Multiple Sklerose: Spezialisierung und Rehabilitation in Erlangen

Die Multiple Sklerose (MS), auch bekannt als die "Krankheit der 1000 Gesichter", ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen im jungen Erwachsenenalter. In den letzten Jahrzehnten hat die Forschung enorme Fortschritte gemacht, was zu einer ständigen Weiterentwicklung der Diagnosekriterien, medikamentösen Therapiekonzepte und Empfehlungen zum Krankheitsmanagement geführt hat. Vor diesem Hintergrund ist eine Spezialisierung des Behandlungsteams unerlässlich, um eine zeitgemäße und optimale Betreuung von MS-Patienten zu gewährleisten. Dieser Artikel beleuchtet die Bedeutung der Spezialisierung in der Neurologie, insbesondere im Bereich der Multiplen Sklerose, und die Rolle der Rehabilitation bei der Verbesserung der Lebensqualität von Betroffenen.

Die Notwendigkeit der Spezialisierung bei Multipler Sklerose

Die Multiple Sklerose ist eine komplexe Erkrankung, die sich bei jedem Patienten anders äußert. Um den vielfältigen Besonderheiten der MS gerecht zu werden, sind sowohl hohe fachliche Expertise als auch langjährige Erfahrung und ständige Weiterbildung des Personals erforderlich. Das DMSG-Zertifikat dient als Gütesiegel für eine qualifizierte, fachgerechte und leitliniengestützte Behandlung von MS-Erkrankten auf hohem Niveau. Um dieses Siegel zu erlangen, müssen strenge Anerkennungskriterien erfüllt und regelmäßig nachgewiesen werden. Dazu gehören unter anderem die fachliche Qualifikation der Mitarbeiter, eine Mindestzahl von jährlich behandelten MS-Patienten, die Teilnahme am deutschlandweiten MS-Register und ein auf die besonderen Bedürfnisse von MS-Betroffenen abgestimmtes Behandlungskonzept.

Rehabilitation bei Multipler Sklerose: Ein umfassender Ansatz

Eine Rehabilitation ist bei Multipler Sklerose in jeder Krankheitsphase sinnvoll. Neben einer in der Regel auf alltagsbezogene Zielsetzungen ausgerichteten Funktionsverbesserung sind der Erhalt der motorischen und kognitiven Reserven, die Optimierung der symptombezogenen Therapie, ein Erfahrungsaustausch mit Gleichgesinnten, das Erlangen von mehr Wissen über die Erkrankung und das Erlernen von Umgangsstrategien wichtige Inhalte der Reha bei MS. Das Therapieprogramm wird jeweils individuell in Abhängigkeit von den Funktionseinschränkungen und Zielsetzungen erstellt und im Rehabilitationsverlauf regelmäßig reflektiert und angepasst.

Körperliche Aktivität und Training

Es ist gut belegt, dass körperliche Aktivität unabhängig von der Verlaufsform oder dem Krankheitsstadium positive Auswirkungen auf die motorischen Funktionen und die Spastik, aber auch auf die Kognition, Fatigue und Lebensqualität hat. Besonders gut untersucht sind in diesem Zusammenhang Kraft- und Ausdauertraining, aber auch Wassertherapie, Gerätetraining und robotergestützte Verfahren kommen zum Einsatz.

Kognitives Training

Von kognitivem Training profitieren insbesondere die Aufmerksamkeits- und Gedächtnisfunktionen sowie die planerischen Fähigkeiten.

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Ergotherapie

Im Rahmen der Ergotherapie werden unter anderem Handkraft, Feinmotorik und Fingersensibilität beübt, jedoch auch Alltagstraining durchgeführt und Hilfsmittel erprobt, die anschließend rezeptiert werden können.

Logopädie und Physikalische Therapie

Die Logopädie befasst sich mit der Behandlung von Sprech-, Sprach- und Schluckstörungen. Eine große Abteilung für physikalische Therapie bietet Wärme- und Kältebehandlungen, Ultraschall- und Elektrotherapie, Entstauungsbehandlung, Massagen und medizinische Bäder an.

Wissensvermittlung und Soziale Interaktion

Aber auch die Vermittlung von Wissen über die Erkrankung, von Umgangsstrategien mit den Beschwerden im Alltag und die soziale Interaktion mit Gleichgesinnten steht im Fokus unseres Rehabilitationskonzeptes.

Behandlungsschwerpunkte in der Rehabilitation

Die Rehabilitation wird als idealer Zeitpunkt gesehen, um die symptombezogene Therapie kritisch zu reflektieren und gegebenenfalls zu optimieren. Störende MS-Symptome wie Spastik, Blasen- oder Darmstörungen, neuropathische Schmerzen und Depressionen lassen sich medikamentös sowie durch Training und Verhaltensstrategien zum Teil sehr gut beeinflussen.

Funktionsdiagnostik und Medikamentöse Therapie

Zur Indikationsstellung und zur Verlaufskontrolle stehen verschiedene funktionsdiagnostische Verfahren zur Verfügung. Bei gegebener Indikation besteht die Option der medikamentösen Ein- oder Umstellung der symptombezogenen Therapie, im Falle von Blasen- oder Darmfunktionsstörungen gegebenenfalls unter Einbezug von Kooperationspartnern. Die Einstellung von Fampyra oder Sativex kann stationär erfolgen, wenn die Zulassungsvoraussetzungen erfüllt sind. Auch eine Hochdosis-Kortisontherapie ist begleitend zur Rehabilitation möglich.

