Epilepsie, im Volksmund auch "Fallsucht" genannt, ist eine der ältesten bekannten Krankheiten der Menschheit. Ihre Geschichte ist geprägt von Aberglauben, religiösen Deutungen und dem allmählichen Fortschritt der medizinischen Wissenschaft. Von der Antike bis zur Gegenwart hat sich das Verständnis und die Behandlung der Epilepsie grundlegend gewandelt.
Antike Vorstellungen: Besessenheit und heilige Krankheit
Schon in frühen Kulturen war Epilepsie bekannt. Die Menschen deuteten die Anfälle oft als Zeichen von Besessenheit durch Geister oder Dämonen oder als Strafe der Götter für Fehlverhalten. Bereits 2000 v. Chr. wurden epileptische Anfälle auf den Einfluss von Geistern zurückgeführt, die den Körper eines Menschen befallen, der sich nicht an religiöse Gesetze und gesellschaftliche Regeln hält.
Im alten Mesopotamien glaubte man, dass Wahrsagerinnen in den Tempeln unter Epilepsie litten und ihre Trancezustände ihnen einen direkten Draht zu den Göttern ermöglichten. Bei den alten Griechen galt Epilepsie zunächst als "heilige Krankheit", der man nur mit "Entsühnung" und Opfergaben begegnen konnte.
Eine gängige Vorstellung war, dass der Betroffene von seinem "Schutzgeist" verlassen wurde. Dementsprechend bot der Exorzismus, also die Austreibung des bösen Geistes, eine vermeintliche Behandlung. Eine weitere, drastischere Methode war die Trepanation, bei der der Schädel des Betroffenen geöffnet wurde. Schädelfunde, die bis ca. 6000 v. Chr. zurückreichen, deuten darauf hin, dass diese Methode bereits in der Frühzeit angewandt wurde, auch wenn sich ihre genaue Anwendung nicht immer eindeutig belegen lässt.
Der berühmte griechische Arzt Hippokrates (ca. 460-377 v. Chr.) revolutionierte das Verständnis der Epilepsie, indem er ihr eine natürliche Ursache zuschrieb. In seiner Schrift "Über die heilige Krankheit" argumentierte er, dass Epilepsie keine göttliche oder teuflische Strafe sei, sondern eine Erkrankung des Gehirns. Hippokrates empfahl eine vernünftige Lebensweise mit ausgewogener Ernährung, ausreichend Schlaf und körperlicher Betätigung als Therapie.
Lesen Sie auch: Kann ein Anfall tödlich sein?
Auch im Alten Testament finden sich Hinweise auf Epilepsie, so z. B. im vierten Buch des Pentateuch (Numeri [9./8. Jh. v. Chr.]), wo der Seher Bileam immer wieder als ‚fallend’ bezeichnet wird; oder in Aischylos’ Orestie (um 500 v. Chr.), wo Kassandras prophetische Aussagen von den Phänomenen Schaum, Krampf und Ausspucken von Blut begleitet werden.
Mittelalter: Rückkehr zu Aberglauben und religiösen Deutungen
Mit dem Zerfall des Weströmischen Reiches im Jahr 467 n. Chr. erlebte das medizinische Wissen einen Rückschritt. Bis zum 15. Jahrhundert dominierte die sogenannte "Mönchsmedizin", die Krankheit wieder als Strafe für sündiges Verhalten, als Folge von Hexerei und Besessenheit ansah. Die Macht zu heilen wurde nun Gott und seinen Heiligen zugeschrieben. Entsprechend entstanden Bezeichnungen wie "St. Veltins-Weh" oder "St. Paul´s disease" (Irland), und es wurden Heilige angerufen, um bei der Heilung zu helfen.
Die Behandlung der Epilepsie bestand im Mittelalter hauptsächlich aus Gebeten, Fasten, Wallfahrten, Opfergaben und Exorzismen. Daneben entwickelten sich abergläubische Heilpraktiken wie Zaubersprüche, Fetischismus und Amulette. Auch die Behandlung mit Pflanzen begann in dieser Zeit, war jedoch meist wirkungslos.
Aufgeschlossene Vertreter der Medizin versuchten jedoch auch, naturalistische Gedanken in ihre Heilungspraktiken einzubeziehen. Hildegard von Bingen (um 1100-1200), Äbtissin des Benediktinerinnenklosters auf dem Rupertsberg, schrieb in ihrem Werk "Naturkunde" Steinen eine heilende Wirkung zu. Heilende Kräuter oder bestimmte Diäten sollten den Körper gegen Dämonen kräftigen.
