Epilepsie und Intelligenz: Ein umfassender Überblick

Epilepsie ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen. In Deutschland sind etwa 400.000 bis 800.000 Menschen davon betroffen. Obwohl die Anfälle bei vielen Patienten medikamentös kontrolliert werden können, spricht fast ein Drittel der Betroffenen nicht auf eine pharmakologische Therapie an.

Epilepsie bei Menschen mit Intelligenzminderung

Menschen mit Intelligenzminderung erkranken im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung häufiger an Epilepsie. Studien zeigen, dass die Prävalenz von Epilepsie bei Menschen mit Intelligenzminderung bis zu 20-fach höher ist als in der Gesamtbevölkerung. Mit zunehmender Ausprägung der geistigen Behinderung und zusätzlicher motorischer Störung steigt die Prävalenz weiter an.

Diagnostik und Behandlung

Hinsichtlich Diagnostik und Behandlung gelten prinzipiell die gleichen Grundsätze wie bei nicht behinderten Epilepsiekranken. Eine möglichst genaue Diagnose der Anfälle und des Epilepsiesyndroms ist die Grundlage für eine erfolgreiche Therapie. Bei der Erhebung der Anamnese und Anfallsbeschreibung ist man in besonderem Maße auf Informationen von anderen Personen (z.B. Angehörige, Betreuer) sowie gegebenenfalls weitere Quellen (z.B. Videoaufnahmen, Anfallskalender) angewiesen.

Bei jeder Epilepsie-Erstdiagnose, bei der eine symptomatische Genese zu vermuten ist, ist eine bildgebende Untersuchung erforderlich, heutzutage ein kraniales Kernspintomogramm (cMRT), das oft nur in Narkose möglich ist, um sowohl Ätiologie der Epilepsie, aber auch der Behinderung zu klären.

Therapieansätze

Bei der pharmakologischen Therapie ist eine verbesserte Anfallskontrolle über eine Monotherapie anzustreben, um unerwünschte Wirkungen zu minimieren. Wo dies nicht möglich ist, bringt bereits oft eine Reduktion und Vereinfachung einer bestehenden Polytherapie für den Patienten eine erhebliche Verbesserung seiner psychischen, kognitiven und motorischen Möglichkeiten.

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Bei pharmakoresistenten Patienten spielen nichtmedikamentöse Maßnahmen zur Verhinderung von Anfällen oder anfallsbedingtem Schaden eine wichtige Rolle, zum Beispiel der Vagusnervstimulator oder auch Schulungsprogramme. Behinderung und epilepsiechirurgischer Eingriff schließen sich nicht aus, sofern die dazu notwendige aufwendige Diagnostik möglich ist.

Auswirkungen von Epilepsie auf die Intelligenz

Wiederkehrende epileptische Anfälle können intellektuelle Leistungen beeinträchtigen, aber mit manchen antiepileptischen Medikamenten lässt sich die intellektuelle Leistungsfähigkeit von Kindern deutlich verbessern, ja sogar normalisieren.

Forschungsansätze

Eine Bochumer Wissenschaftlerin Dr. Christiane Schmidt hat in Tests mit mehr als 100 Kindern herausgefunden, dass von den drei am häufigsten eingesetzten Medikamenten zumindest zwei positiv auf die Leistungsfähigkeit der Patienten wirken: Carbamazepin verbessert die Geschwindigkeit der Verarbeitung von Reizen im Gehirn, Sultiam normalisiert sie. Dieses Medikament bewirkt sogar, dass eine zuvor deutlich herabgesetzte intellektuelle Leistungsfähigkeit unter der Therapie auf annähernd normale Werte angehoben wird. Bei Valproat waren keine deutlichen Änderungen zu erkennen.

KI-gestützte Diagnostik und Therapie

Ein fortschrittliches KI-Tool kann winzige Hirnläsionen erkennen, die bei Kindern schwere Epilepsie verursachen. Dies ermöglicht laut einer neuen Studie eine schnellere Diagnose, präzisere Behandlung und eine mögliche Heilung. Das „KI-Epilepsie-Detektor“-Tool wurde vom Murdoch Children’s Research Institute und dem Royal Children’s Hospital (RCH; beide Australien) entwickelt.

Die KI-gestützte Diagnostik ermöglicht eine präzisere Erkennung kleinster kortikaler Dysplasien bei Kindern mit fokaler Epilepsie. Dies kann zu frühzeitigeren Diagnosen, gezielteren Epilepsieoperationen und damit verbundenen Behandlungsmöglichkeiten führen.

