Fatigue-Syndrom nach Schlaganfall: Ursachen und Behandlungsansätze

Ein Schlaganfall kann nicht nur offensichtliche körperliche Beeinträchtigungen wie Lähmungen oder Sprachstörungen verursachen, sondern auch weniger sichtbare Symptome wie das Fatigue-Syndrom. Dieses Erschöpfungssyndrom kann die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen und sich auf alle Lebensbereiche auswirken.

Definition der Fatigue

Der Begriff "Fatigue" stammt aus dem Französischen und bedeutet Müdigkeit. In der Medizin wird Fatigue als ein krankhafter und anhaltender Zustand geistiger und körperlicher Ermüdung und Erschöpfung definiert, der nicht allein durch Anstrengung oder Schlafmangel erklärt werden kann. Betroffene Patientinnen haben Probleme, ihren Alltag zu bewältigen, wobei selbst einfache Tätigkeiten wie Zähneputzen, Kochen oder Einkaufen ein Gefühl der Erschöpfung auslösen. Auch einem Gespräch aufmerksam zu folgen, sich auf die Arbeit zu konzentrieren oder sich einfache Dinge zu merken, kann die Patientinnen überfordern. Typisch für eine Fatigue ist, dass sich die Symptome durch Ruhephasen oder Schlaf nicht deutlich bessern.

Ursachen und Entstehung der Fatigue

Das Erschöpfungssyndrom Fatigue gehört zu den neurologischen Krankheiten. Die genauen Ursachen und die Entstehung sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass verschiedene Faktoren zusammenwirken, darunter:

  • Entzündungsprozesse: Entzündungen im Körper und im Nervensystem können zur Entstehung von Fatigue beitragen.
  • Energiemangel: Starker Gewichtsverlust (Kachexie) kann zu Energiemangel führen und Fatigue verursachen.
  • Blutarmut: Schwankungen des Elektrolythaushalts oder Blutarmut können ebenfalls eine Rolle spielen.
  • Chronische Schmerzen: Anhaltende Schmerzen können den Körper zusätzlich belasten und Fatigue verstärken.
  • Kräfteverlust: Der Kräfteverlust infolge der Grunderkrankung kann ebenfalls zu Fatigue führen.
  • Nebenwirkungen der Therapie: Die Behandlung der Grunderkrankung kann Nebenwirkungen haben, die Fatigue verursachen.
  • Infektionen: Abwehrschwäche und Infektionen können ebenfalls eine Rolle spielen.
  • Psychische Faktoren: Depressive Verstimmungen, Ängste oder Stress können Fatigue verstärken.

Es ist wichtig zu beachten, dass Fatigue nicht immer mit einer Erkrankung oder Therapie einhergehen muss, sondern auch Jahre später auftreten oder anhalten kann.

Primäre und sekundäre Fatigue bei Tumorkrankheiten

Bei Tumorerkrankungen unterscheidet man zwischen primären und sekundären Formen der Fatigue. Die primäre Fatigue wird durch das Tumorgeschehen selbst hervorgerufen, möglicherweise verstärkt durch genetische oder stoffwechselbedingte Faktoren. Die sekundäre Fatigue entsteht durch indirekte Folgen des Tumors und der Tumortherapie, wie Muskelschwund, Abmagerung oder Nebenwirkungen der Behandlung.

Lesen Sie auch: Behandlungsmöglichkeiten bei Fatigue nach Schlaganfall

Symptome der Fatigue

Das Hauptsymptom der Fatigue ist eine über Wochen und Monate andauernde Erschöpfung und Müdigkeit, die sich durch Erholung oder Schlaf nicht relevant bessert. Darüber hinaus berichten Betroffene von folgenden Symptomen:

  • Energiemangel, Schwächegefühl, Schweregefühl in den Gliedmaßen
  • Antriebslosigkeit, es kostet viel Kraft aktiv zu werden
  • Unverhältnismäßig starke Erschöpfung nach Anstrengung
  • Hoher Ruhebedarf, der nicht durch Anstrengung erklärt werden kann
  • Schlaflosigkeit oder vermehrte Schläfrigkeit/Schlafsucht
  • Schlaf erfrischt nicht und bringt kaum Erholung
  • Traurigkeit, Frustration, Gereiztheit
  • Der Alltag kann kaum bewältigt werden
  • Vergesslichkeit: Kurzzeitgedächtnis ist beeinträchtigt
  • Wortfindungsstörungen
  • Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen
  • Sich nach Anstrengungen über Stunden unwohl fühlen

Häufigkeit der Fatigue

Unerklärliche Müdigkeit gehört weltweit zu den häufigsten Gründen, warum sich Menschen in ärztliche Behandlung begeben. Nach chronischen Schmerzen rangiert das Erschöpfungssyndrom Fatigue auf Platz 2 der Beschwerden, die das gesundheitliche Wohlbefinden am meisten einschränken.

