Dopamin und Narzissmus: Eine toxische Verbindung

Narzissmus, oft missverstanden und übermäßig verwendet, ist ein komplexes Thema, das sowohl eine Charaktereigenschaft als auch eine Persönlichkeitsstörung umfassen kann. Im Kern geht es um ein gestörtes Selbstwertgefühl, das sich in selbstverliebten und geltungsbedürftigen Verhaltensweisen äußert. Doch was hat das mit Dopamin zu tun, und warum sind manche Menschen so anfällig für Beziehungen mit Narzissten? Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte von Narzissmus, die Rolle von Dopamin und anderen Hormonen in toxischen Beziehungen und wie man sich aus diesem Teufelskreis befreien kann.

Narzissmus: Mehr als nur Selbstverliebtheit

Der Begriff Narzissmus wird oft leichtfertig verwendet, um Menschen zu beschreiben, die selbstbewusst oder eitel sind. Im psychologischen Kontext unterscheidet man jedoch zwischen einer narzisstischen Charaktereigenschaft und einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung (NPS).

  • Narzisstische Charaktereigenschaft: Diese beschreibt Menschen mit selbstverliebten und geltungsbedürftigen Wesensmerkmalen. Sie haben ein positives Selbstwertgefühl und sind in der Lage, sich selbst zu regulieren.
  • Narzisstische Persönlichkeitsstörung: Dies ist eine tiefgreifende Störung der Persönlichkeit, die durch ein Grandiositätsempfinden, Selbstüberschätzung, mangelnde Empathie und Egozentrismus gekennzeichnet ist. Betroffene leiden unter einem niedrigen Selbstwertgefühl, einer ausgeprägten Kritikempfindlichkeit und Versagensängsten. Sie sind stets auf die Bestätigung von außen angewiesen, um ihr Wohlgefühl zu stabilisieren.

Die verborgene Seite des Narzissmus

Hinter der Fassade der Selbstsicherheit und Überlegenheit verbirgt sich oft ein fragiles Selbstwertgefühl. Narzissten sind extrem empfindlich gegenüber Kritik und Zurückweisung, was zu Depressionen, Angstzuständen und Abhängigkeitserkrankungen führen kann. Laut Prof. Sabine Herpertz von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) erleben Narzissten Kritik als extrem kränkend und schmerzlich und stehen permanent unter Stress, weil ihr überhöhtes Selbstkonzept ständig von Versagen bedroht ist.

Suizidgefahr bei Narzissmus

Die narzisstische Persönlichkeitsstörung weist vergleichbar hohe Suizidraten auf. Etwa jeder zehnte Mensch mit krankhaftem Narzissmus begeht Suizid. Auslöser für suizidale Krisen sind oft Kränkungen, Niederlagen und der Zusammenbruch des überzogenen Selbstwertgefühls.

Therapie bei narzisstischer Persönlichkeitsstörung

Da Betroffene ihre Symptome oft nicht als solche wahrnehmen, suchen sie selten Hilfe. Therapeutische Hilfe wird oft erst wegen Begleiterkrankungen wie Depressionen aufgesucht. Eine narzisstische Persönlichkeitsstörung ist nicht heilbar, kann aber durch Psychotherapie gemildert werden. Im Verlauf einer Therapie kann an einer Reduktion der narzisstischen Verhaltensweisen und einer realistischen Selbstwahrnehmung gearbeitet werden.

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Toxische Beziehungen und Trauma-Bonding

Eine toxische Beziehung ist durch einen Konflikt zwischen Nähe und Distanz gekennzeichnet. Oft beginnt sie mit einer starken Anziehungskraft, bei der der Narzisst die andere Person idealisiert und ihr das Gefühl gibt, einzigartig und verstanden zu sein. Sobald Realität und Enttäuschung eintreten, kippt die Situation, und der Narzisst geht auf Distanz, reagiert kalt oder widersprüchlich.

Trauma-Bonding: Die emotionale Fessel

Trauma-Bonding ist eine starke emotionale Bindung zwischen Opfer und Täter, die trotz Missbrauchs oder Misshandlung entsteht und aufrechterhalten wird. Der ständige Wechsel zwischen Bestrafung und Belohnung führt zu einem biochemischen Ungleichgewicht im Körper.

