Erregungsübertragung an der Synapse: Ein Schlüsselprozess im Nervensystem

Einführung

Die Erregungsübertragung an Synapsen ist ein fundamentaler Prozess im Nervensystem, der die Kommunikation zwischen Nervenzellen und anderen Zellen ermöglicht. Diese Kommunikation ist die Grundlage für alle neuronalen Funktionen, von einfachen Reflexen bis hin zu komplexen Denkprozessen. Dieser Artikel beleuchtet die detaillierten Abläufe an der Synapse, die verschiedenen Arten von Synapsen und die Faktoren, die diese Prozesse beeinflussen können. Ziel ist es, ein umfassendes Verständnis der Erregungsübertragung an Synapsen zu vermitteln, das sowohl für Schüler der 9. Klasse als auch für fortgeschrittene Lernende geeignet ist.

Aufbau und Funktion des Nervensystems

Im menschlichen Körper werden ständig Reize weitergeleitet und verarbeitet. Reize, die man auch Erregungen nennt, können beispielsweise durch die Sinneseindrücke (sehen, riechen, fühlen, schmecken, hören) entstehen. Diese werden von ihrem Entstehungsort (z.B. dem Finger) bis zum Gehirn transportiert. Dafür nutzt der Körper sogenannte Nervenzellen, die an Ihren Enden die Synapsen aufweisen. Diesen kommt die spezielle Aufgabe zu, den jeweiligen Reiz an die nächste Zelle zu übergeben.

Das Nervensystem des Menschen besteht aus dem zentralen Nervensystem (ZNS), welches Gehirn und Rückenmark umfasst, und dem peripheren Nervensystem (PNS), das die Nervenbahnen außerhalb des ZNS beinhaltet. Nervenzellen, auch Neuronen genannt, sind die grundlegenden Funktionseinheiten des Nervensystems. Sie sind spezialisiert auf die Aufnahme, Verarbeitung und Weiterleitung von Informationen in Form von elektrischen und chemischen Signalen.

Die Nervenzelle (Neuron)

Ein Neuron besteht typischerweise aus drei Hauptteilen:

  • Zellkörper (Soma): Enthält den Zellkern und die meisten Organellen.
  • Dendriten: Verzweigte Fortsätze, die Signale von anderen Neuronen empfangen.
  • Axon: Ein langer, schlanker Fortsatz, der Signale vom Zellkörper zu anderen Neuronen oder Zielzellen weiterleitet. Das Axon kann von einer isolierenden Schicht, der Myelinscheide, umgeben sein, welche die Geschwindigkeit der Signalübertragung erhöht. Zwischen den Myelinscheiden befinden sich die Ranvierschen Schnürringe, die für die saltatorische Erregungsleitung wichtig sind.

Die Synapse: Schaltstelle der Erregungsübertragung

Synapsen sind spezialisierte Verbindungsstellen, an denen die Erregung von einer Nervenzelle auf eine andere Zelle übertragen wird. Diese andere Zelle kann wiederum eine Nervenzelle, eine Muskelzelle, eine Sinneszelle oder eine Drüsenzelle sein. Man unterscheidet grundsätzlich zwei Arten von Synapsen: elektrische und chemische Synapsen.

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Elektrische Synapsen

In elektrischen Synapsen wird die Erregung direkt in Form eines elektrischen Signals an die benachbarte Zelle weitergegeben. Dies geschieht durch spezielle Proteinkanäle, sogenannte Gap Junctions, die die Zellen miteinander verbinden. Die Informationsübertragung an elektrischen Synapsen erfolgt sehr schnell, nahezu verzögerungsfrei, in weniger als einer Millisekunde.

Chemische Synapsen

Chemische Synapsen übertragen eine Erregung indirekt auf die nächste Zelle, indem sie ein elektrisches Signal in ein chemisches umwandeln. Dieser Prozess beinhaltet die Freisetzung von Botenstoffen, den Neurotransmittern. Chemische Synapsen sind im Nervensystem von Säugetieren und damit auch beim Menschen weit verbreitet.

