Nahezu jeder Mensch erlebt im Laufe seines Lebens Übelkeit und Erbrechen. Diese Symptome können vielfältige Ursachen haben und den Betroffenen stark beeinträchtigen. Das Verständnis der zugrunde liegenden Mechanismen, insbesondere der Rolle von Dopamin und den Dopamin-Rezeptoren im Brechzentrum, ist entscheidend für eine effektive Behandlung.
Das Brechzentrum: Schaltzentrale der Übelkeit
Erbrechen ist ein komplexer physiologischer Vorgang, der sowohl willkürliche als auch unwillkürliche Komponenten umfasst. Es handelt sich um einen Schutzmechanismus des Körpers, um potenziell schädliche Substanzen aus dem Magen-Darm-Trakt zu entfernen. Das Brechzentrum, eine Region im Hirnstamm, spielt dabei eine zentrale Rolle.
Funktion und Aktivierung
Das Brechzentrum empfängt Informationen aus verschiedenen Quellen:
- Großhirn: Gerüche, Geschmack und psychische Zustände können Übelkeit auslösen.
- Kleinhirn und Gleichgewichtsorgan: Störungen des Gleichgewichts, wie bei Reisekrankheit, aktivieren das Brechzentrum.
- Magen-Darm-Trakt: Über den Vagusnerv werden Informationen über den Zustand des Verdauungssystems weitergeleitet.
- Area postrema: Diese Region des Gehirns ist direkt mit dem Blutkreislauf verbunden und kann im Blut befindliche Toxine erkennen.
Neurotransmitter im Brechzentrum
Verschiedene Neurotransmitter beeinflussen die Aktivität des Brechzentrums, darunter Serotonin und Dopamin. Dopamin spielt eine wichtige Rolle bei der Auslösung von Übelkeit und Brechreiz.
Dopamin und Dopamin-Rezeptoren
Dopamin ist ein Botenstoff, der im Körper vielfältige Funktionen erfüllt. Es wird in dopaminergen Nervenzellen aus der Aminosäure L-Tyrosin synthetisiert. Für Dopamin sind fünf verschiedene Typen von Bindungsstellen bekannt, die als D1- bis D5-Rezeptoren bezeichnet werden.
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Dopaminerge Bahnen und ihre Bedeutung
Dopaminerge Nervenzellen finden sich in verschiedenen Hirnregionen und erfüllen unterschiedliche Aufgaben:
- Bauchbereich: Beteiligung an der Magen-Darm-Aktivität und der Nierendurchblutung.
- Area postrema (Brechzentrum): Stimulation führt zum Erbrechen, Blockade unterdrückt den Brechreiz.
- Substantia nigra zum Striatum (nigrostriatale Bahn): Beteiligung an der Steuerung von Bewegungen. Eine ungenügende Anregung des Striatums führt zum Parkinson-Syndrom.
- Mittelhirn zum Nucleus accumbens (mesotelenzephales Belohnungssystem): Stimulation führt zu einer euphorischen Stimmungslage.
- Mittelhirn zum limbischen System: Überaktivität wird mit der Positivsymptomatik der Schizophrenie in Verbindung gebracht.
- Tuber cinereum des Hypothalamus zum Hypophysenstiel (tuberoinfundibuläres System): Unterdrückt die Bildung von Prolaktin.
Dopamin-Rezeptoren im Brechzentrum
Die Stimulation von Dopamin-Rezeptoren im Brechzentrum kann Übelkeit und Erbrechen auslösen. Dies erklärt, warum Dopaminagonisten, also Substanzen, die die Wirkung von Dopamin verstärken, als Nebenwirkung Erbrechen verursachen können. Umgekehrt können Dopaminantagonisten, die die Dopamin-Rezeptoren blockieren, als Antiemetika eingesetzt werden.
