Die deutsche Band Die Nerven hat sich in den letzten Jahren einen Namen gemacht, indem sie mit scheppernden, zerrenden Gitarren und Texten, die den harten Fakten starr ins Auge blicken, eine ganz eigene Nische im deutschsprachigen Musikgeschehen besetzt hat. Ihr neues Album, schlicht "Die Nerven" betitelt, klingt wie ein Statement.
Die Politik der kleinen Schritte vs. Populistische Maßnahmen
In einer Zeit, in der schnelle Erfolge und populistische Maßnahmen im Vordergrund stehen, besinnt sich Die Nerven auf den langen Atem und die Fähigkeit, Rückschläge auszuhalten und weiterzugehen, auch wenn nichts spektakulär wirkt. Dies steht im Kontrast zu einer Gesellschaft, die sich zunehmend nach schnellen Lösungen sehnt, wie Abnehmspritzen statt langwieriger Diäten oder jähe Beziehungsabbrüche anstelle gründlicher Auseinandersetzungen.
Das neue Album als Essenz der Band
Das neue Album der Band ist anders als die vorherigen Alben. Die Bandmitglieder Max Rieger, Julian Knoth und Kevin Kuhn erklären, dass es das erste Album ist, bei dem man sich nichts mehr dazudenken muss, man muss nichts mehr dazu sagen. Es ist die Essenz dessen, was die Band ausmacht.
Für das Album haben Die Nerven richtige Writing-Sessions gemacht und sich einen Raum organisiert, in dem sie in Ruhe arbeiten konnten. Dadurch hatten sie nun die Möglichkeit, Sachen liegenzulassen, andere Sachen wieder neu aufzugreifen und an ihnen weiterzuarbeiten, Sachen zu verwerfen, andere hinzuzufügen. Davor war es immer so, dass sie irgendwas gespielt haben, gesagt haben: Okay, das ist geil, lass uns das mal länger spielen, um dann zu sagen: Das ist es jetzt. Die nächste Situation, in der wir uns dann damit auseinandergesetzt haben, war direkt im Studio.
Die früheren Alben hatten natürlich auch den Charme, dass die Sachen dann extrem frisch und ungeschliffen klangen. Aber die Band hat festgestellt, wenn sie dann auf Tour gehen und die Songs spielen, wachsen sie noch weiter. Sie fanden es immer ein wenig schade, dass die Songs live viel differenzierter und vielschichtiger klangen als auf Platte.
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Schwierigkeiten im Aufnahmeprozess und Einfluss von Nebenprojekten
Die Reibereien traten immer erst im Aufnahmeraum zutage. Und das ist einfach der falsche Raum, um Konflikte auszutragen. Im Aufnahmeraum sollte es um die Musik selbst gehen und sonst um überhaupt gar nichts. Bezogen auf den Aufnahmeprozess war das Zwischenmenschliche lange sehr schwierig bei uns.
Die Bandmitglieder sind auch noch in anderen Projekten und Bands aktiv. Und da war bei neuen musikalischen Ideen immer auch die Frage: Nutze ich das jetzt für Die Nerven oder eben für ein anderes Projekt? Und es gab da schon lange unausgesprochen - und dann irgendwann auch mal ausgesprochen - das Problem, dass man sich teilweise gar nicht getraut hat, Ideen zu präsentieren, weil dann eben die Angst im Raum stand, dass es heißen könnte: Das klingt aber wie Peter Muffin (Nebenprojekt von Julian Knoth) oder wie All Diese Gewalt (Soloprojekt von Max Rieger) oder eben wie Wolf Mountains (Nebenprojekt von Kevin Kuhn). Und das haben wir irgendwann mal auf den Tisch gepackt und gesagt: Das ist doch albern.
Die verschiedenen Projekte beeinflussen die Arbeit mit Die Nerven. Julian Knoth erklärt, dass sie über die Jahre einfach auch gemerkt haben, dass sie ihre musikalischen Freiheiten in den anderen Projekten brauchen. Es geht häufig eher darum, mal anders zu arbeiten. Ihn interessiert dann, mal ganz frei an etwas heranzugehen, sich zum Teil auch gar nicht mit Arrangements zu beschäftigen.
