Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis: Aktuelle Forschung, Selbsthilfe und Perspektiven

Die Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis ist eine seltene, aber schwerwiegende Autoimmunerkrankung, die das Gehirn betrifft. Sie wurde erstmals im Jahr 2007 beschrieben und tritt am häufigsten bei jungen Erwachsenen auf, kann aber auch Kinder und ältere Menschen betreffen. Bei dieser Erkrankung greift das Immunsystem fälschlicherweise die NMDA-Rezeptoren an, die eine wichtige Rolle bei der Signalübertragung im Gehirn spielen. Dies führt zu einer Vielzahl von neurologischen und psychiatrischen Symptomen.

Was ist die Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis?

Bei einer autoimmunen Enzephalitis (AE), wie der Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis, handelt es sich um eine entzündliche Erkrankung, vorwiegend der grauen Substanz des zentralen Nervensystems. Dabei erfolgt eine durch das Immunsystem fehlgesteuerte Bildung von Antikörpern, die körpereigene Strukturen der Nervenzellen als pathogen erkennen und mit diesen interagieren (Autoantikörper). In Abhängigkeit der Lokalisation der zellulären Zielstruktur (Antigen) mit denen die Autoantikörper interagieren, unterscheidet man zwischen membranständigen und intrazellulären Antigenen.

Die Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis ist eine relativ häufige Form einer schweren Enzephalitis mit einem charakteristischen, in Phasen verlaufenden Krankheitsbild. Die Patienten werden meist durch ein schizophreniformes Syndrom mit formalen und inhaltlichen Denkstörungen (Wahn) und Halluzinationen auffällig, entwickeln aber zusätzlich Fieber, eine Bewusstseinsstörung, Hypoventilation, epileptische Anfälle, autonome Störungen und Dyskinesien. Ein großer Teil der Patienten gelangt daher zunächst in psychiatrische Behandlung, wobei in vielen Fällen die Verdachtsdiagnose einer drogeninduzierten Psychose gestellt wird.

Ursachen und Risikofaktoren

Die Ursache der Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis ist eine fehlgeleitete Reaktion des Immunsystems. Es bilden sich Autoantikörper, die bestimmte Rezeptoren oder Ionenkanäle auf der Oberfläche von Nervenzellen angreifen.

In einigen Fällen entsteht die Autoimmunreaktion im Zusammenhang mit Tumorerkrankungen, insbesondere Ovarialteratomen bei jungen Frauen. Auch Infektionen wie eine Herpesenzephalitis können die Autoantikörperbildung triggern. Nicht jeder Mensch hat das gleiche Risiko, an Autoimmunenzephalitis zu erkranken. Es wird außerdem diskutiert, ob genetische Veranlagung und saisonale Faktoren (z. B. Infektwellen im Winter) eine Rolle spielen. Eierstocktumore und frühere Hirnschwellungen durch das Herpes-simplex-Virus wurden als Ursachen identifiziert, aber in den meisten Fällen ist die Ursache unbekannt.

Lesen Sie auch: Unterstützung für Betroffene durch die Stiftung

Symptome und Diagnose

Die Symptome der Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis sind vielfältig und können sich im Laufe der Zeit verändern. Sie beginnen oft mit unspezifischen Symptomen wie Kopfschmerzen, Müdigkeit und Fieber. Im weiteren Verlauf können folgende Symptome auftreten:

  • Psychiatrische Symptome: Psychosen, Halluzinationen, Wahnvorstellungen, Angstzustände, Verhaltensänderungen
  • Neurologische Symptome: Epileptische Anfälle, Bewegungsstörungen, Bewusstseinsstörungen, Gedächtnisverlust, kognitive Beeinträchtigungen
  • Autonome Dysfunktion: Herzrhythmusstörungen, Blutdruckschwankungen, Atemstörungen

Patient:innen beschreiben die Erkrankungssymptome wie ein „Feuer im Gehirn“, das sie nicht beeinflussen können.

Die Diagnosestellung der Erkrankung basiert auf der Kombination aus charakteristischem klinischem Bild, stützenden Befunden von Hirn-MRT, EEG und Liquoruntersuchung sowie dem Nachweis hochspezifischer Autoantikörper im Serum oder Liquor, die gegen die NR1-Untereinheit der Glutamatrezeptoren vom Typ NMDA gerichtet sind. Besonders bei der Differenzialdiagnostik einer „Enzephalitis ohne Erregernachweis“ muss an die Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis gedacht werden.

