Ein Schlaganfall kann das Leben eines Menschen grundlegend verändern und vielfältige Einschränkungen mit sich bringen. Neben Lähmungen und Sprachstörungen sind häufig auch Probleme mit der Feinmotorik eine gravierende Folge. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über Feinmotorik-Übungen nach einem Schlaganfall, um Betroffenen und ihren Angehörigen eine fundierte Grundlage für die Rehabilitation zu bieten.
Sensomotorische Störungen nach Schlaganfall
Das Zusammenspiel von Wahrnehmung (Sensorik) und Bewegung (Motorik) wird als Sensomotorik bezeichnet. Sensomotorische Störungen können nach einem Schlaganfall auftreten und sich in Form von Lähmungen, Schwierigkeiten in der Grobmotorik, Problemen mit der Feinmotorik oder Koordinationsschwäche äußern. Die Rehabilitation dieser Störungen ist ein zentraler Bestandteil der Therapie nach einem Schlaganfall.
Ziele der Rehabilitation
Die Rehabilitation sensomotorischer Störungen nach einem Schlaganfall ist ein individueller Prozess. Die Ziele sind von Patient zu Patient unterschiedlich und hängen von den spezifischen Einschränkungen und den persönlichen Wünschen ab. Es ist wichtig, dass das medizinische Fachpersonal die Betroffenen umfassend über die durch den Schlaganfall verursachten sensomotorischen Einschränkungen informiert. Gemeinsam mit den Betroffenen wird erörtert, welche körperlichen Funktionen sie wiedererlangen möchten und was aus medizinischer Sicht erreichbar ist. Auf dieser Grundlage werden realistische Ziele und eine bedarfsgerechte Therapie festgelegt.
Es ist wichtig zu verstehen, dass nicht alle Schlaganfall-Betroffenen die gleichen Verbesserungen erzielen können. Die erreichbaren Ziele hängen von verschiedenen Faktoren ab, insbesondere von den entstandenen Schäden am Gehirn. Dabei spielen die Größe der Schäden und die individuelle Kombination der beschädigten Hirnbereiche eine entscheidende Rolle. Trotzdem ist das Gehirn in den meisten Fällen lernfähig, sodass Verbesserungen möglich sind.
Motivation, eine gute Information über den Therapieprozess und ein unterstützendes soziales Umfeld tragen wesentlich zum Erfolg der Rehabilitation sensomotorischer Störungen bei. Rehabilitation kann mühsam sein, daher ist es hilfreich zu wissen, warum man eine bestimmte Übung macht.
Lesen Sie auch: Leitfaden für Feinmotorik-Übungen bei Parkinson
Neuroplastizität als Schlüssel zur Rehabilitation
Die Neuroplastizität spielt eine zentrale Rolle bei der Rehabilitation von Schlaganfall-Betroffenen. Unser Gehirn besteht aus Nervenzellen, die miteinander verbunden sind und für bestimmte Funktionen zuständig sind. Bei einer Schädigung des Gehirns, beispielsweise durch einen Schlaganfall, werden diese Verbindungen zerstört, und die Funktion geht verloren. Das Gehirn besitzt jedoch die Fähigkeit, neue Netzwerke zu bilden, die diese Aufgaben übernehmen. Diese Fähigkeit wird als Neuroplastizität bezeichnet und ist nach einer Hirnschädigung für etwa drei Monate erhöht.
Es gibt Ansätze, die Neuroplastizität durch nicht-invasive Hirnstimulation oder bestimmte Medikamente zu fördern. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse sind jedoch noch nicht ausreichend, sodass man sich aktuell nicht zu viel erhoffen sollte. Eine speziell auf die Betroffenen abgestimmte und ausreichend intensive Therapie ist weiterhin der wichtigste Faktor für eine erfolgreiche Rehabilitation.
Je nach Zustand des Patienten sollte die sensomotorische Rehabilitation bereits wenige Tage nach dem Schlaganfall beginnen. In den ersten Monaten sollte intensiv an der Wiederherstellung verlorengegangener Funktionen gearbeitet werden, häufig stationär in einer Reha-Klinik. Dabei sind verschiedene therapeutische Fachrichtungen wie Physio- und Ergotherapie, Logopädie und Neuropsychologie beteiligt. Die Abstimmung des therapeutischen Fachpersonals ist wichtig, damit alle am gleichen Ziel arbeiten.
Die Rehabilitation sensomotorischer Störungen ist nicht mit dem Aufenthalt in der Reha-Klinik abgeschlossen. Stattdessen ist eine kontinuierliche Sicht auf die Rehabilitation erforderlich, da viele Betroffene längerfristig auf Therapien angewiesen sind, beispielsweise in Form von Intensivphasen oder ambulanten Therapiestunden. Im Idealfall stimmen die ambulanten Therapeuten ihre Behandlung aufeinander ab.
Die Einbeziehung der Angehörigen von Schlaganfall-Betroffenen in die Rehabilitation ist ebenfalls von großer Bedeutung, da sie im Alltag wichtige Hilfe leisten und ein gutes Wissen über die Erkrankung und die erworbenen Behinderungen benötigen.
Lesen Sie auch: Umfassender Leitfaden zur Feinmotorik
Ergotherapie: Ein wichtiger Baustein der Rehabilitation
Ein schneller Beginn der Ergotherapie ist wichtig für den weiteren Weg in ein möglichst selbstbestimmtes Leben nach einem Schlaganfall. Die Ergotherapie beginnt idealerweise bereits auf der Stroke Unit.
