Vegane Ernährung bei Epilepsie: Studienlage und praktische Aspekte

Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederholte Anfälle gekennzeichnet ist. Diese Anfälle entstehen durch plötzliche, unkontrollierte elektrische Entladungen im Gehirn. Während die medikamentöse Behandlung die Standardtherapie darstellt, suchen viele Betroffene nach ergänzenden oder alternativen Ansätzen, um ihre Anfallshäufigkeit zu reduzieren und ihre Lebensqualität zu verbessern. In diesem Zusammenhang rückt die Ernährung immer stärker in den Fokus, insbesondere spezielle Ernährungsformen wie die ketogene Diät und ihre Varianten.

Ketogene Diät und Epilepsie: Ein historischer Überblick

Die Idee, Epilepsie durch eine spezielle Diät zu behandeln, ist nicht neu. Bereits Hippokrates erkannte die positive Wirkung des Fastens auf Anfälle. In den 1920er Jahren, vor der Entwicklung moderner Antiepileptika, erlebte diese Idee eine Renaissance. Man beobachtete, dass das Fasten die Anfallshäufigkeit reduzieren kann. Da dauerhaftes Fasten jedoch nicht praktikabel ist, wurde nach einer Ernährungsform gesucht, die die metabolischen Effekte des Fastens imitiert. So entstand die ketogene Diät, die durch einen hohen Fettanteil und eine stark reduzierte Kohlenhydratzufuhr gekennzeichnet ist.

Wie funktioniert die ketogene Diät?

Normalerweise bezieht der Körper seine Energie hauptsächlich aus Kohlenhydraten. Werden diese jedoch stark reduziert, stellt der Körper seinen Stoffwechsel um und greift auf Fettreserven zurück. In der Leber werden Fettsäuren in Ketonkörper umgewandelt, die dann als alternative Energiequelle für das Gehirn dienen. Dieser Zustand wird als Ketose bezeichnet.

Die genaue Wirkungsweise der Ketose bei Epilepsie ist noch nicht vollständig geklärt. Es wird vermutet, dass Ketonkörper die Erregbarkeit der Nervenzellen reduzieren und so die Anfallsschwelle erhöhen können.

Studienlage zur ketogenen Diät bei Epilepsie

Zahlreiche Studien haben die Wirksamkeit der ketogenen Diät bei Epilepsie untersucht, insbesondere bei Kindern mit medikamentenresistenter Epilepsie. Eine Auswertung verschiedener Studien zeigt, dass etwa die Hälfte der Kinder, die eine ketogene Diät einhalten, eine Reduktion der Anfallshäufigkeit um mindestens 50 % erfahren. Bei einigen Kindern kann die Diät sogar zu Anfallsfreiheit führen.

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Auch bei Erwachsenen mit Epilepsie gibt es Hinweise auf eine positive Wirkung der ketogenen Diät. Eine Meta-Analyse von Beobachtungsstudien zeigte, dass die ketogene Diät auch bei Erwachsenen mit schwer behandelbarer Epilepsie die Anfallshäufigkeit reduzieren kann.

Modifizierte Atkins-Diät: Eine flexiblere Alternative

Die klassische ketogene Diät ist sehr restriktiv und erfordert eine genaue Einhaltung der Nährstoffverhältnisse. Dies kann für viele Menschen eine Herausforderung darstellen. Eine weniger strenge Variante ist die modifizierte Atkins-Diät (MAD), die eine etwas höhere Kohlenhydratzufuhr erlaubt und dadurch leichter durchzuführen ist.

Eine randomisierte, kontrollierte Studie untersuchte die Wirksamkeit der MAD in Kombination mit Medikamenten bei Menschen mit medikamentenresistenter Epilepsie. Die Teilnehmer wurden entweder mit der Standardmedikation plus MAD oder nur mit der Standardmedikation behandelt. Nach sechs Monaten zeigte sich, dass sich die Anfallshäufigkeit in der Diätgruppe bei 26 % der Teilnehmer um mehr als 50 % reduzierte, während dies in der Kontrollgruppe nur bei 2,5 % der Fall war. Vier Teilnehmer in der Diätgruppe waren am Ende der Studie anfallsfrei, verglichen mit keinem in der Kontrollgruppe.

Weitere Ernährungsformen: Low-Glycemic-Index-Therapie

Eine weitere Ernährungsform, die bei Epilepsiepatienten erprobt wurde, ist eine Ernährung auf Basis des glykämischen Indexes. Durch die Wahl von Lebensmitteln mit einem geringen Einfluss auf den Blutzuckerspiegel wird eine hohe Aufnahme von Fett sowie Eiweiß und eine niedrige Zufuhr an Kohlenhydraten erreicht.

