Die Behandlung von Epilepsie ist ein komplexer Prozess, bei dem verschiedene Faktoren berücksichtigt werden müssen, um die Lebensqualität der Patienten zu verbessern. Lamotrigin ist ein Antiepileptikum, das häufig zur Behandlung von Epilepsie und bipolaren Störungen eingesetzt wird. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte von Lamotrigin, einschließlich seiner Anwendung, Dosierung, Nebenwirkungen und Wechselwirkungen, um ein umfassendes Verständnis dieser Medikation zu ermöglichen.
Einführung
Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederholte Anfälle gekennzeichnet ist. Die Behandlung zielt darauf ab, die Anfälle zu kontrollieren und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Antiepileptika (AEDs) spielen dabei eine zentrale Rolle. Lamotrigin ist ein solches Medikament, das sowohl bei fokalen als auch bei generalisierten Epilepsien eingesetzt wird. Es wirkt, indem es die Freisetzung von exzitatorischen Neurotransmittern wie Glutamat im Gehirn reduziert, wodurch das gestörte Gleichgewicht zwischen inhibitorischen und exzitatorischen Impulsen normalisiert wird.
Anwendung von Lamotrigin
Lamotrigin ist ein vielseitiges Antiepileptikum, das bei verschiedenen Formen von Epilepsie eingesetzt wird:
- Fokale Epilepsien: Lamotrigin wird bei fokalen Epilepsien mit oder ohne sekundäre Generalisierung eingesetzt.
- Generalisierte Epilepsien: Es ist auch wirksam bei generalisierter Epilepsie, insbesondere bei tonisch-klonischen Anfällen.
- Lennox-Gastaut-Syndrom: Lamotrigin kann zusammen mit anderen Arzneimitteln zur Behandlung von Anfällen angewendet werden, die bei dem so genannten Lennox-Gastaut-Syndrom auftreten.
- Bipolare Störungen: Darüber hinaus hat Lamotrigin eine wichtige Rolle in der Therapie bipolarer Störungen, da es stimmungsstabilisierend wirkt und depressive Episoden vorbeugen kann.
Dosierung und Einnahme
Die Einstellung eines Patienten auf Lamotrigin erfordert eine sorgfältige und individuelle Anpassung der Dosis. Um Überempfindlichkeitsreaktionen zu vermeiden, wird Lamotrigin einschleichend dosiert.
- Erwachsene und Jugendliche ab 13 Jahren: Die Therapie startet mit 25 mg einmal täglich in den ersten beiden Wochen, gefolgt von 50 mg einmal täglich in den Wochen 3 und 4. Danach wird die Dosis weiter alle zwei Wochen um maximal 50 bis 100 mg täglich bis zum optimalen Ansprechen erhöht. Die Erhaltungsdosis beträgt üblicherweise 100 bis 200 mg Lamotrigin täglich, die auf einmal oder aufgeteilt auf zwei Einzeldosen eingenommen werden kann.
- Kinder zwischen 2 und 12 Jahren: Für Kinder hängt die wirksame Dosis vom jeweiligen Körpergewicht des Kindes ab. Üblicherweise liegt sie zwischen 1 mg und 15 mg pro Kilogramm Körpergewicht des Kindes und Tag und beträgt maximal 200 mg pro Tag (Erhaltungsdosis).
- Wichtige Hinweise: Lamotrigin-Tabletten sollten möglichst immer zur gleichen Tageszeit vor oder nach dem Essen eingenommen werden. Wird Lamotrigin abgesetzt, soll das bei Epilepsien stufenweise über einen Zeitraum von zwei Wochen geschehen, um das Risiko von Rebound-Anfällen zu senken.
Nebenwirkungen von Lamotrigin
Wie alle wirksamen Medikamente hat auch Lamotrigin unerwünschte Wirkungen, die als Nebenwirkungen bezeichnet werden. Diese können von Person zu Person unterschiedlich sein und hängen von verschiedenen Faktoren ab, einschließlich der Dosis, der individuellen Empfindlichkeit und der Einnahme anderer Medikamente.
Lesen Sie auch: Kann ein Anfall tödlich sein?
Häufige Nebenwirkungen
- Sehr häufig (mehr als 1 von 10 Patienten): Kopfschmerzen, Hautausschlag.
- Häufig (bis zu 1 von 10 Patienten): Aggressivität oder Reizbarkeit, Schläfrigkeit oder Benommenheit, Schwindelgefühl, Schütteln oder Zittern (Tremor), Schlafstörungen (Schlaflosigkeit), Ruhelosigkeit, Durchfall, Mundtrockenheit, Übelkeit oder Erbrechen, Müdigkeit, Schmerzen in Rücken oder Gelenken oder anderswo.
