Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, die in Deutschland Millionen Menschen betrifft. Dieser Artikel beleuchtet die aktuellen Zahlen und Fakten zu Migräne in Deutschland, ihre Auswirkungen auf Betroffene und die Wirtschaft sowie mögliche Präventions- und Behandlungsansätze.
Was ist Migräne?
Migräne äußert sich in wiederkehrenden Kopfschmerz-Attacken, welche mit Begleitsymptomen einhergehen, die das vegetative Nervensystem betreffen. Typisch für eine Migräne ohne Aura sind einseitig pulsierende Kopfschmerzen von mittelschwerer bis hoher Intensität. Die Beschwerden verstärken sich bei körperlicher Aktivität, zudem kommt es häufig zu Übelkeit bis hin zum Erbrechen. Bei der Migräne mit Aura treten zusätzlich visuelle Störungen auf, bevor die Schmerzen einsetzen. Eine Attacke kann sich in bis zu vier Phasen manifestieren, in denen u.a. starke, häufig halbseitig „pochende“ Kopfschmerzen auftreten können, die sich verschlimmern, wenn sich die Betroffenen bewegen. Weitere typische Begleitsymptome sind Übelkeit und eine Überempfindlichkeit gegenüber Licht und Geräuschen, manchmal auch gegenüber Gerüchen und Hautkontakt.
Prävalenz und Betroffenheit
Migräne ist die häufigste neurologische Erkrankung in Deutschland. Sie betrifft hier etwa 18 Millionen Menschen. Weltweit ist etwa eine von zehn Personen betroffen. In Deutschland sind es bis zu 15,5 Millionen. Die Erkrankung ist häufiger als Diabetes, Asthma und Epilepsie zusammen.
Geschlechterunterschiede
Weit mehr Frauen sind von Migräne betroffen als Männer. Nach Analysen der AOK Rheinland/Hamburg fallen weibliche Beschäftigte sehr viel häufiger an ihrem Arbeitsplatz aus, weil sie von Migräne-Attacken heimgesucht werden, als männliche Beschäftigte. Im Jahr 2024 verzeichnete die Gesundheitskasse bei den weiblichen Versicherten 5,33 Krankschreibungen mit der Diagnose Migräne je 100 Versicherte und damit 175 Prozent mehr als bei den männlichen Versicherten, die auf 1,94 Krankschreibungen je 100 Versicherte kamen. Geschlechterübergreifend waren im Jahr 2024 durchschnittlich 3,42 Krankschreibungen je 100 Versicherte auf Migräne zurückzuführen.
Altersverteilung
Migräne beginnt oft in der Pubertät. Am stärksten behindert sie im Alter zwischen 35 und 45 Jahren. Aber auch viele junge Kinder sind betroffen. In der Altersgruppe von 15 bis 49 Jahren ist sie die häufigste Ursache für Behinderungen bei Frauen (Studie „Global Burden of Disease“).
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Ursachen und Auslöser
Ursachen und Auslöser der Migräne sind bis heute nicht vollständig verstanden. Allerdings gehen Forschende seit längerem davon aus, dass das Neuropeptid CGRP (steht für Calcitonin Gene-Related Peptide) eine Rolle spielt und in der Entstehung der Migräne und der Weiterleitung des Migräneschmerzes involviert ist. In Studien konnte gezeigt werden, dass eine intravenöse Gabe von CGRP bei Migräne-Erkrankten direkt Migräneattacken auslösen kann. Außerdem steigen die CGRP-Spiegel im Plasma bei einer Migräneattacke an und sinken ab, wenn die Migräne abklingt.
Mögliche Auslöser
Auch am Arbeitsplatz kann es zahlreiche Auslöser einer Migräne geben. Viele Migräneerkrankte erkennen die Vorboten der Attacke in der Prodromalphase. Das können beispielsweise Heißhunger, Gähnen, Schlafstörungen, Erschöpfung, Muskel- und Nackenverspannungen, kalte Gliedmaßen, Verdauungsprobleme oder Gedächtnisveränderungen sein. Wetterumschwünge, Stress, Dehydrierung und der Menstruationszyklus wurden in einer Fragebogenstudie als häufigste Trigger von Attacken identifiziert, wovon allerdings nicht alle gut vermieden werden können.
