Morbus Alzheimer stellt eine der größten gesundheitlichen Herausforderungen unserer alternden Gesellschaft dar. Die neurodegenerative Erkrankung, die durch den fortschreitenden Untergang von Nervenzellen und Nervenzellkontakten gekennzeichnet ist, ist die häufigste Ursache für Demenz. In Deutschland leben etwa 1,8 Millionen Menschen mit Demenz, wobei die Mehrheit an Alzheimer leidet. Angesichts fehlender heilender Therapien rücken präventive und begleitende Maßnahmen, insbesondere im Bereich der Ernährung, zunehmend in den Fokus.
Was ist Morbus Alzheimer?
Morbus Alzheimer ist definiert als eine neurodegenerative Krankheit, die durch den fortschreitenden Untergang von Nervenzellen und Nervenzellkontakten charakterisiert ist. Die Erkrankung ist die häufigste Form der primären Demenzen, die durch direkte Veränderungen der Gehirnstruktur hervorgerufen werden. Infolgedessen kommt es zu einem immer stärker werdenden Verlust der Hirnfunktion, insbesondere des Gedächtnisses und der kognitiven Leistung.
Familiäre und sporadische Form
Alzheimer kann grob in eine familiäre und eine sporadische Form unterteilt werden. Die familiäre Form beruht auf drei Genmutationen, die mit der Beta-Amyloid-Bildung in Verbindung stehen und tritt bereits vor dem 60. Lebensjahr auf. Diese kommt allerdings nur sehr selten vor. Der überwiegende Teil der Alzheimerpatienten leidet an der sporadischen Form, die typischerweise erst nach dem 65. Lebensjahr auftritt.
Pathologische Veränderungen im Gehirn
Alzheimer wird durch einen fortschreitenden Verlust der Nervenzellen hervorgerufen. Hierdurch schrumpft das Gehirn mit der Zeit um bis zu 20 Prozent, die Windungsfurchen an der Hirnoberfläche vertiefen und die Hirnkammern erweitern sich. Die zur Informationsweiterleitung und -verarbeitung dienenden Synapsen werden durch den Verlust der Nervenzellen zerstört. Neuronale Veränderungen finden sich in erster Linie in Gehirnarealen, die für das Gedächtnis und das Lernen verantwortlich sind, wie den Kortex, den Hippocampus und die Amygdala.
Amyloid-Hypothese und Tau-Proteine
Einer der am häufigsten angeführten Erklärungsansätze zur Entstehung ist die Ablagerung von Beta-Amyloiden in und an den Nervenzellen. Hierdurch sollen die Nervenzellen maßgeblich geschädigt werden und zunehmend absterben. Innerhalb der Nervenzellen sorgt ein Geflecht an Proteinkanälen - die sogenannten Mikrotubuli - für die Zellstabilität und den Transport von Botenstoffen durch die Zelle. Zusammengehalten werden die Proteinkanäle durch spezielle Tau-Proteine. Bei Alzheimer-Patienten kommt es zu einer vermehrten Anheftung von Phosphatresten an die Tau-Proteine, wodurch diese nicht mehr an die Mikrotubuli binden können.
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Weitere Faktoren
Mit zunehmendem Alter sammeln sich im Körper sogenannte Advanced Glycation Endproducts (AGEs) an. Diese entstehen aus der unkontrollierten Reaktion von Zuckern mit Eiweißen und können sich - wenn sie in hoher Konzentration vorliegen - ablagern und negativ auf die Gewebe auswirken. Bei Alzheimer-Patienten sammeln sich verstärkt AGEs im Gehirn an. Der Neurotransmitter Glutamat steuert die Signalweiterleitung in einem Großteil der Nervenzellen und ist unter anderem an Lern- und Gedächtnisvorgängen beteiligt. Bei Alzheimer-Erkrankten ist die Glutamat-Verwertung in und an den Synapsen gestört, wodurch sich der Botenstoff vermehrt im synaptischen Spalt ansammelt.
