Die Auseinandersetzung mit Krankheit und Leid zieht sich wie ein roter Faden durch die Menschheitsgeschichte. Auch im Neuen Testament begegnen wir der Epilepsie, einer Krankheit, die damals oft mit Mystik, Dämonie und Stigmatisierung verbunden war. Dieser Artikel beleuchtet die Darstellung der Epilepsie im Neuen Testament, ihre Deutung im Kontext der damaligen Zeit und die Bedeutung für unser heutiges Verständnis.
Jahreslosung 2024: "Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe"
Die Jahreslosung 2024, entnommen aus dem 1. Korintherbrief 16,14, lautet: „Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe“. Dieser Aufruf zur Nächstenliebe und uneigennützigem Handeln findet sich auch in der Interpretation des Epilepsiezentrums Kleinwachau wieder, die ihn mit dem Claim „Hand auf's Herz“ übersetzen. Diese Botschaft unterstreicht die Bedeutung des Mitgefühls und der Fürsorge für Menschen mit Epilepsie, insbesondere im Kontext der biblischen Erzählungen.
Epilepsie im Kontext des Neuen Testaments
Im Neuen Testament wird Epilepsie oft als "Mondsucht" bezeichnet und mit Besessenheit durch Dämonen in Verbindung gebracht. Dies spiegelte die damalige Vorstellung wider, dass Krankheiten durch böse Geister verursacht werden können. Ein Beispiel hierfür findet sich in Matthäus 17,14-20, wo ein Vater seinen "mondsüchtigen" Sohn zu Jesus bringt, da die Jünger ihn nicht heilen konnten.
Matthäus 17,14-20: Die Heilung des mondsüchtigen Knaben
Die Erzählung in Matthäus 17,14-20 schildert die Verzweiflung eines Vaters, dessen Sohn an "Mondsucht" leidet. Der Junge fällt ins Wasser oder ins Feuer, was seine Krankheit lebensgefährlich macht. Die Jünger Jesu sind nicht in der Lage, ihn zu heilen, was zu einem Ausbruch der Verzweiflung bei Jesus führt. Er beklagt den Unglauben der Menschen und erklärt, dass die Jünger selbst zu wenig Glauben haben, um den Geist der Krankheit auszutreiben.
Glaube als Schlüssel zur Heilung
Jesus betont die Bedeutung des Glaubens für die Heilung. Er sagt, dass selbst ein Glaube wie ein Senfkorn Berge versetzen kann. Der Glaube soll auf Jesus gerichtet sein und die großen Möglichkeiten Gottes in den Blick nehmen. Der Vater des Jungen bekennt seinen Glauben und bittet Jesus um Hilfe gegen seinen Unglauben. Daraufhin heilt Jesus den Knaben.
Lesen Sie auch: Kann ein Anfall tödlich sein?
Dämonenaustreibung und die Aufrichtung des Reiches Gottes
Die Austreibung von Dämonen durch Jesus wird im Neuen Testament als Zeichen für den Beginn des Reiches Gottes gesehen (vgl. Matthäus 12,28; Lukas 11,20). Dämonen werden als zerstörerische Mächte betrachtet, denen die Menschheit ausgeliefert ist. Indem Jesus die Dämonen austreibt, zeigt er, dass Gott die Macht hat, diese Mächte zu besiegen und Heilung zu bringen.
Die theologische Deutung von Krankheit im Neuen Testament
Das Neue Testament lehnt die Vorstellung ab, dass Krankheit eine Strafe für Sünden ist. In Johannes 9,2-3 widerspricht Jesus dieser Deutung ausdrücklich, als er sagt, dass die Blindheit eines Mannes nicht die Folge seiner eigenen oder der Sünden seiner Eltern ist, sondern dazu dient, die Werke Gottes an ihm zu offenbaren.
Lukas als Arzt: Eine rationale Perspektive
Das Lukasevangelium nimmt eine besondere Stellung ein, da Lukas, der selbst Arzt war, die Heilungen Jesu auch aus einer rationalen Perspektive betrachtet. In der Erzählung von der Heilung des epileptischen Jungen (Lukas 9,37-43) korrigiert Lukas die Schilderung des Markusevangeliums und präsentiert Jesus als Arzt, der sich um den Jungen kümmert und ihn ärztlich behandelt ("iasato").
