Ergometer-Training als wirksame Therapieergänzung bei Parkinson

Die Parkinson-Erkrankung ist auf dem Vormarsch und betrifft in Deutschland bis zu 400.000 Patienten. Als zweithäufigste neurodegenerative Erkrankung wird ihre steigende Prävalenz von Experten als alarmierende Entwicklung gewertet. Steife Muskeln, Muskelzittern und ein gebeugter Gang sind häufige Symptome, die die Mobilität der Betroffenen einschränken. Neben medikamentösen Behandlungsansätzen rückt in der Parkinson-Forschung eine Intervention immer stärker in den Vordergrund: Bewegung und Sport. Studienergebnisse zeigen, dass körperliche Aktivität auf verschiedenen Ebenen sinnvoll ist und das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen kann.

Die Bedeutung von Bewegung und Sport bei Parkinson

Körperliche Aktivität regt die adaptive Neuroplastizität in den Schaltkreisen der Basalganglien an und könnte für das geringere Erkrankungsrisiko von regelmäßig körperlich Aktiven verantwortlich sein. Ob das Auftreten nur verzögert oder sogar gänzlich verhindert werden kann, ist noch Gegenstand von Untersuchungen. Belegt ist jedoch: Selbst bei manifestem Parkinson-Beschwerdebild ist aerobe Bewegung ein sinnvoller komplementärer Ansatz. Regelmäßige Bewegungstherapie inklusive Medikation stellt den Grundpfeiler der heutigen Parkinsontherapie dar.

Prof. Dr. Günter Höglinger, erster Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Parkinson und Bewegungsstörungen (DPG), betont: „Derzeit gibt es keine Heilung bei der Parkinson-Erkrankung. Die Symptome lassen sich aber gut behandeln. Unser Behandlungsziel ist daher, die Selbstständigkeit und die Lebensqualität der Betroffenen so lange wie möglich zu erhalten. Neben der medikamentösen Therapie ist Bewegung eine wichtige Maßnahme, um die Mobilität von Parkinson-Patienten möglichst lange zu erhalten. Dies kann mit Hilfe strukturierter Bewegungsprogramme gut gelingen."

Ergometer-Training: Ein vielversprechender Ansatz

Eine Studie aus den Niederlanden untersuchte den Einfluss eines regelmäßigen Ergometertrainings auf die typischen Parkinson-Symptome, wie eine gestörte Motorik. In die doppelblinde, randomisierte, kontrollierte Single-Center-Bewertung waren 130 Parkinson-Patienten im Alter zwischen 30 und 75 Jahren mit milder Symptomatik eingeschlossen, die eine stabile Antiparkinson-Therapie mit dopaminergen Medikamenten erhielten. Die Patienten wurden nach dem Zufallsprinzip (im Verhältnis 1:1) entweder für ein Ergometertraining (aerobe Interventionsgruppe) oder für Stretching-Übungen (aktive Kontrollgruppe) ausgewählt. Beide Gruppen erhielten ihre Anleitung über eine Motivations-App sowie ein Coaching (ein Hausbesuch und die zusätzliche Fernüberwachung per Telefon). Die Hometrainer der aeroben Übungsgruppe waren darüber hinaus mit einer Virtual-Reality-Software ausgestattet und konnten Real-Life-Videos abspielen - mit echten Landschaften, Höhen- oder Geschwindigkeitsprofilen - und boten so gamifizierende Elemente. Die Aufgabe war, sich mindestens dreimal pro Woche und in einer vorgegebenen Herzfrequenz auf dem Ergotrainer für 30-45 Minuten zu bewegen. Wie die Studienautoren ausführen, ist diese Trainingsart für Parkinson-Patienten gut geeignet und gehe mit einer niedrigen Sturzgefahr einher.

