Der Ablauf des Erstgesprächs in der Ergotherapie bei neurologischen Erkrankungen

Ergotherapie ist eine medizinisch-therapeutische Disziplin, die darauf abzielt, die Handlungsfähigkeit und Selbstständigkeit von Menschen in ihrem Alltag zu verbessern. Das Hauptziel der Ergotherapie besteht darin, die Lebensqualität der Betroffenen durch gezielte Übungen und Aktivitäten zu steigern, die motorische, sensorische, kognitive und soziale Fähigkeiten fördern. Ergotherapeuten erstellen individuelle Therapiepläne, die auf die spezifischen Bedürfnisse und Ziele der Patientinnen und Patienten abgestimmt sind. Dabei setzen sie eine Vielzahl von Techniken und Aktivitäten ein, um die Betroffenen in ihrem Alltag zu unterstützen und ihre Fähigkeiten zu verbessern.

Nach der Verordnung durch den behandelnden Arzt kann in einer Praxis für Ergotherapie eine speziell angepasste Therapie begonnen werden. Zunächst erfolgt die telefonische Anmeldung und die Vereinbarung eines Termins für das Anamnesegespräch. Dieses Erstgespräch ist ein entscheidender Schritt im ergotherapeutischen Prozess, insbesondere in der Neurologie, und dient dazu, eine individuelle und zielgerichtete Behandlung zu gewährleisten.

Die Bedeutung des Erstgesprächs

Das Erstgespräch in der Ergotherapie dient dazu, Informationen zur aktuellen Lebenssituation, Problemen und Herausforderungen des Patienten zu sammeln. Es geht neben dem gegenseitigen Kennenlernen vor allem darum, die Verordnung des Arztes zu besprechen, Behandlungsziele zu definieren und die kommenden Termine sowie die Rahmenbedingungen der Therapie zu vereinbaren.

Kennenlernen und Vertrauensaufbau

Das Erstgespräch dient dem Kennenlernen, aber vor allem auch der Anamnese und der Zielsetzung. Insbesondere für dieses erste Gespräch dürften sich Patienten in den allermeisten Fällen besonders gut betreut fühlen.

Anamnese: Erhebung der Krankengeschichte

Das Wort „Anamnese“ leitet sich aus dem Griechischen „anamnesis“ ab, was auf Deutsch „Erinnerung“ bedeutet. Die Anamnese selbst besteht aus einer systematischen, zielgerichteten Befragung. Darin werden vor allem die Vorgeschichte der Krankheit und der momentane Gesundheitszustand erläutert. Grundlage der Anamnese ist die Diagnose des überweisenden Arztes. Hier wird z. B. aufgrund eines bildgebenden Verfahrens festgestellt, welche Sehne genau von einer Sehnenscheidentzündung betroffen ist. Wie sind die Symptome entstanden bzw.

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Die Anamnese ist eine systematische, zielgerichtete Befragung, bei der die Vorgeschichte der Erkrankung und der aktuelle Gesundheitszustand erfasst werden. Grundlage bildet die ärztliche Diagnose. Neben medizinischen Fragen dient die Anamnese auch dazu, im Rahmen des Erstgesprächs ein gutes Vertrauensverhältnis zu schaffen. Es geht also noch nicht bzw. Vielmehr sollen und wollen sich Patient und Ergotherapeut im Rahmen der Anamnese kennenlernen, um schließlich einen Befund zu erstellen und die Behandlungsziele festzulegen.

Zielsetzung und Therapieplanung

Im Erstgespräch werden gemeinsam mit dem Patienten realistische und alltagsnahe Ziele erarbeitet, die individuell auf die Lebenssituation abgestimmt sind. Basierend auf dem Erstgespräch und gegebenenfalls eingesetzten Testverfahren entwickeln wir gemeinsam alltagsnahe und realistische Ziele - individuell auf Ihre Lebenssituation abgestimmt.

Ablauf des Erstgesprächs in der Neurologie

In der Ergotherapie Neurologie ist das Ziel, alltägliche Handlungen - wie Anziehen, Essen, Schreiben oder sich orientieren - wieder möglich zu machen oder zu erleichtern. Der Ablauf des Erstgesprächs folgt einem strukturierten Rahmen, der jedoch genügend Raum für persönliche Anliegen und individuelle Zielsetzungen lässt.

Vorbereitung auf das Erstgespräch

Um die ergotherapeutische Behandlung bestmöglich auf die individuelle Situation abstimmen zu können, werden im Erstgespräch gezielte Fragen zum bisherigen Krankheitsverlauf, zu aktuellen Beschwerden sowie zum Alltag gestellt.

Daher ist es wichtig, zum ersten Termin alle vorliegenden Unterlagen mitzubringen, z. B.:

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  • Ärztliche Verordnung oder Blankoverordnung
  • Arzt- oder Klinikberichte
  • Entwicklungsberichte (bei Kindern)
  • Relevante Befunde oder Testergebnisse

Nur mit diesen Informationen kann eine fundierte Befunderhebung durchgeführt und gemeinsam passende Therapieziele entwickelt werden. Ohne diese Unterlagen ist ein qualifizierter Behandlungsstart nicht möglich.