Kevin Kuhn meint, dass man trotzdem nicht drum herum kommt, am Ende wie Die Nerven zu klingen. Einfach dadurch, wie sie aufeinander reagieren, wenn sie zusammen Musik machen. Selbst wenn sie sagen: Wir wollen jetzt Bossanova spielen.
Introspektive Texte mit politischem und gesellschaftskritischen Einschlag
Bezogen auf die Texte des neuen Albums entsteht leicht der Eindruck, dass es im Vergleich zu den introspektiven Texten der früheren Platten einen stärkeren politischen und gesellschaftskritischen Einschlag gibt, insbesondere bei den beiden Eröffnungssongs »Europa« und »Ich sterbe jeden Tag in Deutschland«.
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Max Rieger meint, dass die Texte sehr introspektiv sind, weil es schon auch wichtig ist, keine Antworten zu geben - nicht zuletzt, weil es ein bisschen naiv wäre zu glauben, dass das möglich wäre. Manche Texte wirken beim ersten Hören vielleicht etwas parolenhafter.
Julian Knoth findet es gut, wenn ein Text zum Nachdenken anregt. Mir persönlich geht es mit meinen Texten auch oft so, dass ich gar nicht genau weiß, was ich damit jetzt gemeint habe, oder manchmal erst viel später verstehe, was ich damit gemeint haben könnte. In anderen Fällen kommen Leute auf mich zu und sagen: Ich habe den Text so oder so interpretiert, und dann sage ich: Ja, das stimmt, das kann man so deuten, aber daran habe ich beim Schreiben des Textes eigentlich gar nicht gedacht.
Die Band hat ihr Vokabular dieses Mal um einige Wörter wie eben »Europa« oder »Deutschland« erweitert, was ich auch gut finde. Rieger erklärt, dass ihn das lange beschäftigt hat. Mir ist damals bei dem Song auch aufgefallen, dass dieses gesungene Wort »Deutschland« mehrere Dezibel leiser gedreht wurde, so dass man nicht drüber stolpert. Ich habe mich dann wirklich gefragt: Warum singt man das Wort, wenn man nicht möchte, dass man darüber stolpert? Deshalb war es dieses Mal auch unser Gedanke, einen Song zu machen, in dem 40 Mal das Wort »Deutschland« vorkommt, ohne es leiser zu machen. Da muss man jetzt halt durch. Das tut weh - uns allen -, aber so ist es eben (lacht). Ich kann aber verstehen, dass Stella das Wort nicht singen wollte.
Die Schublade Post-Punk und die Genre-Bezeichnung Rockband
Die Band wurde lange in die Post-Punk-Schublade gesteckt, wogegen sie sich immer gewehrt hat. Mittlerweile können sich viele Leute auch ohne Genre-Bezeichnung etwas unter ihrer Musik vorstellen, einfach weil sie in der Vergangenheit schon mal in Berührung mit Die Nerven gekommen sind. Das ist relativ angenehm.
Kevin Kuhn meint, dass sie ja nie wirklich wie Joy Division klangen. Ich habe auch immer das Gefühl, dass die inflationäre Verwendung des Begriffs einer krassen Unbeholfenheit geschuldet ist. Indie ist ja ein noch schlimmerer Begriff. Im Grunde genommen ist alles besser als Deutschpunk.
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Heute sagen sie eigentlich immer, wir sind eine Rockband. Ich finde, das klingt irgendwie okay.
Die Bedeutung von Farbe und Bühnenpräsenz
Die Frage nach der Lieblingsfarbe ist eine schwierige Frage - hat ja nichts mit der Lieblingsfarbe zu tun. Die Frage stelle ich ja in einem Song auch, oder? Ich hab‘s ganz vergessen. Ich habe mir ehrlich gesagt über diese Frage noch nie Gedanken gemacht. Die ist echt gemein. Aber ich bin ja selber schuld. Ich weiß nicht. Eine Farbe ist auf jeden Fall zu wenig, um eine Person zu beschreiben. Es kommt ja auch immer drauf an, in welchem Aggregatzustand man sich befindet oder wie man sich gerade fühlt.
