Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die weltweit etwa drei Millionen Menschen betrifft. Die Ursachen der MS sind komplex und noch nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass sowohl genetische als auch Umweltfaktoren, wie beispielsweise Infektionen, eine Rolle bei der Entstehung der Krankheit spielen. Insbesondere das Epstein-Barr-Virus (EBV) steht seit geraumer Zeit im Verdacht, mit der Entstehung und dem Verlauf von MS in Verbindung zu stehen.
Das Epstein-Barr-Virus (EBV): Ein Überblick
Das Epstein-Barr-Virus (EBV) ist ein weit verbreitetes Herpesvirus, mit dem sich bis zu 95 Prozent der Weltbevölkerung im Laufe ihres Lebens infizieren. In den meisten Fällen verläuft die Erstinfektion im Kindesalter symptomlos oder mit milden Beschwerden. Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen kann EBV jedoch das Pfeiffersche Drüsenfieber (infektiöse Mononukleose) verursachen, eine Erkrankung, die mit Fieber, Müdigkeit, Halsschmerzen und geschwollenen Lymphknoten einhergeht. Nach der Erstinfektion verbleibt das Virus lebenslang im Körper und kann in bestimmten Immunzellen, den B-Lymphozyten, in einem Ruhezustand persistieren.
Der vermutete Zusammenhang zwischen EBV und MS
Epidemiologische und serologische Studien haben bereits seit Längerem einen Zusammenhang zwischen EBV und MS nahegelegt. So wurde beobachtet, dass nahezu alle MS-Patienten Antikörper gegen EBV aufweisen und dass MS-Patienten im Vergleich zu gesunden Personen höhere EBV-Antikörpertiter haben. Zudem verdoppelt eine durchgemachte infektiöse Mononukleose das Risiko, an MS zu erkranken.
Eine viel beachtete US-Studie, die die Krankenakten von über zehn Millionen US-Soldaten und -Soldatinnen untersuchte, lieferte weitere wichtige Erkenntnisse. Bei allen 801 Personen, die im Laufe der Zeit an MS erkrankten, konnte das Epstein-Barr-Virus im Blut nachgewiesen werden.
Diese Beobachtungen deuten auf einen möglichen kausalen Zusammenhang zwischen EBV-Infektion und MS hin. Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass die meisten Menschen mit EBV infiziert sind, aber nur ein geringer Prozentsatz an MS erkrankt. Dies deutet darauf hin, dass weitere Faktoren, wie genetische Veranlagung, Umweltfaktoren oder Lebensstilfaktoren, für die Entstehung der Krankheit erforderlich sind.
Lesen Sie auch: Epstein-Barr-Virus: Verbindung zu MS
Aktuelle Forschungsprojekte und Erkenntnisse
Um den Zusammenhang zwischen EBV und MS besser zu verstehen, werden derzeit zahlreiche Forschungsprojekte durchgeführt. Ein von der EU gefördertes Forschungsprogramm namens BEHIND-MS, an dem auch die Universität Münster beteiligt ist, untersucht, wie die EBV-Infektion das Wechselspiel zwischen Nerven- und Immunsystem beeinflusst und dadurch an der Entstehung und dem Fortschreiten der MS beteiligt ist.
Das Team um Prof. Jan Lünemann von der Uniklinik für Neurologie in Münster wird anhand von Patientenproben untersuchen, wie das Immunsystem von Patienten mit MS im Vergleich zu Gesunden auf eine Infektion mit EBV reagiert. Ziel ist es, die Erkrankung durch die Aufklärung der Rolle von EBV besser zu verstehen und auf dieser Basis effektiver zu behandeln.
Eine aktuelle Studie bestärkt die Hypothese, dass die Multiple Sklerose (MS) durch eine Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus (EBV) kausal ausgelöst werden könnte. Die Studiengruppe reißt an, dass eine zukünftige Impfung gegen EBV eine Option sein könnte, um die MS-Inzidenz potenziell zu senken.
Mögliche Mechanismen der EBV-induzierten Autoimmunität
Wie genau das Epstein-Barr-Virus die Autoimmunität bei MS auslöst, ist noch nicht vollständig geklärt. Es werden verschiedene Mechanismen diskutiert:
- Molekulare Mimikry: Gegen EBV gerichtete Antikörper und T-Zellen könnten aufgrund von struktureller Ähnlichkeit auch Antigene im zentralen Nervensystem (ZNS) erkennen und angreifen.
- Direkte Infektion des Gehirns mit EBV: Das Virus könnte direkt Nervenzellen im Gehirn infizieren und schädigen.
