Expertenstandards in der Pflege sind spezialisierte Richtlinien, die darauf abzielen, die Qualität der Pflege in Deutschland zu definieren, umzusetzen und zu bewerten. Diese Standards sind wesentliche Richtlinien, die die Qualität der Pflege in Deutschland sichern und verbessern. Sie dienen als Werkzeuge für Qualitätssicherung, Ausbildung des Personals und Evaluation der Einrichtungen, mit Auditinstrumenten, die vom DNQP entwickelt wurden. Das Pflege-Weiterentwicklungsgesetz von 2008 machte diese Standards gesetzlich bindend für alle Pflegeheime und Pflegedienste in Deutschland, was Konsistenz und Qualität verbessert.
Die Bedeutung von Expertenstandards in der Pflege
Expertenstandards in der Pflege sind ein Grundpfeiler der Qualitätspflege in Deutschland, basierend auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und praktischer Erfahrung. Ihre kontinuierliche Entwicklung stellt sicher, dass sie mit dem aktuellen Wissen übereinstimmen, was die Patientensicherheit und Pflegequalität verbessert. Sie sind entscheidend für die berufliche Haftung, die Erfüllung gesetzlicher Anforderungen und die gesellschaftliche Verantwortung.
Das Deutsche Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP), in Kooperation mit dem Deutschen Pflegerat (DPR) und finanziell unterstützt vom Bundesministerium für Gesundheit, entwickelt diese Standards seit 1999. Die Entwicklung jedes Expertenstandards folgt einem rigorosen, evidenzbasierten Ansatz, der im Methodenpapier des DNQP und verschiedenen Publikationen detailliert beschrieben ist. Eine unabhängige Gruppe von 8 bis 12 Experten, bestehend aus Praktikern und Wissenschaftlern, wird einberufen, mit einem Vertreter der Patienten- oder Verbrauchergruppen, um vielfältige Perspektiven sicherzustellen.
Aktuelle Expertenstandards im Überblick
Aktuell gibt es 10 Standards, die Themen wie Dekubitusprophylaxe, Schmerzmanagement, Sturzprophylaxe und die Pflege von Menschen mit chronischen Wunden abdecken.
| Titel | Publikationsjahr | Beschreibung |
|---|---|---|
| Dekubitusprophylaxe in der Pflege, 2. Aktualisierung | 2017 | Fokus auf die Prävention von Druckgeschwüren, weit verbreitet umgesetzt. |
| Entlassungsmanagement in der Pflege, 2. Aktualisierung | 2019 | Sicherstellt reibungslose Übergänge von Einrichtungen zur häuslichen Pflege. |
| Schmerzmanagement in der Pflege, Aktualisierung | 2020 | Behandelt akutes und chronisches Schmerzmanagement, entscheidend für Patientenkomfort. |
| Sturzprophylaxe in der Pflege, 2. Aktualisierung | 2022 | Zielt darauf ab, Sturzrisiken zu reduzieren, verbessert die Patientensicherheit. |
| Kontinenzförderung in der Pflege, Aktualisierung | 2024 | Fördert die Harnkontinenz, verbessert die Lebensqualität. |
| Pflege von Menschen mit chronischen Wunden | Update geplant Mitte 2025 | Fokus auf die Pflege chronischer Wunden, mit laufenden Updates. |
| Ernährungsmanagement zur Sicherung und Förderung der oralen Ernährung |
Herausforderungen bei der Umsetzung von Expertenstandards
Die Umsetzung dieser Standards kann herausfordernd sein, da sie oft Änderungen in den Arbeitsprozessen erfordern und erhebliche Unterstützung und Schulung benötigen. Eine qualitative Studie von 2024 zu Einflussfaktoren bei der Implementierung von Expertenstandards hob Faktoren wie organisatorische Bereitschaft und Mitarbeiterengagement hervor.
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Expertenstandard "Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz"
Der Expertenstandard „Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz“ wurde durch das Deutsche Netzwerk für Qualitätssicherung in der Pflege (DNQP) in Kooperation mit dem Deutschen Pflegerat und mit finanzieller Förderung des Bundesministeriums für Gesundheit entwickelt. Dieser Standard soll Pflegekräften Empfehlungen und Anleitungen geben, die die Beziehungsgestaltung mit Demenzpatienten erleichtern. Ein wichtiger Punkt dieses Expertenstandards ist, dass eine personenzentrierte Pflege von Demenzpatienten gefordert wird.
