Einführung
Die Feinmotorik, also die präzise Steuerung kleiner Muskelgruppen, insbesondere in Händen und Fingern, ist essenziell für viele alltägliche Aktivitäten. Neurologische Erkrankungen wie Schlaganfall, Parkinson oder Multiple Sklerose können diese Fähigkeiten beeinträchtigen. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über Feinmotorik-Übungen in der Neurologie, ihre Bedeutung, Anwendungsbereiche und spezifische Übungsbeispiele. Ziel ist es, sowohl Betroffenen als auch Therapeuten ein fundiertes Verständnis und praktische Anleitungen zu vermitteln.
Was ist Feinmotorik?
Die Feinmotorik umfasst die gezielte Bewegung und Koordination einzelner Körperteile, insbesondere der Finger und Zehen. Sie ist eine wichtige Voraussetzung für handwerkliche Aktivitäten wie Basteln, Zeichnen oder Schreiben und beschäftigt sich hauptsächlich mit der Kontrolle der Handmuskulatur sowie mit Geschicklichkeit und Fingerfertigkeit. Im Gegensatz dazu steht die Grobmotorik, die gröbere Bewegungen größerer Muskelgruppen wie Arme, Beine und Füße koordiniert. Die Feinmotorik entwickelt sich in der Regel nach der Grobmotorik.
Bedeutung der Feinmotorik in der Neurologie
Bei neurologischen Beschwerden, beispielsweise infolge einer Amyloidose mit Polyneuropathie, ist ein Training der Muskelkoordination in den Händen und Füßen von großer Bedeutung. Gezielte Übungen können helfen, die Beweglichkeit zu verbessern und die Selbstständigkeit im Alltag zu erhalten oder wiederzuerlangen. Die Neuroplastizität des Gehirns ermöglicht es, dass durch intensives Training die Repräsentation der geübten Funktion im Gehirn gestärkt wird.
Anwendungsbereiche des Feinmotoriktrainings
Das Training der Feinmotorik wird primär angewandt, um Kinder mit Entwicklungsrückständen und -störungen zu behandeln. Des Weiteren profitieren Patient:innen nach operativen Eingriffen oder bei neurologischen Verletzungen und Erkrankungen, wie zum Beispiel Parkinson oder Schlaganfall, von diesem Training. Es zielt darauf ab, die Handmuskulatur besser zu kontrollieren, Gegenstände richtig zu benutzen sowie über ein gewisses Maß an Geschicklichkeit zu verfügen. Auch bei Polyneuropathie, einer Schädigung der Nerven, bei der die Reizweiterleitung gestört ist, kann Feinmotoriktraining helfen.
Ursachen für Feinmotorikstörungen
Die Gründe für eine verzögerte Entwicklung oder Störung der Feinmotorik können vielfältig sein:
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- Neurologische Erkrankungen: Schlaganfall, Parkinson, Multiple Sklerose, Hirntumoren
- Entwicklungsstörungen: Motorische Entwicklungsstörungen bei Kindern
- Polyneuropathie: Schädigung der peripheren Nerven
- Falsche Sitzhaltung: Kann die Entwicklung der Feinmotorik beeinträchtigen
- Beeinträchtigung der Sinnesorgane: Gestörtes Gehör oder Sehvermögen
Diagnostik von Feinmotorikstörungen
Die Behandlung beginnt mit einem ausführlichen Gespräch und einer Untersuchung bzw. einer Reihe spezifischer Tests, um die Stärken und Schwächen der Patient:innen feststellen zu können. Ergotherapeuten und andere Fachkräfte können eine gezielte Diagnose stellen und die Symptome behandeln.
Tests und Beurteilung
- Bein-Koordination:
- Im Liegen werden die Beine mit rechtwinklig angewinkelten Knien gehalten.
- Ein Bein wird abgelegt, das andere Bein wird bei geschlossenen Augen mit der Ferse auf die Kniescheibe geführt und am Schienbein entlang bis zum Knöchel geführt.
- Beurteilung: Ataxie, Tremor, Dysmetrie, Athetose?
- Finger-Nase-Test:
- Der Patient zielt mit seinem Zeigefinger auf den Zeigefinger des Untersuchers, der diesen in verschiedene Positionen bewegt.
- Der Patient senkt seinen senkrecht nach oben gehobenen Arm mit gestrecktem Zeigefinger bis zum Erreichen des Zeigefingers des Arztes an dessen horizontal gehaltenem Arm.
- Diadochokinese:
- "Händedrehen": Klatschen mit wechselnder Pronation/Supinationsbewegung der Hand auf die flache Hand der Gegenseite.
- Drehbewegungen mit den Händen (Glühbirnen einschrauben).
- Fingertippen: Tippen einzelner Finger auf die Unterlage.
- Wechselndes Berühren der Finger II-IV gegen den Daumen.
- Virtuell mit den Fingern in der Luft Klavierspielen lassen.
