Neurofeedback bei Migräne: Wirksamkeit und Studienlage

Kopfschmerzen, insbesondere Migräne, stellen eine erhebliche Belastung für die Betroffenen dar. Neurofeedback, eine innovative Methode der Biofeedback-Therapie, zielt darauf ab, die Gehirnfunktion zu optimieren und könnte eine vielversprechende Behandlungsoption darstellen. Dieser Artikel beleuchtet die Wirksamkeit von Neurofeedback bei Migräne, basierend auf aktuellen Studien und Erkenntnissen.

Was ist Neurofeedback?

Neurofeedback ist eine computergestützte Verhaltenstherapie und Lernstrategie. Sie basiert auf der Idee, dass das Gehirn wie ein Muskel trainiert werden kann. Es handelt sich um eine nicht-invasive Therapieform, die mittels Elektroenzephalographie (EEG) arbeitet. Dabei werden Sensoren am Kopf des Patienten angebracht, um die elektrische Aktivität des Gehirns in Echtzeit zu messen. Diese Daten werden dann in visuelle oder akustische Signale umgewandelt, die dem Patienten helfen sollen, unbewusste Vorgänge im Gehirn bewusster wahrzunehmen und positiv zu beeinflussen. Durch die Betrachtung der computergestützten Rückmeldung in Echtzeit sowie durch sichtbare und hörbare „Belohnungen" lernt der Übende in spielerischer Art, auf die eigene Hirnaktivität Einfluss zu nehmen. Indem sich die Patienten auf die Animationen des Computers konzentrieren, produziert ihr Gehirn die für sie optimalen Hirnströme. Da nur die erwünschten Frequenzen spielerisch belohnt werden, lässt sich die Dominanz bestimmter Frequenzbereiche verschieben, verstärken oder hemmen. Neurofeedback ermöglicht es also, die dem Gehirn eigenen regulatorischen Mechanismen zu trainieren und die Selbststeuerung zu verbessern.

Anwendungsgebiete von Neurofeedback

Ein häufiges Anwendungsgebiet von Neurofeedback ist die Behandlung von Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Studien haben gezeigt, dass regelmäßiges Training mit Neurofeedback zu einer Verbesserung der Konzentrationsfähigkeit führen kann. Dies geschieht durch das Belohnen gewünschter Gehirnwellenmuster und das Reduzieren unerwünschter Muster. Aber nicht nur bei ADHS findet diese Methode Anwendung. Auch bei Migräne, Angststörungen und Schlafproblemen wird Neurofeedback eingesetzt. Es gibt sogar Hinweise darauf, dass es positive Effekte auf Menschen mit Epilepsie oder Depression haben könnte.

Neurofeedback bei Migräne: Studienlage

Ca. 2-10% der Bevölkerung leiden an Migräne, wobei Frauen häufiger betroffen sind als Männer. Einer Migräneattacke kann eine sogenannte Aura vorausgehen, bspw. Gesichtsfeldausfälle. Durch die starken Kopfschmerzen fällt die Aufmerksamkeit und Konzentration schwer, Betroffene brauchen häufig Ruhe und Dunkelheit und auch die psychische Belastung ist hoch. Migräneattacken können vielseitige Ursachen haben und damit auch unterschiedliche Aktivitätsmuster im EEG aufweisen. Dementsprechend können sich die individuellen Behandlungsprotokolle stark unterscheiden. Um einen optimalen Behandlungsplan zu erstellen, ist das qEEG essentiell. Durch Neurofeedback-Training können gezielt die Erregungs- und Spannungszustände des Gehirns positiv beeinflusst werden und somit zu einer erheblichen Reduktion der Symptome führen. Außerdem wird die Erfahrung von Kontrolle und Selbstwirksamkeit über das eigene Empfinden und der Gehirnaktivität gefördert.

