Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, von der in Deutschland etwa 250.000 Menschen betroffen sind. MS kann zu bleibenden Behinderungen und vorzeitiger Berentung führen. Da akute virale oder bakterielle Infekte den Verlauf der Erkrankung negativ beeinflussen können, profitieren MS-Patienten besonders von Impfungen. Allerdings gibt es bei der Immunisierung einige Besonderheiten zu beachten, insbesondere im Zusammenhang mit immunmodulierenden Therapien.
Bedeutung von Impfungen bei MS
Impfungen gehören zu den effektivsten Maßnahmen zum Schutz vor schweren Infektionen. Diese Vorbeugung ist besonders wichtig für Menschen mit chronischen Erkrankungen wie MS. Da die Erkrankung selbst immunvermittelt ist und viele MS-Therapien das Immunsystem schwächen, gewinnt der Impfschutz zusätzlich an Bedeutung.
Eine Studie des Universitätsklinikums Jena (UKJ) hat gezeigt, dass MS-Patienten oft nicht ausreichend geimpft sind, obwohl sie aufgrund ihrer Erkrankung und der damit verbundenen Therapien ein erhöhtes Risiko für Infektionen haben. Die Studie ergab, dass MS-Erkrankte nur gut die Hälfte der empfohlenen Standardimpfungen erhalten hatten, und weniger als jeder fünfte war ausreichend gegen Gürtelrose, Grippe oder andere Atemwegserkrankungen geimpft.
Infektionen können den Verlauf der MS negativ beeinflussen und das Risiko für Schübe erhöhen. Studien haben gezeigt, dass das Risiko für Schübe innerhalb von zwei Wochen vor und fünf Wochen nach Beginn einer klinischen Infektion bei MS-Patienten etwa verdoppelt ist. Daher ist ein umfassender Impfschutz von großer Bedeutung.
Impfempfehlungen der STIKO
Die Ständige Impfkommission (STIKO) des Robert Koch-Instituts (RKI) gibt kontinuierlich Impfempfehlungen heraus, die im Internet (www.rki.de) abrufbar sind. Generell wird bei Patienten mit Autoimmunerkrankungen und chronisch-entzündlichen Erkrankungen empfohlen, im Idealfall alle Impfungen vor Beginn der immunsuppressiven Therapie abzuschließen sowie bestimmte zeitliche Abstände zwischen Impfung und Beginn der Therapie einzuhalten.
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Standardimpfungen
Zu den Standardimpfungen, die die STIKO allgemein im Erwachsenenalter empfiehlt, gehören:
- Tetanus und Diphtherie: Die Grundimmunisierung erfolgt im Säuglingsalter, und Erwachsene sollten alle zehn Jahre eine Auffrischungsimpfung erhalten.
- Masern, Mumps und Röteln (MMR): Eine zweimalige Grundimmunisierung sollte im Alter zwischen dem 11. und 23. Monat erfolgen. Vor Einleitung einer immunsupprimierenden Therapie sollte eine altersentsprechende MMR-Grundimmunisierung abgeschlossen sein.
- Influenza (Grippe): Die STIKO empfiehlt MS-Patienten, die durch Infektionen getriggerte Schübe haben, jährliche Influenza-Impfungen. Es handelt sich um einen Totimpfstoff, der zudem generell Menschen ab 60 Jahren empfohlen wird. Die Impfung sollte rechtzeitig vor der Grippesaison vorgenommen werden, da der Impfschutz erst etwa zwei bis drei Wochen nach der Impfung vorliegt.
- COVID-19: Die COVID-19-Impfung wird von der STIKO für alle Erwachsenen empfohlen.
Indikationsimpfungen
Neben den Standardimpfungen gibt es auch indikationsspezifische Impfungen, die für MS-Patienten besonders wichtig sind:
- Pneumokokken: Die Pneumokokken-Impfung ist ebenfalls ein Totimpfstoff. Im Erwachsenenalter wird die Impfung ab dem 60. Lebensjahr empfohlen. Zu weiteren Gruppen, die die Impfung erhalten sollten, gehören Menschen mit Immundefekten und Menschen unter einer immunsuppressiven Therapie.
