Einleitung
Faszien, lange Zeit im Schatten der muskuloskelettalen Forschung, rücken zunehmend in den Fokus. Neueste Forschungsergebnisse, insbesondere die von Dr. Robert Schleip und seinem Fascia Research Project, legen nahe, dass Faszien eine aktive und wichtige Rolle im Körper spielen. Dieser Artikel beleuchtet die Erkenntnisse von Dr. Schleip und anderen Forschern, um ein umfassendes Verständnis der Faszien und ihrer Verbindung zum Nervensystem zu vermitteln.
Dr. Robert Schleip: Ein Pionier der Faszienforschung
Dr. Robert Schleip ist eine Schlüsselfigur in der Faszienforschung. Als Leiter des Fascia Research Project an der Universität Ulm und Forschungsdirektor der European Rolfing Association hat er maßgeblich dazu beigetragen, das Verständnis von Faszien zu erweitern. Seine Arbeit umfasst experimentelle Forschung, internationale Lehrtätigkeit und die Initiierung des Fascia Research Congress. Durch seine Forschung und sein Engagement hat Dr. Schleip die Faszienforschung zu einem anerkannten Feld in Physiotherapie, Sportwissenschaft und Medizin gemacht.
Die Rolle der Faszien: Mehr als nur eine Hülle
Früher wurden Faszien hauptsächlich als passive Schützhülle für Muskeln, Knochen und Organe betrachtet. Die moderne Forschung zeigt jedoch, dass Faszien weit mehr sind. Sie sind ein dynamisches Netzwerk, das den gesamten Körper durchzieht und eine Vielzahl von Funktionen erfüllt:
- Kraftübertragung: Faszien übertragen die Kraft der Muskeln und spielen eine entscheidende Rolle bei der Bewegung.
- Kommunikation mit dem Nervensystem: Faszien sind reich an Nervenendigungen und Mechanorezeptoren, die Informationen an das Nervensystem weiterleiten.
- Sinnesorgan: Faszien dienen als Sinnesorgan und tragen zur Körperwahrnehmung (Propriozeption) bei.
- Schutz und Stoffaustausch: Faszien schützen die inneren Organe und unterstützen den Stoffaustausch.
- Körperform: Faszien bilden die Grundlage für eine schöne Körperform.
Faszien als Sinnesorgan: Propriozeption und Interozeption
Faszien spielen eine wichtige Rolle bei der Propriozeption, dem "vergessenen sechsten Sinn". Sie sind reich an Mechanorezeptoren, die Informationen über die Position und Bewegung des Körpers im Raum liefern. Diese Informationen sind entscheidend für die Koordination von Bewegungen und die Aufrechterhaltung des Gleichgewichts.
Darüber hinaus spielen Faszien eine Rolle bei der Interozeption, der Wahrnehmung des inneren Zustands des Körpers. Viszerale und kutane Rezeptoren in den Faszien tragen zum Körperbild und zur emotionalen Befindlichkeit bei.
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Die Mechanorezeptoren in den Faszien
Faszien enthalten verschiedene Arten von Mechanorezeptoren, die auf unterschiedliche Arten von mechanischen Reizen reagieren:
- Golgi-Körperchen: Diese Rezeptoren sind empfindlich für Druck und Spannung und spielen eine Rolle bei der Muskelkontrolle und der Schmerzwahrnehmung.
- Pacini-Körperchen: Diese Rezeptoren reagieren auf schnelle Druckveränderungen und Vibrationen und sind wichtig für die Wahrnehmung von Bewegung und Textur.
- Ruffini-Körperchen: Diese Rezeptoren sind empfindlich für Dehnung und anhaltenden Druck und tragen zur Wahrnehmung von Körperposition und -bewegung bei.
- Freie Nervenendigungen: Diese Rezeptoren sind für die Wahrnehmung von Schmerz, Temperatur und Juckreiz verantwortlich.
Der aktive Faszientonus und das vegetative Nervensystem
Faszien können sich unabhängig von den Muskeln anspannen und lösen. Diese Fähigkeit wird durch Myofibroblasten vermittelt, spezielle Bindegewebszellen, die sich zusammenziehen können. Die Aktivität der Myofibroblasten wird vom vegetativen Nervensystem beeinflusst, was eine Verbindung zwischen Faszien und Stressreaktionen des Körpers nahelegt.
Das Tensegrity-Konzept und myofasziale Ketten
Das Tensegrity-Konzept beschreibt die Struktur des Körpers als ein Netzwerk von Zug- und Druckkräften. Faszien spielen eine zentrale Rolle in diesem Netzwerk, da sie die Muskeln und Knochen miteinander verbinden und die Kraftübertragung im Körper ermöglichen. Myofasziale Ketten, wie sie von Thomas Myers beschrieben wurden, sind spezifische Verbindungen von Muskeln und Faszien, die zusammenarbeiten, um bestimmte Bewegungen auszuführen.
Faszientraining: Beweglichkeit und Schmerzfreiheit
Verfilzte oder verklebte Faszien können zu Schmerzen und Bewegungsproblemen führen. Daher ist es wichtig, die Faszien gezielt zu trainieren, um ihre Elastizität und Geschmeidigkeit zu erhalten. Faszientraining umfasst verschiedene Übungen, wie z.B.:
- Dehnübungen: Dehnübungen helfen, die Faszien zu verlängern und ihre Flexibilität zu verbessern. Yoga ist ideales Faszientraining. Im Vergleich zu sanften, aber auch aktiven Yoga-Stilen werden beim Yoga-Faszientraining die Positionen länger gehalten, um Blockierungen in den Energiebahnen zu lösen und die Muskeln und das tiefer liegende Bindegewebe zu dehnen.
- Federnde Bewegungen: Federnde Bewegungen stimulieren die Mechanorezeptoren in den Faszien und verbessern die Körperwahrnehmung.
- Faszienrolle: Die Selbstmassage mit einer Faszienrolle kann helfen, Verklebungen zu lösen und die Durchblutung der Faszien zu verbessern. Die Blackroll hat im Sport und in der Physiotherapie eine enorme Bedeutung erlangt. Bei Verspannungen und Schmerzen kann sie kleine Wunder bewirken. Verkürzte oder verklebte Faszien werden durch Selbstmassagen mit der Rolle wieder lang und geschmeidig, verloren gegangene Beweglichkeit kehrt zurück und chronische Schmerzen verschwinden.
Faszien und Skoliose
Dr. Schleip hat sich in seiner Praxis auch auf die Arbeit mit Skoliosen spezialisiert. Die neuesten Forschungsergebnisse zur Ätiologie der Skoliose können sinnvoll genutzt werden, um Behandlungsansätze zu entwickeln, die auf die spezifischen Bedürfnisse von Menschen mit Skoliose zugeschnitten sind.
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Faszienforschung: Ein Blick in die Zukunft
Die Faszienforschung ist ein dynamisches Feld, das ständig neue Erkenntnisse liefert. Die nächsten Jahre werden uns voraussichtlich zahlreiche unerwartete Einsichten über die komplexen Wirkungsdynamiken des körperweiten Fasziennetzes bescheren. Die Forschung von Dr. Schleip und anderen Wissenschaftlern wird dazu beitragen, unser Verständnis von Faszien weiter zu vertiefen und neue therapeutische Ansätze zu entwickeln.
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