Erregungsübertragung an der Muskelfaser: Anatomie und Physiologie

Einführung

Die Muskelkontraktion ist ein komplexer Prozess, der eine präzise Koordination zwischen Nervensystem und Muskelgewebe erfordert. Dieser Artikel beleuchtet die anatomischen und physiologischen Grundlagen der Erregungsübertragung an der Muskelfaser, von der motorischen Einheit bis hin zur molekularen Ebene der Aktin-Myosin-Interaktion. Dabei werden die verschiedenen Muskeltypen, die Rolle von Neurotransmittern und Ionen sowie mögliche Störungen dieses Prozesses betrachtet.

Die Motorische Einheit: Grundlage der Muskelkontraktion

Die Voraussetzung für eine Muskelkontraktion ist die motorische Einheit. Sie besteht aus einem Motoneuron und den zugehörigen Muskelfasern, die von diesem Neuron innerviert werden. Ein einzelnes Motoneuron kann sich verzweigen und mehrere Muskelfasern gleichzeitig ansteuern. Die Anzahl der Muskelfasern pro motorischer Einheit variiert je nach Muskel und dessen Funktion. So innerviert ein Motoneuron in der Augenmuskulatur nur etwa zehn Muskelfasern, während es in der Armmuskulatur bis zu 2000 sein können.

Wenn ein Aktionspotential in einem Motoneuron entsteht, wird dieses zu den innervierten Muskelfasern weitergeleitet. Dies führt zur Verkürzung der Muskelfaser, solange das Potential anliegt, gefolgt von einer Erschlaffung. Die Summe der Verkürzungen der einzelnen Muskelfasern führt zur Kontraktion des gesamten Muskels.

Die Neuromuskuläre Endplatte: Schaltstelle der Erregungsübertragung

Um eine Muskelkontraktion auszulösen, ist ein Nervenimpuls erforderlich, der vom Motoneuron ausgeht. Die Ausläufer des Motoneurons (Axone) nähern sich dem Sarkolemm der Muskelzelle, ohne es jedoch direkt zu berühren. Am Ende des Axons befindet sich die motorische Endplatte, auch Präsynapse genannt, die mit Vesikeln gefüllt ist, welche den Neurotransmitter Acetylcholin (ACh) enthalten.

Die motorische Endplatte ist eine spezialisierte Synapse, die der Übertragung einer Erregung von einer Nervenfaser zur Muskelfaser dient. Sie ist genauso aufgebaut wie eine "normale" Synapse. Der Bereich der Muskelfaser gegenüber der Axonendigung ist stark gefaltet, um die Oberfläche für den Kontakt zu vergrößern. Dieser Bereich wird als motorische Endplatte bezeichnet und enthält viele Rezeptoren, die auf das vom Motoneuron freigesetzte ACh reagieren.

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Freisetzung von Acetylcholin und Auslösung des Aktionspotentials

Als Folge eines ankommenden Aktionspotentials wird Acetylcholin aus den Vesikeln freigesetzt und in den synaptischen Spalt zwischen Präsynapse (motorische Endplatte) und Postsynapse (Sarkolemm) abgegeben. Das Acetylcholin bindet dann an spezielle Rezeptoren des Sarkolemms, die nikotinergen Acetylcholin-Rezeptoren. Diese Rezeptoren sind ionotrop, was bedeutet, dass sie gleichzeitig auch Ionenkanäle bilden.

Die Bindung von Acetylcholin an die Rezeptoren löst eine Veränderung der Permeabilität der Zellmembran aus. Natriumionen strömen aus dem extrazellulären Raum in die Zelle, während Kaliumionen aus dem intrazellulären Raum nach außen wandern. Dieser Ionenaustausch führt zur Depolarisation der Membran und zur Entstehung eines Aktionspotentials, auch Endplattenpotential genannt, das sich entlang des Sarkolemms ausbreitet.

Nachdem sich der Neurotransmitter zur postsynaptischen Membran bewegt hat, kann er dort an spezifische Rezeptoren binden. Ein sogenanntes Endplattenpotential entsteht und breitet sich aus. Der Neurotransmitter Acetylcholin löst sich nach einer Weile wieder von seinem Rezeptor. Das Enzym Acetylcholinesterase baut dann das freie Acetylcholin im synaptischen Spalt ab, indem es in Acetat und Cholin gespalten wird. Diese Moleküle können dann von der Präsynapse wieder aufgenommen und recycelt werden, um neues Acetylcholin zu bilden und es wieder in Vesikel zu verpacken.

