Rückenschmerzen sind ein weit verbreitetes Problem, von dem fast ein Drittel der Erwachsenen in Deutschland betroffen ist und das häufig eine ärztliche Behandlung erfordert. Spritzen gegen Rückenschmerzen, einschließlich der Kryotherapie, versprechen Linderung, aber ihre Wirksamkeit und potenziellen Nebenwirkungen sind Gegenstand anhaltender Diskussionen. Dieser Artikel beleuchtet die Anwendung der Kryotherapie, insbesondere beim Facettensyndrom, und diskutiert ihre Wirksamkeit im Kontext anderer Behandlungsoptionen.
Einführung in die Kryotherapie
Der Begriff "Kryotherapie" leitet sich vom griechischen Wort "Kryo" (kalt) ab und bezeichnet ein nicht-medikamentöses Therapieverfahren, bei dem Kälte therapeutisch eingesetzt wird. Kryotherapeutische Maßnahmen finden in verschiedenen medizinischen Fachgebieten Anwendung, darunter Dermatologie, Rheumatologie und Orthopädie.
Die Kryotherapie zielt auf folgende Wirkungen ab:
- Schmerzlinderung
- Entzündungshemmung
- Abschwellung
- Muskelentspannung
- Blutstillung durch Verengung der Blutgefäße
- Gezielte Vereisung und Zerstörung von Zellen bzw. Gewebe
Kryotherapie beim Facettensyndrom
Eines der Hauptanwendungsgebiete der lokalen Kryotherapie ist das Facettensyndrom. Dieses wird meist durch verschleißbedingte degenerative Veränderungen der Facettengelenke verursacht, die sich zwischen den einzelnen Wirbeln der Wirbelsäule befinden.
Die Facettengelenke
Facettengelenke, auch Zwischenwirbelgelenke oder Wirbelgelenke genannt, sind kleine Gelenke an den Wirbeln der Wirbelsäule. Jeder Wirbel hat zwei Facettengelenke, eines auf jeder Seite, die sich mit den Facettengelenken des benachbarten Wirbels verbinden. Die Facettengelenke bestehen aus knöchernen Strukturen, die mit einer dünnen Schicht aus Gelenkknorpel überzogen sind. Jedes echte Gelenk (z.B. Facetten-oder Iliosakral-Gelenk) zeigt einen typischen Aufbau. Die beiden miteinander in Verbindung stehenden Knochen zeigen im Bereich des Berührungspunktes einen knorpeligen Überzug. Dazwischen liegt der Gelenkspalt der mit einer Flüssigkeit gefüllt ist. Umgeben wird das Gelenk durch eine Gelenkkapsel die eine reibungslose Bewegung der beiden Gelenkpartner ermöglicht. Informationen über den Gelenk-Zustand werden dann über ein Nervengeflecht zu den Hauptnerven weitergeleitet. Diese vermitteln dann die Information über das Rückenmark zum Gehirn. Bei der Denervierung werden die schmerzweiterleitenden Nervenäste um die Gelenkkapsel gezielt geschädigt. Diese Nerven haben keinen Einfluss auf die Bewegung der Muskulatur oder der sensiblen Versorgung der Haut. Bei bestimmten Erkrankungen oder Verletzungen können die Facettengelenke Schmerzen verursachen. Dies kann durch Arthrose, Verletzungen, Überbeanspruchung oder degenerative Veränderungen im Zusammenhang mit dem Altern verursacht werden.
Lesen Sie auch: Eingeklemmter Nerv: Ein umfassender Leitfaden
Kryodenervation: Der Prozess
Bei der Kryotherapie handelt es sich um einen leichten und meist ambulant durchgeführten operativen Eingriff, bei dem eine Kältesonde zum betroffenen Nerv geführt wird, um diesen mittels Vereisung über einen längeren Zeitraum zu betäuben. Um den Ursprung des Schmerzes möglichst millimetergenau zu bestimmen, kommen Röntgenbilder sowie Aufnahmen einer Computertomografie (CT) zum Einsatz. Durch eine lokale Betäubung wird anschließend festgestellt, ob es sich tatsächlich um den Bereich handelt, der für die Schmerzen zuständig ist.