Bedeutung der Beziehungsgestaltung
Beziehungen zählen zu den wesentlichen Faktoren, die aus Sicht von Menschen mit Demenz Lebensqualität konstituieren und beeinflussen. Der Expertenstandard fordert, dass die Beziehungsgestaltung von Akzeptanz, Vertrauen und Respekt geprägt sein sollte. Unterschiede zwischen Patient und Pflegekraft sollen außer Acht gelassen und hingenommen werden. Das stellt oftmals ein Problem da, da es vielen Menschen schwerfällt, mit den Auswirkungen der Demenz umzugehen. Das kann sich zum einen in Pflegeeinrichtungen zeigen, in denen Menschen mit Demenz und ohne Demenz zusammenleben. Zum anderen können solche Schwierigkeiten auch im sozialen Umfeld des Demenzpatienten auftreten. Etwa wenn langjährige Freunde sich abwenden, weil sie mit den Auswirkungen der Demenz nicht zurechtkommen. Sie fühlen sich nicht mehr als vollwertiges und gleichberechtigtes Mitglied der Gesellschaft. Dabei stehen dann aber die Erwartungen unserer heutigen Gesellschaft im Vordergrund und nicht die Bedürfnisse und Wünsche des Patienten. Der Demenzpatient fühlt sich dadurch verstanden und angenommen. Diese Kompetenz sollen Pflegekräfte dann auch an andere Personen vermitteln.
Anleitung zur Beziehungsgestaltung
Der Expertenstandard richtet sich mit einer Anleitung an Pflegekräfte, die sie bei der Beziehungsgestaltung unterstützen soll. Demenzkranke verlieren nach und nach die Fähigkeit, sich zu orientieren, Informationen zu verstehen und einzuschätzen. Mit anderen Worten: Sie verstehen sich selbst und ihre Umwelt nicht mehr. Nach den Vorgaben des Expertenstandards sollen Sie ihm in dieser Situation Sicherheit und Halt bieten. Dies gelingt Ihnen am besten, wenn Sie erkennen, welche Unterstützung Ihr demenzerkrankter Patient benötigt.
- Zu Beginn der Erkrankung: Das Erinnerungsvermögen ist nur punktuell beeinträchtigt. Der oberste Grundsatz lautet: Achten Sie die Selbstbestimmung. Nehmen Sie die Person unbedingt ernst und respektieren Sie die Selbstbestimmung. Fördern Sie eigenständige Aktivität und bleiben Sie tolerant. Hinweis Sie sind rechtlich dazu verpflichtet, die Selbstbestimmung Ihrer Patienten zu wahren. Äußert ein Patient, dass er etwas nicht tun möchte, müssen Sie dies akzeptieren.
- Fortgeschrittene Erkrankung: Ihr Patient kann sich Neues immer schlechter merken. Er lässt sich leicht ablenken und kann sich nur noch über kurze Phasen hinweg konzentrieren. Alltagsaktivitäten kann er nicht mehr ohne Hilfe ausführen. Die Einsichtsfähigkeit (auch in die Erkrankung) lässt nach. Er verkennt häufig optische und akustische Umgebungsreize, d. Unterstreichen Sie Ihre Worte immer durch Gestik und Mimik. Dies kann leichter und länger verstanden werden als Sprache. Akzeptieren Sie Verhaltensauffälligkeiten. Behalten Sie einen möglichst gleichförmigen Tagesablauf bei. Tipp Bleiben Sie gelassen.
- Späte Phase der Erkrankung: Ihr Patient hat kaum Erinnerungen, auch nicht an ganz frühe Lebensphasen. Das Sprachvermögen erlischt bis auf das Wiederholen einzelner Worte und Phrasen. Er versteht zunächst noch Körpersprache, später reduziert sich dieses Verständnis auf die Mimik. Die demenzerkrankte Person kann durch ihre verminderte Mobilität nicht mehr gezielt nach Reizen suchen oder Unangenehmes ausblenden. Daher ist es notwendig, dass Sie Reizüberflutung vermeiden und gezielt Sinnesanregungen anbieten. Tipp Vermeiden Sie Reizüberflutung. Der Patient kann die verschiedenen Reize nicht zuordnen oder ausblenden.
Implementierung des Expertenstandards
Der Expertenstandard enthält ein 4-Phasenmodell, das die Vorgehensweise für seine Implementierung abbildet. Ganz zu Beginn des Prozesses sollten Sie sich Zeit für die Vorbereitung nehmen. Um den Expertenstandard umsetzen zu können, sollten Sie Ihre Mitarbeiter schulen und ihnen den Inhalt näherbringen. Nachdem das gesamte Pflegepersonal in die Implementierung miteinbezogen wurde, geht es an die Konkretisierung. Sie setzen sich mit dem Expertenstandard auseinander und arbeiten heraus, welche Prozesse in Ihrer Pflegeeinrichtung angepasst werden müssen. Mit Hilfe eines Audit-Instruments überprüfen Sie, ob die Kriterien umgesetzt wurden. Die Vorbereitungsphase und die Implementierung der vier Phasen sollen circa 6 Monate in Anspruch nehmen. Während der vier Phasen wird dann eine Projektverlaufsdokumentation erhoben. Sie notieren, welche Maßnahmen Sie einleiten, um die Kriterien des Expertenstandards umzusetzen.