Die Bandmitglieder sind im normalen Leben manchmal eher zurückhaltend und schüchtern und wenn ich auf der Bühne stehe, dann ändert sich das halt komplett. Weil das natürlich auch mein Safe Space ist, wo ich vielleicht auch ein bisschen jemand anderes sein kann bzw. eine andere Seite von mir ausleben kann, die ich irgendwie auch habe. Deswegen zieht es mich glaube ich auch immer wieder auf die Bühne. Weil ich da in eine andere Rolle schlüpfen kann und extrovertiert sein kann, was ich eben sonst nicht bin. Deswegen ist es schwierig zu sagen, EINE Farbe beschreibt mich, das geht nicht. Aber wenn Farben mich beschreiben würden, dann hoffe ich doch einfach, dass es viele Farben sind - egal welche. Ich bin glaube ich auch niemand, der so eintönig ist, dass er sich auf eine Farbe festlegen lassen möchte.
Musikalische Einflüsse und Inspiration
In dem Haus, in dem ich groß geworden bin, gab es viel Musik. Und von Anfang an waren auch viele Musikinstrumente da. Deswegen lässt sich das schwer sagen. Ich hatte Trommeln, Rasseln und ein Glockenspiel. Das finde ich auch ein tolles Instrument, hab ich immer noch. Aber Töpfe waren wahrscheinlich die ersten Dinge, die ich mir zum Instrument gemacht habe. Die ich mir genommen habe um sie als Instrumente zu benutzen, die nicht da waren. Ich habe einige Instrumente gelernt über die Jahre, aber auch viele wieder verlernt. In der Grundschule musste ich mal Blockflöte lernen, das fand ich ganz furchtbar. Dann durfte ich, als ich groß genug war, Trompete spielen. Das fand ich wirklich toll. Aber das hab ich leider verlernt. Ich krieg schon noch Töne raus, aber kann’s nicht wirklich gut. Ich bin schon eher jemand, der sagt ich kann, wenn ich will, fast jedes Instrument spielen oder irgendetwas rausholen. Es geht ja nicht immer darum, dass man es perfekt beherrscht, sondern dass man es sich zu eigen macht. Dann sind es wahrscheinlich schon ein paar. Wobei ich mich ein bisschen schwerer tu mit Tasteninstrumenten und Streichinstrumente habe ich auch nie gelernt.
Das Tourleben: Realitätsflucht und Herausforderungen
Das Tourleben ist ein Lebensgefühl. Das hat so viele Aspekte. Erstmal liebe ich es natürlich, auf Tour jeden Tag in einer anderen Stadt zu sein. Man darf seine Lieder, die man selber geschrieben hat in dieser Stadt aufführen. Das ist für mich ein Privileg und wunderschön. Ich mag es an unterschiedlichen Orten zu sein, in unterschiedlichen Clubs zu spielen, die dann auch immer wieder ganz anders sind. Auch diese Aufs und Abs. Also in manchen Clubs funktioniert das gut, was man macht, in anderen Städten nicht so gut. Dann hat man wieder so ein Highlight, wo dann alles wieder der Wahnsinn ist und so ein Konzert dann eine Eigendynamik entwickelt, die atemberaubend ist, weil man es nicht planen kann. Man verliert so ein Gefühl für Zeit, das finde ich eigentlich eine ganz schöne Realitätsflucht. Das entwickelt eine Eigendynamik, man entwickelt einen eigenen Rhythmus, der sich anpasst auf die Tour. Man hat was zu tun, ist unterwegs, sieht viele Leute. Ich mag auch das Soziale. Es ist natürlich auch viel Adrenalin im Spiel, das ist schon schön. Und natürlich ist es danach dann auch mal so, dass man erschöpft ist. Das ist dann was an Adrenalin zu viel ausgeschüttet wird in den 2 Wochen - wahrscheinlich so ein bisschen wie eine Droge, ohne dass es eine Droge ist. Wenn man dann zurückkommt, dann fehlt einem natürlich auch dieser Stoff, aber man lernt ja auch damit umzugehen mit der Zeit. Zu wissen, dass man dann zwei, drei Tage einfach ein bisschen nach sich selber schaut aber auch schnell wieder guckt, dass man was macht.