Ist der Schmerz lokalisiert, wird die Sonde unter örtlicher Betäubung zum betroffenen Nerv geführt. Aus der Spitze tritt anschließend komprimiertes Gas mit einer Temperatur von rund minus 60 Grad aus. Der Vereisungsprozess dauert nur wenige Minuten. Nach der Schmerztherapie sind Betroffene schmerzfrei. Wie lange die Wirkung anhält, ist jedoch sehr unterschiedlich. Regeneriert sich der Nerv wieder, kehren auch die Schmerzen zurück. Die Kryotherapie kann dann erneut durchgeführt werden. Die Behandlung wird von einigen Krankenkassen erstattet.
Kryodenervation: Die Wirksamkeit
Die Kryodenervation wird als sehr schonend, risikoarm und mit guten Erfolgsaussichten von etwa 70% beschrieben. Ein Nachlassen der Schmerzen erfolgt unmittelbar noch während der Anwendung und führt bei Erfolg zu einer Schmerzreduktion für die nächsten ein bis zwei Jahre.
Kryoneurolyse
Die Kryoneurolyse ist ein sehr wirkungsvolles Instrument in der Behandlung von Neuralgien, Nervenschmerzen und Neuromschmerzen.
Jeder Nerv besteht aus einem Bündel an Axonen. Jedes Axon ist umgeben von einem Bindegewebe- dem Endoneurium. Diese Axone wiederum sind zu Faszikeln zusammgefaßt und vom Perineurium als bindegewebiger Struktur umgeben. Letztendlich bilden mehrere Faszikel zusammen den Nerv und sind mit dem Epineurium als äusserste Schicht umhüllt. Man unterscheidet myelinisierte Nerven, deren Axone mit den Myelinscheiden der Schwannschen Zellen umgeben sind. Myelinisierte Axone leiten die elektrischen Nervenimpulse schneller als die nicht myelinisierten Nerven.
Lesen Sie auch: Symptome und Behandlungsmethoden bei eingeklemmtem Nerv
Nach Seddon und Sunderland unterscheidet man mehrere Schweregrade der Nervenverletzung, die die Verletzung der Nervenanatomie beschreiben und in Relation zur möglichen Regeneration darstellen. Auch wird eine Relation von Kälte und Nervenschädigung darstellbar:
- Die Neuropraxie stellt die geringste Schädigung dar und beschreibt eine Leitungsunterbrechung von kurzer Dauer (eingeschlafene Beine). Sie entspricht einer Kälteexposition von +10°C bis -20° C und ist vollständig reversibel.
- Die Axonotmesis beschreibt den Verlust der Kontinuität des Axons mit Wallerscher Degeneration distal der Verletzung aber mit erhaltenen Hüllstrukturen von Endoneurium, Perineurium und Epineurium. Dies ist ebenfalls vollständig reversibel, die Regeneration dauert jedoch je nach Länge des Nerves bis zu 24 Monate. Die Regeneration von Axon und Myelinscheide findet entlang der Hüllstrukturen statt (ca 1-2 mm/tag). Die Axonotmesis entspricht einer Kälteexposition von -20°C bis -100°C.
- Die Neurotmesis ist nicht mehr reversibel und beschreibt die anatomische Unterbrechung der Axone sowie des Peri- und Epineuriums, auch wenn evtl das Endoneurium noch erhalten bleibt. Dies tritt bei Temperaturen unter -140°C auf. Eine vollständige Transektion der Nerven ist mit Kälte nicht möglich.
Die Kryoneurolyse muß zur Kryoablation abgegerenzt werden, bei der füssiger Stickstoff mit einer temperatur unter -198°C zur Anwendung kommt. Dies ist in der Anwendung an Nerven nur noch historisch von Bedeutung.
Heute nutzen die Kryochirurgischen Apparate entweder Lachgas (Stickoxydul N2O2) oder Kohlendioxid (CO2). Das neueste Gerät verfügt auch über die Möglichkeit mit Hilfe eines "Nervsearchers" die Nervenstrukturen durch elektrische Stimuli zu verifizieren.
Für folgende Indikationen kommt eine Kryoneurolyse in Frage: Occipitalisneuralgie, Trigeminusneuralgie und Facettenschmerzen der Wirbelsäule (HWS/BWS/LWS). Bei Schulterschmerzen spricht die Vereisung des Nervus suprascapularis gut an. Intercostalneuralgien.
Die Technik
Die modernen Kryoanalgesie geht auf Cooper et al. zurück, die 1961 ein Gerät entwickelten, das flüssigen Nitrogen in einem hohlen, an der Spitze isolierten Rohr verwendete und eine Temperatur von -190ºC erreichte. Aktuelle Sonden haben eine Größe von 1,4 bis 2 Millimetern. Die meisten haben einen eingebauten Nervenstimulator zur Lokalisierung des Nervs und einen Thermistor zur Ermittlung der Temperatur an der Spitze.