Struktur, Prozess und Ergebnis der Beziehungsgestaltung
Der Expertenstandard "Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz" umfasst verschiedene Aspekte, die in Struktur-, Prozess- und Ergebniskriterien unterteilt sind.
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1. Haltung und Kompetenz
- Struktur:
- S1a: Die Pflegefachkraft hat eine person-zentrierte Haltung in der Pflege von Menschen mit Demenz entwickelt.
- S1b: Die Pflegefachkraft hat das Wissen und die Kompetenz, Menschen mit Demenz zu identifizieren und damit einhergehende Unterstützungsbedarfe in der Beziehungsgestaltung fachlich einzuschätzen.
- S1c: Die Einrichtung fördert und unterstützt eine personenzentrierte Haltung für eine die Beziehung fördernde und - gestaltende Pflege von Menschen mit Demenz sowie ihren Angehörigen und sorgt für eine person-zentrierte Pflegeorganisation.
- Prozess:
- P1: Die Pflegefachkraft erfasst zu Beginn des pflegerischen Auftrags sowie anlassbezogen, schrittweise und unter Einbeziehung der Angehörigen bzw. anderer Berufsgruppen kriteriengestützt mit der Demenz einhergehende Unterstützungsbedarfe in der Beziehungsgestaltung, deren Auswirkungen auf seine Lebens- und Alltagswelt sowie Vorlieben und Kompetenzen des Menschen mit Demenz.
- Ergebnis:
- E1a: Der Mensch mit Demenz wird durch die person-zentrierte Haltung der Pflegenden in seiner Einzigartigkeit wahrgenommen.
- E1b: Die Pflegedokumentation enthält, der Dauer und dem Anlass des pflegerischen Auftrags entsprechend, systematische und konkretisierende Hinweise auf mit der Demenz einhergehende Unterstützungsbedarfe in der Beziehungsgestaltung.
2. Planung und Durchführung
- Struktur:
- S2a: Die Pflegefachkraft verfügt über Kompetenzen zur Planung und Koordination von beziehungsfördernden und - gestaltenden Maßnahmen der Pflege von Menschen mit Demenz.
- S2b: Die Einrichtung stellt sicher, dass die Pflege von Menschen mit Demenz auf Basis eines personzentrierten Konzepts gestaltet wird und verfügt über eine interdisziplinäre Verfahrensregelung, in der die Zuständigkeiten für beziehungsfördernde und - gestaltende Angebote definiert sind.
- Prozess:
- P2: Die Pflegefachkraft plant auf Basis einer Verstehenshypothese unter Einbeziehung des Menschen mit Demenz und seiner Angehörigen sowie den beteiligten Berufsgruppen individuell angepasste beziehungsfördernde und -gestaltende Maßnahmen.
- Ergebnis:
- E2: Eine person-zentrierte, die identifizierten Unterstützungsbedarfe und mögliche fluktuierende Zustände berücksichtigende Maßnahmenplanung liegt vor und ist allen an der Pflege des Menschen mit Demenz beteiligten Personen bekannt.
3. Anleitung, Schulung und Beratung
- Struktur:
- S3a: Die Pflegefachkraft verfügt über Wissen und Kompetenzen zur Information, Anleitung, Schulung und Beratung über beziehungsfördernde und -gestaltende Angebote sowie deren Einbindung in Alltagssituationen.
- S3b: Die Einrichtung schafft Rahmenbedingungen für individuelle Anleitungen und Schulungen von Angehörigen und stellt zielgruppenspezifische Materialien für Information, Anleitung, Schulung und Beratung über beziehungsgestaltende Maßnahmen zur Verfügung.
- Prozess:
- P3a: Die Pflegefachkraft informiert, leitet an oder berät den Menschen mit Demenz entsprechend seiner Fähigkeiten über beziehungsfördernde und -gestaltende Angebote.
- P3b: Die Pflegefachkraft informiert, leitet an, schult und berät die Angehörigen proaktiv und anlassbezogen über beziehungsfördernde und - gestaltende Maßnahmen in Alltags- und Ausnahmesituationen.
- Ergebnis:
- E3a: Information, Anleitung oder Beratung des Menschen mit Demenz und seine Reaktionen auf das Angebot sind dokumentiert.