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Therapiekonzept und Schwerpunkte

Das Therapiekonzept für MS-betroffene Rehabilitanden ist speziell auf ihre besonderen Bedürfnisse abgestimmt und kann jederzeit individuell angepasst werden. Es umfasst neben Physio- und Ergotherapie im Einzel- und Gruppensetting auch Gerätetraining, Übungen im Ganglabor inklusive robotergestützten Therapieverfahren, Wasser- und Entspannungstherapie, physikalische Anwendungen, Logopädie und Neuropsychologie. Die möglichst alltagsorientierte Behandlung von Mobilitätseinschränkungen, Sensibilitätsstörungen und Spastik sowie Gleichgewichtsschulung und Kraft-Ausdauertraining stehen im Vordergrund.

Neuropsychologisches Screening und Ernährungsberatung

Ein wichtiger Bestandteil des Rehabilitationskonzeptes ist das neuropsychologische Screening, um auch die „unsichtbaren“ Symptome der MS wie Fatigue oder kognitive Einschränkungen zu erkennen und behandeln zu können. Im Rahmen des Rehabilitationsaufenthaltes erhalten die Patienten in einem Einzelgespräch sowie im Rahmen eines Vortrages Tipps zur gesunden Ernährung bei MS.

MS-Gesprächskreis und Blasenfunktionsscreening

Im Rahmen des wöchentlich stattfindenden MS-Gesprächskreises unter Leitung der Oberärztin und/oder der MS-Nurse haben die Patienten die Möglichkeit, sich fachlich begleitet mit Gleichgesinnten zu verschiedenen Themen wie dem Fatigue-Management, dem Einsatz von Nahrungsergänzungsmitteln, dem Erkennen von Schubsymptomen etc. auszutauschen und gut verständlich vermittelt aktuelle wissenschaftlich fundierte Informationen zu verschiedenem MS-relevanten Aspekten wie Immuntherapie, MRT-Bildgebung etc. zu erhalten. Da Blasenstörungen bei MS sehr häufig sind und oftmals eine große Belastung darstellen, erfolgt während des Rehabilitationsaufenthaltes regelhaft ein Blasenfunktionsscreening inklusive Miktionsprotokoll und Restharnsonografie.

Hilfsmittelversorgung und Anmeldung

Es wird eine Beratung zur Optimierung der Hilfsmittelversorgung, gegebenenfalls unter Einbezug der Angehörigen angeboten. Die erforderlichen Rezepte werden ausgestellt. Die Anmeldung sollte Angaben über die Diagnose, die bestehenden Einschränkungen und gegebenenfalls Ziele sowie einen aktuellen Medikamentenplan enthalten. Beilegen sollten die Patienten einen aktuellen Barthel-Index (Fragebogen zu Selbständigkeit und Hilfebedarf im Alltag) sowie die Kostenübernahmeerklärung des zuständigen Kostenträgers (in der Regel die Krankenkasse oder Rentenversicherung). Hierbei können sich die Patienten gerne von ihrem Hausarzt oder behandelnden Neurologen unterstützen lassen.

Spezialisten und Expertise in Erlangen

Die Neurologische Klinik des Universitätsklinikums Erlangen hat sich als eines der besten Krankenhäuser weltweit im Bereich Neurologie etabliert. Dies spiegelt sich in der hohen Qualität der Versorgung von Patienten mit neurologischen Erkrankungen wider, einschließlich der Multiplen Sklerose.

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Das Nordbayerische MS-Zentrum

Zur Behandlung der MS-Kranken wurde in Bayreuth das Nordbayerische MS-Zentrum gegründet und von der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) zertifiziert. Das MS-Zentrum betreut Patienten aus einem weiten Einzugsbereich und bietet je nach Schweregrad der Erkrankung und Fragestellung die Versorgung in abgestuften Versorgungsstrukturen an, beginnend mit der MS-Ambulanz, Tagesklinik, Frührehabilitation und Akutstation. Bei der Behandlung werden alle derzeit verfügbaren Therapien eingesetzt einschließlich Plasmapherese, intrathekaler Triamcinolon-Therapie oder Chemotherapien. Falls keine zugelassenen Medikamente einsetzbar sind, besteht die Möglichkeit, an derzeit klinischen Prüfungen der Phase II bis IV mit verschiedensten Medikamenten teilzunehmen.

Frührehabilitation bei Multipler Sklerose

Als weitere Spezialisierung können auch Patienten im Rahmen des Konzepts „Frührehabilitation bei Multipler Sklerose" behandelt werden. Das trifft für MS-Patientinnen und Patienten zu, die auf Grund der Krankheitsprogression und/oder spezieller Probleme (Spastik, Schmerzen, Blasenstörung, kognitive Störungen, Fatigue) von einem verdichteten Programm profitieren. Dieses beinhaltet neben umfassender Diagnostik (MRT, Urodynamik, Elektrophysiologie) Therapieschemata wie Hochdosis-Cortison-Stoßtherapien, Gabe von Mitoxantron, etc. sowie störungsspezifisch intensive Physio-, Ergo- und Sporttherapie, gegebenenfalls ergänzt durch neuropsychologisches Training. Die Behandlungsdauer beträgt hierfür zwei bis drei Wochen.

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