Epilepsie bei Kleinkindern ist ein komplexes Thema, das viele Fragen aufwirft. Dieser Artikel soll einen umfassenden Überblick über die Ursachen, Symptome, Diagnose und Behandlung von Epilepsie bei Kleinkindern geben. Dabei werden sowohl die verschiedenen Formen der Epilepsie als auch die spezifischen Herausforderungen im Kindesalter berücksichtigt.
Was ist Epilepsie?
Epilepsie ist keine einzelne Krankheit, sondern ein Sammelbegriff für verschiedene chronische neurologische Erkrankungen, die durch wiederholte epileptische Anfälle gekennzeichnet sind. Ein epileptischer Anfall entsteht durch eine plötzliche, unkontrollierte Entladung von Nervenzellen im Gehirn. Diese Entladung kann sich auf verschiedene Weise äußern, von kurzen Bewusstseinsaussetzern bis hin zu schweren Krampfanfällen.
Die Diagnose Epilepsie wird gestellt, wenn mindestens zwei unprovozierte epileptische Anfälle im Abstand von mehr als 24 Stunden aufgetreten sind oder wenn nach einem ersten Anfall eine hohe Wahrscheinlichkeit für weitere Anfälle besteht.
Ursachen von Epilepsie bei Kleinkindern
Die Ursachen von Epilepsie bei Kleinkindern sind vielfältig und oft schwer zu bestimmen. Grundsätzlich gilt, dass jedes Ereignis, das einen Schaden im Gehirn verursacht, ein potenzieller Auslöser für ein epileptisches Anfallsleiden sein kann. Die Medizin unterscheidet hier zurzeit strukturelle, infektiöse, metabolische, genetische und immunologische Ursachen.
Genetische Ursachen: Genetisch bedingt haben manche Menschen eine stärkere Veranlagung zu epileptischen Anfällen als andere. Die Forschung geht heute davon aus, dass bei diesen Patienten ein oder mehrere Gene defekt sind, die als Ursache der Epilepsie anzusehen sind. Häufig sind die betroffenen Gene nicht bekannt, und es müssen bestimmte Gen-Konstellationen vorliegen, damit es zu einer Epilepsie kommt. Daher sind diese Epilepsie-Ursachen meist nicht vererbbar, auch wenn sie neuerdings als genetische Epilepsien bezeichnet werden.
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Strukturelle Ursachen: Strukturelle Veränderungen am Gehirn, wie sie beispielsweise durch Schlaganfälle, Hirntumore, Schädel-Hirn-Traumata oder Fehlbildungen des Gehirns entstehen können, können ebenfalls Epilepsie verursachen. Narben im Gehirn, beispielsweise nach einem Schlaganfall, Unfall oder einer Entzündung, können zu einer Übererregbarkeit mit fokalen Anfällen aus genau dieser Region führen.
Infektiöse Ursachen: Infektionen des Gehirns, wie beispielsweise Hirnhautentzündungen (Meningitis) oder Gehirnentzündungen (Enzephalitis), können ebenfalls zu Epilepsie führen.
Metabolische Ursachen: Stoffwechselstörungen, wie beispielsweise die Phenylketonurie, eine angeborene, erbliche Erkrankung des Eiweißstoffwechsels, können ebenfalls Epilepsie verursachen.
Immunologische Ursachen: Immunologische Ursachen umfassen Entzündungsvorgänge im Gehirn, z. B. wenn die eigene Körperabwehr (Immunsystem) das Hirngewebe angreift und es zu einer Hirnhautentzündung kommt.
Unbekannte Ursachen: Bei einem Teil der Kinder bleibt die Ursache der Epilepsie unklar. Diese Fälle werden als kryptogene Epilepsien bezeichnet.
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Symptome von Epilepsie bei Kleinkindern
Epileptische Anfälle können sich bei Kleinkindern sehr unterschiedlich äußern. Die Symptome hängen von der Art des Anfalls und dem betroffenen Hirnareal ab. Bei Neugeborenen werden meist nur subtile Anfälle beobachtet. Augen- oder Schmatzbewegungen oder ein Rudern mit Armen oder Beinen sind mögliche Symptome, müssen aber von altersentsprechenden Bewegungsautomatismen abgegrenzt werden. Nur weil ein Säugling mit den Extremitäten rudert, hat er nicht automatisch einen epileptischen Anfall!