  • Cortisol: In Phasen der Misshandlung steigt das Stresshormon Cortisol an.
  • Dopamin und Oxytocin: In den "guten" Phasen werden "Glückshormone" wie Dopamin und Oxytocin ausgeschüttet.

Dieser Wechsel erzeugt eine Sucht nach dem Gefühl der Belohnung und macht es Betroffenen schwer, sich von dem narzisstischen Partner zu trennen. Sie empfinden die Trennung wie einen Entzug und haben Probleme, gesunde Beziehungen zu genießen.

Die Rolle von Dopamin in toxischen Beziehungen

Dopamin ist ein Neurotransmitter, der eine wichtige Rolle im Belohnungssystem des Gehirns spielt. Es wird ausgeschüttet, wenn wir etwas Positives erleben oder erwarten, und verstärkt dadurch unser Verhalten. In toxischen Beziehungen kann Dopamin jedoch zu einer Sucht nach dem Narzissten führen.

  • Love Bombing: Zu Beginn der Beziehung überschüttet der Narzisst sein Opfer mit Aufmerksamkeit, Zuneigung und Versprechungen. Dies führt zu einer starken Dopaminausschüttung und erzeugt ein Gefühl von Euphorie und Glück.
  • Intermittierende Verstärkung: Der Narzisst wechselt unvorhersehbar zwischen liebevollem und abweisendem Verhalten. Diese intermittierende Verstärkung ist ein äußerst wirksamer psychologischer Mechanismus, der süchtig macht. Das Opfer lernt, dass es sich lohnen kann, auf die nächste Belohnung zu warten, auch wenn es zwischenzeitlich Leid erfährt.
  • Entzugserscheinungen: Wenn der Narzisst sich zurückzieht oder das Opfer abwertet, sinkt der Dopaminspiegel. Dies führt zu Entzugserscheinungen wie Angst, Verwirrung und dem starken Wunsch, die vorherige Euphorie wiederherzustellen.

Oxytocin und die Bindung zum Täter

Oxytocin, das Bindungshormon, spielt ebenfalls eine Rolle bei Trauma-Bonding. Es wird bei Versöhnungen und intimen Momenten ausgeschüttet und verstärkt die Bindung zwischen Opfer und Täter - unabhängig davon, ob diese Bindung gesund ist oder nicht.

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Cortisol und der ständige Alarmzustand

Der ständige Missbrauch und die Angst vor dem nächsten Ausbruch des Narzissten führen zu einem chronisch erhöhten Cortisolspiegel. Dies kann den präfrontalen Cortex schrumpfen lassen, den Teil des Gehirns, der für rationale Entscheidungen zuständig ist. Dadurch wird es für das Opfer noch schwieriger, sich aus der Beziehung zu lösen.

Der Kreislauf toxischer Beziehungen

Toxische Beziehungen folgen oft einem wiederkehrenden Muster, das in fünf Phasen unterteilt werden kann:

  1. Love Bombing: Übertriebene Idealisierung und große Gefühle direkt zu Beginn der Beziehung.
  2. Fast Forward: Schnelle Fortschritte in der Beziehung, wie Zusammenziehen oder Heiratspläne nach kurzer Zeit.
  3. Entwertung: Der Narzisst beginnt, das Opfer abzuwerten und zu kritisieren.
  4. Discard: Der Narzisst beendet die Beziehung abrupt oder das Opfer verlässt den Narzissten.
  5. Rückkehr: Der Narzisst versucht, das Opfer zurückzugewinnen, entweder durch Liebe, Schuldgefühle oder Drohungen.

Das Kreislauf-Protokoll: Den Teufelskreis erkennen

Um den Teufelskreis zu durchbrechen, ist es wichtig, ihn zunächst zu erkennen. Das Kreislauf-Protokoll ist eine Methode, um die einzelnen Phasen der Beziehung zu dokumentieren und sichtbar zu machen.

  • Anleitung: Nehmen Sie ein Blatt Papier und zeichnen Sie einen Kreis. Teilen Sie ihn in fünf Teile und beschriften Sie jeden Teil mit einer der oben genannten Phasen.
  • Dokumentation: Jedes Mal, wenn etwas in der Beziehung passiert, tragen Sie es in das entsprechende Segment des Kreises ein. Verwenden Sie nur Datum und Stichworte, keine ausführlichen Geschichten.
  • Analyse: Nach einigen Wochen oder Monaten betrachten Sie die Kreise nebeneinander. Sie werden feststellen, dass sich ein Muster wiederholt.

