Die Thematik der Epilepsie in Verbindung mit Exorzismus und vermeintlicher Besessenheit ist ein komplexes Feld, das medizinische, religiöse und historische Aspekte vereint. Dieser Artikel beleuchtet Fallbeispiele, historische Deutungen und die Entwicklung des Exorzismus im Kontext von Epilepsieerkrankungen.
Einführung
Die Interpretation von Krankheitszuständen als "dämonische Besessenheit" hat eine lange Tradition. Insbesondere bei neurologischen Erkrankungen wie Epilepsie kam es in der Vergangenheit häufig zu solchen Deutungen. Der vorliegende Artikel untersucht diese Zusammenhänge anhand von Fallbeispielen und analysiert die historischen Hintergründe.
Retrospektive Diagnostik und historisch-relationierende Symptomatologie
Bis ins späte 20. Jahrhundert galt die "retrospektive Diagnose" als eine "Königsdisziplin" der Medizingeschichte. Seither ist dieser Typus von Fragestellung durch kulturwissenschaftlich orientierte Forschungsprogramme massiv in Kritik geraten. Es ist zwar richtig, dass die traditionelle Medizinhistoriographie in Unternehmungen zur Eruierung "eigentlicher" Krankheits- und Todesursachen häufig ahistorisch vorging und schon aufgrund fehlender Kompetenzen zu Interpretationen von historischem Schriftgut oftmals Fehlinterpretationen und Überschätzungen der Reliabilität und Validität ihrer Befunde unterlag, ganz abgesehen vom vergleichsweise geringen Erkenntniswert von retrospektiven Individualdiagnosen, im Vergleich zu einem systematischen Nachvollzug der zeitgenössischen Deutungen, einschließlich der Bedingungen ihres Zustandekommens und ihrer jeweiligen Folgen. Allerdings stößt die Forschung oftmals auf konkurrierende Thesen schon innerhalb zeitgenössischer Diskurse, und dann liegt es - selbst für in epistemologischer Bescheidenheit geübte Forscher*innen - doch nahe, nach der richtige(re)n Deutung zumindest einmal zu fragen.
Schon um 1600 gab es zur „Besessenheit“ drei Deutungsmuster: Dämon, Betrug und Krankheit.
Demgemäß erscheint es als eine überzogene Reaktion auf frühere Defizite der Forschungsmethodik, das grundsätzliche Anliegen retrospektiver Diagnostik - die Erhellung von Krankheitserscheinungen unter Zuhilfenahme gegenwärtiger medikaler Terminologien, Kenntnisse und/oder Methoden - insgesamt als illegitim diskreditieren zu wollen. Denn Geschichtsforschung hat, wenn sie überhaupt einen spezifischen Inhalt haben soll, unvermeidlich eine translatorische Komponente.
Lesen Sie auch: Kann ein Anfall tödlich sein?
Berechtigt erscheint aber die Mahnung, epistemologische und methodologische Schwierigkeiten derartiger Unterfangen nicht aus den Augen zu verlieren - und solche Limitationen klar zu kommunizieren. Hierzu zählt der Hinweis, dass schon zeitgenössische und gegenwärtige Begriffe zumindest konnotativ unvermeidlich divergieren. Das „retrospektiver Diagnostik“ zugrunde liegende Erkenntnisinteresse könnte aber mittels eines als „historisch-relationierende“ Symptomatologie bezeichenbaren Forschungsprogrammes fortgesetzt werden: Die zeitgenössischen Interpretationen von Krankheitserscheinungen sind zentraler Referenzrahmen, welchem dann mögliche heutige Interpretationen vergleichend gegenübergestellt werden - nicht um am Ende eine, absolut „richtige“ Diagnose stellen zu können, sondern um durch sichtbar werdende Divergenzen neue Erkenntnisse zu gewinnen.
Der Fall Maria Eichhorn (1599): Katatonie oder Besessenheit?