Antiemetika: Medikamente gegen Übelkeit und Erbrechen
Antiemetika sind Arzneimittel, die zur Vorbeugung und Behandlung von Übelkeit und Erbrechen eingesetzt werden. Sie wirken auf unterschiedliche Weise, um das Brechzentrum zu hemmen und das Auftreten von Übelkeit und Erbrechen zu reduzieren oder zu verhindern.
Klassen von Antiemetika
Es gibt verschiedene Klassen von Antiemetika, die jeweils unterschiedliche Wirkmechanismen haben:
- 5-HT3-Rezeptorantagonisten (Setrone): Blockieren die 5-HT3-Rezeptoren im Gehirn und auf bestimmten Zellen im Magen-Darm-Trakt. Sie werden vor allem bei zytostatikainduzierter Übelkeit und Erbrechen eingesetzt. Beispiele sind Ondansetron, Granisetron, Tropisetron und Dolasetron.
- Neurokinin-1 (NK1)-Rezeptorantagonisten: Blockieren den NK1-Rezeptor im Gehirn, wodurch die Wirkung von Substanz P reduziert wird. Sie werden bei der Vorbeugung von akuter und verzögerter Übelkeit und Erbrechen bei Chemotherapie eingesetzt. Beispiele sind Aprepitant und Fosaprepitant.
- Dopamin-D2-Rezeptorantagonisten: Blockieren die Dopamin-D2-Rezeptoren im Gehirn und reduzieren so das Auslösen von Übelkeit und Erbrechen. Sie werden bei Übelkeit und Erbrechen eingesetzt, die durch verschiedene Ursachen wie Chemotherapie, Strahlentherapie, postoperative Zustände und gastrointestinale Störungen verursacht werden. Beispiele sind Metoclopramid und Domperidon.
- Antihistaminika: Blockieren die H1-Histaminrezeptoren im Gehirn. Sie werden bei Übelkeit und Erbrechen im Zusammenhang mit Reisekrankheit, postoperativen Zuständen und gastrointestinalen Störungen eingesetzt. Ein Beispiel ist Dimenhydrinat.
- Cannabinoide: Werden bei Übelkeit und Erbrechen im Zusammenhang mit Chemotherapie und Strahlentherapie eingesetzt. Beispiele sind Dronabinol und Nabilon.
Metoclopramid (MCP): Ein Dopamin-D2-Rezeptorantagonist im Detail
Metoclopramid (MCP) ist ein häufig verwendeter Dopamin-D2-Rezeptorantagonist. Es wirkt auf das Brechzentrum im Gehirn und direkt auf den Magen-Darm-Trakt.
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Wirkmechanismus
MCP wirkt den Effekten von Dopamin im Brechzentrum entgegen, indem es an die freien Rezeptoren bindet und Dopamin daran hindert, das Übelkeitssignal zu senden. Zusätzlich beschleunigt MCP die Magenentleerung, was ebenfalls zur Reduktion von Übelkeit beiträgt.
Anwendungsgebiete
MCP wird bei verschiedenen Formen von Übelkeit und Erbrechen eingesetzt, darunter:
- Chemotherapie-induzierte Übelkeit und Erbrechen
- Postoperative Übelkeit und Erbrechen
- Übelkeit und Erbrechen bei Migräne
- Schwangerschaftsinduzierte Übelkeit (mit Vorsicht)
Nebenwirkungen und Wechselwirkungen
Häufige Nebenwirkungen von MCP können Müdigkeit, Schläfrigkeit, Durchfall und Zittern sein. In seltenen Fällen können Verwirrtheit, Blutdruckveränderungen und Halluzinationen auftreten.MCP kann mit verschiedenen anderen Medikamenten wechselwirken, insbesondere mit Antidepressiva, was das Risiko eines Serotonin-Syndroms erhöhen kann.
Wichtige Hinweise zur Anwendung
- MCP sollte nicht länger als fünf Tage eingenommen werden, es sei denn, der Arzt hat etwas anderes angeordnet.
- Zwischen den Einnahmen sollten mindestens sechs Stunden liegen.
- Alkohol verstärkt die schlaffördernde Wirkung von MCP.