- Fuß-Tippen: Patient soll im Sitzen mit der Ferse rasch hintereinander auf den Fußboden klopfen.
- Selbe Position, Durchführung mit der Fußspitze.
- Beurteilung: Eudiadochokinese? Bradydiadochokinese?
- Rebound-Phänomen:
- Kräftige Beugung des Arms durch den Patienten gegen Widerstand des Untersuchers, der diesen am Handgelenk hält.
- Der Untersucher lässt den Arm plötzlich los.
- Die Beugebewegung wird normalerweise unwillkürlich rasch gebremst.
Kinematische Analyse
Eine kinematische Analyse mit einem speziell für diesen Zweck konzipierten elektronischen Stift ermöglicht es, den Schreibprozess detailliert zu analysieren. Der Klient schreibt dabei ganz normal auf einem Stück Papier, die Bewegungen werden aber elektronisch erfasst und analysiert.
Fragebögen und Protokolle
- DASH (Disabilities of the Arm, Shoulder and Hand): Fragebogen zur Erfassung von Beeinträchtigungen der oberen Extremitäten.
- COPM (Canadian Occupational Performance Measure): Ein Instrument zur Erfassung der subjektiven Leistungsfähigkeit und Zufriedenheit bei alltagsrelevanten Aktivitäten. Hierbei werden die für den Patienten wichtigen Aktivitäten identifiziert und hinsichtlich ihrer Ausführung und Zufriedenheit bewertet.
Therapie und Übungen
Basierend auf der Diagnose wird ein individueller Behandlungsplan von den Therapierenden erarbeitet, der auf die persönlichen Bedürfnisse, Wünsche und Ziele der Betroffenen abgestimmt ist. Der Therapieplan beinhaltet verschiedenste Aktivitäten und Übungen.
Allgemeine Prinzipien
- Alltagsorientierung: Das Training sollte sich an den Aktivitäten orientieren, die dem Patienten im Alltag Probleme bereiten.
- Aufgabenorientiertes Training: Die Aktivitäten werden genau aufgedröselt, um zu analysieren, welche Funktionen limitierend sind.
- Steigerung: Die Übungen werden schrittweise gesteigert, um die Fähigkeiten kontinuierlich zu verbessern.
- Wiederholung: Die Übungen sollten regelmäßig wiederholt werden (5- bis 15-mal oder für 10 bis 60 Sekunden).
- Abwechslung: Der Untergrund und die Übungen können variiert werden, um das Gleichgewicht und die Koordination zu fördern.
- Motivation: Positive Erlebnisse und Bestätigung sind wichtig, um die Motivation aufrechtzuerhalten.
- Integration in den Alltag: Alltägliche Aufgaben sollten weiterhin selbstständig ausgeführt werden, um die Feinmotorik zu trainieren.
Übungsbeispiele
Hand- und Fingerübungen
- Zielbewegungen: Mit einem Kugelschreiber vorgegebene Punkte unterschiedlicher Größe der Reihe nach von links nach rechts antippen.
- Tippen: Nacheinander mit den Fingern auf den Tisch tippen, dabei mit dem Daumen beginnen.
- Münzen umdrehen: Eine Münze zwischen Daumen und Fingern der betroffenen Hand halten und drehen.
- Labyrinth: Mit einem Kugelschreiber zügig ein vorgedrucktes Labyrinth nachzeichnen, ohne dabei die Labyrinthlinie zu überqueren.
- Schrauben: Muttern auf Schrauben drehen und wieder abdrehen, wobei nur mit der betroffenen Hand gedreht werden darf.
- Ball zwischen den Fingern drehen: Einen Ball zwischen den Fingern kreisen lassen.
- Kneten: Knetmasse formen und bearbeiten.
- Auffädeln von Perlen: Perlen auf eine Schnur auffädeln.
- Weben: Einfache Webmuster erstellen.
- Puzzeln: Puzzles zusammensetzen.
- Stab- und Steckspiele: Mit Stäben und Steckelementen spielen.
- Klavierspielen (virtuell): In der Luft Klavierspielen.
- Händedrehen: Klatschen mit wechselnder Pronation/Supinationsbewegung der Hand auf die flache Hand der Gegenseite.
- Drehbewegungen mit den Händen: Bewegungen wie beim Glühbirnen einschrauben ausführen.
- Fingertippen: Tippen einzelner Finger auf die Unterlage.
- Wechselndes Berühren der Finger II-IV gegen den Daumen.
Armübungen
- Wischübungen: Helfen dabei, die Bewegung in allen Gelenken der oberen Extremitäten anzubahnen, zu schulen, ausdauernder und kräftiger zu machen.
- Arme in Bewegung gegen die Schwerkraft: Erste physiologische Bewegungen auch gegen die Schwerkraft vollführen.
- Prellball: Einen Prellball in Pronation prellen und dann in Supination fangen.
Fußübungen
- Fuß-Tippen: Patient soll im Sitzen mit der Ferse rasch hintereinander auf den Fußboden klopfen.