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Rolando-Epilepsie: Eine spezielle Form der Epilepsie bei Kindern

Die Rolando-Epilepsie (auch: Rolandische Epilepsie) gehört zu den häufigsten Formen der Epilepsie bei Kindern. Sie äußert sich durch epileptische Anfälle, die vor allem zwischen dem dritten und dreizehnten Lebensjahr (selten bis achtzehn) auftreten. Jungen sind öfter betroffen als Mädchen. Erwachsene haben die Rolando-Epilepsie in der Regel nicht mehr.

Symptome

Die Rolando-Epilepsie äußert sich durch epileptische Anfälle vor allem im Bereich des Kopfes. Die Anfälle dauern üblicherweise nicht länger als zwei bis drei Minuten (sofern sie sich nicht ausbreiten). In den meisten Fällen sind die Kinder bei Bewusstsein und bekommen den Anfall mit.

Typische Symptome sind Krämpfe der Gesichts-, Mund- und Rachenmuskeln, Missempfindungen in Gesicht und Mund, vermehrter Speichelfluss und Sprechstörungen.

Ursachen

Die Ursachen der Rolando-Epilepsie sind noch nicht vollständig geklärt. Mediziner gehen von einer sogenannten genetischen Prädisposition aus. Das heißt, Betroffene haben Veränderungen (Mutationen) im Erbgut, die sie anfälliger für die Erkrankung machen. Vermutlich begünstigen dann äußere Einflussfaktoren, dass die Rolando-Epilepsie tatsächlich ausbricht.

Diagnose

Die Diagnose der Rolando-Epilepsie stellen Fachärzte der kindlichen Nervenheilkunde (pädiatrische Neurologen). Sie beruht auf den Schilderungen der Patienten und Eltern. Außerdem messen Ärzte die Hirnströme (EEG, Elektroenzephalografie), wo sich ein Rolando-typisches Muster zeigt. Sie überprüfen auch den neurologischen Allgemeinzustand des Kindes.

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Verlauf und Prognose

Die Rolando-Epilepsie verläuft meist „gutartig“: In der Regel treten nur wenige Anfälle auf, die verglichen.

Leben mit Epilepsie: Was ist zu beachten?

Epilepsie ist eine Krankheit, bei der es wiederholt zu kurzen plötzlichen Funktionsstörungen des Gehirns kommt. Es gibt viele Aspekte, die im Alltag mit Epilepsie zu beachten sind.

Was tun bei einem Anfall?

  • Ruhe bewahren, nicht davonrennen.
  • Den Betroffenen gegebenenfalls aus einem Gefahrenbereich entfernen.
  • Beengende Kleidungsstücke am Hals lösen.
  • Kopf polstern.
  • Krampferscheinungen nicht unterdrücken, den Betroffenen nicht aufrichten, verkrampfte Hände nicht öffnen oder festhalten, Kiefer nicht gewaltsam öffnen, keine Gegenstände zwischen die Zähne schieben.
  • Keine Unterbrechungsversuche: Nicht schütteln, klopfen oder anschreien.
  • Patient nach dem Anfall in stabile Seitenlage bringen, damit eventuell Speichel abfließen kann.
  • Nach dem Anfall bzw. Wiedererlangen des normalen Bewusstseins Hilfe und Begleitung anbieten.
  • Wichtig ist auch, die Dauer des Anfalls zu registrieren. Zumeist sind Anfälle nach ein bis zwei Minuten vorbei.

Auslöser vermeiden

Schlafmangel, Alkoholgenuss, Flackerlicht in der Disco, Stress, Überanstrengung oder fieberhafte Infekte können einen Anfall auslösen. Es kann auch zu Anfällen kommen, wenn Antiepileptika nicht eingenommen oder vergessen wurden.

Beruf und Ausbildung

Junge Menschen mit Epilepsie sollten sich bereits frühzeitig - 1 bis 2 Jahre vor Ende der Schulzeit - mit der Berufswahl beschäftigen. Schulabgänger, die nicht anfallsfrei sind, benötigen unbedingt eine spezielle Berufsberatung.

Für schwerbehinderte/gleichgestellte Arbeitnehmer gilt ein besonderer Kündigungsschutz. Beim Integrationsamt können Sie Leistungen der begleitenden Hilfe im Arbeitsleben nach SGB IX beantragen.

Bildschirmarbeit

Es ist ein verbreitetes Vorurteil, dass flackerndes Licht von Bildschirm oder Computer bei epilepsiekranken Menschen Anfälle auslöst. Dieses Risiko betrifft jedoch nur die relativ seltenen photosensitiven Epilepsien.