Der Ablauf der Erregungsübertragung an der chemischen Synapse

Die Erregungsübertragung an der chemischen Synapse ist ein komplexer, mehrstufiger Prozess:

  1. Ankunft des Aktionspotentials: Ein Aktionspotential erreicht das Endknöpfchen (synaptisches Endigung) des präsynaptischen Neurons.
  2. Öffnung der Calciumkanäle: Die Depolarisation der Membran durch das Aktionspotential führt zur Öffnung spannungsgesteuerter Calciumkanäle.
  3. Calcium-Einstrom: Calcium-Ionen (Ca2+) strömen in das Endknöpfchen ein, was zu einer weiteren Depolarisation der Membran führt.
  4. Vesikelbewegung: Der Calcium-Einstrom bewirkt, dass mit Neurotransmittern gefüllte Vesikel sich zur präsynaptischen Membran bewegen und mit ihr verschmelzen.
  5. Neurotransmitter-Freisetzung: Die Neurotransmitter werden durch Exozytose in den synaptischen Spalt ausgeschüttet.
  6. Diffusion zum Postsynaptischen Neuron: Die Neurotransmitter diffundieren durch den synaptischen Spalt zur postsynaptischen Membran.
  7. Bindung an Rezeptoren: Die Neurotransmitter binden an spezifische Rezeptoren auf der postsynaptischen Membran. Diese Rezeptoren sind oft Ionenkanäle (ligandengesteuerte Ionenkanäle).
  8. Ionenkanäle öffnen sich: Die Bindung des Neurotransmitters an den Rezeptor führt zur Öffnung der Ionenkanäle. Je nach Art des Kanals strömen unterschiedliche Ionen (z.B. Na+, K+, Cl-) ein oder aus.
  9. Postsynaptisches Potential: Der Ionenstrom verändert das Membranpotential der postsynaptischen Zelle. Dies kann zu einer Depolarisation (erregendes postsynaptisches Potential, EPSP) oder Hyperpolarisation (hemmendes postsynaptisches Potential, IPSP) führen.
  10. Beendigung des Signals: Der Neurotransmitter wird entweder durch Enzyme abgebaut (z.B. Acetylcholinesterase spaltet Acetylcholin in Acetat und Cholin), durch Wiederaufnahme in das präsynaptische Neuron (Reuptake) oder durch Diffusion aus dem synaptischen Spalt entfernt.
  11. Recycling der Neurotransmitter: Die Abbauprodukte oder die wiederaufgenommenen Neurotransmitter werden im präsynaptischen Neuron recycelt und zur Synthese neuer Neurotransmitter verwendet.

Erregende und hemmende Synapsen

Synapsen können entweder erregend (exzitatorisch) oder hemmend (inhibitorisch) wirken.

  • Erregende Synapsen: Diese Synapsen depolarisieren die postsynaptische Membran, wodurch die Wahrscheinlichkeit erhöht wird, dass ein Aktionspotential ausgelöst wird. Ein typischer Neurotransmitter an erregenden Synapsen ist Glutamat.
  • Hemmende Synapsen: Diese Synapsen hyperpolarisieren die postsynaptische Membran, wodurch die Wahrscheinlichkeit verringert wird, dass ein Aktionspotential ausgelöst wird. Typische Neurotransmitter an hemmenden Synapsen sind GABA (Gamma-Aminobuttersäure) und Glycin.

Die Integration der Signale von erregenden und hemmenden Synapsen bestimmt, ob ein Neuron ein Aktionspotential auslöst oder nicht.

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Neurotransmitter: Die Botenstoffe des Nervensystems

Neurotransmitter sind chemische Botenstoffe, die an Synapsen freigesetzt werden und die Erregungsübertragung zwischen Nervenzellen ermöglichen. Es gibt eine Vielzahl von Neurotransmittern, die in verschiedene Klassen eingeteilt werden können:

  • Acetylcholin: Spielt eine wichtige Rolle bei der Muskelkontraktion, der Gedächtnisbildung und der Aufmerksamkeit.
  • Aminosäuren: Glutamat (erregend), GABA (hemmend), Glycin (hemmend).
  • Monoamine: Dopamin, Noradrenalin, Serotonin, Histamin.
  • Peptide: Endorphine, Substanz P.

Jeder Neurotransmitter bindet an spezifische Rezeptoren auf der postsynaptischen Membran. Die Art des Rezeptors bestimmt, ob die Wirkung des Neurotransmitters erregend oder hemmend ist.