- Fußspitzen-Tippen: Selbe Position, Durchführung mit der Fußspitze.
- Zehenbewegungen: Gezielte Bewegungen der Zehen, z.B. Zehen krallen, Zehen spreizen.
- Fußkreisen: Füße im Sprunggelenk kreisen.
Übungen im Alltag integrieren
- Sicherer Stand, Einbeinstand oder Fußkreisen beim Zähneputzen.
- Training auf unebenen Untergründen wie Wiesen, Sand oder Kieselsteinen.
- Alltäglichen Aufgaben wie Kochen, Essen mit Besteck, Betten machen, etwas aufschrauben oder Bügeln.
Spezifische Übungen nach Schlaganfall
- Forced Use Training: Training der von einer neurologischen Erkrankung betroffenen Seite.
Hilfsmittel
- Igelball: Für Massage und Stimulation der Handflächen und Fußsohlen.
- Therapieknete: Zum Trainieren der Handkraft und Feinmotorik.
- Elektronischer Stift: Für kinematische Analysen des Schreibprozesses.
Ergotherapeutische Behandlungen
Für ergotherapeutische Behandlungen zur Verbesserung der Feinmotorik gibt es viele Möglichkeiten. Dazu gehört das Spielen mit Lego oder Schrauben mit einem Schraubenzieher.
Feinmotorik bei Kindern
Entwicklung der Feinmotorik
Kinder starten in der Regel schon im Babyalter von selbst mit dem Erlernen von feinmotorischen Fähigkeiten. Ab dem Alter von ca. drei Jahren starten Kinder dann auch mit dem Malen und Zeichnen. Für eine gute Feinmotorik und Grafomotorik benötigt Ihr Kind bestimmte Fähigkeiten. Dazu zählen räumliche Wahrnehmung, Sitzhaltung, Stifthaltung, Kraftdosierung, Handwahrnehmung und vieles mehr. Motorik und Wahrnehmung müssen gut zusammenspielen um Schreiben zu lernen. Genauso muss ein Kind eine differenzierte Feinmotorik entwickelt haben um diese komplexe Leistung zu erlernen.
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Förderung der Feinmotorik bei Kindern
- Spielen: Spielen fördert die Feinmotorik auf natürliche Weise.
- Basteln mit Schere und Papier.
- Malen.
- Formen von Knetmasse oder Backen.
- Auffädeln von Perlen.
- Weben.
- Puzzeln.
- Einfache Stab- und Steckspiele.
- Großformatiges Schreiben auf einer großzügig ausgelegten Fläche.
- Buchstaben mit dem Finger schreiben.
Schreibprobleme bei Kindern
Immer mehr Kinder haben Probleme mit ihrer Handschrift. Die Gründe für die Schreibprobleme der Kinder sind ebenso vielfältig wie individuell. Es ist hilfreich, den Kindern und ihrer Schrift zunächst mehr Raum zur Entfaltung zu geben. Durch ein großformatiges Schreiben auf einer großzügig ausgelegten Fläche haben sie dann mehr Platz für ihre Buchstaben. Oft hilft es auch, die Buchstaben mit dem Finger zu schreiben. Kinder suchen und brauchen in erster Linie Bestätigung. Es ist also in der Regel eher kontraproduktiv, insbesondere Kleinkindern ständig ihre Fehler vorzuhalten und sie damit unter Druck zu setzen. Vielmehr brauchen vor allem kleinere Kinder positive Erlebnisse beim Schreiben.
Grafomotorik und Schreibmotorik
Die Grafomotorik kann als Teil der Feinmotorik verstanden werden. Grafomotorik definiert die technischen, motorischen Abläufe, die Kinder oder auch Erwachsene zum Schreiben, Malen oder Zeichnen brauchen. Vereinfacht gesagt bedeutet Grafomotorik, einen Stift auf die richtige Weise zu halten und damit eine differenziert, rhythmische Schreibbewegung auszuführen. Bei der Schreibmotorik steht der für das Schreiben günstige Bewegungsablauf im Vordergrund. Wichtigstes Ziel der Schreibmotorik ist eine lesbare, effiziente und flüssige Schreibschrift.
Rehabilitation nach Schlaganfall
Nach einem Schlaganfall können gespeicherte Informationen und selbst die einfachsten Bewegungsabläufe durch die Verletzung der entsprechenden Gehirnareale ausgelöscht werden, sodass man sie wieder neu erlernen muss. Für die betroffenen Personen sind rehabilitative Maßnahmen für eine erfolgreiche Erholung entscheidend, denn in den ersten Stunden und Tagen ist das Gehirn am besten in der Lage, die Funktionen des betroffenen Gewebes wiederzuerlangen. Wird ein Schlaganfall schnell behandelt, bestehen große Chancen auf Ausgleich der Symptome. Daher beginnt die Rehabilitation meist schon sofort nach der Diagnose. Durch motorische Rehabilitationsmaßnahmen können die Symptome oft ausgeglichen werden.
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