Flugreisen

Vor Antritt einer Flugreise - insbesondere für Patienten mit häufigen Anfällen - sind einige Punkte zu beachten:

  • Mitnahme der Medikamente: Nehmen Sie ausreichend Antiepileptika sowie eventuell erforderliche Notfallmedikamente im Handgepäck mit.
  • Aus einer ärztlichen Bescheinigung sollte hervorgehen, welche Medikamente Sie in welcher Dosis einnehmen.
  • Informieren Sie sich rechtzeitig über die Anforderungen der jeweiligen Fluggesellschaft für den Transport von Passagieren mit Epilepsie.

Alkohol

Gelegentlicher Konsum von Alkohol in niedrigeren Mengen erhöht nicht die Anfallsfrequenz und bewirkt auch keine signifikanten Veränderungen des Blutspiegels der Antiepileptika. In bestimmten Fällen ist jedoch Vorsicht angebracht: Patienten, die nach moderatem Alkoholkonsum Anfälle erlitten haben, sowie Patienten mit einer Suchterkrankung sollten Alkohol meiden.

Sport

Egal, ob Epilepsie oder nicht: Sport fördert die Gesundheit. Unerlässlich ist aber eine ausführliche ärztliche Beratung, die die Besonderheit der Epilepsie (Anfallsart, Anfallshäufung) und die individuellen Wünsche des Betroffenen berücksichtigt.

Schwangerschaft

Wenn Sie während der Schwangerschaft Antiepileptika einnehmen, kann dies für Ihr Kind ein erhöhtes Fehlbildungsrisiko darstellen. Dennoch ist es in den meisten Fällen ratsam, die Medikamente nicht abzusetzen, da unkontrollierte Anfälle ein Risiko für das Ungeborene darstellen. Frauen mit Epilepsie und Kinderwunsch bzw. Schwangerschaft empfehlen wir, sich an einen Facharzt zu wenden.

Epilepsie im Kindergartenalter

Sie sollten einen Kindergarten auswählen, der Ihr Kind seinem Entwicklungsstand entsprechend fördert. Wichtig ist, dass die Erzieher über die Erkrankung, die Art der Anfälle und notwendige bzw. unnötige Hilfsmaßnahmen gut informiert sind.

Computergestützte Neuromedizin

Die computergestützte Neuromedizin muss hochauflösende Hirndaten und Patientenspezifität integrieren. Die Integration dieser Faktoren wird im HBP durch die Verwendung von Modellierungssoftware, Rechenleistung, Hirnatlanten und Datensätzen ermöglicht, die auf der digitalen Forschungsinfrastruktur EBRAINS bereitgestellt werden.

Virtuelle Hirnmodelle

Zur Herstellung der personalisierten Hirnmodelle verwenden die Forschenden eine Simulations-Technologie namens 'The Virtual Brain' (TVB). Für jeden Patienten werden die rechnergestützten Modelle aus Daten zur individuell gemessenen Anatomie, strukturellen Konnektivität und Hirndynamik erstellt.

Der virtuelle epileptische Patient (VEP) ist eine Art personalisiertes rechnergestütztes Hirnmodell, das ständig mit gemessenen realen Daten aktualisiert werden kann, die von seinem realen Gegenstück, d. h. dem Patienten, erhalten wurden.

Neue Therapieansätze

Ein kürzlich zugelassenes Stimulationssystem soll mittels Künstlicher Intelligenz beginnende epileptische Anfälle erkennen und unterbrechen. Die Studie am Universitätsklinikum Freiburg soll die Behandlung stark personalisieren.

Der Hirnschrittmacher kann das Leben von vielen Epilepsiepatient*innen fundamental verändern. Die dünne Membran des Stimulators wird unter der Kopfhaut platziert und verringert das Anfallsgeschehen durch leichte elektrische Impulse, die der Schrittmacher an das Gehirn abgibt.

Intelligenz und Epilepsie

Die Frage, ob Epilepsie die Intelligenz beeinflusst, ist komplex. Es gibt verschiedene Faktoren, die eine Rolle spielen, darunter die Art und Häufigkeit der Anfälle, die zugrunde liegende Ursache der Epilepsie und die Art der Behandlung.

Fluide und kristalline Intelligenz

In der Forschung wird zwischen fluider und kristalliner Intelligenz unterschieden. Die fluide Intelligenz bezieht sich auf die Fähigkeit, sich völlig neuen Situationen anzupassen und Probleme zu lösen, während die kristalline Intelligenz das angesammelte Wissen und die Erfahrung widerspiegelt. Studien haben gezeigt, dass eine lange Krankheitsdauer zu einer niedrigeren fluiden Intelligenz führen kann.

Medikamente und Kognition

Einige antiepileptische Medikamente können kognitive Nebenwirkungen haben, während andere die intellektuelle Leistungsfähigkeit verbessern können. Es ist wichtig, die Auswirkungen der Medikamente auf die Kognition bei der Behandlungsplanung zu berücksichtigen.

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