Epilepsie und Inklusion: Erfahrungen mit Christel Manskes Ansatz zur Entwicklung funktioneller Hirnsysteme

Einführung

In den letzten Jahren ist das Interesse an der Anwendung der kulturhistorischen Psychologie und der Tätigkeitstheorie in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen stetig gewachsen. Besonders im Bildungsbereich gibt es zunehmend Publikationen und Erfahrungen zu Themen wie Inklusion, Gesundheitserziehung, interkultureller Erziehung sowie zur Arbeit in Kindergärten, Grundschulen und der Erwachsenenbildung. Auch spezifische Problemstellungen wie die Arbeit mit autistischen Kindern rücken immer mehr in den Fokus. Diese Arbeiten sind überwiegend praxisorientiert und zeigen innovative Anwendungen der kulturhistorischen Theorie. Dieser Artikel beleuchtet die Erfahrungen mit dem Ansatz von Christel Manske, insbesondere im Kontext von Epilepsie und Inklusion, und stützt sich dabei auf ihre Publikationen und Fallbeispiele.

Christel Manske und die Entwicklung funktioneller Hirnsysteme

Christel Manske leitet ihr eigenes Institut für die Entwicklung funktioneller Hirnsysteme in Hamburg. Sie arbeitet mit Kindern, die aufgrund ihrer Besonderheiten - wie Autismus, Trisomie 21, ADHS oder Hochbegabung - in der Regelschule auffällig sind oder vom gemeinsamen Lernen ausgeschlossen werden. Ihr Ansatz basiert auf dem theoretischen Hintergrund der Entwicklung funktioneller Hirnsysteme. Ziel ist es, in jeder Unterrichtsstunde Kinder unterschiedlicher Entwicklungsstufen gemeinsam in der Regelschule zu fördern.

Das Unterrichtsmodell von Christel Manske

Manske verfolgt ein Unterrichtsmodell, das darauf abzielt, den Lerngegenstand so anzubieten, dass er von den Kindern empfunden, wahrgenommen, erinnert und gedacht wird. Dadurch sollen entwicklungsverzögerte Kinder eine Anschlussmöglichkeit erhalten und die Chance bekommen, die jeweils nächsthöheren Entwicklungsstufen zu erreichen. In ihren Seminaren stellt sie die Arbeit mit Fibeln und Arbeitsmaterialien sowie einen inklusiven Mathematikunterricht vor, der auf der Denkweise der Kinder basiert.

Veröffentlichungen von Christel Manske

Christel Manske hat mehrere Bücher und Artikel veröffentlicht, die ihre Erfahrungen und ihren Ansatz detailliert beschreiben. Zu ihren Werken gehören:

  • Jenseits von Pisa (2008)
  • Epilepsie (2013)
  • Inklusion: Das Ende vom Anfang? (2020)
  • Der Handelnde Unterricht (2020)

Diese Publikationen bieten Einblicke in ihre Arbeit und die theoretischen Grundlagen ihres Ansatzes.

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Der Fall Ralf Fingerhut: Überwindung von Epilepsie und Lernbehinderung

Ein besonders eindrückliches Beispiel für Manskes Arbeit ist der Fall von Ralf Fingerhut. Ralf war zwanzig Jahre alt, als er zu Christel Manske kam. Er hatte die Diagnose, kein Rechenzentrum zu haben, litt unter epileptischen Anfällen und sollte die vier Grundrechenarten erlernen. Für Christel Manske war Ralfs Lernbehinderung ein Zeichen einer gestörten Kommunikation zwischen ihm und seinen früheren Lehrern.

Der Lernprozess

Im Laufe der Therapie machte Ralf zunehmend Fortschritte. Er lernte, die vier Grundrechenarten zu begreifen und entdeckte dabei tiefere Zusammenhänge. So sagte er beispielsweise: "Wenn acht geteilt durch vier wirklich zwei wäre, dann gäbe es keinen Hunger in der Welt. Acht geteilt durch vier, das ist der kommende Jesus." Mathematik wurde für ihn zum Werkzeug, Gerechtigkeit zu bewirken.

Die Überwindung der Epilepsie

Durch diesen Lernprozess überwand Ralf Fingerhut die Epilepsie vollständig. Manske beschreibt, wie sich ihm Entwicklungswege eröffneten und er seine Blockaden im Gehirn überwinden konnte. Im Rückblick zieht die Autorin Bilanz dieser Heilung und vergleicht sie mit ähnlichen Fällen.

Ralfs Entwicklung im Detail

Ralf Fingerhut war zwanzig, als er zu Christel Manske kam. Sie sollte ihm, den „Behinderten“, die vier Grundrechenarten beibringen. Zudem litt er unter schweren epileptischen Anfällen. In dem Maße, wie er sich seiner früheren Blockierungen und Schwierigkeiten bewusst wird, erringt er jene Rechenfertigkeit, die ihm damals abgesprochen wurde.

