Epileptischer Anfall: Was danach zu tun ist – Ein umfassender Leitfaden

Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederholte epileptische Anfälle gekennzeichnet ist. Diese Anfälle sind vorübergehende Funktionsstörungen des Gehirns, die durch eine übermäßige und synchrone Entladung von Nervenzellen verursacht werden. Die Anfälle können sich sehr unterschiedlich äußern, abhängig davon, welche Gehirnregionen betroffen sind. Es ist wichtig zu wissen, wie man bei einem epileptischen Anfall Erste Hilfe leistet und was danach zu tun ist, um Betroffenen bestmöglich zu helfen.

Was ist ein epileptischer Anfall?

Ein epileptischer Anfall entsteht durch eine plötzliche, unkontrollierte elektrische Entladung von Nervenzellen im Gehirn. Normalerweise stimmen die Nervenzellen ihre Aktivität fein aufeinander ab, um miteinander zu kommunizieren. Bei einem epileptischen Anfall gerät diese Kommunikation durcheinander, was zu Funktionsstörungen wie Bewusstseinsverlust, Wahrnehmungsstörungen oder unkontrollierten Muskelbewegungen führen kann.

Bis zu 10 von 100 Menschen erleben im Laufe ihres Lebens einen epileptischen Anfall. Das bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass sie an Epilepsie leiden. Anfälle können auch durch andere Faktoren wie Fieberkrämpfe bei Kindern, akute Erkrankungen oder Verletzungen ausgelöst werden. Von Epilepsie spricht man erst, wenn mindestens zwei unprovozierte Anfälle aufgetreten sind oder ein hohes Risiko für weitere Anfälle besteht.

Verschiedene Arten von epileptischen Anfällen

Epileptische Anfälle können sehr unterschiedlich aussehen, je nachdem, welcher Teil des Gehirns betroffen ist und wie stark die Nervenzellen überreagieren. Die Internationale Liga gegen Epilepsie (ILAE) hat ein Klassifikationssystem entwickelt, um die verschiedenen Anfallsformen nach ihren Merkmalen zu ordnen.

Fokale Anfälle

Fokale Anfälle beginnen in einer Hirnhälfte. Sie können sich unterschiedlich äußern, je nachdem, welcher Bereich des Gehirns betroffen ist.

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  • Motorischer Beginn: Muskelaktivitäten wie Zuckungen, Krämpfe oder Muskelerschlaffung. Spezifische motorische Symptome werden mit Fachbegriffen wie klonisch (rhythmische Zuckungen), myoklonisch (plötzliche, kurze Zuckungen) oder tonisch (anhaltende Muskelanspannung) beschrieben. Auch Automatismen (unwillkürliche, koordinierte Handlungen wie Kauen oder Nesteln) können auftreten.
  • Nicht-motorischer Beginn: Symptome wie Innehalten, kognitive Einschränkungen (Sprachstörungen, Wahrnehmungsstörungen, Halluzinationen), emotionale Veränderungen (Angst, Wut, Lachen, Weinen), autonome Reaktionen (Erröten, Blässe, Veränderungen des Herzschlags oder der Atmung) oder sensible/sensorische Störungen (Sinnesstörungen, Gleichgewichtsstörungen, Sehstörungen).

Fokale Anfälle können mit oder ohne Bewusstseinsverlust auftreten. Sie können sich auch auf die andere Hirnhälfte ausbreiten und zu einem bilateralen tonisch-klonischen Anfall führen.

Generalisierte Anfälle

Generalisierte Anfälle betreffen beide Hirnhälften gleichzeitig. Sie gehen immer mit einem Bewusstseinsverlust einher.

  • Motorische Symptome: Tonische, klonische, myoklonische Muskelaktivitäten, Atonie (Muskelerschlaffung) oder epileptische Spasmen. Auch Kombinationen dieser Symptome können auftreten (z. B. tonisch-klonisch, myoklonisch-tonisch-klonisch).
  • Nicht-motorische Symptome: Auch als Absencen bezeichnet, treten typischerweise eher bei Kindern auf. Es gibt typische und atypische Absencen, die sich in ihrem Beginn, Ende und der Veränderung der Muskelspannung unterscheiden. Myoklonische Krampfanfälle (kurze Muskelzuckungen) und Augenlid-Myoklonie (Lidzuckungen) können ebenfalls auftreten.