- Varizellen (Windpocken): In Deutschland haben 3 % der Erwachsenen keinen Antikörpertiter gegen das Varizella-Zoster-Virus. Seronegativen Personen wird eine Varizellen-Impfung vor einer geplanten immunsuppressiven Therapie empfohlen. Demnach sollte vor Beginn der immunsuppressiven Therapie durch Impfpass- oder besser noch durch serologische Kontrolle der Varizellen-Immunstatus geklärt werden.
- Hepatitis B: Nachdem lange ein möglicher Zusammenhang zwischen Hepatitis-B-Impfung und erhöhtem MS-Risiko diskutiert wurde, gibt es inzwischen Studien, nach denen kein Zusammenhang zwischen der Impfung und dem MS-Risiko besteht. Die Impfempfehlung betrifft zudem Menschen mit chronischen Leber- und Nierenerkrankungen und Menschen, die regelmäßig auf Bluttransfusionen oder Blutprodukte angewiesen sind. Auch bei einer geplanten Immunsuppression sollte die Impfung vorgenommen werden - empfohlen wird hier ein Abstand von vier Wochen zwischen Impfung und Therapiebeginn.
- Herpes Zoster (Gürtelrose): Weniger als jeder fünfte MS-Erkrankte ist ausreichend gegen Gürtelrose geimpft.
- Respiratorische Synzytial-Viren (RSV): Seit Sommer 2023 sind Impfstoffe zur Schutzimpfung gegen die RSV-Erkrankung zugelassen. Die STIKO empfiehlt eine einmalige Impfung ab dem Alter von 75 Jahren (Standardimpfung). Personen ab 60 Jahren mit schweren Formen bestimmter Grunderkrankungen oder die in einer Einrichtung der Langzeit-Pflege leben, sollten ebenfalls eine einmalige RSV-Impfung als Indikationsimpfung möglichst vor der RSV-Saison erhalten.
Reiseimpfungen
Bei Reisen in bestimmte Regionen der Welt können zusätzliche Impfungen erforderlich sein:
- Gelbfieber: Die Gelbfieberimpfung wird bei Einreise in Endemiegebiete empfohlen. Hierbei sind streng die nationalen Einreisebestimmungen zu beachten, da die Einreise ohne gültigen Impfnachweis verweigert werden kann. Bei der Gelbfieberimpfung handelt es sich um einen Lebendimpfstoff.
Totimpfstoffe vs. Lebendimpfstoffe
Bei Impfungen wird grundsätzlich zwischen Totimpfstoffen und Lebendimpfstoffen unterschieden:
- Totimpfstoffe: Sie enthalten tote Krankheitserreger bzw. deren Bestandteile. Totimpfstoffe können grundsätzlich sowohl ohne als auch unter einer immunsuppressiven Therapie angewendet werden, wobei unter der Therapie eine serologische Kontrolle des Impferfolges durchgeführt werden sollte.
- Lebendimpfstoffe: Sie enthalten abgeschwächte, aber noch lebende Erreger. Lebendimpfstoffe können bei Immunsupprimierten eine Gefahr darstellen und sollten nur bei Erkrankten ohne bzw. vor einer geplanten immunsuppressiven Therapie entsprechend den Empfehlungen der STIKO zum Einsatz kommen, wobei ein Abstand zwischen Impfung und Beginn der Therapie von mindestens vier Wochen einzuhalten ist.
Impfzeitpunkt und MS-Therapie
Der Zeitpunkt der Impfung ist besonders wichtig, wenn MS-Patienten eine immunmodulierende Therapie erhalten. Generell wird empfohlen, im Idealfall alle Impfungen vor Beginn der immunsuppressiven Therapie abzuschließen.
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Die Art der MS-Therapie kann einen Einfluss auf den Impferfolg haben. Von den Medikamenten, die nach den Leitlinien bei den milden/moderaten Verlaufsformen zum Einsatz kommen, haben Beta-Interferone, Glatirameracetat und Dimethylfumarat keinen Einfluss auf den Impferfolg. Unter Dimethylfumarat sollte jedoch keine Impfung mit einem Lebendimpfstoff erfolgen. Unter Teriflunomid kann der Impferfolg beeinträchtigt sein; er wird jedoch als ausreichend angesehen.
