Epilepsie und Zungenverletzungen: Was Sie wissen müssen und wie Sie helfen können

Epilepsie, oft als "Fallsucht" oder "Krampfleiden" bezeichnet, ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederholte epileptische Anfälle gekennzeichnet ist. Diese Anfälle entstehen durch vorübergehende Funktionsstörungen des Gehirns, bei denen Nervenzellen gleichzeitig übermäßig viele Signale aussenden. Die Anfälle können sich sehr unterschiedlich äußern, von kurzen Bewusstseinsaussetzern (Absencen) über Muskelzuckungen bis hin zu Krampfanfällen mit Sturz. Viele Menschen sind unsicher, wie sie reagieren sollen, wenn jemand einen epileptischen Anfall hat. Dabei ist das richtige Verhalten gar nicht so kompliziert. Einige wenige Regeln können helfen.

Was ist Epilepsie?

Unter dem Namen Epilepsie sind eine Reihe verschiedener Erkrankungen zusammengefasst, bei denen wiederholt epileptische Anfälle auftreten. Dabei handelt es sich um Funktionsstörungen des Gehirns, die durch eine vorübergehende gleichzeitige Entladung größerer Verbände von Nervenzellen des Gehirns verursacht werden. Dadurch ist die Kommunikation der Nervenzellen untereinander beeinträchtigt und es kommt zu Störungen der Sprache, Bewegung oder Bewusstsein.

Experten gehen davon aus, dass etwa fünf Prozent der Menschen mindestens einmal in ihrem Leben einen epileptischen Anfall erleiden. Von einer Epilepsie spricht man erst, wenn sich die Anfälle wiederholen oder die Untersuchungsergebnisse auf ein erhöhtes Risiko schließen lassen. Es kann sein, dass die Anfälle „von alleine“ verschwinden. Ansonsten gibt es vor allem drei Behandlungsmöglichkeiten:

  1. Medikamente
  2. Neurostimulation, also Nerven-Stimulation mit niedrigen Stromstärken
  3. Chirurgischer Eingriff (unter bestimmten Bedingungen)

Ursachen von Epilepsie

Ein epileptischer Anfall entsteht dadurch, dass Nerven im Gehirn zu viele Signale abgeben - also übermäßig aktiv sind. Dadurch ist das Zusammenspiel der Nervenzellen gestört. Das kann in jedem Lebensalter passieren und unterschiedliche Ursachen haben - unter anderem eine genetische Vorbelastung oder ein Schlaganfall. Einige Betroffene finden mit der Zeit auch heraus, welche Umstände zu Anfällen führen können, zum Beispiel Flackerlicht, Schlafmangel, Alkoholkonsum oder Fieber.

Anfallsformen

Es gibt verschiedene Anfallsformen. Zudem hängt es von der Stärke des Anfalls und der Situation ab, wie man sich am besten verhält. Grundsätzlich ist es am wichtigsten, ruhig zu bleiben und Betroffene vor Verletzungen zu schützen.

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  • Fokale Anfälle: Betreffen meist einzelne Körperteile. Fokale (=herdförmige) Anfälle können sich manchmal durch eine sogenannte Aura ankündigen. Die Aura (griech. Hauch) sind bewusst erlebte nicht motorische fokale Anfälle , z.B. mit verzerrter Wahrnehmung, Angstgefühlen, depressiver Stimmung oder unangenehmen körperlichen Gefühlen. Auren erkennen meistens nur die Betroffenen selbst und sie sind schwer zu beschreiben.
  • Generalisierte Anfälle: Betreffen den gesamten Körper. Generalisierte epileptische Anfälle sind überwältigende Ereignisse. Während eines generalisierten epileptischen Anfalls sind Betroffene in aller Regel nicht bei Bewusstsein.
    • Tonisch-klonische Anfälle (Grand-mal-Anfälle): "Tonisch" bedeutet "angespannt" und "klonisch" heißt "ruckartig". Bei diesen Anfällen stürzen die Betroffenen und werden bewusstlos. In der tonischen Phase verkrampft der ganze Körper und wird steif und in der klonischen Phase kommen dann Zuckungen dazu. Weitere typische Symptome sind bläuliche Hautverfärbungen, Einnässen, Speichelaustritt und Bissverletzungen an der Zunge. Viele müssen sich nach einem Grand-mal-Anfall lange erholen bzw.
    • Absencen: Eine sehr milde Form des generalisierten Anfalls ist die sog. Absence, die oft als "Verträumtheit" oder "Aussetzer" verkannt wird. Dabei setzt das Bewusstsein kurz aus und die Betroffenen halten in ihrer momentanen Tätigkeit inne. Manchmal zucken die Augenlider leicht. Stürze und ausgeprägte Krämpfe kommen nicht vor. Absencen sind bei Kindern und Jugendlichen besonders häufig.
  • Fokal zu bilateral tonisch-klonisch: Das sind Anfälle, die fokal (in einer Gehirnhälfte) beginnen, die sich dann aber zu einem tonisch-klonischen Anfall (siehe oben bei den generalisiert beginnenden Anfällen, früher Grand-Mal-Anfall) in beiden Gehirnhälften (= bilateral) weiterentwickeln.