Ein epileptischer Anfall kann verschiedene Ursachen haben und das Symptom eines lebensbedrohlichen Notfalls sein. Wählen Sie daher immer den Notruf 112 und rufen Sie professionelle Hilfe.
Zu den häufigsten Symptomen von Epilepsie bei Kleinkindern gehören:
Fokale Anfälle: Diese Anfälle entstehen in einem begrenzten Bereich des Gehirns. Die Symptome können je nach betroffenem Hirnareal variieren. Mögliche Symptome sind Zuckungen einer Körperseite, Kribbeln, Taubheitsgefühle,Halluzinationen oderBewusstseinsstörungen.
Generalisierte Anfälle: Diese Anfälle betreffen von Beginn an das gesamte Gehirn. Es gibt verschiedene Formen generalisierter Anfälle, darunter:
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- Absencen: Kurze Bewusstseinsaussetzer, die oft unbemerkt bleiben. Das Kind ist plötzlich wie abwesend, starrt vor sich hin und reagiert nicht auf Ansprache.
- Myoklonische Anfälle: Plötzliche, kurze Muskelzuckungen, die den ganzen Körper oder nur einzelne Körperteile betreffen können.
- Tonische Anfälle: Plötzliche Versteifung der Muskulatur.
- Klonische Anfälle: Rhythmische Zuckungen der Muskulatur.
- Tonisch-klonische Anfälle (Grand Mal): Der klassische "große" epileptische Anfall mit Bewusstseinsverlust, Versteifung des Körpers und anschließenden Zuckungen.
- Atonische Anfälle: Plötzlicher Verlust der Muskelspannung, der zu Stürzen führen kann.
Status epilepticus: Ein Anfall, der länger als fünf Minuten dauert oder eine Serie von Anfällen, zwischen denen das Kind nicht wieder zu Bewusstsein kommt. Ein Status epilepticus ist ein medizinischer Notfall und erfordert sofortige Behandlung.
Es ist wichtig zu beachten, dass nicht jedes Kind mit einem epileptischen Anfall auch Epilepsie hat. Gelegentliche Anfälle können auch durch Fieber, Infektionen oder andere Faktoren ausgelöst werden.
Diagnose von Epilepsie bei Kleinkindern
Die Diagnose von Epilepsie bei Kleinkindern erfordert eine sorgfältige Anamnese, eine neurologische Untersuchung und verschiedene technische Untersuchungen.
Anamnese: Der Arzt wird die Eltern ausführlich nach der Art der Anfälle, der Häufigkeit, der Dauer und den Begleitumständen befragen. Auch Informationen über Vorerkrankungen, Medikamente und familiäre Vorbelastungen sind wichtig.
Neurologische Untersuchung: Bei der neurologischen Untersuchung werden die Reflexe, die Muskelkraft, die Koordination und die Sinnesfunktionen des Kindes überprüft.
Elektroenzephalographie (EEG): Das EEG ist eine wichtige Untersuchung zur Diagnose von Epilepsie. Dabei werden Elektroden auf der Kopfhaut angebracht, um die elektrische Aktivität des Gehirns aufzuzeichnen. Das EEG kann epilepsietypische Veränderungen zeigen, die auf eine erhöhte Anfallsbereitschaft hindeuten. Vor allem im Kindesalter macht es Sinn, ein EEG während des Schlafs durchzuführen, da spezielle EEG-Veränderungen erst dann sichtbar werden.
Magnetresonanztomographie (MRT): Die MRT ist ein bildgebendes Verfahren, mit dem krankhafte Veränderungen im Gehirn sichtbar gemacht werden können. Die MRT kann helfen, strukturelle Ursachen der Epilepsie, wie beispielsweise Hirntumore oder Fehlbildungen, zu erkennen.
Weitere Untersuchungen: In einigen Fällen können weitere Untersuchungen erforderlich sein, wie beispielsweise Blutuntersuchungen, Stoffwechseluntersuchungen oder genetische Untersuchungen, um die Ursache der Epilepsie zu finden.