Constantinus Africanus, der im 11. Jahrhundert in Montecassino wirkte, knüpfte an die hippokratische Auffassung zur Epilepsie an. Er schöpfte vor allem aus arabischen Quellen, zum Beispiel derer der Ärzte Rhazes und Avicenna.
Lesen Sie auch: Cortison-Therapie bei Epilepsie im Detail
Renaissance und frühe Neuzeit: Aberglaube und erste wissenschaftliche Ansätze
In der Renaissance und der frühen Neuzeit hielten sich die abergläubischen Vorstellungen über Epilepsie hartnäckig. Die Krankheit wurde weiterhin als "Gottesstraf" (schüttelnde Gottesstrafe) oder als Folge des Sündenfalls und der Übertretung göttlicher Gebote angesehen.
Gleichzeitig gab es aber auch erste wissenschaftliche Ansätze, die sich mit der Ursache und Behandlung der Epilepsie auseinandersetzten. In dieser Zeit findet erneut die Kauterisation als heilende Maßnahme Anwendung. So wird z. B. angewandt, um die feuchte Säftemischung auszutrocknen.
Agrippa von Nettersheim (1486-1535) betonte, dass Medikamente zu bestimmten Zeiten (z. B. bei abnehmendem Mond) angewandt werden müssen, um ihre volle Wirkung zu entfalten. Er empfahl auch die Verwendung von Substanzen, die von weit her kommen und deren Herkunft nicht bekannt ist, oder von Erde, die verwest ist.
Im 16. Jahrhundert beschrieb Felix Platter (1536-1614) in seiner "Praxis Medicinae" die Symptome der Epilepsie und anderer Krankheiten detailliert. Er war einer der ersten Ärzte, der Autopsien durchführte, um die Ursachen von Krankheiten zu erforschen. Caspar Schwenckfeld (1489-1561) berichtete von einer seiner Patientinnen, die "Schmerzen in der Herzgegend" und einen "Krampf in Händen und Füßen" bekam, nachdem sie "mit erboßtem Gemüthe und zitternden Gliedern" zu ihren Eltern ging.
18. und 19. Jahrhundert: Aufklärung und erste spezialisierte Einrichtungen
Die Aufklärung im 18. Jahrhundert brachte langsam eine Abkehr vom Aberglauben und eine Hinwendung zu rationalen Erklärungen für die Ursachen von Krankheiten. Dennoch hielten sich Vorurteile gegenüber Epilepsiekranken hartnäckig. Im 19. Jahrhundert wurde beispielsweise die Ansteckung befürchtet, und es wurde eine charakterliche Zuordnung vorgenommen, bei der Epileptiker als "schwachsinnig", "reizbar", "hysterisch" oder "melancholisch" beschrieben wurden.
Lesen Sie auch: Ein umfassender Leitfaden zur idiopathischen generalisierten Epilepsie
Trotz dieser Vorurteile gab es im 19. Jahrhundert bedeutende Fortschritte in der Behandlung von Epilepsie. So wurden beispielsweise chemische Substanzen wie Kupfer, Zinkoxyd, Silbernitrat, Quecksilber, Wismut und Zinn eingesetzt. Auch kuriose Mittel wie Bibergeil und Menschenschädel fanden Verwendung.
Ein wichtiger Schritt war die Gründung der ersten auf Epilepsie spezialisierten Einrichtungen. Bis ins 19. Jahrhundert hinein gab es in Deutschland keine solche Einrichtungen, und Epilepsiekranke wurden oft in Irrenanstalten oder Gefängnissen untergebracht. Die erste Heilanstalt für Epilepsie-Kranke wurde erst 1855 in Görlitz gegründet. 1892 erfolgte in Kork die erste Einrichtung für epileptische Kinder. Frankreich war in dieser Entwicklung Deutschland weit voraus und bot bereits Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts psychisch und epileptisch Kranken eine sachgerechte Behandlung und Pflege in einem speziellen Hospital.
20. und 21. Jahrhundert: Moderne Diagnostik und Therapie
Im 20. Jahrhundert erlebte die Epileptologie einen enormen Fortschritt. Die Entwicklung der Elektroenzephalographie (EEG) durch den deutschen Psychiater Hans Berger in den 1920er Jahren ermöglichte es erstmals, die Gehirnströme aufzuzeichnen und krankhafte Veränderungen zu erkennen.