Anfälle mit unbekanntem Beginn

Wenn der Beginn eines Anfalls nicht beobachtet wurde oder der Betroffene ihn nicht bewusst erlebt hat, wird er als Anfall mit unbekanntem Beginn klassifiziert.

Erste Hilfe bei einem epileptischen Anfall

Wenn jemand einen epileptischen Anfall hat, ist es wichtig, ruhig und besonnen zu bleiben. Die meisten Anfälle dauern nur wenige Minuten und hören von selbst wieder auf. Das Wichtigste ist, die Person vor Verletzungen zu schützen.

Allgemeine Maßnahmen

  • Ruhe bewahren: Ein epileptischer Anfall kann beängstigend aussehen, ist aber in den meisten Fällen harmlos.
  • Person nicht allein lassen: Bleiben Sie bei der Person, bis der Anfall vorbei ist und sie sich wieder orientieren kann.
  • Gefahrenquellen beseitigen: Entfernen Sie alle Gegenstände aus der Umgebung, an denen sich die Person verletzen könnte.
  • Kopf schützen: Legen Sie etwas Weiches unter den Kopf, z. B. eine Jacke oder ein Kissen.
  • Enge Kleidung lockern: Lockern Sie enge Kleidung am Hals, um die Atmung zu erleichtern.
  • Auf die Uhr schauen: Notieren Sie den Beginn und die Dauer des Anfalls. Diese Informationen sind für den Arzt wichtig.
  • Nicht festhalten: Versuchen Sie nicht, die Person festzuhalten oder den Anfall zu unterdrücken.
  • Nichts in den Mund stecken: Versuchen Sie nicht, den Mund zu öffnen oder etwas zwischen die Zähne zu schieben. Es besteht die Gefahr von Verletzungen.

Spezifische Maßnahmen je nach Anfallsform

  • Leichte Anfälle (Absencen, Muskelzuckungen): Hier besteht in der Regel keine unmittelbare Gefahr. Bieten Sie der Person Unterstützung und Sicherheit an, da sie sich möglicherweise unsicher oder ängstlich fühlt.
  • Anfälle mit eingeschränktem Bewusstsein oder Verhaltensänderungen: Schützen Sie die Person vor Gefahren (z. B. im Straßenverkehr). Gehen Sie ruhig mit ihr um und vermeiden Sie Hektik, Zwang oder Gewalt. Vermitteln Sie Halt und Nähe.
  • Große generalisierte Anfälle (Krampfanfälle): Sorgen Sie für Sicherheit, indem Sie gefährliche Gegenstände beiseite räumen und den Kopf abpolstern. Lockern Sie enge Kleidung und bitten Sie Unbeteiligte, wegzugehen. Wenn die Person nach dem Anfall erschöpft ist und einschläft, bringen Sie sie in die stabile Seitenlage.

Wann muss der Notarzt gerufen werden?

  • Der Anfall dauert länger als fünf Minuten (Status epilepticus).
  • Es folgen mehrere Anfälle hintereinander, ohne dass die Person zwischendurch wieder zu Bewusstsein kommt.
  • Es gibt Atemprobleme.
  • Es kam zu Verletzungen.
  • Es ist der erste epileptische Anfall der Person.
  • Die Person kommt nicht wieder zu sich.

Was ist nach einem epileptischen Anfall zu tun?

Nach einem epileptischen Anfall benötigt die betroffene Person Ruhe und Unterstützung.

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  • Bei der Person bleiben: Lassen Sie die Person nicht allein, bis sie sich wieder vollständig orientiert hat.
  • Beruhigen und informieren: Beruhigen Sie die Person und erklären Sie ihr, was passiert ist. Informieren Sie sie über den Ablauf und die Dauer des Anfalls.
  • Unterstützung anbieten: Bieten Sie Unterstützung an, z. B. Begleitung, Sitzmöglichkeiten oder den Anruf eines Arztes oder Notfallkontakts.
  • Stabile Seitenlage: Wenn die Person bewusstlos ist oder einschläft, bringen Sie sie in die stabile Seitenlage, um die Atemwege freizuhalten.
  • Schutz der Privatsphäre: Schützen Sie die Person vor neugierigen Blicken und vermeiden Sie, dass sich eine Menschenmenge ansammelt.
  • Notfallausweis beachten: Wenn die Person einen Notfallausweis bei sich trägt, beachten Sie die darin enthaltenen Informationen (z. B. Medikamente, Kontaktpersonen).

