Das vestibuläre System spielt eine entscheidende Rolle bei der Aufrechterhaltung des Gleichgewichts. Eine Störung dieses Systems, wie die Neuritis vestibularis, kann zu erheblichem Schwindel und Beeinträchtigungen im Alltag führen. Die Neuritis vestibularis ist eine Entzündung des Nervus vestibularis, der für die Übertragung von Gleichgewichtsinformationen vom Innenohr zum Gehirn verantwortlich ist. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Symptome, Diagnose und Behandlung dieser Erkrankung.
Das vestibuläre System und seine Funktion
Das Gleichgewichtsorgan im Innenohr besteht aus drei Bogengängen (Ductus semicirculares), dem Utriculus (großes Vorhofsäckchen) und dem Sacculus (kleines Vorhofsäckchen). Diese Strukturen sind mit Flüssigkeit gefüllt und mit Sinneszellen ausgestattet. Die drei Bogengänge nehmen Drehbewegungen in allen drei Raumrichtungen wahr, während die Vorhofsäckchen lineare Geschwindigkeitsveränderungen und die Schwerkraft bemerken. Bei einer Vestibulopathie, einer Störung des Gleichgewichtsorgans, kommt es insbesondere bei Bewegungen des Kopfes oder des gesamten Körpers zu Schwindel.
Ursachen der Neuritis vestibularis
Die genaue Ursache der Neuritis vestibularis ist oft unklar, aber es wird vermutet, dass sie durch eine Virusinfektion ausgelöst wird.
Virusinfektionen
Häufig wird die Neuritis vestibularis auf eine Entzündung der Vestibularis-Nerven hinter dem Innenohr durch Herpes-simplex-Viren zurückgeführt. Es wird angenommen, dass die Aktivierung eines Virus, den die meisten Menschen im Körper haben (Herpes-simplex-Virus), zu einer Entzündung des Gleichgewichtsnervs (N. vestibularis) führt. Dies wiederum verursacht eine vorübergehende Störung der Nervensignale zwischen dem Gleichgewichtsorgan im Innenohr und dem Gleichgewichtszentrum im Gehirn.
Andere mögliche Ursachen
Weitere Ursachen für geschädigte Vestibularis-Nerven können aus dem Mittelohr fortgeleitete Infektionen, genetische Faktoren oder gutartige Tumore des Hör- und Gleichgewichtsnervs sein.
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Symptome der Neuritis vestibularis
Die Neuritis vestibularis äußert sich typischerweise durch einen plötzlichen, heftigen und anhaltenden Drehschwindel.
Typische Symptome
Klassischerweise kommt es zu einem Drehschwindel, bei dem sich die Umgebung zu drehen scheint, zu einer Fallneigung in Richtung der betroffenen Seite und Übelkeit, fast immer begleitet von Erbrechen. Unfreiwillige Bewegungen der Augen können sichtbar sein (Nystagmus). Die Augen gleiten dabei zur gesunden Seite hin und springen dann wieder zurück. Die akute Symptomatik dauert selten länger als ein paar Tage, manchmal bis zu ein paar Wochen.
Begleitsymptome
Die Patienten klagen über ein schweres Krankheitsgefühl, es kommt zu einem heftigen, über Tage anhaltenden, Dauerdrehschwindel, zu starker Übelkeit, Erbrechen, Nystagmus und Fallneigung zur betroffenen Seite. Die Intensität des Schwindelgefühls wird durch Lageänderungen und durch rasche Bewegungen noch gesteigert, die Beschwerden bleiben auch in Ruhe bestehen. Das Gehör ist bei der Entzündung des Gleichgewichtsnervs nicht beeinträchtigt.
Diagnose der Neuritis vestibularis
Die Diagnose der Neuritis vestibularis basiert auf der Anamnese, der klinischen Untersuchung und gegebenenfalls apparativen Untersuchungen.
Anamnese und klinische Untersuchung
Die Schilderung der typischen Symptome akuter Schwindel, Übelkeit und Fallneigung zu der betroffenen Seite sind wegweisend für die Diagnose. Es können unwillkürliche Augenbewegungen (Nystagmus) beobachtet werden. Eine körperliche Untersuchung inklusive neurologischer Befunderhebung wird durchgeführt, ebenso eine Untersuchung der Gehörgänge und des Trommelfells. Das Hörvermögen muss bei HNO-Ärzt*innen durch einen Hörtest abgeklärt werden, dort erfolgen auch ggf. weitere Tests. Bei einer Neuritis vestibularis ist das Hörvermögen normal.
