Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederholte, unprovozierte Anfälle gekennzeichnet ist, die durch plötzliche, abnormale elektrische Aktivität im Gehirn verursacht werden. Diese Aktivität kann sich auf unterschiedliche Weise manifestieren, was zu einer Vielzahl von Anfallsformen führt, die von subtilen Veränderungen der Wahrnehmung oder des Verhaltens bis hin zu dramatischen Muskelkrämpfen und Bewusstseinsverlust reichen. Emotionale und sensorische Anfälle stellen besondere Herausforderungen in Bezug auf Diagnose und Behandlung dar, da ihre Symptome oft schwer zu erkennen und von anderen neurologischen oder psychischen Erkrankungen zu unterscheiden sind.
Grundlagen der Epilepsie
Ein epileptischer Anfall ist definiert als ein vorübergehendes Auftreten von Symptomen aufgrund einer pathologisch exzessiven und/oder synchronisierten neuronalen Aktivität im Gehirn. Die klinischen Ausfälle hängen davon ab, welche Funktion die beteiligten Nervenzellen normalerweise besitzen. Prinzipiell unterscheidet man zwischen unprovozierten und provozierten Anfällen. Das isolierte Auftreten eines epileptischen Anfalls ohne weitere richtungsweisende Befunde rechtfertigt nicht die Diagnose eines Anfallsleidens. Die Diagnose einer Epilepsie kann dann gestellt werden, wenn mindestens ein epileptischer Anfall aufgetreten ist und Befunde vorliegen, die auf die Prädisposition für weitere epileptische Anfälle hinweisen, z. B. epilepsietypische Potenziale im Elektroenzephalogramm und/oder zum Anfallsereignis passende strukturelle Läsionen in der Bildgebung.
Die Internationale Liga gegen Epilepsie (ILAE) hat die Klassifikation der Epilepsien aktualisiert, um das Verständnis der Epilepsien und ihrer zugrunde liegenden Mechanismen nach den großen wissenschaftlichen Fortschritten neu zu reflektieren. Die aktuelle Klassifikation der epileptischen Anfälle der ILAE bedient sich zwar der grundlegenden Struktur der Version von 1981 insofern, als weiterhin zwischen fokalen, generalisierten und in ihrem Beginn unklaren Anfallstypen unterschieden wird. Im Unterschied zur bisherigen Klassifikation von 1981 ermöglicht die neue Klassifikation aber eine flexiblere Beschreibung der Anfälle.
Emotionale Anfälle
Emotionale Anfälle sind eine Form von fokalen Anfällen, die ihren Ursprung in bestimmten Bereichen des Gehirns haben, die für die Verarbeitung von Emotionen verantwortlich sind. Diese Anfälle können sich in einer Vielzahl von emotionalen Symptomen äußern, darunter:
- Plötzliche Angst oder Panik: Ein Gefühl überwältigender Angst oder Panik, das ohne ersichtlichen Grund auftritt.
- Unkontrollierbares Lachen oder Weinen: Anfälle von Lachen (gelastische Anfälle) oder Weinen (dakrystische Anfälle), die unpassend oder übertrieben wirken.
- Wut oder Aggression: Plötzliche Ausbrüche von Wut, Reizbarkeit oder Aggression.
- Stimmungsschwankungen: Schnelle und unerklärliche Veränderungen der Stimmung.
- Gefühle der Depersonalisation oder Derealisation: Das Gefühl, sich selbst fremd zu sein (Depersonalisation) oder die Umgebung als unwirklich wahrzunehmen (Derealisation).
Ein Beispiel für einen emotionalen Anfall ist der gelastische Anfall, der durch unwillkürliches Lachen oder Kichern ohne entsprechenden emotionalen Kontext gekennzeichnet ist. Diese Anfälle werden oft mit Tumoren oder Läsionen im Hypothalamus in Verbindung gebracht.
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Sensorische Anfälle
Sensorische Anfälle sind ebenfalls fokale Anfälle, die die sensorischen Bereiche des Gehirns betreffen. Diese Anfälle können zu Veränderungen in der Wahrnehmung von Sinnesreizen führen, wie zum Beispiel:
- Visuelle Halluzinationen: Sehen von Lichtern, Formen oder Bildern, die nicht vorhanden sind.