Heute spielt die Elektroenzephalographie (EEG) die entscheidende Rolle bei der Diagnostik. Diese Technik zum Aufzeichnen der Gehirnströme wurde vom deutschen Psychiater Hans Berger in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelt.
Mit der Entwicklung wirksamer Medikamente, sogenannter Antikonvulsiva, wurde eine wirksamere Behandlung der Epilepsie möglich. Mittlerweile gibt es etwa 20 Substanzen, aus denen die Mittel für anfallhemmende Medikamente entstehen.
Die moderne Epileptologie umfasst verschiedene Therapieansätze, darunter:
- Medikamentöse Therapie: Antikonvulsiva können bei etwa zwei Drittel der Fälle zu Anfallsfreiheit führen oder die Häufigkeit der Anfälle reduzieren.
- Epilepsiechirurgie: Bei Patienten, bei denen Medikamente nicht ausreichend wirken, kann eine Operation in Erwägung gezogen werden, um den Anfallsursprung im Gehirn zu entfernen.
- Neurostimulationsverfahren: Verfahren wie die Vagusnervstimulation oder die tiefe Hirnstimulation können bei bestimmten Formen der Epilepsie eingesetzt werden.
- Ketogene Diät: Eine spezielle, fettreiche Diät kann bei Kindern mit bestimmten Epilepsieformen wirksam sein.
- Epilepsie-Komplexbehandlung: Diese multimodale, interdisziplinäre Behandlung findet stationär über mehrere Tage statt und umfasst Umstellungen der Medikamente, eine Evaluation und Behandlung von eventuellen Defiziten sowie eine ärztliche und soziale Beratung.
Epilepsie in der Literatur
Epileptisches Geschehen wird nicht nur in der darstellenden Kunst sondern auch in der erzählenden Literatur auffallend häufig thematisiert. Besonders der ‚große Anfall’, der sog. Grand mal, hat immer wieder eine besondere Beschreibung und Bezeichnung verlangt.
Immer wieder haben diese Romanfiguren bildende Künstler zu illustrativen Werken inspiriert. So entstand beispielsweise um 1943 eine Bleistift-Zeichnung des deutsch-amerikanischen Künstlers Fritz Eichenberg (1901 - 1990), die einen Anfall Smerdjakow’s zum Thema hat.
Dostojewskij, der ja selbst an einer schweren Epilepsie litt, hat manchen seiner Romanfiguren eine Epilepsie verliehen. In einem der ersten großen Romane Dostojewskij’s, ‚Erniedrigte und Beleidigte’ (1861), wird eine der Protagonistinnen der Handlung, das Mädchen Jelena (von seiner Mutter ‚Nelly’ genannt), vom Ich-Erzähler des Romans, Iwan Petrowitsch, genannt Wanja, nach dem Tod der Mutter in beschützende Obhut genommen. In seinen Aufzeichnungen beschreibt Wanja das Mädchen Nelly mit folgenden Worten: „Es war ein Mädchen von 12 bis 13 Jahren, von kleiner Statur, mager und blass … mit blitzenden, schwarzen, nicht russischen Augen, mit dichtem, schwarzem, wirrem Haar und mit einem rätselhaften, stummen hartnäckigen Blicke …
Die Beschreibung und Ausdeutung von Leid in Form von Schmerz, Krankheit und Behinderung spielen in der schön-geistigen Literatur zahlreicher kultur-historischer Epochen eine bedeutende Rolle. Dieser Aspekt menschlichen Seins wird von den einzelnen Autoren meist in sehr unterschiedlicher Weise eingesetzt - sei es als richtungsweisender Faktor in einem Handlungsgefüge, als Metapher oder auch als kathartisches Moment.
Mehrere Gründe sind wohl für diese überraschend häufige Präsenz des Epilepsiethemas ausschlaggebend: Zum einen die Prävalenz (Häufigkeit) dieser Krankheit (sie beträgt heute weltweit etwa 0,5-1 % und war in früheren Jahrhunderten sicherlich nicht geringer), zum andern die beeindruckende Symptomatik des Prototyps epileptischen Geschehens, des großen Anfalls (Grand mal). Des weiteren ist festzuhalten, dass in früheren Jahrhunderten für diese gefürchtete Krankheit keinerlei wirksame Heilmethoden zur Verfügung standen, die Menschen der Krankheit also hilflos gegenüberstanden. Hinzu kommt schließlich, dass diese schwere unerklärliche Krankheit zu allen Zeiten bzgl. ihrer Ursache und ihres Erscheinungsbildes immer wieder mit höheren Mächten in Verbindung gebracht wurde.