Die Bedeutung der Resonanz

Auf dem Weg zur Lösung bedurfte es der Resonanz. Manske versuchte, ihn besser zu verstehen, denn im Verlauf der Therapie machte er zunehmend Fortschritte. Sie lernte mit ihren Klienten, das Gegenüber kennen und verstehen zu lernen. Es geht darum, Wege zu eröffnen und Motivation zu schaffen.

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Das Ende der Arbeitslosigkeit

Früher war Ralf arbeitslos. Er weinte und weinte…“ Je unzufriedener er an seinem Montagearbeitsplatz in der WfbM war, desto mehr ging es um Blockadevorgänge im Gehirn. Tabletten bewirken das nicht. (S. 58). Durch die Therapie wurde er anfallsfrei.

Ralfs Umzug und Arbeit

1983 zog er nach Rieneck in ein SOS Kinderdorf. Auch dort fand er Arbeit. Manske sieht und versteht ihn.

Inklusion und Epilepsie: Weitere Beispiele aus Manskes Arbeit

Später wagte Manske es, zwei ihrer Schüler, die als geistig behindert eingestuft waren, den Weg zum Abitur zu ebnen. Sie stellt die Arbeit mit zwei Schülern dar, die an Epilepsie litten. Diese Erfahrungen zeigen, dass auch bei Schülern mit schweren Beeinträchtigungen große Fortschritte möglich sind, wenn man auf ihre individuellen Bedürfnisse eingeht und ihnen einen Zugang zum Lernen ermöglicht, der ihren Fähigkeiten entspricht.

Die Bedeutung individuellen Lernens

Manske betont, dass es keine schlechten Schüler gibt. Ihr Ansatz zielt darauf ab, individualisierte Lernwege und Möglichkeiten zu schaffen, die sich nicht an einem starren Maßstab ausrichten. Sie kritisiert, dass sich das Bildungssystem oft den Bedürfnissen der Schüler entzieht.

Kritik und Herausforderungen

Obwohl Manskes Ansatz viele Erfolge aufweist, gibt es auch kritische Stimmen und Herausforderungen. Inklusion ist ein komplexes Thema, das nicht nur individuelle Förderung, sondern auch strukturelle Veränderungen im Bildungssystem erfordert. Gertraud Kremsner spricht in diesem Zusammenhang von einem "Ausschluss der Eingeschlossenen", was darauf hindeutet, dass Inklusion nicht immer erfolgreich umgesetzt wird und zu neuen Formen der Ausgrenzung führen kann.

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Weitere relevante Literatur

Neben Manskes eigenen Werken gibt es eine Vielzahl weiterer Publikationen, die sich mit den Themen Inklusion, Behinderung und Lernen auseinandersetzen. Dazu gehören unter anderem:

  • H. Brigitte Schumann: „Ich schäme mich ja so!“ (2007)
  • Stephen Campbell: Supporting Disabled Students in Higher Education (2023)
  • Rahel More: Disability, Elternschaft und Soziale Arbeit (2021)
  • Raphael Koßmann: Schule und „Lernbehinderung“ (2019)
  • Gertraud Kremsner: Vom Einschluss der Ausgeschlossenen zum Ausschluss der Eingeschlossenen (2017)
  • Marion Sigot: Junge Frauen mit Lernschwierigkeiten zwischen Selbst- und Fremdbestimmung (2017)
  • Ernst Wüllenweber: Einander besser verstehen. Hilfen und Ansätze für Menschen mit geistiger Behinderung, mit Lernbehinderung und bei Autismus (2014)
  • Lisa Pfahl: Techniken der Behinderung (2011)
  • Irmtraud Schnell, Alfred Sander, Claudia Federolf (Eds.): Zur Effizienz von Schulen für Lernbehinderte (2011)
  • Albert Lenz, Ulla Riesberg, Birgit Rothenberg, Christiane Sprung: Familie leben trotz intellektueller Beeinträchtigung (2010)
  • Judith Nestler, Lutz Goldbeck: Soziale Kompetenz (2009)
  • Dietrich Eggert: Von den Stärken ausgehen … (2007)
  • Dagmar Orthmann Bless: Lebensentwürfe benachteiligter Jugendlicher (2006)
  • Helga Fasching: Qualitätskriterien in der beruflichen Integrationsmaßnahme Arbeitsassistenz (2004)
  • Phoebe Caldwell: Du weißt nicht, wie das ist! (2004)

Diese Werke bieten unterschiedliche Perspektiven auf die Thematik und können helfen, ein umfassenderes Verständnis zu entwickeln.

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