Zungenverletzungen bei epileptischen Anfällen

Eine der häufigsten Verletzungen bei einem epileptischen Anfall ist der Zungenbiss. Während eines tonisch-klonischen Anfalls kommt es zu einer starken Anspannung der Muskulatur, einschließlich der Kaumuskeln. Dies kann dazu führen, dass die Zunge zwischen die Zähne gerät und durch den unkontrollierten Biss verletzt wird.

Warum kommt es zu Zungenbissen?

Die Dramatik der Grand mal Anfälle führten zu den Vorurteilen gegenüber Epilepsiepatienten, unter denen diese leider auch heute noch leiden müssen. Befindet sich zu diesem Zeitpunkt die Zunge gerade zwischen den Zähnen, kann es zum Zungenbiß kommen. Der Zungenbiß ist zwar ein deutliches Zeichen für einen cerebralen Krampfanfall, kommt aber insgesamt seltener vor, als gemeinhin angenommen. Insbesondere schwere Verletzungen der Zunge sind eher die Ausnahme. Auch kann der Zungenbiß nicht durch einen Beißkeil verhindert werden, da er gleich zu Beginn des Anfalls erfolgt, wenn weder Patient noch mögliche Helfer mit einem Anfall rechnen.

Erste Hilfe bei Zungenverletzungen

Es kann passieren, dass sich der Betroffene auf die Zunge beißt. Dennoch sollte man während des Anfalls nicht den Mund öffnen oder einen Gegenstand zwischen die Zähne schieben. Nach dem Anfall ist es wichtig zu kontrollieren, ob die Atemwege frei sind.

Was Sie während eines Anfalls NICHT tun sollten:

  • Nichts in den Mund stecken: Dies kann zu Verletzungen führen und die Atemwege blockieren.
  • Festhalten oder zu Boden drücken: Dem Anfall sollte man soweit es geht seinen Lauf lassen. Damit steigt nur das Risiko, das die krampfende Person sich oder die Helfenden verletzt. Die Muskelspannung bei Krampfanfällen ist so hoch, dass beim Festhalten oder bei Versuchen Körperteile (z.B. Arme, Beine oder Finger) zu bewegen Knochenbrüche und andere Verletzungen sehr wahrscheinlich sind.
  • Versuchen, den Anfall zu beenden: Es ist sinnlos und eventuell schädlich zu versuchen einen Anfall zu beeinflussen oder zu beenden, z.B. durch kaltes Wasser oder Schütteln.

Wie man bei einem epileptischen Anfall Erste Hilfe leistet

Viele Menschen sind unsicher, wie sie reagieren sollen, wenn jemand einen epileptischen Anfall hat. Dabei ist das richtige Verhalten gar nicht so kompliziert. Einige wenige Regeln können helfen. Grundsätzlich ist es am wichtigsten, ruhig zu bleiben und Betroffene vor Verletzungen zu schützen.

Allgemeine Maßnahmen

  • Ruhe bewahren: Am wichtigsten ist es, Ruhe zu bewahren.
  • Vor Verletzungen schützen: Wichtig ist vor allem, auf den Kopf zu achten. Man kann zum Beispiel eine Jacke oder ein Kissen unter den Kopf legen, die Brille abnehmen und gefährliche Gegenstände außer Reichweite bringen. Für eine sichere Umgebung sorgen - alle Gegenstände aus dem unmittelbaren Umfeld entfernen.
  • Atemwege freihalten: Sitzt die Kleidung am Hals eng, sollte man sie lockern. Nach dem Anfall ist es wichtig zu kontrollieren, ob die Atemwege frei sind.
  • Auf die Uhr schauen: Auf die Uhr schauen, wie lange der Anfall dauert: Meist beginnt ein Anfall plötzlich und ist nach 1 oder 2 Minuten wieder vorbei. Selten dauert ein Anfall länger als fünf Minuten.
  • Dableiben und helfen: Den Betroffenen nicht allein lassen; auch nicht, um Hilfe zu holen - außer es wird unbedingt nötig, weil der Anfall nicht aufhört. Eine Person, die einen Anfall hinter sich hat, kann einige Zeit benötigen, um wieder zu sich zu kommen. Vielleicht hat sie einen Wunsch oder braucht Orientierung. Manche Menschen sind sehr müde und möchten sofort schlafen. Sie werden am besten in die stabile Seitenlage gebracht. Wichtig ist außerdem, Schamgefühle zu beachten und zu vermeiden, dass sich etwa bei einem Anfall in der Öffentlichkeit viele Menschen ansammeln. Es kann auch passieren, dass während eines Anfalls ungewollt Urin abgeht.
  • Informationen sammeln und sortieren: Bei allen Anfallsformen ist es hilfreich, als Außenstehender Informationen zu sammeln und zu sortieren: Ist eine Epilepsie bekannt? Dann ist oft keine akute Klinikbehandlung notwendig und der Betroffene weiß selbst Bescheid, wie mit dem erneuten Krampfanfall umzugehen ist. Wenn keine Epilespie bekannt und oder wenn keine Information verfügbar ist, trotzdem die 112 anrufen. Als Laie kann man nicht einschätzen, was als nächstes zu tun ist.

