Die Rolle des Gehirns beim Sehvorgang: Ein komplexes Zusammenspiel

Das Sehen ist ein faszinierender Prozess, der weit mehr umfasst als nur die Funktion der Augen. Obwohl die Augen als Organe der Wahrnehmung dienen, findet das eigentliche "Sehen" im Gehirn statt. Das Gehirn interpretiert die von den Augen empfangenen Informationen und konstruiert daraus ein vollständiges Bild der Welt. Dieser Artikel beleuchtet die komplexe Rolle des Gehirns beim Sehvorgang und wie verschiedene Gehirnbereiche zusammenarbeiten, um uns das Sehen zu ermöglichen.

Das Auge: Mehr als nur eine Kamera

Das Auge wird oft mit einer Kamera verglichen, da es Licht einfängt und ein Bild auf die Netzhaut projiziert. Licht tritt durch die Hornhaut ins Auge, wobei die Iris die Lichtmenge reguliert, die durch die Pupille gelangt. Die Linse bündelt die Lichtstrahlen und projiziert ein scharfes Bild auf die Netzhaut, die mit etwa 130 Millionen lichtempfindlichen Sinneszellen (Stäbchen und Zapfen) ausgestattet ist. Diese Zellen wandeln das Licht in elektrische Signale um, die über den Sehnerv zum Gehirn transportiert werden.

Die Netzhaut ist hochsensibel und verarbeitet bis zu 10 Milliarden Bildinformationen pro Sekunde. Sie unterscheidet Farben, Kontraste und Bewegungen. Dank einer ausgeklügelten Leuchtdichte-Anpassung ist die Kontrastempfindlichkeit der Netzhaut um ein Vielfaches besser als bei jeder Kamera. Dies ermöglicht es uns, Details auch bei schwierigen Lichtverhältnissen zu erkennen.

Das "sehende" Gehirn: Interpretation und Kontext

Obwohl ein großer Teil der Bildverarbeitung bereits in den Netzhautzellen stattfindet, ist es das Gehirn, das die eigentliche "Seharbeit" leistet. Verschiedene Gehirnbereiche sind am Sehvorgang beteiligt:

  • Kleinhirn: Steuert Lageinformationen des Kopfes über den Gleichgewichtssinn bei.
  • Thalamus: Verbindet alle sensiblen und sensorischen Impulse aus den Sinnesorganen.
  • Frontalhirn: Fügt jedem Bildeindruck eine emotionale oder "Triebkomponente" bei.
  • Großhirnrinde: Bringt den Seheindruck in Kontakt mit komplexen Assoziationen.

Etwa 30 % der gesamten Hirnmasse sind am Sehvorgang beteiligt. Das Gehirn pickt sich die Information raus, die es gerade benötigt, und den Rest vergisst es sofort wieder. Es "sieht" Dinge, die das Auge gar nicht sieht, und es "sieht" nur, was es kennt. Diese Fähigkeit zur schnellen Anpassung des Seheindrucks an neue Situationen wird als Neuroadaptation bezeichnet. Sie ist beispielsweise nach der Implantation von Multifokallinsen besonders wichtig, um ein Leben ohne Brille zu ermöglichen.

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Die Sehbahn: Eine Hochgeschwindigkeitsstrecke

Die Sehbahn leitet visuelle Signale blitzschnell an das Gehirn weiter. Die Sehnerven beider Augen überkreuzen sich am Chiasma opticum, wobei etwa die Hälfte der Fasern die Seite wechselt. Dadurch werden Signale aus dem linken Auge auch in der rechten Hirnhälfte verarbeitet und umgekehrt. Jenseits der Kreuzung werden die Sehnerven als Sehtrakt bezeichnet. Die meisten Nervenfasern ziehen über den seitlichen Kniehöcker in den visuellen Cortex, ein kleiner Teil jedoch gibt dem Prätektum Input, etwa für die "innere Uhr" oder den Pupillenreflex.

Störungen auf der visuellen Hochgeschwindigkeitsstrecke haben gravierende Konsequenzen. Krankheiten, die die Sehnerven schädigen, führen häufig dazu, dass ganze Areale des Gesichtsfelds eines Auges nicht mehr im Gehirn registriert werden.

Die Sehrinde: Analyse und Interpretation

Die Sehrinde ist der Bereich des Gehirns, in dem die eigentliche Analyse der visuellen Informationen stattfindet. Von der Codierung des Bildes in der Netzhaut bis zu den ersten messbaren Impulsen in der primären Sehrinde vergehen bei gesunden Menschen kaum 100 Millisekunden. Innerhalb der Sehrinde existiert eine retinotope Organisation, bei der bestimmte Netzhautbezirke Signale nur an bestimmte Regionen des visuellen Cortex senden. Dies ermöglicht eine Art Landkarte des Gesehenen, wobei die Fovea, der Ort des schärfsten Sehens auf der Netzhaut, überproportional betont wird.

Sehen mit beiden Augen: Räumliche Wahrnehmung

Das Sehen erfordert die Zusammenarbeit beider Augen. Durch die Kombination der Bildeindrücke beider Augen entsteht eine räumliche Vorstellung unserer Umgebung. Das Gehirn kann die Lage im Raum bestimmen und bis zu 100.000 Farbnuancen unterscheiden.

Sehpräferenzen und Mustererkennung

Jeder Mensch hat unterschiedliche Sehpräferenzen. Das Gehirn filtert die wichtige Seh-Information automatisch aus dem dargebotenen Gesichtsfeld heraus und benutzt dafür das Phänomen der Mustererkennung. Dinge, die unser Gehirn bereits schon einmal kennengelernt hat, erkennt es schneller wieder. Allerdings kann diese visuelle Programmierung auch zu optischen Täuschungen führen, da das Gehirn das erkennen will, was es schon kennt, und dabei gelegentlich die Realität verkennt.

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Die Netzhaut: Umwandlung von Licht in Nervenimpulse

Die Netzhaut spielt eine entscheidende Rolle bei der Umwandlung von Licht in Nervenimpulse. Die Lichtenergie, die auf die Netzhaut auftrifft, muss 100.000-fach verstärkt werden, damit ein Signal entsteht, welches das Gehirn als Impuls wahrnehmen kann. Über die beiden Sehstränge erreichen die elektrischen Impulse schließlich das Großhirn im "Sehzentrum", wo sie sofort verarbeitet und interpretiert werden. Eine Aufgabe besteht darin, Objekte vor ihrem Hintergrund zu betrachten und so ruhige von bewegten Gegenständen zu unterscheiden. Eine Hauptaufgabe der Netzhaut und des Gehirns ist es, das eintreffende Licht nach den verschiedenen Wellenlängen zu sortieren und auszuwerten, um wahrnehmbare Farben wiederzugeben.

Fehlsichtigkeiten und ihre Ursachen

Fehlsichtigkeiten wie Kurz- und Weitsichtigkeit entstehen, wenn die Teile des Auges, die für den Sehvorgang wichtig sind, nicht exakt aufeinander abgestimmt sind. Bei der Kurzsichtigkeit wird der Lichtstrahl bereits vor der Netzhaut gebündelt, während er bei der Weitsichtigkeit erst hinter der Netzhaut gebündelt wird. Eine Hornhautverkrümmung führt zu einem verzerrten Bild auf der Netzhaut.

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