Es gibt natürlich auch Sachen, die nerven. Das sind eigentlich eher die Momente, in denen dieser Leerlauf ist. Teilweise ist es irgendwie extrem lustig und schön, miteinander im Bus zu sitzen, manchmal ist es dann aber auch bei der vierten Fahrt in vier Tagen, wo man vier, fünf Stunden im Auto sitzt einfach ermüdend. Diese ganzen Autofahrten sind ein bisschen anstrengend teilweise. Auch die Zeit, in der man nicht so richtig was anfangen kann. Diese ganzen Wartezeiten wo man eigentlich nur auf’s Konzert wartet, aber auch nur ein, zwei Stunden Zeit hat. Und sich natürlich auch sammelt und so, aber nichts unternehmen kann in der Zeit.
Auf Tour werden die ganz normalen Sachen halt, wie das eigene Bett zum Beispiel, vermisst. Was vielleicht eher was Außergewöhnlicheres ist - aber ich glaub das können auch viele verstehen - ist, dass man sich auch wieder freut, selber zu kochen und vor allem die Sachen zu kochen, die man gerne mag. Wir essen natürlich immer gut und wir sind gut umsorgt, wir sind da ja auch privilegiert. Trotzdem ist es schön, einfach mal stinknormale Pasta mit Soße zu machen. Man hat wieder sein Essen, sein Soul Food. Nichts Aufwendiges, ich will jetzt einfach ein paar Nudeln und Soße und gut ist.
Umgang mit Konflikten und Kommunikation in der Band
Die Band hat auf jeden Fall viel gelernt in den letzten Jahren. Gefühlt war es in den ersten Jahren anstrengender. Die Zeit bevor wir das Album „Fake“ gemacht haben, wo es echt kritisch war auch mit der Band und ob es weitergeht. Da haben wir glaube ich viel miteinander aussprechen können. Im Nachhinein haben wir glaube ich viel darüber gelernt, wie wir miteinander umgehen und was gute Kommunikation angeht. Das wichtigste ist schon gute Kommunikation. Es hat sich auch ausgezahlt, Sachen oder Probleme, die unangenehm sind, Konflikte die es gibt, sofort zu klären und es nicht mit sich rumzuschleppen. Wenn man viel aufeinander rumhängt ist es eben auch vollkommen normal, dass mal einer keine gute Laune hat, aber dass das auch nicht schlimm ist und man selber deswegen keine schlechte Laune haben muss. Es spielen viele Sachen mit rein, gute Kommunikation, Konflikte sofort klären. Das wichtigste in so einer Gruppe ist schon, dass man nach allen schaut und aufeinander achtet und sich respektvoll begegnet. Da haben wir einen wahnsinnig großen Fortschritt gemacht in den letzten zwei Jahren. Da sind wir sehr gewachsen auf jeden Fall.
Die Entwicklung der Band und das organische Wachstum
Gefühlt war es sehr krass und viel auf einmal in den ersten fünf Jahren und überfordernd auch. Aber es ist ja schon von der Größe der Clubs, also wie das gewachsen ist, und auch von den Leuten drumrum von unserem Booker sehr organisch aufgebaut worden. Nicht so: Zack! Sofort große Hallen. Dementsprechend gibt es auch nicht so den Punkt, den ich konkret benennen könnte. Als „FUN“ rauskam und so kurz unser erster Hype da war, da dachte ich: „Okay krass, jetzt!“ Aber das war nicht so. Das war schon ein wichtiger Punkt. Ich hatte kein Verhältnis dazu. Ich dachte, jetzt werde ich ständig erkannt. Ja schon, das ist ja auch gut so. Ich dachte das damals, ich konnte das nicht einschätzen. Ab und zu werde ich schon angesprochen, klar. Es ist aber nicht im Ansatz so, wie ich dachte in dem Moment von diesem Hype. Als klar war, wir bringen eine Platte raus, war das krass. Das Meiste war wirklich, dass wir viel, viel live gespielt haben in den ersten fünf Jahren und da einfach viel Arbeit reingesteckt haben. Das ist dann auch das, was sich irgendwann auszahlt. Natürlich muss man Glück haben und Leute begeistern, aber man muss dann auch präsent sein und überall spielen. Das haben wir gemacht, aber das müssen wir jetzt nicht mehr unbedingt machen, hab ich gemerkt.
