Epilepsie ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen, von der in Deutschland etwa 800.000 Menschen betroffen sind. Die Behandlung von Epilepsie zielt darauf ab, Anfälle zu kontrollieren und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Dabei ist ein individueller und umfassender Ansatz entscheidend, der sowohl medizinische als auch psychologische, soziale und emotionale Faktoren berücksichtigt.
Medikamentöse Therapie: Anfallssuppressiva im Fokus
Die medikamentöse Therapie mit Anfallssuppressiva (auch bekannt als Antiepileptika oder Antikonvulsiva) ist die häufigste Behandlungsmethode bei Epilepsie. Diese Medikamente wirken, indem sie die übermäßige Aktivität von Nervenzellen im Gehirn hemmen und so das Risiko von Anfällen reduzieren. Sie heilen jedoch nicht die Ursachen der Epilepsie.
Auswahl des geeigneten Medikaments
Die Auswahl des geeigneten Medikaments hängt von verschiedenen Faktoren ab, darunter die Epilepsieform, die Art der Anfälle, das Alter des Patienten, Begleiterkrankungen und mögliche Nebenwirkungen. Es gibt eine Vielzahl von Wirkstoffen, die je nach Verträglichkeit, Alter und Form der Epilepsie als Mono- oder Kombinationstherapie verabreicht werden können. Gängige Substanzen bei Epilepsie sind Carbamazepin, Gabapentin, Lamotrigin, Levetiracetam und Valproinsäure.
In der Regel beginnt die Behandlung mit einem einzelnen Wirkstoff in niedriger Dosierung (Monotherapie). Reicht dies nicht aus, wird die Dosis gesteigert oder ein anderer Wirkstoff eingesetzt. Häufig müssen mehrere Medikamente ausprobiert werden, um das wirksamste und verträglichste Medikament zu finden.
Ziele der medikamentösen Therapie
Das Ziel der medikamentösen Behandlung ist es, Anfälle zu verhindern oder zumindest ihre Anzahl zu verringern. Bei etwa 50 % der Menschen mit Epilepsie wird bereits mit dem ersten Medikament Anfallsfreiheit erreicht, mit dem zweiten Medikament weitere 10-15 %. Insgesamt treten bei etwa 7 von 10 Menschen mit Epilepsie keine Anfälle mehr auf, wenn sie Medikamente einnehmen.
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Regelmäßige Einnahme und Anfallskalender
Damit die Medikamente richtig wirken, müssen sie regelmäßig und dauerhaft eingenommen werden. Es ist ratsam, eine Routine zu entwickeln und die Medikamente beispielsweise vor dem Frühstück und dem Abendessen einzunehmen. Ein Anfallskalender kann helfen, den Krankheitsverlauf zu dokumentieren und die Wirksamkeit der Medikamente zu beurteilen.
Nebenwirkungen und Wechselwirkungen
Antiepileptika können Nebenwirkungen haben, die von Müdigkeit und Schwindel bis hin zu Übelkeit und Hautausschlag reichen. Oft sind diese Beschwerden leicht und gehen nach einiger Zeit vorüber. Es ist wichtig, Nebenwirkungen mit dem behandelnden Arzt zu besprechen. Auch Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten sind möglich.
Absetzen der Medikamente
Wer mehrere Jahre anfallsfrei war, kann unter Umständen die Medikamente absetzen. Dies sollte jedoch immer in Absprache mit dem Arzt erfolgen und die Dosis schrittweise über mehrere Monate reduziert werden. Das Risiko für einen Rückfall hängt von verschiedenen Faktoren ab, darunter die Ursache der Epilepsie und das Ergebnis einer Hirnstrommessung (EEG).
Epilepsiechirurgie: Wenn Medikamente nicht ausreichen
Wenn die medikamentöse Therapie nicht ausreichend wirksam ist, kann eine Operation in Betracht gezogen werden. Die Epilepsiechirurgie umfasst verschiedene Methoden, die je nach Ursache und Lokalisation der Epilepsie eingesetzt werden.
Voraussetzungen für eine Operation
Eine Operation kommt nur in Frage, wenn der epileptische Herd genau eingrenzbar ist, es sich nur um einen einzigen Herd handelt (Unifokalität) und dieser nicht in funktionell bedeutsamen Hirnarealen liegt. Zudem muss der Fokus für den Neurochirurgen erreichbar sein.