  • Fatigue bei Krebs: Zwischen 70 und 90 % der Patient*innen mit einer bösartigen Tumorerkrankung leiden unter Fatigue.
  • Fatigue bei Multipler Sklerose: Je nach Studie sind 58 bis 90 % der Patient*innen betroffen.
  • Fatigue bei Parkinson: Etwa ein Drittel der Parkinson-Patient*innen leiden unter Fatigue.
  • Fatigue nach Corona: Fatigue gehört zu den häufigen Beschwerden von Patient*innen, die nach einer überstandenen Corona-Infektion an Long-COVID oder dem Post-COVID-Syndrom leiden.

Diagnostik bei Müdigkeit und Erschöpfung

Um die Diagnose Fatigue als Begleiterkrankung zu stellen, muss zuvor klar sein, um welche Grunderkrankung es sich handelt. Unerklärliche Müdigkeit und Erschöpfung können auch Vorboten einer schweren Erkrankung wie Krebs oder Multiple Sklerose sein. Wenn keine Grunderkrankung bekannt ist, wird sich die Diagnostik auch darauf konzentrieren, eine solche zu finden.

In der Regel übernimmt ein Facharzt oder eine Fachärztin für Neurologie die Diagnostik. Die Fatigue ist eine Ausschlussdiagnose, das heißt Differenzialdiagnosen, also Erkrankungen, die ähnliche Symptome hervorrufen, müssen ausgeschlossen werden. Mögliche Differenzialdiagnosen zur Fatigue sind:

  • Psychische Erkrankungen, insbesondere Depressionen
  • Nebenwirkungen von Medikamenten
  • Nächtliche Atemaussetzer (Schlafapnoe-Syndrom)
  • Schlafstörungen
  • Mangelernährung
  • Chronische Schmerzen
  • Schilddrüsenerkrankungen

Je nach Vorgeschichte und Einzelfall werden folgende Untersuchungen durchgeführt:

Lesen Sie auch: Diagnose von Fatigue bei MS

  • Fragebogen zur Erfassung der Symptome
  • Tests zur Aufmerksamkeit und Konzentration
  • Belastbarkeitsuntersuchungen
  • Ganganalysen
  • Bewegungstracker zur Erfassung der Aktivität im Tagesverlauf
  • Laboruntersuchungen des Bluts

Behandlung der Fatigue

Ein zentrales Ziel der Therapie bei Fatigue ist es, die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Es gibt kein Medikament gegen Fatigue und keine Behandlung, die allein zur Verbesserung des Erschöpfungszustandes führt. Vielmehr muss für jeden Patienten und jede Patientin ein individuelles Paket unterschiedlicher Behandlungen geschnürt werden. Dabei muss die Grunderkrankung, sei es Krebs, Multiple Sklerose oder Parkinson, immer mit beachtet werden. Das gilt auch für die Therapie der Grunderkrankung, denn bestimmte Medikamente können eine Fatigue hervorrufen.

Aufgrund dieser komplexen Situation sind an der Behandlung einer Fatigue verschiedene Fachleute beteiligt, z. B. Neurologinnen, Onkologinnen, Expertinnen für Psychosomatik, Neuropsychologinnen, Psychotherapeutinnen, Physiotherapeutinnen und Ergotherapeut*innen. Je nach Schwere der Krankheit und der Einschränkungen im Alltag kann die Fatigue ambulant oder im Rahmen einer stationären Rehabilitation behandelt werden. Die stationäre Behandlung findet je nach Grunderkrankung oder Krankheitsbild in einer neurologischen, onkologischen oder psychosomatisch ausgerichteten Rehabilitationseinrichtung statt.

Zur Therapie der Fatigue gehören:

  • Das Krankheitsbild der Fatigue in Schulungen kennenlernen
  • Die medikamentöse Behandlung von Begleitsymptomen der Fatigue, z. B. Schmerzen, Schlafstörungen oder depressiven Verstimmungen
  • Lernen, den Tagesablauf zu strukturieren, um Zeitdruck und Stress zu vermeiden: z.B. Aufgaben nach Wichtigkeit einteilen (priorisieren), Ruhepausen einplanen
  • Sport treiben, angepasstes Ausdauertraining, Muskelkräftigung
  • Kognitives Training („Gehirnjogging“), wie z. B. Gedächtnisübungen, Konzentrationstraining
  • Mit psychologischer Unterstützung lernen, von sich nicht mehr zu verlangen, als man derzeit leisten kann
  • Ergotherapie, z. B. Kunsttherapie oder Musiktherapie
  • Balance zwischen Aktivität und Entspannung finden, z. B. mithilfe von Yoga, Qi Gong oder ähnlichem
  • Lichttherapie mit Lampen, die ein sehr helles, weißes Tageslicht ausstrahlen und so die Zirbeldrüse, die im Gehirn den Schlaf-Wach-Rhythmus reguliert, aktivieren