Es ist tatsächlich auffallend, wie häufig in der Literatur Epilepsie in die Nähe von Prophetie gerückt wird (divinatio - Weissagung - war im alten Rom ein Synonym für Epilepsie; diese Beziehung hat sich in einem französischen Epilepsiebegriff erhalten: mal des prophètes). Auch in der modernen Literatur wird diese Konnexion - epileptische Symptomatik und Prophetie - immer wieder hergestellt, z. B.
Während das Epilepsiemotiv in Antike, Mittelalter und beginnender Neuzeit in der nicht-medizinischen Literatur doch nur selten anzutreffen ist, stößt man in den vergangenen eineinhalb Jahrhunderten doch vergleichsweise häufig auf diese Thematik. Dabei wird erkennbar, dass für die Autoren nicht allein die Häufigkeit und Dramatik epileptischen Geschehens Gründe für die Einbeziehung der Krankheit in das literarische Schaffen war, sondern zunehmend die psychosozialen Auswirkungen, die die Epilepsie für die Betroffenen und ihre Angehörigen hatte. Dies wird nicht zuletzt in der literarischen Darstellung epilepsiekranker Kinder und Jugendlicher deutlich. Vor allem Autoren des 20. Jahrhunderts) haben das Epilepsiemotiv in ihren Werken verarbeitet; beispielhaft seien angeführt Thomas Mann (u. a. in Buddenbrooks [1901], Der Zauberberg [1924], Doktor Faustus [1947]); Franz Werfel in Höret die Stimme (1937); Christa Wolf (außer in Kassandra - s.o.) in Medea. Stimmen [1996]); Arnold Stadler in Mein Hund, meine Sau, mein Leben (1994); Tomas Bernhard in Amras (1964); Umberto Eco in Der Name der Rose (1980); Janet Frame u.a.
In der Selbsterfahrungsliteratur (die übrigens ganz überwiegend von Frauen und nur sehr selten von Männern verfasst ist) resultiert die Motivation zum Schreiben in der Regel weniger aus einem literarischen Anspruch heraus als viel mehr aus dem bewussten oder auch unbewussten Wunsch nach Krankheitsbewältigung.
Thomas Mann hat das Epilepsiemotiv in mehreren seiner Romane verwendet (s. z. B. ‚Der Zauberberg‘ unserer Reihe). In dieser Roman-Tetralogie agieren der alt-testamentliche Joseph, Sohn des Abraham-Enkels Jakob, und Pharao Amenophis IV aus dem Neuen Reich des antiken Ägyptens zeitgleich auf der Roman-Bühne, obwohl die Lebenszeiten dieser beiden historischen Gestalten in Wirklichkeit mehrere Jahrhunderte auseinanderliegen - der Urenkel Abrahams hat etwa 500 bis 600 Jahre vor Amenophis IV. gelebt.
Diese Affinität zwischen epileptischer Symptomatik und Prophetentum findet sich überraschenderweise auch bei der Beschreibung der Person des Pharao Amenophis IV., der zu seiner Zeit die ägyptische Religion dadurch revolutionierte, dass er die Vielgötterei weitgehend durch einen Monotheismus ersetzte, indem er Aton in seiner Funktion als Sonnengott zum obersten göttlichen Wesen erhob. Aus diesem Grund hat der Pharao selbst seinen Namen Amenophis (IV.) durch Echnaton ersetzt.
Leben mit Epilepsie heute
Dank der Fortschritte in der medizinischen Wissenschaft können die meisten Menschen mit Epilepsie heute ein fast normales Leben führen. Dennoch haben sie gelegentlich noch mit Vorurteilen aus "alter Zeit" zu kämpfen. Es ist daher wichtig, die Öffentlichkeit über Epilepsie aufzuklären und Vorurteile abzubauen.
Heute leben etwa 800.000 Menschen mit Epilepsie in Deutschland. Immerhin 0,5 bis 1 Prozent aller Menschen haben ein Anfallsleiden. Die Anfälle selbst machen den Betroffenen das Leben oft viel schwerer als die Anfälle selbst.
Es gibt Selbsthilfegruppen und Beratungsstellen, die Betroffenen und ihren Angehörigen Unterstützung bieten. Der "Tag der Epilepsie" am 5. Oktober jedes Jahres dient dazu, die Öffentlichkeit zu informieren und Vorurteile abzubauen.