Gelegentliche Nebenwirkungen
- Gelegentlich (bis zu 1 von 100 Patienten): Unbeholfene Bewegungen und fehlende Abstimmung der Bewegungsabläufe (Koordinationsstörungen/Ataxie), Doppelbilder oder Verschwommensehen, ungewöhnlicher Haarausfall oder schütter werdendes Haar (Alopezie), Hautausschlag oder Sonnenbrand nach Sonneneinstrahlung oder nach Einwirkung von künstlichem UV-Licht (Lichtempfindlichkeit).
Seltene Nebenwirkungen
- Selten (bis zu 1 von 1.000 Patienten): Eine lebensbedrohliche Hautreaktion (Stevens-Johnson-Syndrom), eine Gruppe von Beschwerden, einschließlich Fieber, Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen, steifer Nacken, extreme Empfindlichkeit gegenüber hellem Licht, können von einer Entzündung der Membran die Gehirn und Rückenmark umhüllt (Meningitis) verursacht worden sein, rasche, unkontrollierbare Augenbewegungen (Nystagmus), juckende Augen mit Schleimabsonderung und verkrusteten Augenlidern (Bindehautentzündung).
Sehr seltene Nebenwirkungen
- Sehr selten (bis zu 1 von 10.000 Patienten): Eine lebensbedrohliche Hautreaktion (toxische epidermale Nekrolyse), Arzneimittelausschlag mit Eosinophilie und systemischen Symptomen (DRESS), Fieber, Schwellungen im Gesicht (Ödem) oder geschwollene Drüsen in Hals, Achselhöhlen oder Leistengegend (Lymphadenopathie), Veränderungen der Leberfunktion, die durch Blutuntersuchungen festgestellt werden, oder Leberversagen, eine schwerwiegende Blutgerinnungsstörung, die unerwartete Blutungen und blaue Flecken hervorrufen kann (disseminierte intravaskuläre Gerinnung), Hämophagozytische Lymphohistiozytose (HLH), Veränderungen des Blutbildes, einschließlich verminderte Anzahl an roten Blutkörperchen (Anämie), verminderte Anzahl an weißen Blutkörperchen (Leukopenie, Neutropenie, Agranulozytose), verminderte Anzahl an Blutplättchen (Thrombozytopenie), verminderte Anzahl all dieser Blutzellen (Panzytopenie) und eine als aplastische Anämie bezeichnete Erkrankung des Knochenmarks, Halluzinationen ('Sehen' oder 'Hören' von Dingen, die gar nicht da sind), Verwirrtheit, 'wackliger' oder unsicherer Gang beim Umherlaufen, unkontrollierbare Körperbewegungen (Tics), unkontrollierbare Muskelkrämpfe, die Augen, Kopf und Rumpf betreffen (Choreoathetose), oder andere ungewöhnliche Körperbewegungen wie Ruckeln, Schütteln oder Steifigkeit, Zunahme der Anfälle bei Patienten, die bereits eine Epilepsie haben, Verschlimmerung der Beschwerden einer bestehenden Parkinson-Krankheit, Lupus-ähnliche Reaktionen.
Weitere Nebenwirkungen
- Es gab Berichte von Knochenerkrankungen einschließlich Osteopenie (Minderung der Knochendichte), Osteoporose (Ausdünnung der Knochen) und Knochenbrüche.
- Entzündung der Niere (tubulointerstitielle Nephritis) oder Entzündung sowohl der Niere als auch des Auges (tubulointerstitielle Nephritis und Uveitis-Syndrom).
- Albträume.
- Verminderte Immunität durch geringere Mengen an Antikörpern, so genannten Immunglobulinen, im Blut, die bei der Abwehr von Infektionen unterstützen.
Wichtige Warnhinweise
- Hautausschläge: Patienten sollten sofort ärztlichen Rat einholen, wenn sie einen neu auftretenden Hautausschlag bemerken, da dies ein Zeichen für eine schwerwiegende Hautreaktion wie das Stevens-Johnson-Syndrom sein kann.
- Blutbildveränderungen: Symptome wie starke Müdigkeit, Blutergüsse oder Infektanfälligkeit können auf Blutbildveränderungen hinweisen und sollten umgehend ärztlich abgeklärt werden.
