Falsche Erinnerungen: Die trügerische Funktion unseres Gehirns

Unser Gedächtnis ist kein perfekter Speicher, sondern ein dynamischer Prozess, der Erinnerungen konstruiert, verändert und manchmal sogar erfindet. Die Flexibilität und Beeinflussbarkeit unseres Gedächtnisses führen dazu, dass falsche Erinnerungen entstehen können. Diese können so lebhaft und überzeugend sein, dass wir sie für real halten, obwohl sie nie stattgefunden haben. Das Verständnis der Funktionsweise unseres Gehirns bei der Bildung von Erinnerungen ist entscheidend, um die Entstehung falscher Erinnerungen zu erkennen und ihre potenziellen Auswirkungen zu minimieren.

Die Flexibilität des Gedächtnisses

Der englische Psychologe Frederic Bartlett betonte, dass wir uns erinnern, um besser handeln zu können. Unsere Erinnerungen sind keine exakten Kopien der Vergangenheit, sondern Konstruktionen, die von unseren aktuellen Befindlichkeiten, Urteilen und Motiven beeinflusst werden. Die US-amerikanische Psychologin Elizabeth Loftus zeigte in ihren Studien, wie leicht sich Fehler in das Gedächtnis einschleichen können. Schon eine suggestive Frage kann dazu führen, dass Menschen falsche Details in ihre Erinnerungen einbauen.

Das Beispiel des Mannes im blauen Hemd

Loftus erzählte einem jungen Mann eine erfundene Geschichte aus seiner Kindheit: Er habe sich als Fünfjähriger in einem Einkaufszentrum verirrt und sei von einem älteren Mann zurückgebracht worden. Obwohl die Geschichte frei erfunden war, glaubte der Mann bald, sich genau an diesen Tag erinnern zu können, inklusive des blauen Flanellhemdes des freundlichen Helfers. Dieses Experiment verdeutlicht, wie leicht unser Gehirn künstliche Erinnerungen mit lebhaften Details ausschmücken kann.

Recovered-Memory-Therapie und ihre Risiken

In den 1980er-Jahren erlebte die Recovered-Memory-Therapie einen Hype. Therapeuten versuchten, verdrängte Traumata ans Licht zu bringen. Allerdings stellte sich heraus, dass viele dieser vermeintlich freigelegten Erinnerungen auf dem False-Memory-Effekt beruhten. Patienten zogen eine wiederentdeckte Wahrheit über ihre Schmerzen oft der Ungewissheit vor, und Therapeuten deuteten ihre Funde als Erfolg, auch wenn sie diese den eigenen Suggestionen verdankten.

Die Debatte um verdrängte Traumata

Die Debatte um verdrängte Traumata ist komplex. Einerseits versuchen Täter oft, das Leid von Opfern zu bagatellisieren, indem sie es als Erinnerungsfehler abtun. Andererseits ist es möglich, dass ein Missbrauch nicht oder nicht so wie erinnert stattfand. Jeder Fall muss individuell geprüft werden, ohne voreilige Schlüsse zu ziehen.

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Wie falsche Erinnerungen entstehen

Julia Shaw, eine Gedächtnisexpertin, demonstrierte in einer Studie, wie leicht sich falsche Erinnerungen suggerieren lassen. Sie erzählte ihren Probanden von erfundenen Ereignissen aus ihrer Kindheit, die diese nach einigen Sitzungen tatsächlich zu glauben begannen. Dies zeigt, dass unser Gedächtnis nicht wie eine Videokamera funktioniert, sondern Erinnerungen rekonstruiert und dabei verändern kann.

Semantisches und episodisches Gedächtnis

Wenn wir uns erinnern, greifen wir auf zwei unterschiedliche Gedächtnisstränge zurück:

  • Semantisches Gedächtnis: Speichert Fakten, Zahlen und Definitionen.
  • Episodisches Gedächtnis: Speichert Erinnerungen an persönliche Ereignisse.

Nur ein Bruchteil unserer Erfahrungen schafft es ins Gedächtnis. Unser Kurzzeitgedächtnis speichert Erinnerungen nur für etwa 30 Sekunden. Danach wird gelöscht, was nicht wichtig erscheint. Wir müssen also auswählen, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten.

Veränderungsblindheit und Gesichtserkennung

Wir können uns nur eine begrenzte Menge an Informationen merken und fokussieren unsere Aufmerksamkeit auf einen Punkt. Dadurch blenden wir Geschehnisse drumherum aus. Dies wird als Veränderungsblindheit bezeichnet. Auch die Gesichtserkennung ist fehleranfällig. Es fällt uns schwer, neue Gesichter zuverlässig zu merken und Menschen in einem anderen Umfeld wiederzuerkennen.