Besonderheiten der Fatigue-Behandlung bei bestimmten Grunderkrankungen

  • Multiple Sklerose: Die Kombination von Ausdauertraining mit Krafttraining wird ausdrücklich empfohlen. Zusätzlich sollten bei Bedarf kühlende Maßnahmen (z. B. Kühlkleidung) eingesetzt werden, um der Verschlechterung der Fatigue bei Multipler Sklerose durch Wärme (Uhthoff-Phänomen) entgegenzuwirken.
  • Parkinson: Um Fatigue-Symptome bei Parkinson-Patient*innen zu lindern, sollte die medikamentöse Behandlung der Grunderkrankung optimiert werden.

Was Patient*innen selbst tun können

Als Patient*in können Sie die Therapie bei Fatigue aktiv unterstützen:

  • Ernähren Sie sich gesund.
  • Achten Sie auf genügend Schlaf.
  • Reduzieren Sie konsequent Stressfaktoren in Ihrem Alltag.
  • Falls bei Ihnen ein Mangel an Vitaminen, Mineralstoffen, Spurenelementen oder essenziellen Fettsäuren festgestellt wurde, sollten Sie auf ärztlichen Rat ihre Ernährung umstellen und/oder entsprechende Nahrungsergänzungsmittel einnehmen.
  • Sprechen Sie mit Ihrer Familie, Freunden und Berufskolleg*innen über das Fatigue-Syndrom. Erklären Sie, warum Sie manche Dinge langsamer angehen oder warum Sie mehr Pausen brauchen.
  • Ein angepasster Tagesablauf, der Sie weder über- noch unterfordert, trägt dazu bei, die Fatigue allmählich zu bessern. Wenn Ihr Umfeld Sie versteht und Sie unterstützt, kann Ihnen das sehr helfen.

Medikamentöse Behandlung

In der Vergangenheit wurde eine Vielzahl von Wirkstoffen und Nahrungsergänzungsmitteln zur Behandlung der Fatigue ausprobiert - leider konnte keines in Studien wirklich überzeugen, so dass für kein Mittel eine generelle Empfehlung ausgesprochen werden kann. Gegen einzelne Symptome, bzw. bei Mangelzuständen oder Stoffwechselstörungen, ist jedoch die gezielte medikamentöse Behandlung natürlich notwendig und sinnvoll.

Lesen Sie auch: Behandlungsmöglichkeiten bei Parkinson-Fatigue

  • Blutarmut (Anämie): Bluttransfusionen oder Erythropoetin (EPO) können bei Fatigue durch Anämie helfen.
  • Hormonelle Störungen: Schilddrüsen- oder Nebennierenprobleme, die Fatigue verursachen, können medikamentös behandelt werden.
  • Antidepressiva: Bei Fatigue in Verbindung mit Depressionen können Antidepressiva helfen, jedoch ist ihre Wirksamkeit bei Fatigue nicht eindeutig belegt.
  • Methylphenidat: Ein Aufmerksamkeitssteigernder Wirkstoff, der bei ADHS eingesetzt wird.
  • Ginseng: In mehreren Studien mit Krebspatient*innen konnte nachgewiesen werden, dass Ginseng wirksam gegen die Erschöpfungszustände ist.

Nicht-medikamentöse Therapie

Im Zentrum der Behandlung stehen jedoch die nicht medikamentösen Behandlungen.

  • Bewegungstherapie: Regelmäßige körperliche Aktivität steigert Fitness und Muskelmasse. Als wirksam hat sich ein Ausdauertraining von 2-3-mal pro Woche und Krafttraining von 1-2-mal pro Woche erwiesen.
  • Mind Body Therapien: Yoga, QiGong, Achtsamkeitstraining wie z.B. Entspannungstraining
  • Ergotherapie: Hier stehen vordergründig Energiesparstrategien.
  • Lichttherapie: Bei der Lichttherapie soll durch künstliches helles Licht, mit einem ähnlichen Farbspektrum wie natürliches Sonnenlicht, die Ausschüttung körpereigener Botenstoffe aus der Zirbeldrüse stimuliert werden. Hierdurch sollen die „innere Uhr“ des Schlaf-Wach-Rhythmus wieder justiert, Schlafstörungen dadurch bekämpft und depressive Begleitsymptome gelindert werden.
  • Pacing: Bewusste Einteilung der verfügbaren Energiereserven, um Überlastung und Verschlechterungen zu vermeiden.
  • Psychotherapie: Besonders die kognitive Verhaltens­therapie hat sich dabei bewährt. Sie unterstützt Betroffene dabei, Stress­bewältigungs­strategien zu entwickeln, den Umgang mit anhaltender Erschöpfung zu verbessern und emotionale Belastungen zu reduzieren.