- Entstehung von autoreaktiven B-Lymphozyten: EBV könnte B-Lymphozyten dazu bringen, Antikörper gegen körpereigene Strukturen im ZNS zu produzieren.
- Dysregulierte Immunantwort gegen den Erreger: Eine fehlregulierte Immunantwort auf EBV könnte zu einer chronischen Entzündung im ZNS führen.
Eine Hypothese besagt, dass bei späteren MS-Patienten zum Zeitpunkt der EBV-Akutinfektion das Virus Antikörper-produzierende B-Zellen dazu bringt, in das Gehirn einzuwandern. Dies könnte erklären, warum MS-Patienten häufig eine Antikörperproduktion gegen Masern, Röteln und Herpes zoster im Gehirn aufweisen, aber sehr selten gegen EBV.
Lesen Sie auch: Diagnose und Therapie neurologischer EBV-Komplikationen
Einfluss von Lebensstilfaktoren auf den Krankheitsverlauf
Neben der EBV-Infektion spielen auch Lebensstilfaktoren eine Rolle beim Krankheitsverlauf der MS. Eine schwedische Forschergruppe hat in einer groß angelegten Analyse untersucht, welche Faktoren mit einem gutartigen Verlauf der MS assoziiert sind. Dabei zeigte sich, dass Patienten mit einer durchgemachten infektiösen Mononukleose ein geringeres Risiko für einen benignen Verlauf der MS hatten. Dies deutet darauf hin, dass eine frühere EBV-Infektion nicht nur das Risiko für die Krankheitsentstehung, sondern auch deren Langzeitverlauf beeinflusst.
Auch Lebensstilfaktoren wie Übergewicht im Jugendalter und ein niedriger Fischkonsum waren mit einem ungünstigeren Verlauf assoziiert. Regelmäßiger Fischverzehr scheint dagegen protektiv zu wirken, was auf die entzündungsmodulierenden Effekte von Omega-3-Fettsäuren zurückgeführt werden könnte.
Prävention und Therapieansätze
Da EBV möglicherweise eine wichtige Rolle bei der Entstehung von MS spielt, werden derzeit verschiedene Präventions- und Therapieansätze erforscht, die auf das Virus abzielen.
Ein vielversprechender Ansatz ist die Entwicklung eines Impfstoffs gegen EBV. Eine Impfung könnte möglicherweise nicht nur die Inzidenz von MS verringern, sondern auch vor anderen EBV-assoziierten Erkrankungen, wie bestimmten Krebserkrankungen, schützen. Mehrere Unternehmen, darunter auch Moderna, arbeiten derzeit an der Entwicklung von EBV-Impfstoffen.
Darüber hinaus könnten B-Zell-depletierende Therapien, die bereits erfolgreich in der Behandlung von MS eingesetzt werden, auch bei der Bekämpfung der EBV-assoziierten Autoimmunität wirksam sein.
Lesen Sie auch: Symptome der EBV-Infektion im Gehirn
Ursachen und Übertragung des Epstein-Barr-Virus
Das Epstein-Barr-Virus wird vorwiegend über Speichel übertragen, hauptsächlich durch Tröpfcheninfektion und engen Kontakt. Infizierte Tröpfchen, die beim Husten, Niesen oder durch gemeinsames Besteck, Trinkgläser und Küssen freigesetzt werden, stellen die Hauptquelle der Ansteckung dar. Die Mononukleose als Primärerkrankung wird daher auch als Kusskrankheit bezeichnet.
Ein geschwächtes Immunsystem erhöht die Anfälligkeit für eine EBV-Infektion. Stress, schlechte Ernährung, Schlafmangel und ähnliche Faktoren können die Immunabwehr schwächen und somit den idealen Nährboden für eine aktive Infektion schaffen.
EBV-Infektionen sind vor allem bei Kindern und Jugendlichen verbreitet. Oft verlaufen sie bei Kindern und Jugendlichen ohne Symptome oder mit milden Beschwerden. Mit der fortschreitenden Entwicklung des Immunsystems im Laufe des Lebens wird die Kontrolle des Virus erleichtert.
Die genetische Veranlagung beeinflusst ebenfalls die Anfälligkeit für das Epstein-Barr-Virus. Forschungsstudien haben aufgezeigt, dass bestimmte genetische Faktoren das Risiko einer aktiven EBV-Infektion erhöhen können.
Auch Umweltfaktoren können die Aktivierung des Epstein-Barr-Virus begünstigen. Dazu zählen hohe Luftfeuchtigkeit, schlechte Luftqualität und beengte, überfüllte Lebensbedingungen.