Behandlung von Epilepsie bei Kleinkindern
Die Behandlung von Epilepsie bei Kleinkindern zielt darauf ab, die Anfälle zu kontrollieren und die Lebensqualität des Kindes zu verbessern. Die Behandlungsmöglichkeiten umfassen:
Medikamentöse Therapie: Antiepileptika sind Medikamente, die die Anfallsbereitschaft des Gehirns reduzieren. Es gibt eine Vielzahl von Antiepileptika, die sich in ihrer Wirkungsweise und ihren Nebenwirkungen unterscheiden. Die Wahl des geeigneten Medikaments hängt von der Art der Epilepsie, dem Alter des Kindes und anderen individuellen Faktoren ab. Bei etwa 60 % aller Kinder werden durch die Behandlung mit dem ersten Medikament anfallsfrei.
Ketogene Diät: Die ketogene Diät ist eine spezielle Ernährungsform, die reich an Fett und arm an Kohlenhydraten ist. Diese Diät kann bei einigen Kindern mit schwer behandelbarer Epilepsie die Anfallshäufigkeit reduzieren.
Epilepsiechirurgie: In seltenen Fällen kann eine Operation in Erwägung gezogen werden, wenn die Anfälle trotz medikamentöser Therapie nicht kontrolliert werden können und eine klar definierte Anfallsursprungszone im Gehirn identifiziert werden kann.
Vagusnervstimulation (VNS): Bei der VNS wird ein kleiner Generator unter die Haut im Brustbereich implantiert, der elektrische Impulse an den Vagusnerv im Hals sendet. Die VNS kann bei einigen Kindern mit schwer behandelbarer Epilepsie die Anfallshäufigkeit reduzieren.
Neben der medikamentösen Therapie und anderen medizinischen Behandlungen ist es wichtig, dass Kinder mit Epilepsie eine umfassende Betreuung erhalten, die auch psychologische Unterstützung, Ergotherapie und Logopädie umfassen kann.
Besondere Epilepsieformen im Kindesalter
Im Kindesalter gibt es einige spezielle Epilepsieformen, die besondere Aufmerksamkeit verdienen:
Fieberkrämpfe: Fieberkrämpfe sind Anfälle, die im Zusammenhang mit Fieber auftreten. Sie sind bei Kindern im Alter von sechs Monaten bis fünf Jahren relativ häufig. Die meisten Fieberkrämpfe sind harmlos und haben keine langfristigen Folgen.
Rolando-Epilepsie: Die Rolando-Epilepsie ist eine häufige, meist gutartige Epilepsieform im Kindesalter. Sie äußert sich durch Anfälle mit Zuckungen im Gesichtsbereich, Sprechstörungen und vermehrten Speichelfluss. Die Anfälle treten häufig nachts auf und enden meist spontan.
Absence-Epilepsie: Die Absence-Epilepsie ist eine generalisierte Epilepsieform, die sich durch kurze Bewusstseinsaussetzer äußert. Die Kinder sind plötzlich wie abwesend, starr vor sich hin und reagieren nicht auf Ansprache. Die Anfälle dauern meist nur wenige Sekunden und treten oft mehrmals täglich auf.
West-Syndrom: Das West-Syndrom ist eine schwere Epilepsieform, die im Säuglingsalter beginnt. Sie äußert sich durch Blitz-Nick-Salaam-Krämpfe, eine Entwicklungsverzögerung und typische EEG-Veränderungen.
Leben mit Epilepsie im Kindesalter
Epilepsie kann das Leben von Kindern und ihren Familien erheblich beeinflussen. Es ist wichtig, dass Kinder mit Epilepsie eine umfassende Betreuung erhalten, die auch psychologische Unterstützung, Ergotherapie und Logopädie umfassen kann. Auch die Eltern und Geschwisterkinder benötigen Unterstützung, um mit den Herausforderungen, die Epilepsie mit sich bringt, umzugehen.
Es gibt verschiedene Selbsthilfegruppen und Beratungsstellen, die Familien mit Kindern mit Epilepsie unterstützen. Der Austausch mit anderen Betroffenen kann sehr hilfreich sein, um mit der Erkrankung umzugehen und neue Perspektiven zu gewinnen.
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