Stadien der Erkrankung
Im frühen Stadium ist die Erkrankung noch schwer zu erkennen. Durch das beeinträchtigte Kurzzeitgedächtnis können Neuinformationen von Betroffenen nicht mehr ausreichend gespeichert werden. Im mittelschweren Stadium tritt die Krankheit deutlich in Erscheinung. Durch den Verlust des Langzeitgedächtnisses vergessen Patienten zunehmend grundlegende Dinge wie ihr Alter oder ihren Beruf und können immer weniger vertraute Gesichter erkennen und zuordnen. Das schwere Stadium zeichnet sich durch einen hochgradigen Abbau der geistigen Fähigkeiten aus. Dazu kommen zunehmend körperliche Symptome. Die Alzheimer-Patienten brauchen Hilfe bei allen Tätigkeiten, sie erkennen ihre Angehörigen nicht mehr und sprechen, wenn überhaupt, nur noch einzelne Wörter.
Begleiterkrankungen und Komplikationen
Zu Beginn der Krankheit sind sich Alzheimer-Patienten ihrer geistigen Beeinträchtigungen noch vollkommen bewusst. Das Wissen um die Unheilbarkeit der Erkrankung, die Angst vor dem unumgänglichen geistigen Verfall und dem damit verbundenen Verlust der Selbstständigkeit lösen bei vielen Depressionen aus. Die Bettlägerigkeit im späten Stadium geht oft mit Wundliegen einher. Das schwächer werdende Immunsystem der Betroffenen bewirkt eine hohe Infektanfälligkeit. Der Verlust der motorischen Kontrolle trägt zur Inkontinenz und damit zu einem erhöhten Risiko für Harnwegsinfekte bei.
Glukosestoffwechselstörungen und Insulinresistenz
Bereits im frühen Stadium einer Alzheimer-Erkrankung lässt sich mithilfe von bildgebenden Verfahren (z.B. PET-Verfahren) eine gestörte Glukoseverwertung in den Gehirnzellen nachweisen. Alzheimer geht mit einer Insulinresistenz des Gehirns einher, weswegen die Erkrankung auch als „Diabetes des Gehirns“ oder „Diabetes Typ 3“ bezeichnet wird. Krankheiten aus dem Komplex des Metabolischen Syndroms stehen in engem Zusammenhang mit einem erhöhten Alzheimer-Risiko.
Ernährungsprobleme im Krankheitsverlauf
Verlieren Betroffene zunehmend die Fähigkeit alleine zu essen, kann dies zu einer Nährstoffunterversorgung, zu Mangelernährung, Dehydration und Gewichtsverlust beitragen. Alzheimer-Patienten verlieren mit der Zeit ihre motorische Kontrolle und ihr Körper versteift zunehmend. Sie gehen in kleinen Schritten und ziehen die Füße dabei hinterher. Da die Haltereflexe nicht mehr funktionieren, ist die Sturzgefahr hoch.
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Ernährung als modifizierbarer Risikofaktor
Zahlreiche Studien deuten darauf hin, dass Ernährung und Mikronährstoffstatus einen wichtigen modifizierbaren Risikofaktor für kognitive Gesundheit darstellen. Ungünstige Ernährungsweisen, wie die westliche Kost mit hohem Gehalt an gesättigten Fetten und Zucker, wurden mit einem erhöhten Alzheimer-Risiko in Verbindung gebracht. Andererseits scheint eine mikronährstoffreiche Kost - etwa in Form der mediterranen Ernährung - protektive Effekte zu haben.
Homocystein und B-Vitamine
Ein gut belegter Risikofaktor für kognitive Beeinträchtigungen ist ein erhöhter Homocysteinspiegel im Blut. Die Vitamine B6, B12 und Folsäure (B9) sind Kofaktoren im Homocystein-Stoffwechsel. Ein Mangel dieser B-Vitamine führt zur Homocystein-Anreicherung. Entsprechend wird empfohlen, bei älteren Menschen den Homocysteinspiegel zu bestimmen und Vitaminmängel auszugleichen. Vitamin-B-Mangel (v. a. B12) ist verbreitet und sollte schon deswegen frühzeitig erkannt werden, da ein unbehandelter Mangel selbst kognitive Defizite verursachen kann.