Wann den Notruf wählen (112)?

Bei einem großen Anfall muss nicht immer der Rettungsdienst gerufen werden: Geht er schnell vorüber und kommt die Person schnell wieder zu sich, kann man besprechen, ob eine Notärztin oder ein Notarzt gerufen werden soll. In folgenden Fällen sollte jedoch umgehend der Notruf gewählt werden:

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  • Der Anfall dauert länger als fünf Minuten.
  • Es kommt zu mehreren Anfällen hintereinander.
  • Es gibt Atemprobleme.
  • Es kam zu Verletzungen.
  • Man weiß, dass es der erste Anfall war.
  • Die Person kommt nicht wieder zu sich.

Nach dem Anfall

Nach einem Anfall dableiben und helfen: Eine Person, die einen Anfall hinter sich hat, kann einige Zeit benötigen, um wieder zu sich zu kommen. Vielleicht hat sie einen Wunsch oder braucht Orientierung. Manche Menschen sind sehr müde und möchten sofort schlafen. Sie werden am besten in die stabile Seitenlage gebracht. Es ist wichtig, dem Betroffenen nach Möglichkeit mit einer Decke oder ähnlichem zuzudecken, um ihn vor neugierigen Blicken zu schützen.

Unbedingt dabeibleiben, bis die betroffene Person wieder vollständig orientiert ist. Dies ist durch einfache Fragen, wie z.B. "Wie heißt du? Wo bist du? Welcher Tag ist heute?" überprüfbar.

Epilepsie-Notfallausweis und Notfallmedikamente

Einige Betroffene haben einen Epilepsie-Notfallausweis dabei, der Informationen über die Erkrankung, benötigte Medikamente und Kontaktpersonen enthält. Manche Menschen mit Epilepsie tragen ständig ein Notfallmedikament bei sich, damit Personen, die einen Anfall miterleben, es einsetzen können. Dauert ein Anfall länger an, kann das Medikament als Tablette in die Wangentasche gelegt oder als Creme über eine kleine Tube in den After gespritzt werden, um den Anfall zu beenden. Die Notärztin oder der Notarzt kann Medikamente in die Vene spritzen.

Beobachtungen für den Arzt

Es kann hilfreich sein, sich zu merken, wie genau der Anfall abgelaufen ist. Genaue Beobachtungen können Ärztinnen und Ärzten später bei der Diagnose helfen. Wenn möglich den Anfall dokumentieren: Wann ist er passiert? Wie lange hat er gedauert? Wie ist er abgelaufen? Waren die Augen offen, geschlossen, starr oder verdreht? Gerade bei einem ersten Epilepsieanfall stehen behandelnden Ärzten nur wenige Informationen über die Symptome des Anfalls zur Verfügung. Zwar beinhaltet eine erste körperliche Untersuchung u.a. technische Hilfsmittel wie die Elektroenzephalographie (EEG) und die Magnetresonanztomographie (MRT, besonders bei Kindern), aber es kann ratsam sein, das Gesicht des Betroffenen während des Anfalls zu fotografieren. Besonders die Augen des Betroffenen liefern wichtige Hinweise: Sind die Augen zu Beginn eines Anfalls geschlossen, stehen die Chancen gut, dass es sich nicht um einen epileptischen Anfall handelt. Auch Videoaufnahmen von Anfällen können helfen.

Leben mit Epilepsie

Viele Menschen mit Epilepsie sind wenige Minuten nach dem Anfall völlig wiederhergestellt. Dennoch kann die Erkrankung das Leben der Betroffenen und ihrer Angehörigen stark beeinflussen.