- MCP ist nicht geeignet für Menschen mit Parkinson oder Epilepsie.
Weitere wichtige Antiemetika
- Dimenhydrinat: Ein Antihistaminikum, das häufig zur Behandlung von Reiseübelkeit eingesetzt wird. Es wirkt, indem es die Wirkung von Histamin im Gehirn blockiert. Häufige Nebenwirkungen sind Müdigkeit und Mundtrockenheit.
- Ondansetron: Ein 5-HT3-Rezeptorantagonist, der vor allem bei chemotherapieinduzierter Übelkeit eingesetzt wird. Es blockiert die Wirkung von Serotonin im Brechzentrum. Häufige Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen und Verstopfung.
- Aprepitant: Ein NK1-Rezeptorantagonist, der bei der Vorbeugung von Übelkeit und Erbrechen bei Chemotherapie eingesetzt wird. Es blockiert die Wirkung von Substanz P im Gehirn. Häufige Nebenwirkungen sind Müdigkeit und Verdauungsstörungen.
Besonderheiten bei der Anwendung von Antiemetika
- Schwangerschaft: Bei Schwangerschaftsübelkeit sollten Antiemetika nur nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung eingesetzt werden. Metoclopramid und Dimenhydrinat werden häufig verwendet, Serotoninantagonisten seltener.
- Kinder: Bei Kindern ist die Dosierung von Antiemetika besonders wichtig. Einige Antiemetika sind für Kinder nicht geeignet.
- Ältere Menschen: Ältere Menschen reagieren oft empfindlicher auf die Nebenwirkungen von Antiemetika.
Ursachen von Übelkeit und Erbrechen
Übelkeit und Erbrechen können vielfältige Ursachen haben:
- Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts: Infektionen, chronische Erkrankungen, Vergiftungen (Alkohol, Pilze, Zytostatika)
- Stoffwechselerkrankungen: Urikämie, Lebererkrankungen, Blutzuckerschwankungen
- Erkrankungen und Verletzungen des Gehirns: Tumore, intrazerebrale Druckerhöhung, Hirnhautentzündung, Migräne
- Psychische Ursachen: Ekel, Essstörungen (Anorexia nervosa, Bulimia nervosa)
- Schwangerschaft: Emesis gravidarum (Schwangerschaftserbrechen), Hyperemesis gravidarum
- Chemotherapie: Chemotherapie-induzierte Übelkeit und Erbrechen (CINV)
- Narkose: Postoperative Übelkeit und Erbrechen (PONV)
Postoperative Übelkeit und Erbrechen (PONV)
PONV ist eine häufige Komplikation nach Narkosen. Risikofaktoren für PONV sind unter anderem weibliches Geschlecht, junges Alter, Nichtraucherstatus, frühere PONV oder Reisekrankheit, die Art der Operation und die verwendeten Anästhetika (Opiate, Inhalationsanästhetika). Zur Prävention von PONV werden häufig Glukokortikoide (z.B. Dexamethason) und Serotoninantagonisten eingesetzt.
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Empathische Pflege bei Übelkeit und Erbrechen
Übelkeit und Erbrechen sind nicht nur körperlich, sondern auch psychisch belastend. Eine empathische Pflege ist daher besonders wichtig:
- Oberkörperhochlagerung: Erleichtert das Atmen und reduziert das Risiko der Aspiration.
- Abschirmung des Patienten: Schützt die Privatsphäre und reduziert Schamgefühle.
- Brechbeutel: Sind hygienischer und praktischer als Nierenschalen.
- Zügige Beseitigung von Erbrochenem: Verhindert die Ausbreitung von Gerüchen, die Übelkeit verstärken können.
- Vermeidung intensiver Gerüche: Parfums und andere stark duftende Substanzen können Übelkeit auslösen.
- Ehrlicher Umgang mit der Situation: Beschwichtigungen wirken oft unehrlich und verstärken die Hilflosigkeit des Patienten.
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