- Sehstörungen und Bewusstseinsstörungen: Plötzlich auftretende starke Sehstörungen oder Bewusstseinsstörungen erfordern ebenfalls sofortige ärztliche Hilfe.
Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten
Lamotrigin kann Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten eingehen, die seine Wirkung beeinflussen können.
- Valproinsäure: Valproinsäure erhöht den Blutspiegel von Lamotrigin, wodurch die Dosis von Lamotrigin reduziert werden muss.
- Carbamazepin, Phenytoin und Phenobarbital: Diese Medikamente senken den Blutspiegel von Lamotrigin, wodurch höhere Dosen von Lamotrigin erforderlich sein können.
- Orale Kontrazeptiva: Bestimmte Hormone in Antibabypillen können die Wirkung von Lamotrigin abschwächen, weshalb die Lamotrigin-Dosis angepasst werden muss, wenn eine Patientin mit der Anwendung der Pille beginnt oder diese beendet.
- Alkohol: Alkohol kann die Nebenwirkungen von Lamotrigin wie Schwindel verstärken.
Kontraindikationen
Lamotrigin darf nicht eingesetzt werden bei:
- Bekannter Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff.
- Vorsicht ist geboten bei Patienten mit Leber- oder Nierenfunktionsstörungen.
- Patienten mit Überempfindlichkeit gegen Carbamazepin oder Phenytoin (mögliche Kreuzreaktionen).
- Patienten mit mittelschwerer oder schwerer Leberfunktionsstörung.
- Patienten mit Allergien oder Hautausschlägen gegen andere Antiepileptika in der Vorgeschichte.
- Patienten mit klinisch bedeutsamen strukturellen oder funktionellen Herzerkrankungen.
- Träger des HLA-B*1502-Allels asiatischer Herkunft, weil bei ihnen die Gefahr schwerwiegender Hautreaktionen besonders hoch ist.
Lamotrigin in der Schwangerschaft und Stillzeit
Laut Embryotox ist Lamotrigin in der Schwangerschaft das Antiepileptikum der Wahl. Bei bipolarer Störung ist Quetiapin als mögliche Alternative genannt. Embryotox nennt das Stillen unter Lamotrigin »akzeptabel«.
Vorteile von Lamotrigin
Lamotrigin hat mehrere Vorteile gegenüber anderen Antiepileptika:
- Gute Verträglichkeit: Lamotrigin ist im Allgemeinen gut verträglich und macht weniger müde als viele andere Antiepileptika.
- Stimmungsstabilisierende Wirkung: Es hat zusätzlich eine stimmungsstabilisierende Wirkung, was bei Patienten mit Depressionen günstig ist.
- Weniger Einfluss auf das Gewicht: Es beeinflusst kaum das Gewicht.
- Breites Wirkungsspektrum: Die Substanz weist ein breites Wirkungsspektrum auf und eignet sich zur Behandlung fokaler und generalisierter Epilepsien. Mit der Lamotrigin-Therapie fühlen sich die Patienten häufig psychisch wohl, sie berichten über eine bessere Aufmerksamkeit und Organisationsfähigkeit im Alltag.
Umgang mit Nebenwirkungen
Wenn während der Einnahme von Lamotrigin Nebenwirkungen auftreten, ist es wichtig, diese mit dem behandelnden Arzt zu besprechen. Viele Nebenwirkungen treten nur zu Beginn der Einnahme eines Medikamentes auf und bilden sich dann innerhalb von wenigen Wochen vollständig oder zumindest teilweise zurück, ohne dass die Einnahme beendet wird. Ein plötzliches Absetzen von Medikamenten sollte nur in Absprache mit dem Arzt erfolgen, weil es ansonsten zu Entzugsanfällen bis hin zu einem lebensgefährlichen Status epilepticus kommen kann.
Lesen Sie auch: Cortison-Therapie bei Epilepsie im Detail
Substitution von Antiepileptika
Die Einstellung eines Patienten mit Epilepsie auf die Medikation ist teilweise eine aufwändige und diffizile Angelegenheit. Ein einmal erreichtes Behandlungsziel mit Anfallsfreiheit bei guter Verträglichkeit sollte jedoch nicht unnötig aufs Spiel gesetzt werden. Daher hat eine Ad-hoc-Kommission der Deutschen Gesellschaft für Epileptologie schon 2002 in dieser Situation von einem Präparatewechsel abgeraten.
Lesen Sie auch: Ein umfassender Leitfaden zur idiopathischen generalisierten Epilepsie
tags: #epilepsie #lamotrigin #aufmerksamkeit #bei #vergessen