Epilepsie-Notfallmedikamente

Manche Menschen mit Epilepsie tragen ein Notfallmedikament bei sich, das bei einem länger andauernden Anfall verabreicht werden kann. Diese Medikamente sind in verschiedenen Formen erhältlich:

  • Diazepam Rectiolen: Werden als Zäpfchen in den After eingeführt.
  • Bukkales Midazolam: Wird mit einer Spritze ohne Nadel zwischen Wange und Zahnfleisch gespritzt.
  • Midazolam (flüssig): Kann bei Kindern und Jugendlichen mit einer Applikationsspritze in die Wangentasche gegeben werden.

Die Verabreichung von Notfallmedikamenten sollte idealerweise von geschulten Personen (z. B. Notärzten, Rettungsassistenten, Eltern von epilepsiekranken Kindern, Partner von Epilepsie-Patienten) erfolgen.

Ursachen und Risikofaktoren für Epilepsie

Die Ursachen der Epilepsie sind vielfältig und oft nicht eindeutig geklärt. In vielen Fällen spielt eine erbliche Veranlagung eine Rolle. Auch Veränderungen im Erbgut (Genmutationen), Unfälle, Verletzungen oder Veränderungen in der Gehirnstruktur können ursächlich sein.

Bestimmte Auslöser (Trigger) können epileptische Anfälle provozieren. Zu den häufigsten Triggern gehören:

  • Schlafmangel
  • Unregelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus
  • Starke körperliche oder seelische Belastung (Stress)
  • Hohes Fieber
  • Alkohol und Alkoholentzug
  • Drogen oder Schlafmittelentzug
  • Flackerndes Licht (selten)

Diagnose und Behandlung von Epilepsie

Um eine Epilepsie zu diagnostizieren, sind genaue Informationen zum Ablauf der Anfälle erforderlich. Da sich Betroffene oft nicht an den Anfall erinnern können, sind die Beobachtungen von Zeugen sehr wichtig.

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Zur Diagnose gehören in der Regel:

  • Anamnese: Ausführliche Befragung des Patienten und der Angehörigen.
  • Körperliche Untersuchung: Neurologische Untersuchung zur Feststellung von Auffälligkeiten.
  • Elektroenzephalogramm (EEG): Messung der Hirnströme, um eine Neigung zu epileptischen Anfällen festzustellen.
  • Bildgebende Verfahren (CT, MRT): Darstellung des Gehirns, um mögliche Ursachen der Epilepsie zu erkennen.
  • Blutuntersuchung: Zum Ausschluss anderer Erkrankungen, die Anfälle auslösen können.
  • Genetische Testung: In manchen Fällen zur Identifizierung von Genmutationen.

Die Behandlung von Epilepsie zielt darauf ab, die Anfälle zu kontrollieren und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. In den meisten Fällen werden Medikamente (Antiepileptika) eingesetzt, um die Erregbarkeit der Nervenzellen zu reduzieren. Bei manchen Patienten kann auch eine Operation in Frage kommen, um den Bereich im Gehirn zu entfernen, der die Anfälle auslöst.

Leben mit Epilepsie

Mit der richtigen Behandlung können viele Menschen mit Epilepsie ein weitgehend normales Leben führen. Es ist jedoch wichtig, einige Vorsichtsmaßnahmen zu beachten:

  • Regelmäßige Medikamenteneinnahme: Die Medikamente müssen regelmäßig und in der verordneten Dosierung eingenommen werden, um Anfälle zu verhindern.
  • Vermeidung von Triggern: Versuchen Sie, bekannte Auslöser von Anfällen zu vermeiden.
  • Ausreichend Schlaf: Achten Sie auf einen regelmäßigen Schlaf-Wach-Rhythmus und ausreichend Schlaf.
  • Gesunder Lebensstil: Vermeiden Sie Alkohol und Drogen und achten Sie auf eine ausgewogene Ernährung.
  • Notfallausweis: Tragen Sie einen Notfallausweis bei sich, der Informationen über Ihre Erkrankung, Medikamente und Kontaktpersonen enthält.
  • Fahrverbot: Solange das Risiko von Anfällen besteht, dürfen Sie kein Kraftfahrzeug fahren.

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