Memory Conformity und Memory Borrowing

Die zahllosen Informationen und Bilder, die auf uns einströmen, können unser eigenes Erleben überschatten. Dies führt zu "memory conformity", einer Angleichung der Erlebnisse. Man übernimmt fremde Erinnerungen als die eigenen, weil man sich aufwerten oder dazu gehören will. Auch Fotos können falsche Erinnerungen hervorrufen. Legt man Probanden viele Urlaubsfotos mit bekannten Wahrzeichen vor, behaupten einige nach einiger Zeit, diese Orte selbst schon besucht zu haben.

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Die Rolle von Augenzeugen

Auch Augenzeugen sind nicht immer zuverlässig. Sie erinnern sich falsch, haben wesentliche Fakten nicht mitbekommen oder sind durch die Beeinflussung Dritter zu einem falschen Bild der Situation gekommen. Es ist wichtig, suggestive Befragungen zu vermeiden, Zeugen voneinander getrennt zu halten und sich bewusst zu machen, dass es falsche Erinnerungen gibt.

Wie unser Gehirn Erinnerungen manipuliert

Unser autobiografisches Gedächtnis ist lückenhaft, besonders bei frühen Erinnerungen. Das Gehirn versucht, diese Lücken zu füllen. Dabei spielt eine Rolle, wie plausibel eine Erinnerung uns erscheint und wie lange sie zurückliegt. Besonders gut lassen sich Erinnerungen manipulieren, wenn sie mit echten Erlebnissen verknüpft werden.

Der Mandela-Effekt

Der Mandela-Effekt beschreibt das Phänomen, dass sich viele Menschen gemeinsam an Erlebnisse falsch erinnern. Ein bekanntes Beispiel ist der vermeintliche Tod von Nelson Mandela im Gefängnis, obwohl er erst 2013 starb. Auch bei bekannten Zitaten oder Liedtexten kommt es oft zu falschen Erinnerungen.

Die sieben Sünden des Gedächtnisses

Der Psychologe Daniel L. Schacter von der Harvard University hat sieben Fehlleistungen unseres Gehirns identifiziert:

  1. Flüchtigkeit: Erinnerungen verblassen mit der Zeit.
  2. Geistesabwesenheit: Mangelnde Aufmerksamkeit führt dazu, dass Informationen nicht gespeichert werden.
  3. Blockierung: Erinnerungen sind vorhanden, lassen sich aber nicht abrufen.
  4. Fehlattribution: Erinnerungen werden der falschen Zeit, dem falschen Ort oder der falschen Person zugeordnet.
  5. Suggestibilität: Falsche Informationen führen zu falschen Erinnerungen.
  6. Verzerrung: Erinnerungen werden durch aktuelle Gefühle und Wissen verfälscht.
  7. Persistenz: Erinnerungen drängen sich auf und lassen sich nicht unterdrücken.

Fehlattribution und Suggestibilität

Eine Fehlattribution liegt vor, wenn eine Erinnerung der falschen Zeit, dem falschen Ort oder der falschen Person zugeordnet wird. Ein Beispiel ist der Fall des Gedächtnisforschers Donald Thompson, der fälschlicherweise einer Vergewaltigung beschuldigt wurde, weil das Opfer ihn kurz zuvor im Fernsehen gesehen hatte. Bei der Suggestibilität erinnert das Gehirn etwas, das so nicht passiert ist. Die "Lost in the Mall"-Studie von Elizabeth Loftus zeigte, wie leicht sich falsche Erinnerungen an ein verlorenes Kind im Einkaufszentrum einpflanzen lassen.

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Die Auswirkungen veränderter Erinnerungen

Veränderte Erinnerungen wirken sich nicht nur auf das Gedächtnis aus. Probanden, denen eingeredet wurde, ihnen sei als Kind von hartgekochten Eiern schlecht geworden, aßen danach weniger gerne Eier. "Wenn du eine Erinnerung veränderst, verändert sie dich", betont Loftus.

Die Bedeutung von Achtsamkeit und Skepsis

Da unsere Erinnerungen so leicht zu manipulieren sind und sich ständig verändern, ist es wichtig, achtsam und skeptisch zu sein. Wir sollten uns bewusst machen, dass unsere Erinnerungen nicht immer die Realität widerspiegeln und dass wir uns an Dinge erinnern können, die nie passiert sind.

Die Rolle von Weltwissen und Erwartungen

Unsere Erinnerungen im Kurzzeitgedächtnis können durch unser Weltwissen und unsere Erwartungen geformt sein. Eine Studie zeigte, dass Menschen sich oft an Buchstaben richtig erinnerten, obwohl sie falsch herum dargestellt waren. Dies deutet darauf hin, dass unser Gehirn dazu neigt, zu sehen, was wir erwarten zu sehen, anstatt das, was tatsächlich da ist.

Die Erkennung falscher Erinnerungen

Es ist schwierig, zwischen echten und falschen Erinnerungen zu unterscheiden. Julia Shaw wollte herausfinden, ob Menschen in der Lage sind, zu erkennen, wann Studierende von echten und wann von falschen Erinnerungen sprechen. Dies ist besonders wichtig vor Gericht, wo Zeugenaussagen problematisch sein können, weil sich falsche Erinnerungen einschleichen können.

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