Ausgehend von der Fragestellung nach Möglichkeiten und Grenzen „retrospektiver Diagnostik“ wird das Fallbeispiel der zeitgenössisch als „dämonische Besessenheit“ interpretierten Erkrankung der Maria Eichhorn im Jahre 1599 präsentiert. Die in einer handschriftlichen Darstellung eines der beteiligten Exorzisten geschilderte Symptomatik wäre in moderner psychopathologischer Terminologie wohl als „katatones Syndrom“ zu fassen.
Die 1599 vorgefallene, spektakuläre Erkrankung der Maria Eichhorn, einer erst kurz zuvor zur Heirat mit einem hochrangigen steirischen Beamten nach Graz migrierten Italienerin aus patrizischer Familie. Der Fall ist historisch nur in einer einzigen Quelle dokumentiert (was zu besonderer interpretativer Vorsicht Anlass gibt), und zwar in einem Manuskript mit dem Titel „Beschreibung außgetriebener bösser Geister …“. Verfasser des 1609 fertiggestellten Textes war Paulus Knorr von Rosenrodt (ca. 1569-1639), erster Hofkaplan Erzherzogs Ferdinand II.
Zweck der Darstellung war, wie ausdrücklich betont, die öffentliche Bekanntmachung der „guette(n) geistliche(n) und heilige(n) Werkh“ des Herrschers zur höheren Glorie Gottes und der katholischen Kirche. Auch das ist für die Deutung hoch bedeutsam - ungeachtet des Umstandes, dass die Handschrift nicht, wie vom Autor beabsichtigt, zur Vorlage eines Druckwerkes wurde, sondern für über 400 Jahre im Archiv der Diözese Graz „verschwand“.
Knorr behandelt in seinem Text zwei Fälle von „Besessenheit“ und einen Fall von „Umsessenheit“. Alle drei „Krankengeschichten“ enden erwartungsgemäß mit der erfolgreichen Austreibung der „Dämonen“ qua Exorzismen durch die von den Leidenden selbst bzw. ihren Familien um Hilfe gebetenen katholischen Geistlichen. Die propagandistische Intention des Werkes ist offensichtlich und wird vom Autor selbst als legitim betrachtet - was für ihn aber offenbar nicht gegen die Glaubwürdigkeit seines Berichts sprach, jedenfalls nicht beim avisierten „Zielpublikum“, das wohl klar im „katholischen Lager“ zu verorten ist. Seine Ausführungen erscheinen in hohem Maß von den einschlägigen Lehren der katholischen Kirche geprägt, und die Intention zur „Verherrlichung“ derselben hatte sicherlich auf Auswahl, Anordnung, Akzentuierung und Ausgestaltung des Mitgeteilten ebenso Einfluss wie auf Auslassungen. Zugleich ergab die kontextualisierende Analyse des Textes, zusammen mit den wenigen bekannten, unabhängigen Quellen (die sich nicht auf den Fall Maria Eichhorn, sondern die beiden anderen beziehen) keineswegs das Bild eines gezielt Ereignisse fingierenden Textes; der Autor berichtet vielmehr wohl, was ihm subjektiv als wahrhaftige Wiedergabe realer Ereignisse erscheint - freilich durchgängig verbunden mit einer spezifischen, im eigenen Verständnis wohl ebenso „unzweifelhaft wahren“ religiösen Deutung.
Lesen Sie auch: Cortison-Therapie bei Epilepsie im Detail
Dies schließt die Darstellung von Unsicherheiten in seiner eigenen Beurteilung sowie von Konflikten über Deutungen und Handlungen zwischen den beteiligten Akteuren - selbst unter den involvierten Exorzisten - keineswegs aus.
Tatsächlich lässt die sogenannte „dämonische Besessenheit“ in der christlichen Tradition ein spezifisches Charakteristikum erkennen, welches als „epistemische Prekarität“ bezeichnet werden könnte: Ob in einem konkreten Krankheitsfall eine „echte“ Besessenheit vorlag, war seit der exorzistischen Tätigkeit Jesu häufig umstritten. Dies nimmt an sich nicht Wunder, ist ein konkretes „irdisches“ Wirken eines (grundsätzlich „übersinnlichen“) Dämons qua definitionem, auch nach kirchlicher Lehre, nicht unmittelbar und zweifelsfrei „fassbar“, sondern muss über ein komplexes, im exorzistischen Ritus festgelegtes Verfahren performativ plausibilisiert werden.