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Resektionsverfahren
Bei diesem Verfahren wird epileptogenes Gewebe aus dem Gehirn entfernt. Ziel ist es, eine vollständige Anfallsfreiheit zu erreichen. Um bei möglichst geringen Gewebsentfernungen den bestmöglichen therapeutischen Nutzen zu erzielen, werden sogenannte Tailored Resections (maßgeschneiderte Resektionen) durchgeführt. Dabei wird während der Operation das Ausmaß der Gewebsentfernung durch EEG-Ableitungen am offenen Gehirn (Elektrocorticographie, ECOG) festgelegt.
Diskonnektionsverfahren
Die Unterbrechungsverfahren werden eingesetzt, wenn eine Resektion nicht möglich ist. Ihre Wirkung beruht darauf, dass die Ausbreitung der epileptischen Erregung im Gehirn durch eine gezielte Durchtrennung von Nervenbahnen unterbrochen wird.
Bei der Multiplen Subpialen Transsektion (MST) durchtrennt man direkt unter der Hirnhaut liegende nervale Leitungsbahnen. Sie kommt z. B. bei Herden im Bereich funktionell wichtiger Hirnzentren zum Einsatz.
Eine Callosotomie (Balkendurchtrennung) stellt eine tiefer im Hirn gelegene Durchtrennung von Nervenfasern dar.
Vagusstimulation
Bei der Vagusnerv-Stimulation wird ein Schrittmacher an der Brust unter die Haut implantiert, der elektrische Impulse abgibt. Er ist über Kontakte am Halsbereich mit dem Vagusnerv verbunden. Der Nerv leitet die Impulse ins Gehirn und soll so die Überaktivität hemmen.
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Interdisziplinäre Zusammenarbeit
Die Entscheidung über die Anwendung epilepsiechirurgischer Therapieverfahren wird in einer interdisziplinären Konferenz zwischen Neurologen, Neuropsychologen, Neurochirurgen, Nuklearmedizinern, Neuroradiologen und Neuropathologen sorgfältig abgewogen.
Ergänzende Therapien und Maßnahmen
Neben der medikamentösen und chirurgischen Behandlung gibt es verschiedene ergänzende Therapien und Maßnahmen, die die Behandlung unterstützen können.
Ketogene Diät
Die ketogene Diät ist eine fettreiche, kohlenhydratreduzierte Ernährung, die bei manchen Menschen mit Epilepsie die Anzahl der Anfälle verringern kann.
Verhaltensorientierte Strategien
Verhaltensorientierte Strategien können helfen, die Krankheit besser zu verarbeiten, zu akzeptieren und mit ihr umzugehen. Durch die psychische Entlastung kann es zu einer deutlichen Verbesserung der Anfallssituation kommen.
Anfallsunterbrechung
Manche Menschen können Anfälle durch bestimmte Maßnahmen unterbrechen, z. B. durch Reiben der betroffenen Körperstelle bei einem „epileptischen Kribbeln“ oder durch Einnahme einer Prise Salz bei einem komischen Geschmack im Mund.
Patientenschulungen
Patientenschulungen (Psychoedukation) sollen Betroffenen helfen, ihre Krankheit zu verstehen, um mit den Einschränkungen im Alltag besser zurechtzukommen.
Epilepsie und besondere Lebenssituationen
Epilepsie und Schwangerschaft
Frauen mit Kinderwunsch fragen sich häufig, ob eine Schwangerschaft trotz Epilepsie möglich ist. Die meisten Frauen mit Epilepsie bringen gesunde Kinder zur Welt. Wichtig ist, sich rechtzeitig ärztlich beraten zu lassen und sich auf eine Schwangerschaft vorzubereiten.
Epilepsie im höheren Lebensalter
Ein Drittel der Menschen mit Epilepsie erkrankt erst nach dem 60. Lebensjahr. Ältere Menschen sind oft anfälliger für Nebenwirkungen von Medikamenten. Daher ist es besonders wichtig, am besten nur ein Epilepsie-Medikament in möglichst niedriger Dosis einzunehmen.
Epilepsie und geistige Behinderung
Menschen mit geistiger Behinderung haben häufiger Epilepsie. Die Diagnose und Behandlung kann erschwert sein, da es schwierig sein kann, mit den Betroffenen über ihre Epilepsie zu sprechen und Verhaltensauffälligkeiten von epileptischen Anfällen zu unterscheiden.
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