Das wichtigste Ergebnis nach sechsmonatiger Nachbeobachtungszeit: Bei Patienten mit mildem Schweregrad des Morbus Parkinson konnte das intensive Ergometer-Training mit digitaler Unterstützung und spielerischen Elementen die Verschlechterung der Symptome signifikant aufhalten. Der Anstieg des motorischen Scores (MDS-UPDRS III) während der sechsmonatigen Trainingsphase betrug in der aeroben Gruppe nur 1,3, in der Kontrollgruppe jedoch 5,6 (p = 0,002). Diese guten Ergebnisse und die anhaltende Therapietreue der Probanden rechtfertigen nach Ansicht der Studienautoren, weitere Studien mit digital-gestützten, gamifizierenden Bewegungsprogrammen aufzulegen - mit größeren Patientenzahlen und längeren Laufzeiten.

Lesen Sie auch: Ergometerfahren ohne Taubheitsgefühle

Prof. Dr. med. Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN), betont: „Studien wie diese niederländische Untersuchung sind auch für unseren Behandlungsalltag in Deutschland sehr hilfreich. Wie es scheint, sorgen die spielerischen Elemente wie das Training mit Real-Life-Videos dafür, dass die Patienten am Ball bleiben und konsequent ihr Wochenpensum absolvieren."

Die "Park-in-Shape"-Studie

Ende 2019 zeigte die „Park-in-Shape“-Studie, eine randomisierte Studie aus den Niederlanden, dass regelmäßiges aerobes Training auf dem Ergometer zu Hause die Verschlechterung motorischer Defizite bei Menschen mit Parkinson-Erkrankung im Frühstadium deutlich verlangsamen kann. Ein regelmäßiges Stretching hingegen hatte diesen Effekt nicht. Zwischenzeitlich wurden diese Beobachtungen durch weitere Studien bestätigt. „Wir können von einer hohen klinischen Evidenz ausgehen und raten Betroffenen, die mit der Diagnose Parkinson konfrontiert werden, daher immer zu regelmäßigem Ausdauersport“, erklärt Prof.

Empfehlungen für das Ergometer-Training

Empfohlen werden drei Bewegungseinheiten von je 30 bis 45 Minuten pro Woche - wegen der geringen Sturzgefahr am besten am häuslichen Ergometer. Regelmäßiges aerobes Training hält demnach die weitere Verschlechterung motorischer Off-Symptome teilweise auf. Das legt einen krankheitsmodifizierenden, womöglich neuroplastischen Effekt dieser Übungen nahe.

Forced Exercise: Ein weiteres vielversprechendes Konzept

Bei dem bewegungstherapeutischen Konzept „Forced Exercise“ werden die unteren Extremitäten von Parkinson Patienten deutlich schneller bewegt, als sie dies von sich aus aufgrund der Symptome ihrer Erkrankung tun können. Eine Forschergruppe (Ridgel et al., 2009) aus den USA stellte bei Bewegungsgeschwindigkeiten von bis zu 90 U/min eine Verbesserung des parkinsontypischen Symptoms Tremor (Muskelzittern) fest. Die schnellen Beinbewegungen wirken nicht nur lokal, sondern wie Medikamente auf den ganzen Körper. Zudem zeigte sich eine signifikante Verbesserung der Feinmotorik der Hände um über 30%.

Die MOTOmed Parkinson Modelle (next generation: MOTOmed loop p.l und MOTOmed loop p.la sowie Classic: MOTOmed viva2 Parkinson) besitzen einen softwaregesteuerten Motor, der ein Bewegungstraining bei hohen Drehgeschwindigkeiten ermöglicht. Parkinson Patienten können sich bewegen lassen oder selbst aktiv mitarbeiten. Therapieeinheiten mit dem MOTOmed viva2 Parkinson können positive Effekte bei der Gehfähigkeit, dem Gleichgewicht, der Akinese (Bewegungsarmut), der Feinmotorik und der Haltungsstabilität bewirken. Mit der MOTOmed Bewegungstherapie können zudem Symptome wie Tremor und Rigor (Muskelsteifheit) verringert werden.

