Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die oft im jungen Erwachsenenalter beginnt und Frauen doppelt so häufig betrifft wie Männer. Die Erkrankung kann zu vielfältigen neurologischen und neuropsychologischen Symptomen führen, die sich auf Familie, Partnerschaft, Beruf und das seelische Befinden auswirken. Obwohl MS derzeit nicht heilbar ist, haben sich die Behandlungsmöglichkeiten in den letzten Jahren rasant weiterentwickelt. Neben Medikamenten, die den Krankheitsverlauf günstig beeinflussen können, gibt es bewährte Behandlungsmethoden zur Linderung von Symptomen und Verbesserung der Lebensqualität. Ein wichtiger Baustein in der Behandlung von MS ist die Verhaltenstherapie, eine spezielle Form der Psychotherapie, die darauf abzielt, das Verhalten der Betroffenen positiv zu beeinflussen und ihnen den Umgang mit der Erkrankung zu erleichtern.
Multiple Sklerose: Ursachen, Symptome und Verlauf
Die Ursachen der Multiplen Sklerose sind noch nicht vollständig aufgeklärt. Es wird angenommen, dass ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren eine Rolle spielt, darunter genetische Veranlagung, Umweltfaktoren wie Infektionen mit dem Epstein-Barr-Virus (EBV), Vitamin-D-Mangel, Rauchen und eine ungünstige Zusammensetzung der Darmbakterien. Im Wesentlichen handelt es sich um einen Autoimmunprozess, bei dem ein fehlgeleitetes Immunsystem chronische Entzündungen im zentralen Nervensystem verursacht und im weiteren Verlauf zu einem Verlust von Nervenzellen führt.
Die Symptome der MS können sehr unterschiedlich sein und hängen davon ab, welche Regionen des zentralen Nervensystems betroffen sind. Häufige Symptome sind:
- Gangstörungen, Koordinationsstörungen, Zittern
- Sprechstörungen, Augenbewegungsstörungen
- Lähmungen, Muskelverkrampfungen (Spastik)
- Vermehrt Harndrang und Inkontinenz
- Schmerzen, Sensibilitätsstörungen
- Seh- und Wahrnehmungsstörungen
- Emotionale und kognitive Probleme
- Fatigue (hohe körperliche und/oder mentale Erschöpfbarkeit)
- Konzentrations- und Merkfähigkeitsprobleme
Der Verlauf der MS ist individuell unterschiedlich. Zum weit überwiegenden Teil beginnt sie mit einem schubförmig remittierenden Verlauf (RRMS), bei dem neue Symptome auftreten, die sich im Verlauf von Wochen meist mehr oder weniger vollständig zurückbilden können. Ein kleiner Teil der MS-Patienten hat von Beginn an einen schleichend fortschreitenden, primär progredienten Verlauf (PPMS). Etwa die Hälfte der Betroffenen mit anfänglichen Schüben geht nach mehreren Jahren ebenfalls zu einem chronisch progredienten Verlauf über (SPMS), bei dem sich eine zunehmende Behinderung ausbilden kann.
Diagnostik und Therapie der Multiplen Sklerose
Die Diagnose Multiple Sklerose wird heute anhand klarer klinischer und technischer Diagnosekriterien gestellt. Dazu gehören eine Befragung des Betroffenen nach MS-Symptomen (Anamnese), eine neurologische Untersuchung, eine Kernspintomografie des zentralen Nervensystems (Gehirn und Rückenmark) sowie eine Nervenwasseruntersuchung (Lumbalpunktion).
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Die Behandlung von MS umfasst drei Zielbereiche:
- Therapie des akuten Schubes: Ein akuter MS-Schub wird in der Regel mit einer intravenösen Kortisontherapie behandelt. Bei fehlender Rückbildung der Symptome kann eine höhere Dosierung von Kortison oder eine Blutwäsche (Plasmapherese) versucht werden.
- Therapie des Krankheitsverlaufs: Der Einsatz von Medikamenten, die den Verlauf der schubförmig remittierenden MS abmildern oder sogar „ausbremsen“ können (Immunmodulatoren), wird heute meist möglichst früh nach der Diagnose empfohlen. Ziel ist es, prophylaktisch weitere Schübe zu verhindern und eine Zunahme von Behinderung zu vermeiden. Dazu stehen Medikamentengruppen mit unterschiedlichen Wirkstärken und Nebenwirkungsprofilen zur Verfügung.
- Symptomorientierte Therapie: Trotz aller neuen immunmodulierenden Medikamente hat die Behandlung von Symptomen bei Multipler Sklerose nach wie vor eine zentrale Bedeutung. Entscheidend ist, zusammen mit den Betroffenen zu erarbeiten, welche Symptome individuell besonders störend für die Lebensqualität sind, um daran die Behandlung auszurichten. Medikamente sind hierbei nur ein Teil des Behandlungskonzepts. Nichtmedikamentöse Behandlungsansätze umfassen aktivierende bzw. rehabilitative Therapien.