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Risiken und Komplikationen

Epileptische Anfälle können zu Verletzungen und sogar zum Tod führen. Außerdem besteht ein gewisses Risiko, bei einem Status epilepticus oder durch SUDEP (siehe unten) zu versterben oder Langzeitschäden davon zu tragen.

  • Status epilepticus: Er kann lebensbedrohlich sein und muss so schnell wie möglich medikamentös behandelt werden. Der Status epilepticus kann bei allen Anfallsformen auftreten. Nach ca. 30 Minuten ohne Unterbrechung eines Status epilepticus bei generalisierten Krampfanfällen drohen bleibende Schäden oder der Tod. Bei anderen epileptischen Anfallsarten wie z.B. Nicht-epileptische Anfälle (siehe oben) dauern zwar oft länger als epileptische Anfälle, aber auch ein vermeintlich nicht-epileptischer Anfall kann ein Status epilepticus sein. Den Unterschied finden nur Fachleute mit Diagnosemethoden wie z.B. EEG.
  • SUDEP (Sudden Unexpected Death in Epilepsy): SUDEP ist die Abkürzung für "sudden unexpected death in epilepsy". Übersetzt heißt das "plötzlicher unerwarteter Tod bei Epilepsie". Wie auch beim sog. plötzlichen Kindstod können Menschen mit Epilepsie plötzlich und unerwartet versterben. Meistens werden Betroffene morgens tot im Bett gefunden. Die Todesursache lässt sich oft nicht klären. Das passiert zwar nur sehr selten, aber bei Menschen mit Epilepsie häufiger als bei Menschen ohne Epilepsie. Bei tonisch-klonischen Anfällen (Grand-mal-Anfällen) ist das Risiko besonders hoch, besonders wenn diese im Schlaf kommen. Wahrscheinlich lässt sich SUDEP oft verhindern, wenn Betroffene nach einem tonisch-klonischen Anfall nicht allein bleiben. Anwesende können den Menschen nach dem Anfall ansprechen, berühren, rütteln, umdrehen und in die stabile Seitenlage bringen. Bei Atemaussetzern und Herzstillstand können sie einen Notruf absetzen und Wiederbelebungsmaßnahmen beginnen.

Hilfsmittel und Unterstützung

Es gibt verschiedene Hilfsmittel und Unterstützungsmöglichkeiten für Menschen mit Epilepsie:

  • Epilepsie-Überwachungsgeräte: Bei einem erkannten Anfall löst das Gerät einen Alarm aus, z.B. bei den Eltern, beim Partner, anderen Angehörigen oder in einer Notrufzentrale. So ist eine sichere Betreuung möglich. Der Anfall wird zudem aufgezeichnet und mit Dauer und Stärke dokumentiert. Epilepsie-Überwachungsgeräte können ärztlich verordnet und von der gesetzlichen Krankenversicherung als Hilfsmittel übernommen werden.
  • Sturzmelder: Sturzmelder können bei Anfällen mit Bewusstseinsverlust und Sturz helfen. Dieses zweistufige System verhindert Fehlalarme. Voraussetzung dafür ist, dass Patienten über ein Hausnotrufgerät verfügen, damit ein Alarm an Angehörige oder an eine Notrufzentrale abgesetzt werden kann.
  • Epilepsie-Hunde: Im Gegensatz zu anderen Führ- oder Servicehunden wachsen künftige Epilepsiehunde meist beim Patienten und seiner Familie auf und werden dort ausgebildet. Warnhunde haben die Fähigkeit, einen kommenden Anfall zu spüren und warnen dann den Betroffenen, sodass dieser Zeit hat, sich z.B. vor Verletzungen zu schützen. Anzeigehunde lernen, einen tatsächlichen Anfall zu erkennen und dann in vorher geübter Art und Weise zu helfen, z.B. Hilfe zu holen.
  • Elternassistenz: Als Elternteil mit Epilepsie können Anfälle Ihre Kinder gefährden, vor allem wenn diese noch sehr klein sind, z.B. bei einem Sturz mit dem Kind auf dem Arm. Deshalb können Sie eine sog. Elternassistenz beantragen.

Fazit

Epilepsie ist eine vielschichtige Erkrankung, die sich in unterschiedlichen Anfallsformen äußern kann. Zungenverletzungen sind eine häufige Begleiterscheinung von tonisch-klonischen Anfällen. Durch richtiges Verhalten und Erste Hilfe können Sie Betroffenen helfen, Verletzungen zu vermeiden und die Situation sicher zu überstehen. Es ist wichtig, ruhig zu bleiben, den Betroffenen vor Verletzungen zu schützen und gegebenenfalls den Notruf zu wählen. Nach dem Anfall ist es wichtig, dem Betroffenen beizustehen und ihm zu helfen, sich wieder zu orientieren.

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