Omega-3-Fettsäuren
Omega-3-Fettsäuren - insbesondere die marinen Fettsäuren DHA (Docosahexaensäure) und EPA (Eicosapentaensäure) - sind essenziell für die Hirngesundheit. Mehrere große prospektive Kohortenstudien haben gezeigt, dass ein hoher Fischverzehr (reich an DHA/EPA) mit einem geringeren Risiko für Demenz einhergeht. Insgesamt sprechen die Daten dafür, dass ein regelmäßiger Verzehr von fettem Seefisch (z. B. Lachs, Hering, Makrele) oder alternativ eine tägliche Supplementierung von ca. 1-2 g DHA + EPA zur Prävention kognitiver Beeinträchtigung sinnvoll sein kann, insbesondere bei labormedizinisch nachgewiesenem Mangel.
Antioxidantien
Oxidativer Stress und neuronale Schädigung durch freie Radikale spielen in der Pathogenese der Alzheimer-Krankheit eine Rolle. Antioxidativ wirksame Mikronährstoffe könnten daher theoretisch protektiv wirken. Besonders Vitamin E (Tocopherole und Tocotrienole) und Vitamin C als klassische Antioxidantien wurden in Kohortenstudien untersucht. Insgesamt gilt: Eine Ernährung reich an pflanzlichen Antioxidantien (Obst, Gemüse, Nüsse, Gewürze) ist plausibel förderlich für die Gehirngesundheit. Die Empfehlung lautet daher, Antioxidantien über eine vielseitige Ernährung aufzunehmen und eher nicht in Form einzelner Präparate.
Vitamin D
Vitamin D, das klassisch für Knochengesundheit bekannt ist, hat im Gehirn diverse Funktionen (Neurotransmission, Immunmodulation). In den letzten Jahren mehrten sich Hinweise, dass ein Vitamin-D-Mangel mit kognitivem Abbau assoziiert ist. Insgesamt gilt: Vitamin D sollte im Alter ausreichend vorhanden sein, da ein Mangel zahlreiche negative Konsequenzen hat, auch über die Kognition hinaus. Eine Testung des 25(OH)D-Status und eine spiegelabhängige Supplementierung ist eine kostengünstige präventive Maßnahme.
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Mediterrane und MIND-Ernährung
Anstatt einzelne Nährstoffe isoliert zu betrachten, untersuchen neuere Studien vermehrt gesamte Ernährungsweisen. Ein besonderes Augenmerk liegt auf der mediterranen Ernährung (Mittelmeerkost) und der verwandten MIND-Kost (Mediterranean-DASH Intervention for Neurodegenerative Delay). Insgesamt lässt sich aus gegenwärtiger Evidenz ableiten, dass eine pflanzenbasierte, fischreiche, antioxidantienreiche Ernährung langfristig das Demenzrisiko senken kann.
Schweremetalle
Auch Umwelt- und Ernährungseinflüsse wie Schwermetall-Exposition können die Entstehung neurodegenerativer Veränderungen begünstigen. Daher ist es präventiv sinnvoll, unnötige Exposition zu vermeiden.
Ernährungsempfehlungen für Menschen mit Alzheimer
Auch wenn die Ernährung den Verlauf einer manifesten Alzheimer-Erkrankung nicht heilen kann, gibt es Hinweise, dass bestimmte Interventionen das Fortschreiten verlangsamen oder Alltagsfunktionen stabilisieren können. Solche Maßnahmen ersetzen nicht die medikamentöse Basistherapie, sondern ergänzen sie.