Lesen Sie auch: Behandlungsmöglichkeiten bei eingeklemmtem Nerv
Die Anwendung von Kälte auf das Gewebe erzeugt einen Leitungsblock, ähnlich der Wirkung von Lokalanästhetika. Langfristige Schmerzlinderung durch das Einfrieren von Nerven tritt auf, weil Eiskristalle eine vaskuläre Schädigung der Vasa nervorum verursachen, die zu einem schweren endoneuralen Ödem führt. Dadurch wird die Nervenstruktur gestört und es kommt zur Waller'schen Degeneration, aber die Myelinscheide und das En-doneurium bleiben intakt.
Weitere Anwendungsbereiche der Kryotherapie
Neben dem Facettensyndrom wird die Kryotherapie auch bei anderen Beschwerden eingesetzt:
- Weitere Einsatzbereiche: Multiple Sklerose sowie Schmerzen im Brustbereich oder am Steißbein. Auch Sehnenreizungen und Trigeminusneuralgien können mit Kältetherapie behandelt werden.
- Rheumatologie: Kältetherapien werden auch als Ganzkörpertherapie vor allem für Rheumapatienten angewendet.
- Dermatologie: Warzen, Dellwarzen, überschießende Narben und andere Gewebe können mittels Vereissung entfernt werden.
- Herzrhythmusstörungen: Kryotherapie kann zur Behandlung von Herzrhythmusstörungen eingesetzt werden, indem diejenigen Zellen im Herzmuskel, die für die Rhythmusstörung verantwortlich sind, durch Vereisung ausgeschaltet werden.
Risiken und Nebenwirkungen
Wie bei jedem medizinischen Eingriff birgt auch die Kryotherapie potenzielle Risiken und Nebenwirkungen. Zu den wichtigsten gehören:
- Erfrierungen: Schon bei oberflächlicher Kälteanwendung von wenigen Minuten kann es zu Erfrierungen kommen, bei denen Gewebe absterben kann.
- Blasenbildung: Im Rahmen der Kryochirurgie kann es im Bereich des abgestorbenen Gewebes zu einer Blasenbildung kommen, die sich öffnen und eine Eintrittspforte für Erreger darstellen kann.
- Wundheilungsstörungen: Diese können vor allem bei Diabetikern auftreten.
Alternativen zur Kryotherapie
Es gibt verschiedene alternative Behandlungsmethoden für Rückenschmerzen, die je nach Ursache und Schweregrad der Beschwerden in Betracht gezogen werden können:
- Konservative Therapien: Medikamentengabe mit nicht steroidalen Antiphlogistika (z.B. Diclofenac oder Ibuprofen) sowie krankengymnastisch-manualtherapeutische Therapie.
- Periradikuläre Therapie (PRT): Hierbei werden Medikamente direkt an eine definierte Nervenwurzel injiziert.
- Orthokin-Therapie: Bei dieser Therapie wird dem Patienten eine kleine Menge Blut entnommen, welches bei Körpertemperatur gelagert und koaguliert, während die Blutzellen entzündungslösende Mediatoren freisetzen. Das resultierende Serum wird dann in das betroffene Gewebe injiziert.
- Weitere Injektionen: Spritzen direkt in Bandscheiben, in Muskeln, Bänder und Gelenke der Wirbelsäule (z.B. in die Wirbelbogengelenke oder in das Iliosakralgelenk).
- Operationen: In schweren Fällen können operative Eingriffe erforderlich sein, um die Ursache der Rückenschmerzen zu beheben.
- Physiotherapie: Die Physiotherapie ist eine weitere wichtige Behandlungsoption, die dazu beitragen kann, die Muskulatur zu stärken, die Beweglichkeit zu verbessern und die Schmerzen zu lindern.
Fazit
Die Kryotherapie ist eine vielversprechende Option zur Behandlung von Rückenschmerzen, insbesondere beim Facettensyndrom. Es ist entscheidend, dass Patienten umfassend über die Erfolgsaussichten, Alternativen und Risiken der Behandlung informiert werden.
Die Entscheidung für oder gegen eine Kryotherapie sollte immer in Absprache mit einem Arzt getroffen werden, der die individuelle Situation des Patienten berücksichtigt und die am besten geeignete Behandlungsstrategie empfiehlt.
tags: #facettensyndrom #kryotherapie #nerv #nicht #getroffen