Lesen Sie auch: Parkinson-Medikamente: Was Sie beachten müssen

Wissenschaftliche Untersuchung der MOTOmed-Therapie

Die durchgeführte Interventionsstudie zeigte signifikant positive Verbesserungen der Grobmotorik (Walking) sowie der Hand-/Feinmotorik (Diadochokinese) von Parkinson-Patienten durch ein zehnwöchiges Forced Exercise Bewegungstraining mittels eines motorbetriebenen Bewegungstherapiegerätes (MOTOmed viva2_Parkinson).

Die Auswirkungen von Ausdauersport auf das Gehirn

Eine von diesem Institut initiierte und 2019 im Fachmagazin »The Lancet« veröffentlichte Studie hatte gezeigt, dass regelmäßiges aerobes Training auf dem Ergometer die Verstärkung motorischer Defizite bei Parkinson im Frühstadium im Gegensatz zu in einer Kontrollgruppe, die lediglich Stretching-Übungen anwandte, deutlich verlangsamen kann. Im Rahmen der jetzigen Folge-Studie wurden nunmehr spezifische, für Parkinson bedeutsame Hirnareale von 56 Patienten unter anderem mittels funktioneller Magnetresonanztomographie (MRT) genauer untersucht und der Grad der Hirnatrophie erfasst. Daneben mussten die Teilnehmenden validierte Aufgaben zur Überprüfung ihrer okulomotorischen Fähigkeiten sowie verschiedene klinische Tests zur Bewertung ihrer kognitiven Stärken (MOCA-Test), motorischen Symptome und Aufmerksamkeitsleistungen bewältigen.

Es zeigte sich, dass aerobes Ausdauertraining am Ergometer zu stärkeren funktionellen Vernetzungen zwischen dem sensomotorischen Kortex sowie dem vorderem und hinterem Putamen als Teil des extrapyramidalmotorischen Systems mit wichtigen Effekten in der Steuerung der Willkürmotorik und Kontrolle von Bewegungsabläufen führt. Das hatte zur Folge, dass die Fähigkeit zur kognitiven Beherrschung ungewollter Bewegungen bei den Ausdauersporttreibenden höher war als bei den Teilnehmern der Stretching-Gruppe. Darüber hinaus wurde bei diesen eine stärkere funktionelle Vernetzung im rechten frontoparietalen Netzwerk bei gleichzeitig geringerer Hirnatrophie beobachtet, die mit dem Grad der Fitness korrelierte.

Die Rolle des Putamens

Aktuelle Untersuchungen konnten mittels funktioneller Magnetresonanztomographie nun aufklären, welche Mechanismen für die positiven Effekte des Ausdauersports verantwortlich sind. Demnach führt das Training zu einer stärkeren funktionellen Vernetzung bestimmter Hirnareale. Konkret können das Putamen - das zu den Kerngebieten des Großhirns gehört und ein Teil der grauen Substanz ist - und die sensomotorische Großhirnrinde wieder besser zusammenarbeiten. Das Putamen ist für die Kontrolle von Bewegungen zuständig.

Fazit der Experten

Fest steht somit: »Ausdauersport hat eine messbare Wirkung auf das Gehirn. Indem er die funktionelle und strukturelle Plastizität der für die Planung, Ausführung und Kontrolle von Bewegungen zuständigen Hirnregionen verbessert, kann er dem Abbau motorischer und kognitiver Funktionen bei Morbus Parkinson entgegenwirken«, unterstreicht Professor Lars Timmermann in einem die Veröffentlichung der Studienergebnisse begleitenden Pressestatement der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). Ob in der Arztpraxis oder in der Apotheke: »Patienten und Patienten sollten im Beratungsgespräch konsequent zum Ausdauersport motiviert und angeleitet werden«, so der stellvertretende DGN-Präsident.

Lesen Sie auch: Die Stadien der Parkinson-Krankheit erklärt

Weitere geeignete Sportarten

Neben dem Ergometertraining sind auch andere Sportarten wie Walken, Schwimmen oder Joggen geeignet. Wichtig ist, dass die symptomatische Behandlung so gut eingestellt ist, dass die Patient*innen in die Lage versetzt werden, das Bewegungstraining zu absolvieren.

tags: #ergometer #bei #parkinson