- E3b: Die Angehörigen des Menschen mit Demenz kennen die Notwendigkeit und Bedeutung beziehungsfördernder und - gestaltender Maßnahmen.
4. Maßnahmen und Angebote
- Struktur:
- S4a: Die Pflegefachkraft kennt beziehungsfördernde und - gestaltende Angebote und ist in der Lage, die Pflege von Menschen mit Demenz darauf auszurichten.
- S4b: Die Einrichtung schafft Rahmenbedingungen für personzentrierte, beziehungsfördernde und -gestaltende Angebote und sorgt für einen qualifikationsgemäßen Kenntnisstand aller an der Pflege Beteiligten.
- Prozess:
- P4: Die Pflegefachkraft gewährleistet und koordiniert das Angebot sowie die Durchführung von beziehungsfördernden und - gestaltenden Maßnahmen. Gegebenenfalls unterstützt sie andere an der Pflege des Menschen mit Demenz Beteiligte.
- Ergebnis:
- E4: Die Pflege des Menschen mit Demenz wird beziehungsfördernd und -gestaltend durchgeführt.
5. Evaluation
- Struktur:
- S5a: Die Pflegefachkraft verfügt über das Wissen und die Kompetenz zur Evaluation beziehungsfördernder und - gestaltender Pflege.
- Prozess:
- P5: Die Pflegefachkraft überprüft laufend die Wirksamkeit der beziehungsfördernden und - gestaltenden Maßnahmen.
Die Rolle der personenzentrierten Pflege
Menschen mit Demenz brauchen das Gefühl, gehört, verstanden und angenommen zu werden. Das erfordert von den Pflegenden eine entsprechende Haltung: Der Mensch soll im Mittelpunkt stehen, nicht die Krankheit. Ein Schlüssel dafür ist die sogenannte person-zentrierte Pflege, die der Expertenstandard „Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz“ fordert.
Fachveranstaltung zur Bilanzierung der Umsetzung
Im Mai 2019 wurde der Expertenstandard veröffentlicht. Heute - vier Jahre nach Veröffentlichung - haben zahlreiche stationäre und teilstationäre Einrichtungen, ambulante Dienste und Krankenhäuser den Expertenstandard erfolgreich umgesetzt. Das nimmt die "Bundesarbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtshilfe" (BAGFW) zum Anlass für eine gemeinsame Fachveranstaltung, um eine Bilanz zum bisherigen Umsetzungstand zu ziehen. Diese fand am 14. November im Konferenzzentrum in der Mauerstraße in Berlin unter dem Dach der Nationalen Demenzstrategie statt. Ein besonderer Fokus dieser Veranstaltung lag auf den Erfahrungen der Praktikerinnen und Praktiker bei der Einführung und Umsetzung des Expertenstandards. Gemeinsam wurde diskutiert, welche Chancen und Herausforderungen bei der Umsetzung des Standards zu Tage getreten sind, was an diesem Standard besonders gelungen ist oder welche Nachbesserungsbedarfe es gibt. Vor diesem Hintergrund wurde auch darüber gesprochen, welche Unterstützung die Praxis für eine flächendeckende Umsetzung des Standards benötigt? Ein weiterer Schwerpunkt der Veranstaltung lag auf der Beleuchtung des Konzepts „Beziehungsgestaltung“. Wie hat das Konzept und die damit einhergehende person-zentrierte Haltung die Pflege von Menschen mit Demenz verändert? Wie haben beruflich Pflegende diesen Neufokussierung erlebt? Diese und weitere Fragen wurden auf der Fachveranstaltung diskutiert. Auch im Rahmen der Nationalen Demenzstrategie setzten sich die Verbände der Freien Wohlfahrtspflege gemeinsam mit dem BMG für die Umsetzung und Anwendung des Expertenstandards ein.
Demenz-Balance-Modell
In Krankenhäusern werden immer mehr Menschen mit Demenz behandelt. Manchmal sind es Kleinigkeiten, die den Umgang mit ihnen oder die Verständigung erschweren. In der Pflege und Betreuung von Menschen mit Demenz geht es um eine veränderte Perspektive, eine andere Haltung und bewusstes, empathisches Interagieren: weg von der funktionalen Ausrichtung hin zum Erhalt und zur Stärkung der Person. Menschen mit Demenz verlieren immer mehr Kompetenzen, wodurch ihr Identitätsgefüge aus dem Gleichgewicht gebracht wird. Damit sich Pflegekräfte besser in diese Situation einfühlen können, hat Barbara Klee-Reiter das Demenz-Balance-Modell erarbeitet.
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