Wirtschaftliche Auswirkungen
Migräne hat erhebliche wirtschaftliche Auswirkungen. Laut einer Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts WifOR gehen in Deutschland jährlich 1,22 Milliarden Arbeitsstunden aufgrund von Migräne verloren. Dies entspricht einem Potenzial von rund 100 Milliarden Euro für die deutsche Wirtschaft und Gesellschaft, wenn die Versorgung von Migränepatienten und -patientinnen nachhaltig verbessert würde. Fehltage, verminderte Arbeitsfähigkeit, aber auch indirekte und induzierte Folgen der Erkrankung summieren sich laut der Studie „The socioeconomic burden of migraine“ des WifOR auf rund 100 Milliarden Euro jedes Jahr. Gerade die letzten Zahlen verdienen Beachtung. Weil die Migräne mehrheitlich weiblich ist, fällt bei dieser Erkrankung ein besonders hoher Anteil unbezahlter Arbeit weg. Das sind viele solcher Tätigkeiten, die in Wirtschaftsstatistiken nicht auftauchen, aber eine Gesellschaft zusammenhalten: Ehrenamt, Pflege von Bekannten und Angehörigen, Betreuung von Kindern und Jugendlichen, Engagement in Vereinen.
Zunahme von Fehltagen
Auswertungen der AOK Rheinland/Hamburg weisen nun bei Berufstätigen eine deutliche Zunahme von Krankschreibungen und Fehltagen aufgrund von Migräne nach. Die Zahl der Fehltage hat sich innerhalb der vergangenen 15 Jahre verdoppelt, die Zahl der Krankschreibungen ist in diesem Zeitraum sogar um fast 150 Prozent gestiegen. Allein in den vergangenen drei Jahren ist es zu einem signifikanten Anstieg der Migräne-Zahlen gekommen. Von 2022 bis 2024 hat sich die Zahl der Fehltage um mehr als 23 Prozent erhöht: von 11,65 Tagen je 100 Versicherte im Jahr 2022 auf 14,38 Tage im Jahr 2024. Die Zahl der Migräne-Krankschreibungen ist in dieser Zeit um mehr als 38 Prozent gestiegen - und sogar um 146 Prozent im Vergleich zum Jahr 2010.
Begleiterkrankungen (Komorbiditäten)
Migräne kommt nicht immer allein. Tatsächlich können viele Patienten weitere Erkrankungen, in der Fachsprache Komorbiditäten genannt, entwickeln. Zum einen haben Menschen mit Migräne ein erhöhtes Risiko für psychische Störungen wie für Depressionen, generalisierte Angststörungen oder bipolare Störungen. Zum anderen steht Migräne schwach mit Epilepsie in Verbindung. Aber auch physische Leiden können mit Migräne zusammenhängen.
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Depressionen
Studien haben gezeigt, dass für Migräne-Patienten ein erhöhtes Risiko für Depressionen besteht, besonders für Frauen mit einer Migräne mit Aura. Die psychische Erkrankung äußert sich durch eine Vielzahl an Beschwerden. Körperliche Symptome wie Schlafstörungen, Appetitlosigkeit oder Kopf- und Bauschmerzen gehören ebenfalls zu den Anzeichen einer Depression. Es gibt eine Reihe an wirksamen Therapiemöglichkeiten. Der Zusammenhang zwischen Migräne und Depressionen kann unter anderem durch Stoffwechselveränderungen im Gehirn erklärt werden. Bei beiden Erkrankungen scheinen Ungleichgewichte bestimmter Botenstoffe im Gehirn vorzuliegen. Einer davon ist Serotonin. Dieser Neurotransmitter ist an der Schmerzwahrnehmung beteiligt und bei Menschen mit Depressionen und Migräne oft aus der Balance geraten.