Der Nachweis einer Autoimmunenzephalitis erfolgt über die Bestimmung spezifischer Autoantikörper im Blut oder Nervenwasser (Liquor) der Betroffenen. Dazu werden Blut und Nervenwasser (Liquor-Analyse) untersucht. Je nach Form sind die Antikörper nur im Liquor oder auch im Blut nachweisbar.

Therapie

Das Ziel der Therapie ist es, die fehlgeleitete Immunreaktion schnell zu stoppen. Ein früher Beginn der Immuntherapie ist entscheidend für eine gute Prognose. Innerhalb von 10 bis 14 Tagen sollte bei ausbleibender Besserung die Therapie angepasst werden.

Lesen Sie auch: Bewertungen zu Neurologie Neuer Wall

Die Behandlung der Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis umfasst in der Regel:

  • Immuntherapie: Corticosteroide, intravenöse Immunglobuline, Plasmapherese (Blutwäsche), Rituximab, Cyclophosphamid
  • Tumorentfernung (falls ein Tumor vorhanden ist)
  • Symptomatische Behandlung: Antiepileptika, antipsychotische Medikamente, unterstützende Maßnahmen

Standardtherapien wie Kortikosteroide, intravenöse Immunglobuline und Rituximab greifen systemisch in das Immunsystem ein und sind mit erheblichen Nebenwirkungen assoziiert. Patienten mit therapieresistenter Erkrankung und hohem Rezidivrisiko erfordern neue Behandlungsansätze, die gezielt in die Pathogenese eingreifen, ohne die gesamte Immunabwehr zu kompromittieren.

Neue Therapieansätze

Forschende der Charité haben einen neuartigen Behandlungsansatz entwickelt. Körpereigene Zellen werden mit einem sogenannten Chimeric Autoantibody Receptor (CAAR) ausgestattet, sodass sie die krankheitsauslösenden Zellen aufspüren und ausschalten können, während der restliche Schutz des Immunsystems erhalten bleibt. Um diese präzise Therapie erstmals in einer klinischen Studie zu testen, muss allerdings eine GMP-konforme Genfähre auf Basis spezieller Viren hergestellt werden, die das CAAR-Erbgut sicher in die therapeutischen Zellen einbringt.

Eine aktuell im Fachjournal „Nature Communications“ publizierte Studie untersucht einen monoklonalen humanisierten Antikörper (ART5803), der selektiv die pathogenen Autoantikörper blockiert. In vitro wurde gezeigt, dass ART5803 die durch pathogene Antikörper ausgelöste Internalisierung des NMDA-Rezeptors verhindert und teilweise rückgängig machen kann. Im Tiermodell führte die intrazerebroventrikulärer Verabreichung eines pathogenen Antikörpers zu typischen motorischen und verhaltensbezogenen Störungen. ART5803 konnte sowohl über intrazerebroventrikuläre Infusion als auch über intraperitoneale Injektion die Symptome signifikant lindern.

Forschende aus Braunschweig, Jena, Leipzig und Berlin haben ein neues potentielles Therapeutikum entwickelt. Das Molekül besteht aus einem Teil des NMDA-Rezeptors und einem konstanten Teil eines menschlichen Antikörpers. Die Krankheitserregenden Antikörper binden dann an dieses Fusionskonstrukt und nicht mehr an die NMDA-Rezeptoren.

Lesen Sie auch: Kontrolle über Ihren Facebook-Feed

Prognose und Rehabilitation

Die Prognose der Erkrankung ist prinzipiell gut und die Symptome sind auch nach einer langen intensivmedizinischen Behandlung und Beatmungsdauer potenziell reversibel. Der Erfolg korreliert allerdings eng mit einer raschen Diagnosestellung, frühen immunmodulatorischen Therapie und - im Falle einer Neoplasie - besonders mit einer vollständigen Tumorentfernung.