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Differentialdiagnose
Andere Ursachen für einen Schwindel müssen ausgeschlossen werden, insbesondere ein Schlaganfall. Dafür sind teilweise zusätzliche Untersuchungen notwendig. Mögliche weitere Ursachen sind:
- Gutartiger Lagerungsschwindel
- Morbus Menière
- Labyrinthitis
- Akustikusneurinom
- Hörsturz
- Verletzungen
- Schwindel durch Medikamente
- Multiple Sklerose
- Migräne
Apparative Diagnostik
Die Leitlinie empfiehlt, wenn beim Kopfimpulstest kein sicherer Befund erhoben werden konnte, die Durchführung einer Elektronystagmographie mit kalorischer Prüfung. In dieser zeigt sich bei einer Neuritis vestibularis eine Un- bzw. Untererregbarkeit des ipsilateralen horizontalen Bogenganges. Finden sich Hinweise auf eine zentrale Genese des Schwindels, so ist eine Bildgebung wie beispielsweise eine MRT-Untersuchung des Schädels oder auch eine Liquorpunktion bei Verdacht auf eine Hirnstammenzephalitis indiziert. Vestibulär evozierte myogene Potenziale (VEMPs) des M. sternocleidomastoideus, die die Sakkulusfunktion überprüfen sind in 30-50% der Fälle pathologisch.
Behandlung der Neuritis vestibularis
Die Behandlung der Neuritis vestibularis zielt darauf ab, die Symptome zu lindern, den Krankheitsverlauf zu verkürzen und bleibende Folgen zu verhindern.
Akuttherapie
In den ersten Tagen kann die Gabe von Antiemetika (Medikamente gegen Übelkeit) und Antiverginosa (Medikamente gegen Schwindel) in Kombination mit Kortison sinnvoll sein. Nur innerhalb der ersten Tage und nur bei schwerer Übelkeit und Erbrechen sollten Antivertiginosa gegeben werden, da sie zur Verzögerung der zentralen Kompensation eines Vestibularausfalls führen. Die kausale Therapie der Neuritis vestibularis erfolgt mittels Glukokortikosteroiden. Eine prospektive, randomisierte, placebokontrollierte Studie konnte hierzu zeigen, dass eine Methylprednisolon Monotherapie zu einer signifikanten Verbesserung der Erholung der peripher vestibulären Funktion führt.
Rehabilitation
Anschließend ist es wichtig, frühzeitig ein Rehabilitationsprogramm zu beginnen:
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- Mobilisierung mit Schulung der Gleichgewichtsfunktion im Stehen und Gehen auf ebenen und unebenen Flächen
- Training der Fähigkeiten zur Blickfixierung
Diese Aktivitäten verursachen zu Beginn erhöhtes Unwohlsein und Müdigkeit, werden aber auf längere Sicht die Symptome reduzieren, die Funktionsfähigkeit verbessern und zu einer schnelleren Heilung beitragen. Manche Patient*innen benötigen eine besondere physiotherapeutische oder gleichgewichtstherapeutische Verlaufskontrolle. Die Experten der Leitlinie betonen, dass die Förderung der zentralen Kompensation durch physikalische Therapie ein wichtiges Therapieprinzip darstellt. Vestibuläre Trainingsprogramme umfassen beispielsweise willkürliche Augenbewegungen und Fixation. Dies trägt zur Verbesserung der gestörten Blickstabilisation bei. Auch aktive Kopfbewegungen zur Neueinrichtung des vestibulookulären Reflexes sind Teile des vestibulären Trainingsprogramms.
Prognose der Neuritis vestibularis
Die Prognose ist im Allgemeinen sehr gut, die meisten Patientinnen erhalten ihren normalen Gleichgewichtssinn zurück. Die Mehrzahl der Patientinnen hat 1-2 Tage starke Beschwerden mit anschließend allmählicher Besserung. Der Boden schwankt, im Kopf dreht’s sich - Schwindel kann viele Gründe haben. Aber oft kann eine Behandlung ihn deutlich abschwächen oder sogar heilen. Die Beschwerden klingen nach 2-4 Wochen langsam ab. Die Patienten benötigen oft 1-2 Monate Zeit, bis sie wieder voll arbeitsfähig sind und eine Beschwerdefreiheit erreicht wird. In 40-50% der Fälle tritt eine vollständige Restitution der Gleichgewichtsfunktion ein. 20-30% der Betroffenen erreichen nur eine partielle Restitution. In der Regel bilden sich die statischen Symptome wie der Spontannystagmus, Schwindel und die Fallneigung zurück, während die dynamischen Funktionsstörungen bestehen bleiben. Bei raschen Kopfbewegungen können z.B. Oszillopsien auftreten.
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