Die Vorstellung von Psychopathen ist oft von Bildern brutaler Mörder und unberechenbarer Gewalttäter geprägt, wie sie in Hollywood-Filmen dargestellt werden. Doch die Realität ist komplexer und vielschichtiger. Psychopathen sind nicht zwangsläufig verrückt oder kriminell. Tatsächlich finden sich "erfolgreiche Psychopathen" in allen Bereichen des Lebens, insbesondere in Führungspositionen großer Unternehmen und in der Politik. Sie sind skrupellos, charmant und eloquent, was es ihnen ermöglicht, ihre Ziele ohne Rücksicht auf Verluste zu verfolgen. Die Hirnforschung hat erst begonnen, die Ursachen für diese Persönlichkeitsstörung zu erforschen.
Die Entdeckung des eigenen "Psychopathenhirns"
Der Neurowissenschaftler James Fallon von der University of California in Irvine untersuchte jahrelang die Hirnscans von Gewaltverbrechern, um nach Mustern zu suchen, die auf eine potenzielle Gewaltbereitschaft hindeuten könnten. Dabei stieß er auf eine Struktur, die er immer wieder bei als psychopathisch eingestuften Menschen fand: eine geringe Aktivität in Bereichen des präfrontalen Kortex und der Amygdala. Im Jahr 2005, während einer Studie über die Entstehung und den Verlauf der Alzheimer-Krankheit, machte Fallon eine erschreckende Entdeckung. Er stieß auf einen Hirnscan, der das optimale Abbild eines psychopathischen Gehirns darstellte. Da die Scans anonymisiert waren, konnte er den Probanden zunächst nicht identifizieren. Die Auflösung war jedoch schockierend: Der Scan stammte von ihm selbst.
Fallon, der sein Leben lang nicht mit dem Gesetz in Konflikt geraten war und als erfolgreicher Neurowissenschaftler und Akademiker galt, stand vor einem Rätsel. Er fragte sich, wie es sein konnte, dass sein Hirnszintigramm identisch mit dem eines schweren Gewaltverbrechers war. Er suchte Rat bei Psychiatern und Psychologen, die ihm jedoch nicht weiterhelfen konnten, da die Diagnose "Psychopath" in der klinischen Psychologie (laut DSM-IV) nicht existiert. Stattdessen wird oft die Diagnose einer antisozialen Persönlichkeitsstörung gestellt.
Die Hare-Checkliste und die Diagnose Psychopathie
Obwohl der Begriff der Psychopathie in der Psychologie stark diskutiert wird, existiert im psychopathologischen Bereich eine Definition, die von dem kanadischen Kriminalpsychologen Robert Hare aufgestellt wurde. Sie ist in zwei Kerndimensionen und zwei Verhaltensdimensionen unterteilt:
- Interpersonelle Faktoren: Erhöhte Selbstdarstellung, pathologisches Lügen, Manipulation zum persönlichen Vorteil.
- Affektive Faktoren: Mangel an Empathie, Verantwortung und Gewissen.
- Impulsivität: Psychopathischen Personen fehlt häufig ein Ziel im Leben, sie sind stark impulsiv.
- Antisoziales Verhalten: Jugendkriminalität, Verletzung sozialer Normen.
Hare entwickelte die Psychopathy Checklist (PCL-R), die heute weltweit als Goldstandard für die Diagnose von Psychopathie gilt. Der Test besteht aus einem mehrstündigen Interview und der Überprüfung der Lebensgeschichte des Probanden anhand von 20 Unterpunkten, die von oberflächlichem Charme und Impulsivität über ständiges Lügen, Kaltschnäuzigkeit und fehlende Empathie bis zur Jugendkriminalität reichen. Wer in diesen Interviews eine Punktzahl von 30 bis 40 erreicht, gilt als Psychopath. "Aber die Punktzahl 30 ist eine beliebige Festsetzung", gibt Hare zu bedenken. "Was ist mit denen, die 25 - 29 Punkte erreichen? Die sind auch sehr gefährlich." Bis heute ist nicht geklärt, ob Psychopathie eher ein Verhaltensspektrum ist oder eine trennscharfe Kategorie.
Lesen Sie auch: Fallons Forschung zur Psychopathie
Fallon selbst schätzte sich mithilfe der Hare-Checkliste auf 28 Punkte ein, knapp unterhalb der Grenze von 30, ab der jemand im streng klinischen Sinn als Psychopath gilt. Er sah sich als einen Mann an der Schwelle zum Schwerverbrecher.
Familiengeschichte und genetische Veranlagung
Fallon begann, sich intensiver mit seiner Familiengeschichte auseinanderzusetzen und fand heraus, dass es in der Familie väterlicherseits zwei nähere Verwandte gab, die aufgrund eines Mordes verurteilt wurden. Er entdeckte auch, dass die Familie seines Vaters, die Cornells, nicht nur die bekannte Universität gegründet hatte, sondern seit 1673 auch eine ganze Serie von Mordfällen in der Familie aufwies, begangen immer von nahen Verwandten.
Fallon nahm sich die Scans seiner acht Familienmitglieder noch einmal vor und stellte fest, dass fast alle unauffällig waren, bis auf seinen eigenen. Er schickte Blutproben ins Labor und ließ sie auf etwa 20 Genvarianten überprüfen, die unter anderem im Zusammenhang mit Aggression, verminderter Impulskontrolle und fehlender Empathie diskutiert werden. Er hatte sie alle. Kein anderer Verwandter hatte ein ähnliches Profil.