Fatigue vs. ME/CFS

Unter dem Überbegriff "Chronische Fatigue" werden länger anhaltende krankhafte Erschöpfungszustände zusammengefasst, die große Überschneidungen, aber in Details auch unterschiedliche Ursachen, Symptomausprägungen und Therapiebedürfnisse haben. Heutzutage lassen sich diese vermutlich eigenständigen Krankheiten leider noch nicht sicher anhand von Laboruntersuchungen diagnostizieren und unterscheiden, so dass von Experten - in Ermangelung anderer Messmethoden - klinische Kriterien erarbeitet wurden, mit denen man hofft, die unterschiedlichen Fatigue-Formen, wie zum Beispiel die ME/CFS voneinander abzugrenzen.

Das Myalgische Enzephalomyelitis/Chronische Fatigue-Syndrom (ME/CFS) ist eine eigen­ständig diagnostizier­bare Erkrankung nach ICD. Von ME/CFS spricht man, wenn die Fatigue länger als sechs Monate anhält, mit einer deutlichen Ein­schränkung der Belast­barkeit einhergeht und nicht durch Ruhe oder Schlaf gebessert wird. Entscheidend für die Diagnose ist zudem das Vorliegen von post-exertional malaise (PEM), also einer Symptom­ver­schlechterung nach körperlicher oder geistiger Anstrengung.

Leben mit Fatigue

Das Leben mit Fatigue-Syndrom kann eine große Herausforderung sein, doch es gibt Möglichkeiten, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern. Regelmäßige Arztbesuche und individuell angepasste Behandlungspläne sind essenziell, um die bestmögliche Unterstützung zu erhalten. Der Austausch mit anderen Betroffenen kann ebenfalls hilfreich sein, um Erfahrungen zu teilen und sich gegenseitig zu unterstützen. Selbsthilfegruppen und Online-Ressourcen bieten wertvolle Informationen und Unterstützung, die den Umgang mit der Erkrankung erleichtern können. Mit der richtigen Hilfe und einem gezielten Management können viele Patienten lernen, besser mit dem Fatigue-Syndrom umzugehen und ihre Lebensqualität zu steigern.

Aktuelle Forschung

Die aktuelle Studie des Institute of Medicine (2015) bestätigt, dass ME/CFS eine komplexe multisystemische Erkrankung ist, bei der Entzündungsprozesse und Stoffwechselstörungen eine Schlüsselrolle spielen. Deutsche Forschende der Charité Berlin untersuchten kürzlich mitochondriale Dysfunktionen und fanden Hinweise auf gestörte Energieproduktion in Muskelzellen bei Betroffenen. Eine im Journal of Clinical Medicine publizierte Arbeit (2024) zeigt, dass bestimmte Immunmarker wie TNF-α und IL-6 nicht nur mit Fatigue-Symptomen korrelieren, sondern auch als Verlaufsparameter genutzt werden könnten.

Ein internationales Konsortium unter Beteiligung der Universität Marburg hat 2023 diagnostische Kriterien verfeinert, die besonders auf postexertionelle Malaise (PEM) abzielen - ein zentrales, oft vernachlässigtes Symptom. Ergänzend dazu entwickelte das Team um Prof. Carmen Scheibenbogen an der Berliner Charité einen Biomarker-Test, der Störungen im autonomen Nervensystem über Herzfrequenzvariabilitätsmessungen erfasst.

In der Pharmakotherapie zeigt der Wirkstoff Rintatolimod (ein Immunmodulator) in Phase-III-Studien vielversprechende Effekte gegen Fatigue-Spitzen. Gleichzeitig warnen Psycholog:innen der Universität Freiburg in einer Metaanalyse vor risikoreichen Therapien wie unkontrollierter Bewegungstherapie, die PEM verstärken kann. Stattdessen setzen Kliniken wie die Berliner Charité auf pacing-basierte Strategien, die Aktivitäten an den individuellen Energiehaushalt anpassen.

tags: #fatigue #syndrom #nach #schlaganfall