Wege aus der toxischen Beziehung

Sich aus einer toxischen Beziehung zu lösen, ist ein schwieriger Prozess, der Zeit und Unterstützung erfordert. Hier sind einige Schritte, die helfen können:

  1. Erkennen des Musters: Der erste Schritt ist, zu erkennen, dass man sich in einer toxischen Beziehung befindet und dass das Verhalten des Partners nicht normal oder akzeptabel ist.
  2. Kontaktabbruch: Reduzieren oder brechen Sie den Kontakt zum Täter so schnell wie möglich ab. Dies kann schwierig sein, ist aber notwendig, um sich von der emotionalen Abhängigkeit zu lösen.
  3. Professionelle Hilfe: Suchen Sie sich professionelle Hilfe in Form einer Therapie. Ein Therapeut kann Ihnen helfen, das Trauma zu verarbeiten, Ihr Selbstwertgefühl wieder aufzubauen und gesunde Beziehungsmuster zu entwickeln.
  4. Soziales Netzwerk: Bauen Sie sich ein unterstützendes soziales Netzwerk auf und reaktivieren Sie alte Freundschaften oder nehmen Sie Kontakt zu Verwandten auf.
  5. Selbstfürsorge: Achten Sie auf sich selbst und Ihre Bedürfnisse. Tun Sie Dinge, die Ihnen Freude bereiten und Ihnen helfen, sich zu entspannen.
  6. Grenzen setzen: Lernen Sie, gesunde Grenzen zu setzen und diese auch durchzusetzen.

Neurologische Auswirkungen von Missbrauch

Narzisstischer Missbrauch ist gleichzusetzen mit kontinuierlichem Stress, der eine Reihe von neurologischen Veränderungen im Gehirn verursacht.

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  • Hippocampus und Amygdala: Der Hippocampus, der für das Erinnerungsvermögen zuständig ist, und die Amygdala, der Speicher unserer Emotionen und Traumata, werden durch Stresshormone beeinflusst. Dies kann zu Gedächtnisstörungen, Angstzuständen und Trauma führen.
  • Frontallappen: Der Frontallappen, der für Selbstkontrolle, Entscheidungsfindung und Problemlösung zuständig ist, kann durch Missbrauch geschädigt werden. Dies kann zu Konzentrationsschwierigkeiten, Impulsivität und Schwierigkeiten bei der Entscheidungsfindung führen.
  • Insula: Die Insula, die für emotionale Empathie zuständig ist, kann durch narzisstischen Missbrauch überaktiviert werden. Dies kann dazu führen, dass Opfer Verständnis und Empathie für den Täter empfinden, obwohl sie auf kognitiver Ebene wissen, dass sein Verhalten falsch ist.

Die Rolle der Kindheit

Oftmals haben Betroffene in ihrer Kindheit ähnliche Bindungsdynamiken erlebt. Wer mit emotional abwesenden, impulsiven oder unberechenbaren Bezugspersonen aufgewachsen ist, erlebt später ähnliche Muster als vertraut. "Wir wiederholen, was wir kennen. Und nicht, was uns guttut", so Anne Johne, "das nennt man auch Trauma Bonding". Deshalb fühlen sich toxische Beziehungen eben nicht nur intensiv an, sondern auch wie eine Form von Zuhause.

Gesellschaftliche Aspekte des Narzissmus

Einige Kritiker sehen die westlichen Gesellschaften ohnehin schon lange auf dem Weg ins narzisstische Zeitalter. Es gibt auch Vermutungen, dass Narzissmus eine Erb-Komponente hat. In welchem Ausmaß und wodurch genau - bisher Fehlanzeige. Genetische Marker habe man bislang nicht gefunden, schreibt Reinhard Haller. Auf der Hand liege aber, dass Kinder mit narzisstischen Elternteilen am “schlechten Modell” lernten, sagt Wolfgang Maier. “Wenn Mitgefühl ihnen nicht als Wert vorgelebt wird, kann es auch dadurch zu Entwicklungsdefiziten kommen.”

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