- Auditive Halluzinationen: Hören von Geräuschen, Stimmen oder Musik, die nicht vorhanden sind.
- Olfaktorische Halluzinationen: Wahrnehmen von Gerüchen, die nicht vorhanden sind oder unangenehm sind.
- Gustatorische Halluzinationen: Schmecken von Geschmäckern, die nicht vorhanden sind.
- Somatosensorische Halluzinationen: Fühlen von Kribbeln, Taubheit, Schmerzen oder anderen ungewöhnlichen Empfindungen auf der Haut.
- Schwindel oder Drehschwindel: Das Gefühl, sich zu drehen oder zu fallen.
Ein Beispiel für einen sensorischen Anfall ist das Sehen von Blitzen oder farbigen Mustern, was auf eine epileptische Aktivität im visuellen Kortex hindeuten kann.
Ursachen emotionaler und sensorischer Anfälle
Emotionale und sensorische Anfälle können durch eine Vielzahl von Faktoren verursacht werden, darunter:
- Strukturelle Läsionen im Gehirn: Tumore, Narbengewebe, vaskuläre Malformationen oder andere Anomalien in den Bereichen des Gehirns, die für Emotionen und sensorische Verarbeitung verantwortlich sind.
- Genetische Faktoren: Einige genetische Mutationen können das Risiko für die Entwicklung von Epilepsie erhöhen, einschließlich Formen, die sich in emotionalen oder sensorischen Anfällen äußern.
- Infektionen: Hirnhautentzündungen oder andere Infektionen des Gehirns können zu strukturellen Veränderungen führen, die epileptische Anfälle auslösen.
- Traumatische Hirnverletzungen: Kopfverletzungen können das Gehirn schädigen und das Risiko für die Entwicklung von Epilepsie erhöhen.
- Stoffwechselstörungen: Ungleichgewichte im Stoffwechsel, wie z. B. niedriger Blutzucker oder Elektrolytstörungen, können epileptische Anfälle auslösen.
- Unbekannte Ursachen: In vielen Fällen kann die genaue Ursache von emotionalen und sensorischen Anfällen nicht festgestellt werden.
Diagnose
Die Diagnose von emotionalen und sensorischen Anfällen kann eine Herausforderung sein, da die Symptome oft subtil und schwer zu erkennen sind. Ein umfassender diagnostischer Ansatz umfasst in der Regel:
- Anamnese: Eine detaillierte Beschreibung der Anfallssymptome, einschließlich der Art der Emotionen oder sensorischen Erfahrungen, der Dauer der Anfälle und der Häufigkeit des Auftretens.
- Neurologische Untersuchung: Eine Untersuchung der neurologischen Funktion, um möglicheDefizite oder Anomalien festzustellen.
- EEG (Elektroenzephalogramm): Eine Aufzeichnung der elektrischen Aktivität des Gehirns, um epileptiforme Entladungen zu identifizieren.
- Bildgebung des Gehirns: MRT (Magnetresonanztomographie) oder CT (Computertomographie), um strukturelle Läsionen im Gehirn zu identifizieren.
- Video-EEG-Monitoring: Eine Kombination aus Videoaufzeichnung und EEG-Monitoring, um Anfälle aufzuzeichnen und die zugehörigen EEG-Veränderungen zu identifizieren.
- Neuropsychologische Tests: Tests zur Bewertung der kognitiven Funktion und zur Identifizierung von spezifischen Defiziten, die mit den Anfällen in Verbindung stehen könnten.
Behandlung
Die Behandlung von emotionalen und sensorischen Anfällen zielt in erster Linie darauf ab, die Anfallshäufigkeit zu reduzieren und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Zu den gängigen Behandlungsoptionen gehören:
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- Antiepileptische Medikamente (AEDs): Medikamente, die die elektrische Aktivität des Gehirns stabilisieren und die Anfallshäufigkeit reduzieren. Die Wahl des AED hängt von der Art der Anfälle, dem Alter des Patienten und anderen individuellen Faktoren ab.