Vegane Ernährung und Epilepsie: Eine besondere Herausforderung

Die ketogene Diät basiert traditionell auf tierischen Produkten wie Fleisch, Fisch, Eiern und Milchprodukten. Eine vegane ketogene Ernährung stellt daher eine besondere Herausforderung dar, da viele pflanzliche Proteinquellen auch reich an Kohlenhydraten sind.

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Vegane Low-Carb-Ernährung: Was ist zu beachten?

Eine vegane Low-Carb-Ernährung erfordert eine sorgfältige Auswahl der Lebensmittel, um eine ausreichende Zufuhr von Proteinen, essentiellen Fettsäuren und Mikronährstoffen sicherzustellen. Geeignete Lebensmittel sind beispielsweise:

  • Nüsse und Samen: Sie sind reich an Fett und Proteinen, aber auch kalorienreich.
  • Tofu und Seitan: Diese Soja- bzw. Weizenprodukte sind gute Proteinquellen, sollten aber in moderaten Mengen konsumiert werden, da sie auch Kohlenhydrate enthalten.
  • Kohlenhydratarmes Gemüse: Blattgemüse, Brokkoli, Blumenkohl, Zucchini und Gurken sind gute Optionen, um den Bedarf an Vitaminen und Mineralstoffen zu decken, ohne die Kohlenhydratzufuhr zu stark zu erhöhen.
  • Pflanzliche Öle: Sie liefern wichtige Fettsäuren und können helfen, den Fettanteil in der Ernährung zu erhöhen.

Vegane ketogene Ernährung: Eine sehr restriktive Option

Die vegane ketogene Ernährung ist eine sehr eingeschränkte Ernährungsform, die eine hohe Fettzufuhr und eine sehr geringe Kohlenhydratzufuhr erfordert. Sie ist nur schwer umzusetzen und erfordert in der Regel die Unterstützung von erfahrenen Fachkräften.

Potenzielle Herausforderungen der veganen ketogenen Ernährung:

  • Nährstoffmangel: Eine unausgewogene vegane ketogene Ernährung kann zu einem Mangel an wichtigen Nährstoffen wie Vitamin B12, Eisen, Kalzium und Omega-3-Fettsäuren führen.
  • Verdauungsprobleme: Die hohe Fettzufuhr kann bei manchen Menschen zu Verdauungsproblemen wie Übelkeit, Durchfall oder Verstopfung führen.
  • Soziale Einschränkungen: Die stark eingeschränkte Lebensmittelauswahl kann es schwierig machen, an sozialen Ereignissen teilzunehmen oder auswärts zu essen.

Studienlage zur veganen Ernährung bei Epilepsie

Bislang gibt es nur wenige Studien, die die Auswirkungen einer veganen Ernährung auf Epilepsie untersucht haben. Es gibt derzeit keine ausreichenden Untersuchungen, die die konkreten Wirkungen spezifischer Lebensmittel auf die Ketonkörperbildung beschreiben. Die vorhandenen Studien konzentrieren sich hauptsächlich auf die ketogene Diät und ihre Modifikationen, die traditionell nicht vegan sind.

Praktische Tipps für die Ernährung bei Epilepsie

  • Individuelle Beratung: Die Ernährungstherapie bei Epilepsie sollte immer in Absprache mit einem Arzt und einem qualifizierten Ernährungsberater erfolgen.
  • Anfallsprotokoll: Führen Sie ein detailliertes Anfallsprotokoll, um die Häufigkeit, Dauer und Art der Anfälle zu dokumentieren. Dies hilft dem Arzt und dem Ernährungsberater, die Wirksamkeit der Ernährungstherapie zu beurteilen.
  • Langsame Umstellung: Beginnen Sie mit einer langsamen Umstellung der Ernährung, um den Körper an die veränderte Nährstoffzusammensetzung zu gewöhnen.
  • Ausreichend Flüssigkeit: Trinken Sie ausreichend Wasser, um Dehydration und Verstopfung vorzubeugen.
  • Nährstoffsupplementierung: Sprechen Sie mit Ihrem Arzt über die Notwendigkeit von Nährstoffsupplementen, um Mängel auszugleichen.
  • Ketonkörperkontrolle: Überwachen Sie regelmäßig die Ketonkörperkonzentration im Blut oder Urin, um sicherzustellen, dass Sie sich in Ketose befinden.
  • Rezepte und Mahlzeitenplanung: Suchen Sie nach passenden Rezepten und planen Sie Ihre Mahlzeiten im Voraus, um die Einhaltung der Diät zu erleichtern.
  • Unterstützung suchen: Treten Sie einer Selbsthilfegruppe bei oder suchen Sie den Kontakt zu anderen Menschen mit Epilepsie, um sich auszutauschen und gegenseitig zu unterstützen.

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