebenwirkungen wie Verstopfungen und anderweitige Verdauungsprobleme auf. Durch die Umstellung kann es zu Nebenwirkungen wie Verstopfungen kommen. In diesem Fall sollte die Aufnahme von Ballaststoffen erhöht werden, z. B. durch einen größeren Anteil an Tomaten, Gurken oder Schwarzbrot in der Ernährung. Auch abführende Maßnahmen oder der vermehrte Einsatz von MCT-Ölen kann in einigen Fällen zum Einsatz kommen.
Wird eine ketogene Diät nach Plan und richtig durchgeführt, hat sie meist nur geringe Nebenwirkungen, die sich gut in den Griff kriegen lassen. So kann es vor allem zu Beginn zu Unterzuckerungen (Hypoglykämien) kommen, auch Erbrechen, Verstopfung, Durchfall, Hunger und Sodbrennen können auftreten. Im Zusammenhang mit Infekten, Fieber und Erbrechen kann auch ein Flüssigkeitsmangel auftreten, der zu einer Übersäuerung des Blutes (Azidose) führt. Viel Flüssigkeit ist auch wichtig, um die Bildung von Nierensteinen zu vermeiden, die ebenso wie Verstopfung und Fettstoffwechselstörungen zu den möglichen mittel- oder langfristigen Nebenwirkungen gehören. Über Langzeitnebenwirkungen ist bis jetzt nur wenig bekannt. Möglicherweise wird das Wachstum von Kindern leicht beeinträchtigt.
Achtung: Bei einer ketogenen Diät und gleichzeitiger Einnahme von Barbituraten, Valproat, Topiramat, Sultiam oder Zonisamid ist besondere Vorsicht geboten.