Verhaltenstherapie bei Multipler Sklerose: Grundlagen und Anwendungsbereiche
Die Verhaltenstherapie ist eine spezielle Form der Psychotherapie, die auf der Annahme basiert, dass unser Verhalten einen Einfluss auf unser Innenleben, unsere Gefühle und unsere Gedanken hat. Da sich Verhalten oft gezielt ändern lässt, können wir über unser Handeln Einfluss auf unser Fühlen nehmen. Bei MS kann die Verhaltenstherapie in verschiedenen Bereichen ansetzen:
- Umgang mit der Diagnose: Die Diagnose MS kann bei vielen Betroffenen Angst, Hilflosigkeit und Wut auslösen. Die Verhaltenstherapie kann helfen, mit diesen Gefühlen umzugehen und eine positive Haltung zur Erkrankung zu entwickeln.
- Psychische und psychosomatische Symptome: Viele MS-Patienten leiden unter psychischen bzw. psychosomatischen Symptomen wie Lern- und Gedächtnisstörungen oder Fatigue. Die Verhaltenstherapie kann Lösungsansätze aufzeigen, die die Symptome lindern oder den Umgang damit erleichtern.
- Stressbewältigung: Stress gilt als einer der auslösenden Faktoren für einen Schub. In der Verhaltenstherapie können Betroffene lernen, anders auf Anforderungen aus der Umwelt zu reagieren und Stressoren zu reduzieren.
- Depression: Depressionen sind eine häufige Begleiterkrankung bei MS. Die Verhaltenstherapie kann helfen, ungünstige Denkmuster zu durchbrechen, positive Aktivitäten in den Alltag einzubauen und so Lebensfreude zu finden und zu erhalten.
Wie funktioniert Verhaltenstherapie bei MS?
Die Verhaltenstherapie ist ein aktiver Prozess, bei dem Patientinnen und Patienten selbst Lösungsstrategien entwickeln. Unterstützt von einem Therapeuten lernen sie, ihr Verhalten zu beobachten und zu verändern, um ihre psychische Gesundheit zu verbessern. Die Therapie beginnt im Hier und Jetzt und konzentriert sich auf die aktuellen Probleme und Herausforderungen der Betroffenen.
Im Rahmen der Verhaltenstherapie werden verschiedene Methoden eingesetzt, darunter:
- Konfrontationstherapie: Hierbei werden die Patienten schrittweise mit angstauslösenden Situationen konfrontiert, um ihre Angst zu reduzieren.
- Kognitive Verhaltenstherapie: Diese Methode zielt darauf ab, negative Denkmuster zu erkennen und zu verändern.
- Operante Verfahren: Hierbei wird Verhalten durch Belohnung oder Bestrafung verstärkt oder reduziert.
- Systematische Desensibilisierung: Hierbei lernen die Patienten, sich in angstauslösenden Situationen zu entspannen.
Wer kann Verhaltenstherapie anbieten?
In Deutschland dürfen nur Personen Verhaltenstherapie anbieten, die nach einem Hochschulabschluss in Medizin oder Psychologie eine staatliche Approbation erhalten haben.
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Wie findet man einen Verhaltenstherapeuten?
Die Suche nach einem geeigneten Therapeuten kann zeitaufwendig sein. Eine erste Anlaufstelle ist die bundesweit gültige Telefonnummer 116117. Dort erhalten Sie Auskunft über Psychotherapeuten in Ihrer Nähe, die mit den Krankenkassen zusammenarbeiten. Auch die Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) können Ihnen bei der Suche behilflich sein.
Internetbasierte Verhaltenstherapie bei MS
In den letzten Jahren hat sich auch die internetbasierte Verhaltenstherapie als wirksame Behandlungsoption bei MS etabliert. Studien haben gezeigt, dass eine psychologische Onlineberatung einen positiven Effekt auf die Eintrittswahrscheinlichkeit von Depressionen bei MS-Patienten haben kann. Einige Anbieter bieten auch telefonische Beratungsgespräche oder Video-Chats mit Therapeuten an.
Weitere nicht-medikamentöse Therapieansätze bei MS
Neben der Verhaltenstherapie gibt es weitere nicht-medikamentöse Therapieansätze, die bei MS eingesetzt werden können:
- Physiotherapie: zur Verbesserung der Beweglichkeit, Kraft und Koordination
- Ergotherapie: zur Förderung der Selbstständigkeit im Alltag
- Logopädie: zur Behandlung von Sprach- und Schluckstörungen
- Neuropsychologie: zur Behandlung von kognitiven Störungen
- Reha-Sport: zur Förderung von Ausdauer, Kraft und Koordination
- Achtsamkeitsbasierte Therapieansätze: wie Tai-Chi oder therapeutisches Klettern
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