Die Rolle von Calciumionen

Das Aktionspotential breitet sich entlang des Sarkolemms aus und dringt über die Transversalen Tubuli (T-Tubuli) in das Innere der Muskelfaser ein. Die T-Tubuli stehen in direktem Kontakt mit dem sarkoplasmatischen Retikulum (SR), einem Netzwerk von Kanälen, das die Myofibrillen umgibt. Ein T-Tubulus bildet mit den flankierenden Zisternen des SR eine Triade.

Das Aktionspotential aktiviert spannungsabhängige Dihydropyridin-Rezeptoren (DHPR) in den T-Tubuli. Diese DHPRs sind mechanisch an Ryanodin-Rezeptoren gebunden, die normalerweise die Calciumkanäle des SR geschlossen halten. Durch die Stimulation der DHPRs durch das Aktionspotential werden die Ryanodin-Rezeptoren von den Kanälen verdrängt, wodurch Calciumionen aus dem SR in das Sarkoplasma strömen können.

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Die freigesetzten Calciumionen spielen eine entscheidende Rolle bei der Muskelkontraktion. Sie binden an den Troponinkomplex auf den Aktinfilamenten, wodurch eine Konformationsänderung ausgelöst wird, die die Myosinbindungsstellen auf dem Aktin freilegt.

Die Muskelkontraktion: Interaktion von Aktin und Myosin

Die Skelettmuskulatur besteht aus Muskelfasern, die ein charakteristisches gestreiftes Aussehen aufweisen. Die Plasmamembran der Muskelfaser wird als Sarkolemm bezeichnet und besteht hauptsächlich aus Phospholipiden und etwas Cholesterin. Im Inneren der Muskelfaser befinden sich Myofibrillen, die aus Sarkomeren bestehen. Sarkomere sind die kontraktilen Einheiten der Muskelzelle.

Die Myofibrillen sind in einem Muster organisiert, das bei Betrachtung unter dem Mikroskop verschiedene Banden und Zonen erzeugt. Diese Banden werden durch überlappende Aktin- (dünne Filamente) und Myosinstränge (dicke Filamente) erzeugt.

Der Querbrückenzyklus

Sobald die Myosinbindungsstellen auf dem Aktin freigelegt sind, kann der Querbrückenzyklus beginnen:

  1. Bindung: Das Myosinköpfchen bindet an die freie Myosinbindungsstelle auf dem Aktinfilament und bildet eine Querbrücke.
  2. Kraftschlag: Das am Myosinköpfchen gebundene ADP und Phosphat werden freigesetzt. Die gespeicherte potentielle Energie wird freigesetzt, wodurch das Myosinköpfchen in seine gebeugte Position zurückkehrt und das Aktinfilament entlang des Myosinfilaments zieht. Dies wird als Kraftschlag bezeichnet und führt zur Verkürzung des Sarkomers.
  3. Lösung: Ein neues ATP-Molekül bindet an das Myosinköpfchen, wodurch sich die Bindung zwischen Myosin und Aktin löst.
  4. Aktivierung: Die Myosin-ATPase hydrolysiert das ATP zu ADP und Phosphat, wodurch das Myosinköpfchen in eine gespannte Position gebracht wird. Der Zyklus kann von vorne beginnen, solange Calciumionen vorhanden sind und die Myosinbindungsstellen auf dem Aktin freigelegt sind.

Dieser Prozess ermöglicht es dem Myosin, entlang des Aktinfilaments zu "laufen", was die Verkürzung des Sarkomers bewirkt. Durch die Verkürzung vieler Sarkomere in einer Myofibrille verkürzt sich die gesamte Muskelfaser, was zur Muskelkontraktion führt.

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ATP ist die notwendige Energiequelle, um die Kraftschläge und somit eine Muskelkontraktion zu erzeugen. Die Konzentration von ATP in der Muskelfaser reicht jedoch nur aus, um die volle Kontraktion für 1 bis 2 Sekunden aufrechtzuerhalten. Daher muss ATP ständig regeneriert werden, um eine anhaltende Muskelkontraktion zu gewährleisten.

Muskeltypen und ihre Eigenschaften

Es gibt drei Haupttypen von Muskelgewebe: Skelettmuskulatur, glatte Muskulatur und Herzmuskulatur.

Skelettmuskulatur

Die Skelettmuskulatur dient zur Bewegung des Körpers und steht unter willkürlicher Kontrolle. Sie ist durch ihre quergestreifte Struktur gekennzeichnet, die durch die Anordnung von Aktin- und Myosinfilamenten in Sarkomeren entsteht. Jede Muskelfaser im menschlichen Skelettmuskel wird von einem einzigen Motoneuron innerviert.

Die Skelettmuskulatur kann weiter in Typ-I- (rote, ausdauernde) und Typ-II-Fasern (weiße, schnell zuckende) unterteilt werden, die sich in ihren Kontraktionseigenschaften und ihrem Stoffwechsel unterscheiden.