Dabei standen - und stehen - neben einer Anerkennung als „echte“ Besessenheit stets zwei andere Erklärungsmuster für das Vorliegen von Besessenheitssymptomen zur Verfügung: bewusster Betrug und natürliche Krankheit.
Ist in der biblischen Tradition die Zahl der bösen Engel, welche ihre menschlichen Opfer „in Besitz nehmen“ können, „Legion“, so kann mittlerweile fast Ähnliches für jene Menge von Krankheitsbezeichnungen behauptet werden, welche als empirische Deutungsmöglichkeiten von „Besessenheit“ ins Spiel gebracht wurden. Dieser Umstand sollte aber nicht einfach nur als Resultat von Kompetenzdefiziten bzw. als Ausfluss der historischen Wandelbarkeit nosologischer Klassifikationsschemata betrachtet werden (obwohl Letzteres eine Teilerklärung darstellt); vielmehr erweist sich das Feld von Erscheinungen, welche gemäß den kirchlichen Lehren als mehr oder weniger zuverlässige Anzeichen von dämonischer Besessenheit gedeutet werden können, als ausgesprochen weit. Wenn Charcot und Freud um 1900 in Besessenen Hysterikerinnen erblickten, Macalpine und Hunter in den 1950ern dagegen für einen historischen Fall Schizophrenie, andere wiederum oftmals Epilepsie ins Treffen führten, so hatten sie wahrscheinlich alle zu einem gewissen Grad recht - nämlich bezogen auf bestimmte Patientinnen- und Patienten(gruppen). Irrig dagegen sind Postulate (u. a. auch vom frühen Freud), mit der je eigenen Diagnosestellung die psychopathologisch richtige Deutung von Besessenheitsphänomenen schlechthin gefunden zu haben.
Exorzismus: Ein historischer Überblick
Exorzismen, auch Teufelsaustreibungen genannt, erlangten spätestens mit der Veröffentlichung des Horror-Klassikers „Der Exorzist“ (1973) eine größere Bekanntheit. Die religiöse Praxis gibt es allerdings schon weitaus länger und geht bis in die Antike zurück. Die Frage, ob es Dämonen wirklich gibt und Menschen von diesen „besessen“ sein können, spaltet bis heute die Menschheit. Allerdings werden in den Medien immer wieder Fälle publik, die von angeblich echten Exorzismen berichten.
Lesen Sie auch: Ein umfassender Leitfaden zur idiopathischen generalisierten Epilepsie
Exorzismus im Mittelalter
Dämonen galten im Mittelalter als alltägliche Bedrohung. Im Mittelalter war der Glaube weit verbreitet, Krankheit und Tod werde durch Dämonen verursacht. Da zu dieser Zeit schon eine für unsere Zeit harmlose Erkältung eine ernsthafte Bedrohung darstellte, existierte ein sog. Gebrauchsexorzismus, der von Halbtheologen, Badern und Kräuterfrauen angewandt wurde. Ein gewisser Agrippa von Nettesheim empfahl zum Beispiel magische Rituale um Krankheiten zu heilen oder ihnen vorzubeugen. Zum Beispiel sollte man bei Fieber Fingernagelreste des Kranken in ein Tuch wickeln, dieses einem frisch gefangenen Aal um den Hals binden und ihn daraufhin wieder ins Wasser werfen, oder ganz einfach ein vom Blitz getroffenes Stück Holz mit beiden Händen hinter sich werfen. Bei Ohrendrüsengeschwülsten sollte die bloße Berührung der Hand eines zu früh gestorbenen Wunder wirken und gegen Ohrendrüsengeschwülste sollte es helfen, einem Frosch ins Maul zu speien und ihn einen Baum hochklettern zu lassen. Mit dem von der kath. Kirche legitimierten Exorzismus haben diese Rituale allerdings nichts mehr zu tun ( was die Kirche damals mit unzähligen Hinrichtungen bestrafte).