Allerdings können bei einigen Betroffenen leichte Einschränkungen im Bereich Gedächtnis, Konzentration oder Impulskontrolle zurückbleiben. Die Erkrankung verändert nicht nur das Gehirn, sondern auch das Verhalten. Für Angehörige sind die Wesensänderungen oft schwer zu verarbeiten. Offenheit gegenüber der Erkrankung und das Verständnis für ihre Folgen helfen allen Beteiligten.

Eine Studie in der Online-Ausgabe von „Neurology“ zeigt, dass bis Patienten von einer autoimmunen Entzündung des Gehirns genesen, können drei Jahre oder mehr vergehen. Oft blieben dennoch Gedächtnis-, emotionale und soziale Probleme bestehen. So wiesen 34 Prozent der Teilnehmer weiterhin Beeinträchtigungen auf, 65 Prozent schnitten in einem oder mehreren kognitiven Bereichen unterdurchschnittlich ab, wobei Gedächtnis und Sprache am stärksten betroffen waren. Von allen Teilnehmern gingen 30 Prozent nicht wieder zur Schule/Universität oder zur Arbeit, 18 Prozent benötigten Anpassungen, um diese Tätigkeiten wieder aufzunehmen.

Daher ist eine umfassende Rehabilitation wichtig, um Betroffenen zu helfen, ihre kognitiven, emotionalen und sozialen Fähigkeiten wiederzuerlangen.

Selbsthilfe und Unterstützung

Als Zusammenschluss von AE-Betroffenen und deren Angehörigen möchten wir als SHG neuen Mitgliedern als nichtärztliche Ansprechpartner zur Seite stehen. Die Elterngruppe ergänzt unsere bestehenden Angebote und richtet sich ausdrücklich an Angehörige, die sich in einer ähnlichen Lebenssituation befinden. Unsere Selbsthilfegruppe für Autoimmunenzephalitis setzt sich dafür ein, Betroffene und ihre Angehörigen zu vernetzen sowie den Austausch und die Unterstützung zu fördern. Wir arbeiten eng mit dem gemeinnützigen Verein GENERATE e.V.

Es gibt verschiedene Organisationen, die Informationen und Unterstützung für Betroffene und ihre Familien anbieten:

  • Die britische Encephalitis Society ist eine gemeinnützige Organisation, die Informationen und Unterstützung für Betroffene von Enzephalitis, einer Entzündung des Gehirns, bereitstellt, das Bewusstsein für die Krankheit schärft, Mittel bereitstellt und an der Forschung zu dieser Krankheit mitarbeitet.
  • Die amerikanische Autoimmun-Enzephalitis-Allianz wurde von Familien ins Leben gerufen, die von Autoimmun-Enzephalitis betroffen sind. Die 2012 gegründete AE Alliance ist eine 501(c)(3) gemeinnützige Organisation mit Sitz in Durham, North Carolina.
  • Diese Homepage des Deutschen Netzwerks zur Erforschung der autoimmunen Enzephalitis (GENERATE - GErman NEtwork for Research on AuToimmune Encephalitis) richtet sich an das interessierte Fachpublikum sowie an Patientinnen und Patienten und deren Angehörige.

Forschung und Ausblick

Seit 2003 fördert das BMBF Forschungsvorhaben, deren Ziel es ist, durch Grundlagen- und Therapieforschung die Diagnostik seltener Erkrankungen zu beschleunigen und den Betroffenen zügig eine adäquate Behandlung zu ermöglichen.

Die interdisziplinäre und ortsübergreifende DFG-Forschungsgruppe „SYNABS“ widmet sich der Erforschung dieser Erkrankung. „Es ist unser Ziel, die Krankheitsmechanismen besser zu verstehen und unter Einsatz moderner Biotechnologie neue und zielspezifische Therapieansätze zu entwickeln“, sagt der Sprecher der Gruppe, Prof. Dr. Christian Geis vom Universitätsklinikum Jena.

Die Forschung zur Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis schreitet stetig voran. Neue Therapieansätze, wie die CAAR-T-Zelltherapie und der monoklonale Antikörper ART5803, geben Hoffnung auf wirksamere und besser verträgliche Behandlungen. Perspektivisch könnten diese Fortschritte dazu beitragen, die Lebensqualität von Betroffenen deutlich zu verbessern und langfristige Schäden zu minimieren.

tags: #facebook #anti #nmda #rezeptor