Dopamin: Ein wichtiger Neurotransmitter

Dopamin ist ein Neurotransmitter, der eine zentrale Rolle im Belohnungssystem des Gehirns spielt. Es ist beteiligt an der Steuerung von Motivation, Emotionen, Bewegung und Gedächtnis. Dopamin wird in bestimmten Hirnregionen freigesetzt, wenn wir positive Erfahrungen machen, wie z.B. Essen, soziale Interaktion oder Erfolg.

Einfluss von Drogen und Nervengiften auf die Synapse

Die Erregungsübertragung an der Synapse kann durch verschiedene Substanzen beeinflusst werden, darunter Drogen und Nervengifte. Diese Substanzen können in unterschiedliche Prozesse an der Synapse eingreifen und die normale Funktion des Nervensystems stören.

Drogen

  • Nikotin: Aktiviert postsynaptische Rezeptoren und öffnet dadurch Natriumkanäle, was eine erregende Wirkung auf den Körper hat.
  • Kokain: Bewirkt, dass der Botenstoff Dopamin ohne ein elektrisches Signal in den synaptischen Spalt gelangt. Es verhindert außerdem die Wiederaufnahme von Dopamin in das präsynaptische Neuron, was zu einer Dauergereiztheit der nachfolgenden Zelle führt. Dies kann zu Abhängigkeit führen.

Nervengifte

  • Curare: Blockiert Acetylcholinrezeptoren an der postsynaptischen Membran, was zu einer Lähmung der Muskeln führt.
  • Alpha-Latrotoxin: Bewirkt eine massive Freisetzung von Neurotransmittern aus dem präsynaptischen Neuron, was zu einer Erschöpfung der Nervenzelle führen kann.
  • Botox (Botulinumtoxin): Verhindert die Freisetzung von Acetylcholin aus dem präsynaptischen Neuron, was ebenfalls zu einer Lähmung der Muskeln führt. Botox wird in der Medizin zur Behandlung von Muskelkrämpfen und Falten eingesetzt.
  • Atropin: Wirkt als Antagonist an Acetylcholinrezeptoren, was bedeutet, dass es die Wirkung von Acetylcholin blockiert. Atropin wird in der Medizin zur Erweiterung der Pupillen und zur Behandlung von Bradykardie (langsamer Herzschlag) eingesetzt.

Synapsen und Sucht

Sucht ist eine chronische Erkrankung des Gehirns, die durch ein zwanghaftes Verlangen nach einer Substanz oder einem Verhalten gekennzeichnet ist, trotz negativer Konsequenzen. Drogen und Suchtverhalten verändern die Funktion der Synapsen im Gehirn, insbesondere im Belohnungssystem.

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Suchtphasen

Die Entwicklung einer Sucht verläuft typischerweise in mehreren Phasen:

  1. Experimentierphase: Der Konsum der Substanz oder das Ausüben des Verhaltens beginnt aus Neugier oder sozialem Druck.
  2. Gewöhnungsphase: Der Konsum oder das Verhalten wird regelmäßiger, und es entwickelt sich eine Toleranz, d.h. es sind höhere Dosen erforderlich, um die gleiche Wirkung zu erzielen.
  3. Abhängigkeitsphase: Der Konsum oder das Verhalten wird zwanghaft, und es treten Entzugserscheinungen auf, wenn die Substanz nicht konsumiert oder das Verhalten nicht ausgeübt wird.
  4. Chronische Phase: Die Sucht ist chronisch geworden, und es kommt zu Rückfällen, auch nach längeren Phasen der Abstinenz.

Die Bedeutung der Synapsen für Lernen und Gedächtnis

Synapsen spielen eine entscheidende Rolle bei Lernprozessen und der Gedächtnisbildung. Die Stärke der synaptischen Verbindungen kann sich im Laufe der Zeit verändern, was als synaptische Plastizität bezeichnet wird. Es gibt zwei Hauptformen der synaptischen Plastizität:

  • Langzeitpotenzierung (LTP): Eine Verstärkung der synaptischen Übertragung nach wiederholter Stimulation. LTP gilt als ein zellulärer Mechanismus des Lernens und der Gedächtnisbildung.
  • Langzeitdepression (LTD): Eine Abschwächung der synaptischen Übertragung nach geringer Stimulation. LTD kann dazu beitragen, irrelevante Informationen aus dem Gedächtnis zu entfernen.

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