Die Rolle der Kirche
Nach geltendem Kirchenrecht dürfen nur speziell vom Ortsbischof beauftragte Priester Exorzismusgebete über besessene Personen sprechen, um sie zu befreien. Diese Priester müssen einen einwandfreien Lebenswandel führen, über Wissen verfügen und barmherzig sein. Das aus dem Jahr 1614 stammende Ritual war vor sechs Jahren nach 385 Jahren von der vatikanischen Liturgiekongregation überarbeitet und mit strengen Auflagen versehen worden. Bei dem "Rituale Romanum" handelt es sich um eine Art Betriebsanleitung für Teufelsaustreibungen. Fester Bestandteil ist eine Anrufung Gottes um Hilfe, zusätzlich kann auch ein Befehl an den Teufel ausgesprochen werden, den Betroffenen zu verlassen. Das "Rituale Romanum" gibt dabei auch Auskunft über die besonderen Anzeichen, die auf die Anwesenheit des Teufels hinweisen. Dass es keine Zweifel an der Existenz des Teufels gebe, machte der Papst bereits in seiner Zeit als Präfekt der Glaubenskongregation klar: Der Teufel sei "eine mysteriöse, aber reale, personale und nicht symbolische Präsenz", wurde Joseph Ratzinger vom deutschen Sender MDR zitiert. Bereits sein Vorgänger, Papst Johannes Paul II unterstützte den Exorzismus. Er benannte mehr offizielle Exorzisten als die meisten Päpste vor ihm.
Moderne Entwicklungen
Nach 385 Jahren hat der Vatikan endlich das römische Ritual zur Teufelsaustreibung überarbeitet. Heute dürfen nur ausgebildete Priester und der Papst einen Exorzismus durchführen, und auch nur dann, wenn von Ärzten ausgeschlossen wurde, dass der „Besessene“ nicht unter psychischen Störungen ( z.B. Schizophrenie) oder psychischen Krankheiten, wie z.B. Epilepsie leidet. Außerdem dürfen Exorzismen nur im Beisein von mindestens einem Arzt durchgeführt werden. Mittlerweile kann sich jeder Priester, der für geeignet befunden wird, zum Exorzisten ausbilden lassen. An der römischen „Regina- Apostolorum“-Hochschule hat im Februar beispielsweise ein achtwöchiger Kurs für 180 Euro begonnen, in dem sich ausschließlich Priester sowie Theologiestudenten in höheren Semestern ausbilden lassen können. Der Kurs befasst sich aus soziologischer, pastoraler, medizinischer, rechtlicher sowie liturgischer Sicht mit dem Phänomen Exorzismus.
Der Fall Anneliese Michel: Ein tragisches Beispiel
Der bekannteste Fall einer Teufelsaustreibung fand vor 40 Jahren in Klingenberg am Main statt. In dem beschaulichen Städtchen im Landkreis Miltenberg lebte und starb unter tragischen Umständen Anneliese Michel. Die epilepsiekranke Pädagogikstudentin glaubte, von Dämonen besessen zu sein. Ihr Tod 1976 sorgte weltweit für Schlagzeilen. Etliche Bücher befassten sich mit ihrem Fall, Kinofilme spielten auf ihr Leben und Sterben an. Seither ist ihr Name mit dem umstrittenen Ritual der katholischen Kirche verbunden: mit dem Exorzismus.