Diese Erkenntnisse brachten Fallon zu der Überzeugung, dass die genetische Veranlagung eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Psychopathie spielt.
Psychosoziale Einflussfaktoren und "erfolgreiche Psychopathen"
Trotz seiner genetischen Veranlagung und der Hirnstruktur eines Psychopathen führte Fallon ein "normales Leben" und wurde nicht kriminell. Er erklärt dies mit seinem positiven sozialen Umfeld und seiner Familie, die ihmVorbilder waren und ihn in kritischen Phasen unterstützten.
Lesen Sie auch: Faszination Nesseltiere: Wie sie ohne Gehirn leben
Robert Hare betont, dass längst nicht jeder Psychopath kriminell wird. Ob sie eine Karriere als Bankräuber oder Bankdirektor machen, hängt von psychosozialen Einflussfaktoren ab. Die Skrupellosigkeit des Betroffenen bleibt, nur die Mittel sind andere. Hare schätzt, dass auf 100 Männer über 18 Jahren ein Psychopath kommt. Die meisten von ihnen sind das, was Hare und seine Kollegen "erfolgreiche Psychopathen" nennen.
"Es gibt keinen Bereich des Lebens, wo Sie vor ihnen sicher sind", sagt Hare. In sozialen Berufen finden sie leicht kontrollierbare Opfer, in den Medien finden sie ein Spielfeld für ihren übersteigerten Selbstwert, in großen Unternehmen und der Politik können sie den Hunger nach Geld, Macht und Einfluss stillen, und neue, noch unregulierte Märkte sind wie ein Magnet für sie. Unter Top-Managern beträgt der Anteil der Psychopathen sogar fast fünf Prozent.
Hare und seine Kollegen arbeiten nun an einem Test, mit dem Personalabteilungen Psychopathen identifizieren können, bevor sie sie einstellen.
Kritik an Fallons Selbstdiagnose
Der Neurowissenschaftler Kent Kiehl von der University of New Mexico äußert sich kritisch über Fallons Selbstdiagnose. Er betont, dass man Psychopathie nicht allein von Scans und Gentests ableiten kann, dazu wisse man zu wenig. Hares aufwendigen PCL-R, der zusätzliche Hinweise liefern könnte, hat Fallon sich nie unterzogen.
Hare selbst hält den "Fall Fallon" für nicht besonders interessant. Er räumt ein, dass Fallon sicher einige psychopathische Verhaltensweisen an den Tag lege, betont aber, dass man Psychopathie nicht allein von Scans und Gentests ableiten kann.
Lesen Sie auch: Lesen Sie mehr über die neuesten Fortschritte in der Neurowissenschaft.
Hirnscans und die Suche nach den Ursachen der Psychopathie
Kiehl, ein Schüler von Robert Hare, setzt dessen Arbeit mit bildgebenden Verfahren wie der funktionellen Magnetresonanztomografie fort. Er hat mehr als 2000 Verbrechergehirne durchleuchtet und dabei festgestellt, dass der Schlüssel zur relativ gefühllosen Welt der Psychopathen ein Defekt im paralimbischen System ist. Dieses hufeisenförmige Gebilde tief im Gehirn umfasst neben der Amygdala auch die Insula, das Cingulum und den orbitofrontalen Cortex. Es färbt unsere Erfahrungen und Wahrnehmungen emotional und legt somit die Grundlage für Empathie, ist aber auch für andere Aufgaben wie zum Beispiel Impulskontrolle und moralische Entscheidungen zuständig. Bei Psychopathen ist dieses System weniger aktiv als bei anderen Menschen.
Eine Studie mit 296 Probanden ergab außerdem, dass große Teile des paralimbischen und des limbischen Systems auch strukturell schwächer waren - die Psychopathen hatten hier weniger graue Substanz. Die strukturellen Unterschiede waren subtil, dafür aber weit verteilt. Dies deute darauf hin, dass große Netzwerke nicht so gut funktionieren und Psychopathie nicht auf ganz bestimmte Läsionen zurückgeführt werden können, schreiben Kiehl und seine Kollegen.
Hare bleibt skeptisch, was die Aussagekraft der bunten Gehirnaufnahmen angeht. Er betont, dass es jeden Monat neue fMRT-Studien gibt, viele im Gegensatz zu Kiehls Projekt nur mit einer Handvoll Probanden. Oft seien die gemessenen Unterschiede minimal, die Schlussfolgerungen daraus aber umso weitreichender. Und selbst wenn die Scans anders aussehen, bleibe die Frage: Was ist Henne, was ist Ei? Und wie viele "normale" Menschen haben eine ähnliche Hirnstruktur, ohne gleich Psychopathen zu sein?
Therapie für gewaltbereite Psychopathen
Der Tübinger Neurowissenschaftler Niels Birbaumer will eine Therapie für gewaltbereite Psychopathen entwickeln. Er ist überzeugt, dass diese lernen können, Angst zu haben und mehr Empathie zu zeigen.
Für seine Studien rekrutierte er in Hochsicherheitsgefängnissen Insassen mit sehr hohen Psychopathie-Werten und trainierte sie, gruselige Bilder auch als solche wahrzunehmen. Mittels der sogenannten Neurofeedback-Methode erhöhten die Testpersonen ihre Fähigkeit zur Selbstkontrolle.
Dieses Ergebnis ist vielversprechend, aber es ist erst ein Anfang. Möglicherweise könnte diese Methode auch bei Menschen mit moderateren psychopathischen Zügen helfen.
tags: #fallon #gehirn #von #jungen #psychopathen