Die Doppeldeutigkeit des Begriffs "Pneuma"
Interessanterweise erwähnt Lukas in seiner Erzählung dennoch einen Dämon: "Jesus aber bedrohte den unreinen Geist und machte den Knaben gesund" (Lukas 9,42). Der Begriff "Pneuma" kann sowohl als dämonische Kraft als auch als "unreine Luft" im Sinne der antiken Medizin verstanden werden. Diese Doppeldeutigkeit ermöglicht es, den Kranken von der Verantwortung für seine Krankheit zu entlasten und die Krankheit als etwas Fremdverursachtes darzustellen.
Krankheit als Aufstand des Chaos gegen Gottes Schöpfung
In der Theologie des 20. Jahrhunderts griff Karl Barth die dämonologische Deutung von Krankheit auf und interpretierte sie als "ein Moment des Aufstandes des Chaos gegen Gottes Schöpfung". Diese Deutung betont die Sinnlosigkeit der Krankheit und verdeutlicht, dass Gott die Krankheit nicht will, sondern ihre Überwindung.
Lesen Sie auch: Cortison-Therapie bei Epilepsie im Detail
Die Rolle von Glaube und Gebet
Die Erzählungen im Neuen Testament betonen die Bedeutung des Glaubens und des Gebets für die Heilung von Krankheiten. Jesus selbst heilte Kranke und trieb Dämonen aus, und er forderte seine Jünger auf, dasselbe zu tun. Auch heute noch spielen Glaube und Gebet für viele Menschen mit Epilepsie und ihre Angehörigen eine wichtige Rolle im Umgang mit der Krankheit.
Epilepsie in der Literatur und Kunst
Das Epilepsiemotiv findet sich in der Literatur und Kunst verschiedener Epochen. In der Antike wurde Epilepsie oft mit Prophetie in Verbindung gebracht ("mal des prophètes"). Auch in der modernen Literatur wird diese Verbindung immer wieder hergestellt.
Dostojewskij und die literarische Verarbeitung der Epilepsie
Fjodor M. Dostojewskij, der selbst an Epilepsie litt, thematisierte die Krankheit in mehreren seiner Romane. Er schilderte die Symptome, die Auswirkungen auf die Betroffenen und ihre psycho-soziale Situation. Seine Werke bieten einen tiefen Einblick in die Erfahrungen von Menschen mit Epilepsie.
Beispiele aus der Literatur
- Thomas Mann: Verwendete das Epilepsiemotiv in mehreren seiner Romane, darunter "Buddenbrooks", "Der Zauberberg" und "Doktor Faustus".
- Christa Wolf: Thematisierte Epilepsie in ihrem Roman "Kassandra".
- Fjodor M. Dostojewskij: Schrieb ausführlich über Epilepsie in seinen Romanen "Erniedrigte und Beleidigte", "Der Idiot", "Die Dämonen" und "Die Brüder Karamasow".
Bethel: Ein Ort der Hoffnung und Heilung
Friedrich von Bodelschwingh gründete 1869 in Bethel eine Einrichtung für Menschen mit Epilepsie. Er erkannte die Not der Epilepsiekranken und schuf einen Ort, an dem sie nicht nur medizinische Pflege, sondern auch eine neue Heimat und eine Lebensgemeinschaft finden konnten. Bethel wurde zu einem Zentrum der Epilepsiebehandlung und -forschung.
Die Herausforderungen im Umgang mit Epilepsie heute
Auch heute noch sind Menschen mit Epilepsie mit Herausforderungen konfrontiert. Stigmatisierung, Vorurteile und mangelndes Verständnis können ihren Alltag erschweren. Es ist wichtig, dass wir uns mit der Krankheit auseinandersetzen, Betroffene unterstützen und uns für ihre Rechte einsetzen.
Lesen Sie auch: Ein umfassender Leitfaden zur idiopathischen generalisierten Epilepsie