Epilepsie und Fruchtbarkeit bei Männern: Ein umfassender Überblick

Epilepsie kann bei Männern verschiedene Aspekte der sexuellen Gesundheit und Fruchtbarkeit beeinträchtigen. Dies umfasst hormonelle Störungen, sexuelle Funktionsstörungen und Überlegungen zur Familienplanung. Dieser Artikel beleuchtet die komplexen Zusammenhänge zwischen Epilepsie, Antiepileptika und männlicher Fruchtbarkeit, um Betroffenen und ihren Partnern ein besseres Verständnis und fundierte Entscheidungen zu ermöglichen.

Auswirkungen von Epilepsie und Antiepileptika auf den Hormonhaushalt

Sowohl die Epilepsie selbst als auch die Medikamente zur Behandlung der Krankheit können den Hormonhaushalt beeinflussen. Epileptische Anfälle können den komplexen hormonellen Regelkreis zwischen beteiligten Hirnarealen und den Hoden stören und somit sexuelle Funktionsstörungen verursachen. Manche Medikamente gegen Epilepsie, insbesondere solche, die über die Leber verarbeitet werden, können einen ungünstigen Einfluss auf die Produktion bzw. den Abbau der Sexualhormone (z.B. Testosteron) haben und zu einer verminderten sexuellen Aktivität führen.

Im Rahmen einer Epilepsieerkrankung können Hirnareale, die in funktionellem Zusammenhang mit dem Hypothalamus und der Hypophyse stehen, durchaus beeinträchtigt werden. Dadurch kann es zu Störungen des beschriebenen Regulationssystems kommen, welche unter anderem zu einer verminderten Testosteron-Synthese und zu Störungen der Spermienbildung (Spermatogenese) führen können.

Testosteron und SHBG

Testosteron wird im Blut zu einem großen Teil an ein bestimmtes Eiweiß gebunden, das sogenannte Sexualhormon-bindende Globulin, auch SHBG abgekürzt. Nur der freie, das heißt nicht an SHBG gebundene, Anteil des Testosterons, steht dem Organismus "zur Verfügung" und kann somit seine Wirkung voll entfalten. Unter bestimmten Bedingungen kann es nun zu einer vermehrten Produktion dieses Bindungsglobulins SHBG kommen.

Einige, vor allem ältere Antiepileptika wie zum Beispiel Carbamazepin, gehören zur Gruppe der enzyminduzierenden Medikamente, d. h. sie besitzen eine induzierende (= die Produktion steigernde) Wirkung auf das Cytochrom P450-Enzymsystem in der Leber und steigern auf diese Weise die Bildung des Sexualhormon-bindenden Globulins SHBG. Dadurch wird vermehrt Testosteron an SHBG gebunden und der Anteil des, für die Sexualität des Mannes wichtigen, freien Testosterons geht zurück. In der Folge können Libido und Erektionsvermögen abnehmen.

Lesen Sie auch: Kann ein Anfall tödlich sein?

Unterschiede zwischen Antiepileptika

Wie verschiedene Studien gezeigt haben, bestehen in Hinblick auf den Einfluss der Antiepileptika auf das Cytochrom P450-Enzymsystem und damit letztendlich hinsichtlich des Einflusses auf die Sexualfunktion des Mannes, deutliche Unterschiede. Ältere enzyminduzierende Antiepileptika, wie zum Beispiel Carbamazepin, können zu den genannten Veränderungen führen. Anders verhält es sich bei Oxcarbazepin, einem Antiepileptikum aus der Gruppe der neuen Antiepileptika, die das Enzymsystem der Leber kaum bzw. gar nicht beeinflussen. Unter einer Therapie mit Oxcarbazepin bleibt die SHBG Synthese weitgehend unbeeinflusst und freies Testosteron steht ausreichend zur Verfügung. Die unter der Behandlung mit enzyminduzierenden Antiepileptika genannten Störungen im Gleichgewicht der männlichen Sexualhormone sind daher unter Oxcarbazepin nicht zu erwarten.

Sexuelle Funktionsstörungen bei Männern mit Epilepsie

Männer mit Epilepsie leiden zu einem überdurchschnittlichen Anteil an sexuellen Funktionsstörungen wie reduzierter Libido, Erektions- und Ejakulationsstörungen. Jeder zweite bis dritte Mann mit Epilepsie klagt über eine verminderte Libido bzw. Impotenz. Sexuelle Funktionsstörungen, insbesondere Erektionsstörungen (erektile Dysfunktion oder auch "ED" genannt) sind meist multifaktoriell bedingt, das heißt es gibt zahlreiche mögliche Ursachen, die zum Teil auch kombiniert auftreten. Neben organischen Erkrankungen, wie zum Beispiel Nervenschädigungen, wie sie sich im Rahmen einer Zuckerkrankheit entwickeln können (diabetische Neuropathie), oder auch Gefäßerkrankungen (Arteriosklerose mit Durchblutungsstörungen), können auch psychische Erkrankungen, wie z. B. Depressionen, zu sexuellen Funktionsstörungen führen. Da die Sexualfunktion jedoch auch in hohem Maß von einem ausgewogenen Verhältnis der Sexualhormone abhängt, ist es nicht verwunderlich, dass Störungen in dem komplizierten Regulationssystem der männlichen Sexualhormone meist mit sexuellen Funktionsstörungen einhergehen.