Annelieses Leben und Leidensweg
Anneliese Michel wurde am 21.9.1952 in Leiblfing bei Straubing in Niederbayern geboren. Sie entstammt einem streng katholischen Elternhaus. Ihr Vater Josef Michel sollte eigentlich nach Wunsch seiner Mutter Priester werden und drei ihrer Tanten sind Nonnen. Annelieses Mutter bringt in die Ehe ein uneheliches Mädchen namens Martha mit. Martha wurde gezeugt und geboren als sie schon mit Josef Michel verlobt war. Der wahrscheinliche Vater ist ein Priester. Martha stirbt im Alter von 12 Jahren an einem Nierentumor. Als uneheliches Kind bekommt Martha keinen Platz im Familiengrab der Michels. Da die uneheliche Zeugung Marthas als schwere Sünde angesehen wird darf Annelieses Mutter Josef Michel nicht in weiß heiraten sondern muss einen schwarzen Schleier tragen. Anneliese wird als erstes eheliches Kind geboren und ist somit eine Art „Sühnenopfer“. Anneliese ist eine Namenskombination aus den beiden Kirchenheiligen Anna ( die Mutter Marias) und Elisabeth ( die Mutter Johannes des Täufers). Anneliese hat drei jüngere Geschwister Gertraud (1954), Barbara(1956) und Roswitha ( 1957). Als Jugendliche besucht Anneliese das Karl- Theodor- von- Dalberg-Gymnasium im nahegelegenen Aschaffenburg. Dort gilt sie als hochintelligent, fällt jedoch dort bereits durch nervliche Probleme auf. Im Gegensatz zu ihren Altersgenossinnen geht sie mehrmals wöchentlich zur Messe, betet regelmäßig Rosenkränze und versucht noch mehr als das zu tun, was die Kirche von ihren Gläubigen verlangt, wie z.B: Annelise schläft auf dem Fußboden zur „Sühne“ für Rauschgiftsüchtige, die sie am Bahnhof beobachtet hat. Im Jahr 1968 beißt sich Anneliese bei einem Krampfanfall auf die Zunge. Ein Neurologe diagnostiziert Epilepsie vom Typ Grand Mal (schwerer epileptischer Anfall). Sie bekommt erstmals Medikamente gegen Epilepsie. Jedoch helfen diese Medikamente nicht gegen ihre religiöse Gedanken- und Bilderwelt, die sich immer mehr in ihrem Gehirn aufbaut und die sie immer weniger kontrollieren kann. So erscheinen ihr beim Rosenkranzgebet Teufelsfratzen, die sie schließlich bis zu ihrem Tod quälen und verfolgen. Außerdem hört Anneliese Stimmen, die ihr vorhersagen, sie werde in der ewigen Verdammnis landen, in der nach römisch-katholischer Lehre alle Menschen enden, die wesentliche Glaubenslehren der katholischen Kirche nicht befürworten oder auch nur daran zweifeln. Anneliese jedoch gelingt es nicht sich aus ihrem dogmatischen Umfeld zu befreien- im Gegenteil, sie lässt sich in ihren schwersten Krisen richtig hineinfallen. Der erste Exorzismus beginnt neun Monate vor ihrem Tod. Kurz vor ihrem Tod wirkt sie selbstzerstörerisch und selbstverstümmelnd an ihrem endgültigen Zusammenbruch mit. Ein Arzt hätte dies nie zugelassen, doch der als Exorzist tätige katholische Priester Arnold Renz steigert sich mit dem Kruzifix in seiner Hand so in die katholische Exorzismusliturgie hinein, dass er einfachste Grundregeln der Ersten Hilfe ignoriert. Annelieses Eltern hoffen bis zu Annelieses Tod auf die entscheidende Hilfe von dem Mann bzw. den Männern der Kirche.
Die Exorzismen und ihr tragisches Ende
Sie wuchs in einer tiefreligiös-konservativen katholischen Familie auf. Bereits als Kind soll sie kränklich gewesen sein. Als Teenager begann sie unter Krämpfen zu leiden. Sie sah „Fratzen“ und glaubte von Dämonen besessen zu sein. Die medizinische Diagnose lautete jedoch „Epilepsie“. Sie weitete sich zu einer schweren Psychose aus. Behandelt wurde die junge Frau allerdings mit dem sogenannten Großen Exorzismus. Ab September 1975 führten zwei Priester mit Erlaubnis des Würzburger Bischofs Josef Stangl an der damals 23-Jährigen insgesamt 67 Mal das Ritual durch. Einer der Beteiligten ließ dabei sogar das Tonband mitlaufen. Einige Mitschnitte kursieren im Internet. Obwohl sich der Zustand der Frau verschlimmerte, wurde kein Arzt hinzugezogen. Am 1. Juli 1976 starb Anneliese Michel an extremer Unterernährung. Ihr grausames Ende wurde nur bekannt, weil der mit der Familie befreundete Arzt keine Totenschein-Vorlagen dabei hatte. Ein daraufhin verständigter Mediziner aus Klingenberg stellte wegen des erschreckenden körperlichen Zustands des Leichnams das gewünschte Formular nicht aus. So kam der Fall ans Licht. Den beiden Geistlichen und auch den Eltern, die ebenfalls von einer Besessenheit ihrer Tochter überzeugt waren, wurde ab Frühjahr 1978 am Landgereicht Aschaffenburg der Prozess gemacht. Sie wurden im April 1978 wegen fahrlässiger Tötung zu einer sechsmonatigen Haftstrafe auf Bewährung verurteilt.