Glatte Muskulatur

Glatte Muskulatur findet sich hauptsächlich in den Wänden von Hohlorganen wie Magen, Darm, Blutgefäßen und der Gebärmutter. Sie unterliegt der Kontrolle des autonomen Nervensystems und ist für unwillkürliche Bewegungen wie die Peristaltik des Darms oder die Kontraktion der Blutgefäße verantwortlich. Glatte Muskelzellen sind spindelförmig und weisen keine Querstreifung auf, da die kontraktilen Myofibrillen verteilt im Zytoplasma liegen.

Herzmuskulatur

Die Herzmuskulatur ist eine spezielle Form des quergestreiften Muskelgewebes, das nur im Herzen vorkommt. Sie ist für die Kontraktion des Herzens und somit für den Blutkreislauf verantwortlich. Die Herzmuskulatur wird ebenfalls vom vegetativen Nervensystem gesteuert, wobei der Sympathikus die Herzfrequenz steigert und der Parasympathikus sie senkt. Die Herzmuskelzellen sind kleiner als Skelettmuskelfasern und besitzen einen zentral gelegenen Zellkern.

Einfluss der Sarkomerlänge auf die Muskelkraft

Die Ruhelänge des Sarkomers hat einen direkten Einfluss auf die Kraft, die bei der Verkürzung des Sarkomers entsteht. Dies wird als Kraft-Längen-Beziehung bezeichnet. Ein Sarkomer, das sich in seiner optimalen Länge befindet, kann die maximale Kraft entwickeln, da die Überlappung von Aktin- und Myosinfilamenten optimal ist. Bei einer zu starken Dehnung oder Verkürzung des Sarkomers nimmt die Kraftentwicklung ab, da die Anzahl der möglichen Querbrücken zwischen Aktin und Myosin reduziert wird.

Klinische Relevanz: Erkrankungen der Muskelkontraktion

Störungen der Erregungsübertragung und Muskelkontraktion können zu verschiedenen Erkrankungen führen, die die Bewegungsfähigkeit und Lebensqualität der Betroffenen beeinträchtigen.

Muskeldystrophie Typ Duchenne

Die Muskeldystrophie Typ Duchenne ist eine X-chromosomal rezessiv vererbte genetische Störung, die durch eine Mutation im Dystrophin-Gen verursacht wird. Dystrophin ist ein Protein, das die Muskelfasern stabilisiert. Die Mutation führt zur Produktion von abnormalem Dystrophin, was zur Zerstörung der Muskelfasern und zum Ersatz durch Fett- und Fasergewebe führt.

Myasthenia gravis

Myasthenia gravis ist eine neuromuskuläre Autoimmunerkrankung, die durch Schwäche und schnelle Erschöpfung der Skelettmuskulatur gekennzeichnet ist. Sie wird durch eine Dysfunktion und/oder Zerstörung von ACh-Rezeptoren an der motorischen Endplatte verursacht. Dies führt zu einer gestörten Erregungsübertragung und beeinträchtigt die Muskelkontraktion. Symptome sind unter anderem Dysphagie, Atembeschwerden und fortschreitende Schwäche der Gliedmaßen, die zu Bewegungseinschränkungen führen.

Spastische Lähmung

Eine spastische Lähmung ist ein Zustand anhaltender Muskelkontraktion, der bei einer Beteiligung der Kehlkopf- und/oder Atemmuskulatur zum Ersticken führen kann. Sie kann durch Acetylcholinesterase-Hemmer verursacht werden, die unter anderem in einigen Pestiziden als Toxine vorkommen. Diese Toxine blockieren die Funktion von AChE, dem Enzym, das normalerweise für den Abbau von ACh im synaptischen Spalt verantwortlich ist. Die Blockierung des Abbaus von ACh führt zu einer erhöhten ACh-Konzentration im synaptischen Spalt und somit zu anhaltenden Kontraktionen.

Dystonie

Dystonie ist eine Bewegungsstörung, die durch anhaltende oder intermittierende Muskelkontraktionen gekennzeichnet ist, die unwillkürliche Bewegungen, Verdrehungen und/oder eine steife Körperhaltung verursachen. Die Störung kann erblich, idiopathisch oder erworben sein und kann je nach anatomischer Beteiligung in fokale, multifokale, segmentale oder generalisierte Dystonien eingeteilt werden.

Elektromyographie (EMG)

Die Elektromyographie (EMG) ist ein diagnostisches Verfahren, das die Muskelaktivierung als Reaktion auf neuronale Aktivität beurteilt. Sie wird eingesetzt, um neuromuskuläre Erkrankungen zu diagnostizieren und den Ort und das Ausmaß der Schädigung zu bestimmen.

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