Diagnostik und Behandlung sexueller Probleme

Sollten sexuelle Probleme auftreten, muss selbstverständlich auch gründlich nach einer möglichen organischen Ursache jenseits der Epilepsie und Antiepileptika gesucht werden. Dazu gehören eine urologische Untersuchung, eine Hormondiagnostik und die Überlegung, ob eingenommene weitere Medikamente oder andere Substanzen (z.B. Drogen, Alkohol) ursächlich in Frage kommen. Betroffene sollten ihre Probleme unbedingt ärztlich abklären lassen, damit die Ursache der Funktionsstörung gefunden werden kann. Unter Umständen kann auf ein anderes Antiepileptikum ausgewichen werden. Spielen psychische Konfliktsituationen eine Rolle, kann eine psychotherapeutische Beratung oder Behandlung hilfreich sein, evtl. in Form einer Paartherapie.

Aufgrund dieser, durch Studien erworbenen Erkenntnisse, sollte bei der Auswahl des Antiepileptikums zur Behandlung männlicher Epilepsie-Patienten nicht nur die Reduktion der Anfallshäufigkeit berücksichtigt werden, sondern auch darauf geachtet werden, dass durch die Medikation das Gleichgewicht der Sexualhormone und damit die Sexualfunktionen des Mannes nicht beeinträchtigt werden. So kann durch eine entsprechend umsichtige Auswahl des Antiepileptikums bei Männern z.B. Oxcarbazepin, ein negativer Einfluss auf die Sexualfunktionen weitgehend vermieden werden und die Lebensqualität erhalten bleiben.

Kinderwunsch bei Männern mit Epilepsie

Menschen mit Epilepsie müssen nicht auf Kinder verzichten. Sie sollten aber ihren Kinderwunsch möglichst bei der neurologischen Behandlung ansprechen, bevor sie mit der Verhütung aufhören. Manche Medikamente zur Behandlung einer Epilepsie sollten nämlich nur bei sicherer Verhütung eingenommen werden oder wenn es kein anderes wirksames Medikament gibt.

Lesen Sie auch: Cortison-Therapie bei Epilepsie im Detail

Genetische Beratung

Kinder von Eltern mit Epilepsie haben im Durchschnitt ein etwas höheres Risiko an Epilepsie zu erkranken als Kinder gesunder Eltern. Selten wird Epilepsie direkt vererbt, oder eine Krankheit, bei der epileptische Anfälle zu den Symptomen gehören. Dann sind die Gene die einzige Ursache der Epilepsie. Wenn nur ein einziges Gen die Epilepsie verursacht, ist das Risiko es zu vererben besonders hoch. Die meisten Epilepsien mit einem erblichen Anteil haben aber noch weitere Ursachen. Manche Epilepsien sind überhaupt nicht erblich, weil sie ausschließlich andere Ursachen haben. Wer diesbezüglich Sorgen hat, kann bei einem Neurologie-Termin erfragen, ob eine genetische Beratung sinnvoll wäre.

Valproinsäure und Zeugung

Anfang 2024 hat das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte allerdings vorsorglich auf Grund einer Warnung der Europäische Arzneimittelagentur (EMA) eine Warnung herausgegeben: Eine Behandlung mit dem Wirkstoff Valproinsäure vor und während der Zeugung könne das Risiko für neurologische Entwicklungsstörungen bei Kindern erhöhen. Hintergrund ist eine medizinische Studie, die Hinweise darauf geliefert hat. Neuere Daten bestätigen das aber nicht und eine Behandlung mit diesem Wirkstoff ist für viele Männer mit Epilepsie eine große Hilfe.

Nimmt der Mann Valproat ein, sollte er in dieser Zeit keine Kinder zeugen. Valproat ist ein für viele Patienten unverzichtbares Medikament bei Epilepsie oder bipolaren Störungen. Es wird zudem auch (in Deutschland off Label) zur Prophylaxe von Migräneattacken eingesetzt. Kommt ein ungeborenes Kind im Mutterleib mit dem Arzneistoff in Kontakt, kommt es sehr häufig zu Missbildung und schwerwiegenden Entwicklungsstörungen. Daher gibt es bereits seit Längerem konkrete Hinweise und ein Schwangerschafts-Verhütungsprogramm für Mädchen und Frauen im gebärfähigen Alter. Doch auch Männer sollten während der Therapie sowie drei Monate darüber hinaus verhüten, heißt es jetzt in einem neuen Rote-Hand-Brief.

Die verordnenden Ärzte sollen die Patienten über das potenzielle Risiko informieren und die Notwendigkeit einer zuverlässigen Verhütung besprechen. Diese ist während der Valproat-Einnahme des Mannes sowie bis drei Monate nach deren Ende nötig. In dieser Zeit sollen die betroffenen Männer keine Samenspende abgeben. Es sollte grundsätzlich regelmäßig überprüft werden, ob Valproat weiterhin die am besten geeignete Behandlungsmöglichkeit ist. Möchte der Mann ein Kind zeugen, sollten andere Therapieoptionen für seine Grunderkrankung in Betracht gezogen werden.

Weitere Aspekte und Unterstützung

Elternassistenz kann im Anfallsfall die Sicherheit des Kindes gewährleisten und einen Elternteil mit Epilepsie im Alltag unterstützen, z.B. Autofahrten bei fehlender Fahrtauglichkeit übernehmen. Pro familia bietet Beratungen rund um das Thema Sexualität, Schwangerschaft und Kinderwunsch an. Informationen für Eltern finden Sie über e.b.e.

Lesen Sie auch: Ein umfassender Leitfaden zur idiopathischen generalisierten Epilepsie

tags: #epilepsie #fruchtbarkeit #manner