Die immunsuppressiv wirkenden Medikamente, die nach den Leitlinien Patienten mit (hoch)aktiven Verlaufsformen erhalten, können alle einen Einfluss auf den Impferfolg haben. Das gilt für Alemtuzumab genauso wie für Cladribin, Fingolimod und Ocrelizumab sowie etwas eingeschränkt für Natalizumab.
- Alemtuzumab: Es wird empfohlen, dass Patienten die regionalen Impfanforderungen mindestens sechs Wochen vor Beginn der Therapie erfüllt haben. Virale Lebendimpfstoffe sollten nicht an MS-Patienten verabreicht werden, die kürzlich eine Behandlungsphase mit Alemtuzumab erhalten haben.
- Cladribin: Die Behandlung sollte wegen des Risikos einer aktiven Impfinfektion frühestens vier bis sechs Wochen nach einer Impfung mit Lebendimpfstoffen oder abgeschwächten Lebendimpfstoffen begonnen werden. Während und nach der Behandlung mit Cladribin sollte eine Impfung mit Lebendimpfstoffen oder abgeschwächten Lebendimpfstoffen vermieden werden, solange die Anzahl der weißen Blutkörperchen nicht im Normalbereich liegt.
- Fingolimod: Während und bis zu zwei Monate nach einer Behandlung mit Fingolimod kann die Wirksamkeit von Impfungen beeinträchtigt sein. Die Anwendung von attenuierten Lebendimpfstoffen kann ein Infektionsrisiko beinhalten und sollte daher vermieden werden.
- Natalizumab: In einer Studie gab es bei Patienten mit sechsmonatiger Natalizumab-Therapie im Vergleich zu einer unbehandelten Kontrollgruppe keinen signifikanten Unterschied in der humoralen Immunantwort auf ein Recall-Antigen (Tetanustoxoid).
Eine Kontrolle der Antikörpertiter nach acht Wochen liefert einen Hinweis darauf, ob es eine Impfantwort gegeben hat. Entscheidend für den Impferfolg ist der Nachweis eines Anstieges des Antikörpertiters, nicht jedoch die Höhe der Antikörperbildung.
Herausforderungen und Lösungsansätze
Trotz klarer Impfempfehlungen bleiben viele Patienten mit Multipler Sklerose (MS) unzureichend geschützt. Eine Studie des Jenaer Uniklinikums hat gezeigt, dass nur etwa die Hälfte der MS-Patienten die von Fachgesellschaften empfohlenen Standardimpfungen vollständig erhalten haben.
Eine wachsende Impfskepsis in der Allgemeinbevölkerung stellt eine der größten Herausforderungen dar. Ein weiterer relevanter Faktor sind sogenannte „Impfmythen“, wie die Annahme, dass Impfungen MS-Schübe auslösen könnten. Solche Mythen beeinflussen nicht nur die Patienten selbst, sondern auch die Empfehlungen von Hausärzten, die oft unsicher in Bezug auf Impfungen bei MS sind.
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Die Studie konnte keine signifikanten Unterschiede bei der allgemeinen Impfzurückhaltung zwischen den Gruppen feststellen. Allerdings gaben 82 % der befragten Hausärzten an, dass sie bei MS-Patienten zögern, Impfungen zu empfehlen. Häufige Gründe waren Unsicherheiten bezüglich möglicher Nebenwirkungen und möglichen Wechselwirkungen mit MS-Therapien.
Um die Impfquoten bei MS-Patienten zu verbessern, sind folgende Maßnahmen erforderlich:
- Verbesserung der Impfberatung: Ärzte und Patienten müssen besser über die Bedeutung von Impfungen und die spezifischen Empfehlungen für MS-Patienten informiert werden.
- Reduzierung von Unsicherheiten bei Ärzten: Durch gezielte Aufklärung und Schulungen können Unsicherheiten bei Hausärzten bezüglich Impfungen bei MS abgebaut werden.
- Spezialisierte Impfzentren: Die Etablierung von spezialisierten Impfzentren in MS-Behandlungszentren könnte dazu beitragen, die Impfversorgung von MS-Patienten zu verbessern.
- Einheitliche Impfempfehlungen: Einheitliche Impfempfehlungen und besser geschulte Ärzte könnten dazu beitragen, die Impfquoten in dieser Risikogruppe nachhaltig zu verbessern.