Allgemeine Ernährungstipps
- Ausgewogene Ernährung: Eine ausgewogene Ernährungsform mit relativ viel Obst, Gemüse und Hülsenfrüchten, mit eher wenig Fleisch, mit gelegentlichem Konsum von Fisch aus dem Meer und höchstens geringem Alkoholkonsum scheint mit besserer mentaler Leistungsfähigkeit und einem geringeren Demenzrisiko verbunden zu sein.
- Vitamin-D-Mangel ausgleichen: Wenn ein nachweislicher Vitamin-D-Mangel besteht, was bei erstaunlich vielen älteren Menschen und besonders in den Wintermonaten der Fall ist, sollte man diesen mittels geeigneter Präparate ausgleichen.
- Hoch verarbeitete Lebensmittel vermeiden: Hoch verarbeitete und hochkalorische Nahrungsmittel sind mit einem erhöhten Demenzrisiko verbunden. Hierzu zählen beispielsweise Fertigmahlzeiten („Fast Food“), Wurstwaren, Chips und zuckerhaltige Getränke wie Limonaden.
- Kalorien- und Flüssigkeitsaufnahme beachten: Hier ist vor allem auf eine ausreichende Kalorien- und Flüssigkeitsaufnahme zu achten. Bestimmte Ernährungsformen sollten weniger eine Rolle spielen als die Lebensqualität, die ja auch durch den Genuss altvertrauter Gerichte gewinnt.
- Feste Essenszeiten: Um zu verhindern, dass Menschen mit Demenz das Essen einfach vergessen, sollten Sie feste Essenszeiten einhalten.
- Appetit anregen: Beteiligen Sie Menschen mit Demenz an der Nahrungszubereitung. Speisen für Menschen mit Demenz sollte man intensiver würzen und unter Umständen auch mit aromatischen Ölen und Fetten anreichern.
- Appetit anregende Darreichungsformen: Wenn die Kost aufgrund von Schluckbeschwerden passiert werden muss, sollte man keinesfalls alle Bestandteile zu einem undefinierbaren graubraunen Püree verarbeiten. Es ist erheblich ansprechender, wenn Fleisch und Beilagen, wie zum Beispiel Kartoffeln, Brokkoli und Karotten, einzeln auf dem Teller angerichtet werden.
- Umgang mit Schluckstörungen: Sobald derartige Schluckbeschwerden auftreten, sollten Sie vom behandelnden Arzt beziehungsweise behandelnden Ärztin eine logopädische Behandlung verordnen lassen.
- Auf Zwang verzichten: Zwingen Sie bitte niemals einen Menschen mit Demenz zum Essen! Lebensmittel und Getränke sollten immer wieder ohne Druck angeboten werden.
- Individuelle Tischkultur: In der fortgeschrittenen Phase der Demenz können manche Betroffene nicht mehr mit Messer und Gabel umgehen und führen deshalb die Nahrung mit den Händen zum Mund. Das eigenständige Essen hat unbedingt Vorrang vor Sauberkeit und allgemeinen Verhaltensregeln am Tisch.
- Horten von Nahrungsmitteln: In vielen Fällen kann man versuchen, das Sammeln als solches dadurch zu kontrollieren, dass eine Absprache getroffen wird: Die Betroffenen dürfen horten, aber einmal in der Woche wird gemeinsam kontrolliert, ob die zusammengetragenen Lebensmittel noch genießbar sind.
- Ausreichend trinken: Achten Sie deshalb darauf, dass sie täglich mindestens 1,5 Liter trinken.
Die Rolle des Lebensstils
Körperliche Aktivität, geistige Aktivitäten und soziale Kontakte sind das A und O der Demenzprävention und bremsen auch das Voranschreiten der Erkrankungen. Eine Hörhilfe kann entscheidend sein, um am sozialen Leben teilzuhaben und sollte frühzeitig in Anspruch genommen werden. Guter Schlaf ist ebenfalls sehr wichtig, denn dann werden Schadstoffe aus dem Gehirn regelrecht ausgewaschen.