Inhalte des Erstgesprächs

  1. Begrüßung und Vorstellung: Das Gespräch beginnt mit einer freundlichen Begrüßung und der Vorstellung des Therapeuten sowie des Patienten und ggf. seiner Angehörigen.
  2. Erläuterung des ergotherapeutischen Ansatzes: Der Therapeut erläutert die Grundlagen der Ergotherapie und wie diese bei neurologischen Erkrankungen eingesetzt wird.
  3. Anamnese: Erhebung der Krankengeschichte, aktueller Beschwerden und Einschränkungen im Alltag.
  4. Besprechung der ärztlichen Verordnung: Analyse der ärztlichen Diagnose und der daraus resultierenden Therapieziele.
  5. Festlegung der individuellen Therapieziele: Gemeinsame Entwicklung von realistischen und alltagsnahen Zielen, die der Patient erreichen möchte.
  6. Informationen zum weiteren Vorgehen: Erläuterung des Therapieplans, der Frequenz und Dauer der Behandlung sowie der Rahmenbedingungen.

Spezifische Aspekte bei Kindern

Bei Kindern erfolgt das Erstgespräch zunächst ohne das Kind mit den Eltern bzw. Sorgeberechtigten. Dies ermöglicht eine offene und ungestörte Besprechung der Problematik.

Die Rolle der Angehörigen

Sofern es gewünscht wird, lässt sich hierbei auch das enge soziale Umfeld einbinden. Die Einbeziehung von Angehörigen ist ein wichtiger Bestandteil der Ergotherapie, da sie oft einen zentralen Beitrag im Alltag der Patient:innen leisten.

Individuelle Therapieplanung und Behandlung

Die Therapie ist individuell und wird maßgeblich durch die eigene Beteiligung und Motivation gestaltet. Sie unterstützt den Patienten dabei, eigene Lösungen für den Alltag zu finden. Um die gemeinsam festgelegten Ziele zu erreichen, werden unterschiedliche Behandlungsmethoden und Konzepte angewendet, die die Vorstellungen und Bedürfnisse berücksichtigen. Durch jahrelange Erfahrung und stetige Fort- und Weiterbildungen wird die fachlich bestmögliche Behandlung sichergestellt.

Die Behandlung findet als Einzeltherapie und / oder in Gruppenangeboten statt. Zielrelevante Aktivitäten werden kleinschrittig geübt und wenn nötig neu strukturiert. Je nach Problematik werden in der Ergotherapie auch grundliegende Fähigkeiten aus entsprechenden Funktionsbereichen trainiert. Diese können beispielsweise sein:

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  • Fähigkeiten der Feinmotorik (z.B.
  • Kognitive Fähigkeiten (z. B.
  • Wahrnehmung/ Wahrnehmungsverarbeitung (z. B.

Mögliche Therapieangebote in der neurologischen Ergotherapie

  • Motorisch-funktionelles Training: Ziel ist die Verbesserung der Grob- und Feinmotorik, Muskelkraft, Beweglichkeit sowie Koordination.
  • Hirnleistungstraining: Bei kognitiven Einschränkungen wie Gedächtnisproblemen, Konzentrationsstörungen oder Problemen mit der Orientierung kommt das neuropsychologisch orientierte Training zum Einsatz.
  • Alltagstraining: In der Ergotherapie ist das Training alltagsrelevanter Fähigkeiten ein zentrales Element.
  • Hilfsmittelberatung und Wohnraumadaptierung: Im Rahmen der neurologischen Ergotherapie wird zu sinnvollen Hilfsmitteln (z. B.

Abschluss der Behandlung und Evaluation

Die Behandlung ist abgeschlossen, wenn die Ziele erreicht sind. Am Ende der Behandlungsserie reflektieren wir gemeinsam den Therapieverlauf und die erreichten Fortschritte. Falls notwendig, kann der Arzt eine Folgeverordnung ausstellen. Auch eine weiterführende Behandlung auf Blankoverordnung ist möglich, sofern medizinisch indiziert. Danach erhalten Sie und der behandelnde Arzt einen Therapiebericht, der die Fortschritte der Therapie aufzeigt und anhand dessen gemeinsam entschieden werden kann, ob weitere Therapieeinheiten nötig sind. Wie lange die Behandlung dauern wird, ist je nach Patient unterschiedlich - sie kann wenige Wochen, aber auch Jahre dauern, abhängig vom Grad der Störung und eventuellem Fortschreiten von für die Störung verantwortlichen Krankheiten (v. a.

Ergotherapie als Selbstzahler

Es besteht die Möglichkeit, eine Ergotherapie mit einem Präventionsvertrag auch als Selbstzahler zu vereinbaren. In diesem Fall wird nur die Diagnose des behandelnden Arztes benötigt, aber kein Rezept. Es ist jedoch zu beachten, dass als Selbstzahler weder von der gesetzlichen noch von der privaten Krankenkasse Erstattungen erhalten werden. Ein Präventionsvertrag ist die rechtliche Grundlage zur Behandlung mit einer Ergotherapie als Selbstzahler. In dem Vertrag werden die Dauer der Behandlung und die Anzahl der benötigten Termine als präventive Maßnahme festgehalten.

Die Bedeutung der interdisziplinären Zusammenarbeit

Falls notwendig und sinnvoll, wird nach Rücksprache mit dem Patienten Kontakt zu Institutionen wie Beratungsstellen, Tagesstätten oder Pflegediensten aufgenommen, um die erforderlichen Maßnahmen abzustimmen. Anhand dieses Beispiels wird deutlich, wie wichtig das Zusammenspiel zwischen behandelndem Arzt und Ergotherapeut für eine erfolgreiche Behandlung ist: Während z. B. ein Allgemeinarzt oder ein Orthopäde die Kapsel als Ursache für die eingeschränkte Bewegungsfähigkeit der Hand benennen kann, untersuchen auf Handtherapie spezialisierte Ergotherapeuten genauer, warum der Patient wirklich die Faust nicht machen kann. Ist die Ursache ein Problem im Gelenk? Oder eine verkürzte Sehne?

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