Die juristische Aufarbeitung und ihre Folgen
Durch den Tod Anneliese Michels geraten Teufelsaustreibungen in Verruf. Eine 1979 von der deutschen Bischofskonferenz eingesetzte Kommission schlägt vor, den Großen Exorzismus zu ersetzen - durch eine "Liturgie zur Befreiung des Bösen". Erst 1999 gibt der Vatikan tatsächlich überarbeitete Regularien bekannt: Danach soll an dem Begriff "Exorzismus" festgehalten werden, ansonsten aber wird die Teufelsaustreibung entschärft: Die direkte Anrede des Dämons ist nunmehr rein optional, stattdessen sollen Bittgebete das Ritual bestimmen. Zudem ist eine medizinische und psychologische Betreuung vorgesehen.
Der Fall Anneliese Michel in der Forschung
Die Dokumente über den Exorzismus von Klingenberg befinden sich im Staatsarchiv Würzburg sowie im Diözesanarchiv. Alle Akten unterliegen einer Sperrfrist. Die Würzburger Historikerin Petra Ney-Hellmuth erhielt eine Sondergenehmigung und konnte die Schriftstücke für ihre Doktorarbeit erstmals einsehen. Ihre Analyse erschien 2014 unter dem Titel „Der Fall Anneliese Michel. Kirche, Justiz, Presse“.
Epilepsie: Eine Krankheit mit langer Geschichte
Es ist bekannt, dass Epilepsie als Erkrankung schon seit sehr langer Zeit bekannt ist. In der Vergangenheit wurde sie oft als Besessenheit durch Geister und Dämonen oder als Folge von Zank und Streit gesehen. Dies machte sich auch bei der Behandlung bemerkbar. Zeit vorherrschend ist das medizinische Konzept der Dämonologie. Schon 2000 v. Chr. wurden Anfälle Geistern zugeschrieben.
Behandlungsmethoden im Wandel der Zeit
Fallsucht. der hippokratischen Zeit, die von 500-1 vor Chr. allgemein als Ausdruck für Besessenheit, bzw. Dämonologie. Verbindung mit einem Anfallsleiden gebraucht. Epilepsie wurde im Laufe der Geschichte viele Namen gegeben, u. Gottesstraf (schüttelnde Gottesstrafe). wurden angerufen, um bei der Heilung zu helfen. In dieser Zeit findet erneut die Kauterisation als heilende Maßnahme Anwendung. Folge des Sündenfalls. Übertretung der göttlichen Gebote.
Psychogene Anfälle: Eine Differentialdiagnose
Wir berichten über eine 18-jährige türkische Patientin mit psychogenen Anfällen. geschlagen.
Exorzismus heute
In aller Verschwiegenheit und hinter verschlossenen Türen treiben auch heute noch verblüffend häufig in der katholischen Kirche, aber auch in evangelischen Freikirchen und Sekten, hunderte Exorzisten ein gefährliches Spiel. Marcus Wegners Recherchen haben ihn in eine unheimliche, verborgene Welt mitten im aufgeklärten Deutschland sehen lassen. Anhand zahlreicher Fallbeispiele zeigt er die unglaubliche Wirklichkeit des Exorzismus im 21. Jahrhundert.
tags: #epilepsie #frau #exorzismus