Nebenprojekte als Privileg und Quelle der Freiheit
Es hat sich schon was verändert und das war etwas, womit ich schon eine Weile gehadert habe und nicht wusste, warum. Ich hatte das Gefühl, dass alles was ich sonst musikalisch mache irgendwie so eine Qualität braucht und dass es jetzt immer so in dem Kontext ist. Ich hab lange gebraucht, um zu sehen, dass es eigentlich eher ein Privileg ist und dass meine Nebenprojekte eben auch davon profitieren, dass ich diese Aufmerksamkeit habe mit dieser Band, dass es nicht in Konkurrenz steht und dass es auch nicht immer auf diesem Niveau stattfinden muss. Sondern dass ich schon meinen Quatsch machen kann, dass ich frei an die Sachen rangehen kann. Das mache ich jetzt mittlerweile. Das ist total schön. Auch wenn ich Yum Yum Club und Peter Muffin sehr, sehr ernst nehme und nicht sagen möchte, dass es mein Hobby ist. Aber trotzdem hat mir das dann viel gebracht, diese Nebenprojekte anzugehen, konstruktiv meine Zeit da reinzustecken und positiv zu denken. Weil ich dann wieder das Gefühl hatte, ich mache Musik jetzt nicht nur für Die Nerven, diese große Band, sondern ich mache es auch für mich und mache mein eigenes Ding.
Ich musste jetzt auch so lange ausholen, weil ich gar nicht gemerkt habe, dass mein Hobby verschwunden ist, sondern immer nur dachte: Krass, warum mach ich nichts mehr? Trau ich mich nicht mehr, die Musik zu machen nebenher? Als ich mir das dann wieder so geholt habe. Als dann die Platte rauskam (Ich und meine 1000 Freunde) und ich dann die Live Band zusammengestellt habe, aus der dann Das Peter Muffin Trio wurde. Yum Yum Club war auch so ein bisschen parallel, dass das so entstanden ist. Da habe ich wieder gemerkt: Cool, ich kann das ja auch machen und man kann ja auch einfach so Musik machen, ohne diesen großen Druck. Natürlich ist bei Die Nerven jetzt auch nicht so ein riesengroßer Druck, das ist total schön, aber trotzdem hat es mich selber voll locker gemacht, wieder. Es fällt mir jetzt auch leichter im Kontext von Die Nerven mein Ding zu machen. Ich glaube, das hat einfach Druck rausgenommen.
Musikalische Vorlieben und Inspiration durch andere Kunstformen
Ich bin großer Fan von Musik, ich liebe Musik und ich werde nie aufhören, Fan zu sein. Ich hatte vor kurzem diesen Gedanken: Ich würde mir ehrlich gesagt niemals eine Band anhören, die mit meiner Band verglichen wird. Das hört sich so negativ an, aber ehrlich gesagt strebe ich schon immer nach was Neuem, was ich noch nicht kenne, was mich überrascht, was mich inspiriert und was ich einfach toll finde, anstatt nach irgendetwas zu suchen, was so klingt, wie das, was ich mache. Mir geht es schon eher darum was zu finden, was mir neue Ideen bringt, was mir zeigt: So und so kann Musik auch funktionieren. Ich bin immer auf der Suche und sehr offen für neue Musik. Wobei ich sehr schnell entscheide, ob es mir gefällt oder nicht. Es kann schon auch mal sein, dass ich sage: Nee, das gefällt mir nicht und ein halbes Jahr später merke: Ach ja, da war ich vielleicht zu vorschnell. Aber ich finde das ist auch in Ordnung. Ich erkenne gewisse Parallelen.