Die Deutsche Migräne und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) vertritt allerdings mit Verweis auf die Leitlinie „Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne“ der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) eine andere Auffassung: Sie empfiehlt die Biofeedback-Therapie. Zur Vorbeugung von Migräne mittels Biofeedback fand das IGeL-Team drei systematische Übersichtsarbeiten, die laut dem Team jedoch keine Schlüsse zuließen. Das gilt zum Beispiel, weil die Biofeedback-Therapie nicht einzeln, sondern nur als Teil einer kognitiven Ver­haltenstherapie untersucht, weil sie nur mit Kindern und nicht mit Erwachsenen durchgeführt oder weil die Migräne nicht separat, sondern zusammen mit Spannungskopfschmerzen betrachtet wurde. Auch die Auswertung von drei Einzelstudien zu dieser Fragestellung erhöhte die Aussagesicherheit zu dieser Fragestellung laut dem Team des IGeL-Monitors nicht. Unklar ist der Evidenzrecherche zufolge ebenfalls, ob das Biofeedback zur Behandlung eines akuten Migräne­anfalls geeignet ist. Für diese Fragestellung fand der IGeL-Monitor weder Primärstudien noch systematische Übersichtsarbeiten. Insofern konnte weder ein Nutzen noch ein Schaden abgeleitet werden.

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Die S1-Leitlinie der DGN „Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne“ behandelt Biofeedback-Verfahren in einem eigenen Kapitel (10.4): „Somit kommen Metaanalysen übereinstimmend zu der Einschät­zung, dass sowohl Entspannungsverfahren als auch verschiedene Biofeedback-Verfahren im Mittel eine Re­duktion der Migränehäufigkeit um 35-45 % erreichen“, heißt es dort. Die Effektstärke dieser Verfahren liege damit in dem Bereich, der für Propranolol angegeben werde. „Die Effekte der Biofeedbackverfahren sind in der Größe mit denen von Entspannungsverfahren oder kognitiv-verhaltenstherapeutischen Verfahren vergleichbar“, heißt es in der Leitlinie weiter. „Biofeedbackverfahren wer­den zur Prophylaxe der Migräne empfohlen. Sie können statt oder in Kombination mit einer medikamentösen Prophylaxe eingesetzt werden“, lautet ein Fazit der Leitliniegruppe. Zur Behandlung der akuten Migräne­attacke eigne sich zudem das Vasokonstriktionstraining.

Neurofeedback bei Spannungskopfschmerzen: Eine Studie

Eine Studie von Arina et al. untersuchte die Auswirkungen von Infra-Low Frequency (ILF) Neurofeedback bei Patienten mit Spannungskopfschmerzen. Acht Patienten mit Spannungskopfschmerzen erhielten 10 Sitzungen ILF-Neurofeedback und 10 Sitzungen Schein-Neurofeedback in zufälliger Reihenfolge. Die Intervention wurde zusätzlich zu einer psychotherapeutischen Basisintervention durchgeführt. Die Neurofeedback Sitzungen wurden nach dem Othmer Protokoll durchgeführt.

Die Ergebnisse der Studie zeigen eine signifikante Wirkung von Neurofeedback und keine Wirkung von Scheinsitzungen. Durch die Behandlung mit Neurofeedback konnte die Häufigkeit von Spannungskopfschmerzen reduziert werden. Scheinsitzungen hingegen führten bei einer teilnehmenden Person zu einem Placebo Effekt, sowie zu einem Nocebo Effekt bei zwei weiteren Personen.

Vorteile von Neurofeedback

Ein weiterer Vorteil des Neurofeedbacks ist seine Nicht-Invasivität und die Tatsache, dass keine Medikamente benötigt werden. Dies macht es besonders für Personen interessant, die nach alternativen Therapieformen suchen oder Nebenwirkungen von Medikamenten vermeiden möchten. Neurofeedback ermöglicht es also, die dem Gehirn eigenen regulatorischen Mechanismen zu trainieren und die Selbststeuerung zu verbessern. Auf diese Weise können die Kernsymptome bei ADS beziehungsweise ADHS nachweislich gelindert werden. Außerdem wird die Erfahrung von Kontrolle und Selbstwirksamkeit über das eigene Empfinden und der Gehirnaktivität gefördert.

Neurofeedback in der Rehabilitation

In der Fachklinik Prinzregent Luitpold wird für Kinder und Jugendliche im Rehabilitationsbereich ab 9 Jahren ein relativ neues Verfahren bei der Behandlung von AD(H)S sowie von Migräne und Kopfschmerzen praktiziert, das eine Wirksamkeit bereits in mehreren Studien bewiesen hat: Neurofeedback. Dabei lernen die jungen Patienten, ihr Gehirnaktivität selbst zu steuern und können so evtl. mit weniger Medikamenten auskommen.

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