Angststörungen
Generalisierte Angststörungen und Migräne können sich gegenseitig bedingen - Migräne-Patienten haben ein vierfach erhöhtes Risiko für eine generalisierte Angst. Vor allem wenn Menschen unter chronischer Migräne leiden, besteht die Gefahr, dass sie Ängste vor der nächsten Attacke entwickeln. Diese können so ausgeprägt sein, dass sich allein aufgrund derer die Kopfschmerzen entwickeln. Auch bei Angststörungen besteht wahrscheinlich ein Ungleichgewicht bestimmter Neurotransmitter wie Serotonin, ähnlich wie bei Migräne.
Reizdarm
Immer mehr Studien zeigen, dass auch ein Reizdarmsyndrom womöglich mit Migräne in Verbindung steht. Laut einer Studie besteht für Menschen mit Migräne ein 1,95-fach erhöhtes Risiko, das Reizdarmsyndrom zu entwickeln. Wie bei Migräne steht zudem Serotonin in Verdacht, bei Reizdarmsyndrom eine Schlüsselrolle zu spielen.
Diagnose und Behandlung
Laut deutscher Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) haben etwa 54 Millionen Menschen in Deutschland allein im Jahr 2020 unter Kopfschmerzen gelitten - also rund 70 Prozent der Bevölkerung. Allerdings werden Kopfschmerzerkrankungen in der Öffentlichkeit nicht als ernsthaft wahrgenommen, da sie meist nur episodisch auftreten, nicht ansteckend sind und in der Regel nicht zum Tod führen. Etwa 40 Prozent der Erkrankten werden nicht diagnostiziert.
Therapieansätze
Zur Akutbehandlung einer Attacke stehen verschiedene Medikamente zur Verfügung: Triptane wirken spezifisch bei Migräne, sie unterscheiden sich in Wirkdauer und -eintritt. Zusätzlich gibt es Mittel gegen Übelkeit. Einfache Schmerzmittel (NSAR) wirken nur in ausreichender Dosierung. Zur Vorbeugung von Attacken gibt es verschiedene Medikamente, die bei jeder Person unterschiedlich gut helfen. Struktur, Regelmäßigkeit und Routinen sowie Möglichkeiten zur Reizabschirmung sind hilfreich, um Stress zu vermeiden.
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CGRP-basierte Therapien
CGRP-basierte Migränetherapien blockieren gezielt das Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) oder dessen Rezeptor und markieren einen entscheidenden Fortschritt in der Prophylaxe häufiger und schwerer Migräne. Monoklonale CGRP-Antikörper wie Eptinezumab, Fremanezumab, Galcanezumab und Erenumab sind seit Anfang 2019 in Deutschland zur Migräneprophylaxe für Erwachsene mit mindestens vier Migränetagen pro Monat zugelassen. Seit Anfang 2025 stehen mit den oralen CGRP-Rezeptorantagonisten (Gepanten) weitere, tablettenbasierte Therapieoptionen für Prophylaxe und Akutbehandlung zur Verfügung.
Bedeutung der Früherkennung
Viele Menschen mit schwerer Migräne erhalten die modernen Migränemittel zu einem späten Zeitpunkt ihres Krankheitsverlaufes. Erst bei starker Chronifizierung werden CGRP-Therapien überhaupt in Betracht gezogen - dabei wäre gerade eine frühe Therapie entscheidend, um eine Chronifizierung zu verhindern. Die DMKG fordert ein grundlegendes Umdenken im Gesundheitssystem und einen frühzeitigen Einsatz moderner Migräneprophylaktika.
Initiativen und Projekte
In Zusammenarbeit mit Patientenorganisationen sowie Experten und Expertinnen aus den Bereichen Neurologie, Telemedizin und digitale Medizin hat das Unternehmen Novartis in der Schweiz ein Pilotprogramm entwickelt, das Migräne-betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einen Service zur Verbesserung ihrer Lebensqualität bietet. Angelehnt an „Migraine Care“ wird eine solche Initiative auch in Deutschland einzuführen. Für Ärztinnen und Ärzte in Betrieben und der Arbeitsmedizin sowie für Personalabteilungen bietet Novartis Informationsmaterialien, Newsletter-Bausteine und eine Checkliste für die Gestaltung eines Migräne-freundlichen Arbeitsplatzes an.