Musik an sich, aber auch alles, was ich selber an Erfahrungen sammle, inspiriert mich, ich reflektiere sehr viel und ich denke sehr viel nach. Ich bin ein Kopfmensch und für mich ist Musik oder eben auch Texte zu schreiben eine Art Ventil, um damit umzugehen. Mich inspirieren schon auch alle Kunstformen irgendwie, aber auch das Leben an sich. Mich inspiriert auch Theater sehr, mich inspirieren Filme, mich inspirieren Bücher, mich inspiriert alles, was ich aufsauge. Ich sehe mich selber auch eher als eine Art Filter. Ich nehme Sachen in mich auf, dann macht das irgendwas mit mir, ich mache irgendwas damit und dann lasse ich es wieder raus. Oder ich vermische etwas in neue Kontexte, oder lasse etwas weg und lasse es wieder raus. Es ist gar nicht so dieses „Eine Sache inspiriert mich“. Manchmal inspiriert mich auch gar nichts.
Die Bedeutung des Publikums und persönliche Geschichten
Natürlich auch viele Rückmeldungen, die von dir kommen. Ich finde das schon ganz, ganz toll und besonders, dass du uns nachreist. Auch was du sagst zu den Songs und was es dir bedeutet. Es gibt viele Beispiele. Das ist für mich schon auch ein Grund zu sagen, man macht das nicht einfach so und umsonst und das ist schön. Das weiß ich sehr zu schätzen. Es gibt natürlich auch andere Menschen, die genauso wie du solche Dinge rückmelden, die in die Richtung gehen, dass sie sich empowert dadurch fühlen und durch unsere Musik, unsere Konzerte einfach mal nicht nachdenken müssen oder sich mal nicht verkopfen müssen. Ich bin selber sehr großer Kopfmensch und mein Kopf, meine Gedanken erdrücken mich auch immer wieder mal. Ich weiß, dass es total schön ist zum Abschalten, aber auch als Ermächtigungsgefühl.
Auch ein tolles Feedback: Jemand, der mir in Dresden beim Konzert gesagt hat, er muss jeden Tag durch Freital fahren. Er findet das so furchtbar, die ganzen Nazis. Er hört dann sehr laut Die Nerven und lässt die Fenster runter, fährt dann so durch Freital und das ist für ihn sein Weg damit umzugehen, das fand ich total cool. Das war so ein Feedback wo ich dachte: Ja, dafür mach ich Musik! Natürlich ist es auch schön zu hören, dass das Konzert toll war, das weiß ich auch zu schätzen - bestimmte Sachen, die eine persönliche Geschichte erzählen, egal was für eine persönliche Geschichte das ist. Es muss mir natürlich nicht jede_r seine persönliche Geschichte erzählen. Es kann mir auch eine Person sagen „das war ein tolles Konzert“ und vielleicht hat sie dann eine persönliche Geschichte, das geht mich dann auch nichts an.
Diversität im Publikum und die Rolle der Band
Der Altersdurchschnitt des Publikums unterscheidet sich doch von Stadt zu Stadt. Am liebsten ist es mir, wenn es divers, bunt durchmischt ist. Wenn ältere Menschen dabei sind, wenn männliche, weibliche, diverse Leute anwesend sind. Ich glaube unser Publikum ist nicht in der Hinsicht so divers, dass da jetzt viele PoCs (Anm.: People of Colour) da sind. Wir sind wahrscheinlich einfach zu Deutsch dafür. Das würde ich mir natürlich auch manchmal wünschen. Es sind schon eher Männer, die bei uns da sind. Aber es gibt doch auch immer viele junge, weibliche Besucherinnen. Was ich immer gut finde, wenn es so durchmischt ist. Ich weiß nicht, wie sich das ändern wird in Zukunft. Ich finde unser Publikum eigentlich immer richtig toll, größtenteils. Ich glaube es gibt viele von denen, die älter sind, die sich vielleicht durch unseren Sound an ihre Jugend erinnert fühlen. Ich würde mir manchmal wünschen, dass noch mehr jüngere Leute da sind und mehr weibliche, diversere Leute, als nur Typen. Ich glaub, es geht auch schlimmer. Wir leben das eigentlich schon so vor, dass uns Diversität und Unangepasstheit wichtig sind. Wir sind halt auch so, wie wir sind.