- Chirurgie: In Fällen, in denen AEDs nicht wirksam sind oder wenn eine strukturelle Läsion im Gehirn identifiziert wird, kann eine Operation eine Option sein, um den Anfallsfokus zu entfernen oder zu isolieren.
- Vagusnervstimulation (VNS): Eine Therapie, bei der ein kleines Gerät unter die Haut im Brustbereich implantiert wird, das elektrische Impulse an den Vagusnerv sendet. VNS kann helfen, die Anfallshäufigkeit bei einigen Patienten zu reduzieren.
- Ketogene Diät: Eine spezielle Diät, die reich an Fett und arm an Kohlenhydraten ist. Die ketogene Diät kann bei einigen Kindern mit Epilepsie wirksam sein, insbesondere bei solchen, die auf AEDs nicht ansprechen.
- Psychotherapie: Psychotherapie kann helfen, die emotionalen und psychologischen Auswirkungen von Epilepsie zu bewältigen, wie z. B. Angst, Depressionen und soziale Isolation.
Fallbeispiele
Die folgenden Fallbeispiele verdeutlichen die Vielfalt der Ursachen und Verläufe von emotionalen und sensorischen Anfällen:
- Fall 1: Ein 26-jähriger Patient berichtet über seit 7 Jahren bestehende Epilepsie, die durch Absencen gekennzeichnet ist, allenfalls geringe orale Automatismen, Dauer etwa 40 Sekunden. Auf konkrete Nachfrage berichtet der Patient ein Vorgefühl direkt vor der Abwesenheit, er kann dies nicht gut in eigene Worte fassen, es handelt sich aber am ehesten um ein Druckgefühl in der Magengegend. Bei pharmakoresistenter fokaler Epilepsie unterzog sich der Patient der prächirurgischen Diagnostik, das Video-EEG-Monitoring erfolgte zunächst mit Oberflächen-Elektroden. Bei den drei aufgezeichneten und für den Patienten typischen Anfällen zeigte sich ein Anfallsmuster links temporo-anterior. Mit Hilfe subduraler Streifen- und Plattenelektroden konnte ein umschriebener Anfallsbeginn im Bereich des linken Hippokampus gesehen werden.
- Fall 2: Eine 83-jährige Patientin erlitt ihre ersten beiden fokalen Anfälle mit Bewusstseinsstörung. Im cCT zeigte sich eine moderate vaskuläre Leukenzephalopathie. Der Patientin wurde das Anfallssuppressivum Valproinsäure gegeben, die Dosis wurde schrittweise auf 1.200 mg pro Tag erhöht. Der Familie fiel dann zeitnah auf, dass die Patientin deutlich verlangsamt und mnestisch eingeschränkt war. Unter der Annahme einer Valproat-Enzephalopathie wurde die anfallssuppressive Therapie auf Lacosamid umgestellt.
- Fall 3: Ein 16-jähriger Patient leidet seit dem 3. Lebensjahr an einer fokalen Epilepsie mit Schlaf-gebundenen hypermotorischen Anfällen. Er wacht - mitunter mehrfach pro Nacht - mit ausgeprägten bilateralen, aber asymmetrischen Bewegungen auf.
Wichtige Aspekte im Umgang mit Epilepsie
- Erste Hilfe bei Anfällen: Es ist entscheidend, dass Angehörige und Betreuer wissen, wie man schnell und präzise Erste Hilfe während eines Anfalls leistet.
- Vorboten und Auslöser: Gelegentlich kündigen sich Anfälle durch Anzeichen wie Kopfschmerzen, Schwindel oder Stimmungsschwankungen an. Es ist wichtig, potenzielle Auslöser zu identifizieren und zu vermeiden.
- Medikamentöse Therapie: Eine konsequente Einnahme der Medikamente ist wichtig, um das Risiko für plötzliche Anfälle zu reduzieren.
- Lebensqualität: Epilepsie kann vielfältige Auswirkungen auf das Alltagsleben haben. Es ist wichtig, diese in der Behandlung zu berücksichtigen.
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