Die Einschränkungen nach einem Schlaganfall können vielfältig sein. Sprach-, Gleichgewichts-, Konzentrations- oder Feinmotorikstörungen sind ebenso häufig wie Lähmungen und Störungen der Sensibilität. Einfache ergotherapeutische Übungen können helfen, Lebensqualität zurückzugewinnen.
Ziele der Ergotherapie
Ergotherapie zielt in erster Linie darauf ab, die motorisch-funktionellen Tätigkeiten wieder zu erlernen und Bewegungen durch eine geschulte Wahrnehmung richtig auszuführen. Ergotherapeuten begleiten ihre Patienten im Alltag, führen und lenken sie bei bestimmten Handlungen und unterstützen sie durch engen Körperkontakt, eine Bewegung bewusst zu spüren und richtig auszuführen.
Zentrale Bestandteile der Ergotherapie nach einem Schlaganfall sind das Setzen von für den Patienten relevanten Zielen sowie die Anpassung der unmittelbaren Umwelt, also des Wohn- und gegebenenfalls des Arbeitsbereiches. Der Ergotherapeut arbeitet eng mit dem Betroffenen zusammen, um die Auswirkungen der körperlichen Defizite auf dessen Lebensalltag genau beurteilen zu können und gemäß der Erkenntnisse die richtigen Übungen auszuwählen. Dabei werden Motorik, Koordinationsfähigkeiten und Sinnesempfindungen ebenso analysiert wie die optische und körperliche Wahrnehmung.
Konkrete Ziele einer Ergotherapie nach einem Schlaganfall sind:
Lesen Sie auch: Linke Gehirnhälfte: Einfluss auf Motorik
- Sich zu Hause zurechtfinden
- Gewisse Tätigkeiten allmählich wieder selbst ausführen können
- Alltagsrelevante Bewegungen neu einstudieren
- Das Körperempfinden verbessern
- Die Koordination zwischen Augen und Händen verbessern
- Die von der Behinderung betroffene Seite bewusst in die Bewegungsabläufe integrieren
- Die Vorbereitung und Planung von Unternehmungen wie Fahrten in öffentlichen Verkehrsmitteln oder ein Einkauf im Supermarkt
Ergotherapeutische Übungen für zu Hause
Zusätzliche Übungen für zu Hause sind extrem wichtig und können in Real-Life-Szenarios eingebaut werden, um ein optimales Training zur Wiedergewinnung der motorischen Fähigkeiten sowie die Reintegration in die alltägliche Gemeinschaft mit Anderen zu gewährleisten.
Viele körperliche Fähigkeiten können mit intensiver Übung signifikant verbessert werden. Vor allem die Fingerfertigkeit, die eine Basis für viele alltäglichen Bewegungen darstellt, kann mit gezielten ergotherapeutischen Übungen präzisiert werden. Um die Hände gezielt zu stimulieren und die Greiffähigkeit zu optimieren, werden beispielsweise Figuren oder andere Gegenstände in ein großes Behältnis mit Bohnen, Linsen oder Kies getaucht und müssen darin vom Patienten ertastet werden.
Um automatisierte Bewegungsabläufe wie Hausarbeiten, Zähneputzen oder Autofahren wieder einzustudieren, ist die Fähigkeit, fließend zu schreiben, die wichtigste Voraussetzung. Durch häufiges Kritzeln und Zeichnen auf einem Blatt Papier werden Schreibfähigkeiten und in weiterer Folge das neue Erlernen vieler wichtiger, früher automatisierter Handgriffe trainiert.
Einfache ergotherapeutische Übungen für die Feinmotorik:
- Regelmäßiges Bewegen eines oder mehrerer Würfel zwischen Daumen sowie Zeige- und Mittelfinger
- Wiederholtes Ausführen der Bewegung des Klavierspielens auf der Tischplatte
- Mehrmaliges rasches Hin- und Herwerfen eines Tennis- oder Jonglierballes zwischen beiden Händen
- Bauen von Türmchen aus kleinen Holzklötzen
Hilfsmittel in der Ergotherapie
Auch wenn nach einem Schlaganfall gewisse technische Hilfsmittel benötigt werden, um sich in Ihrem Zuhause frei bewegen zu können, kann deren Bedienung durch die körperlichen Einschränkungen eine große Herausforderung darstellen. Der Ergotherapeut sollte die Mobilitätshilfen auf die individuellen Bedürfnisse seines Patienten und die Beschaffenheit des Wohnraumes abstimmen. Damit Rollator und andere Gehhilfen, Treppenlifte, elektrische Schiebehilfen und Griffverdickungen an unterschiedlichen Gegenständen wie Toilettengriffe oder Badewannenlifter und -sitze keine zusätzlichen Gefahrenquellen darstellen und problemlos in den Alltag integriert werden können, wird der Ergotherapeut den Patienten und dessen Angehörige damit vertraut machen und Ihnen helfen, sie richtig anzuwenden.
Spiegeltherapie
Die seit einigen Jahren angewandte Spiegeltherapie hat sich als ergänzende Form der ergotherapeutischen Behandlung erfolgreich bewährt, Schlaganfall-Patienten zu helfen ihre beeinträchtige Körperhälfte wieder zu aktivieren. Durch einen in der Körpermitte platzierten Spiegel, vor dem mit der gesunden Extremität leichte Übungen ausgeführt werden, gewinnt das Gehirn die Illusion, die kranke Körperhälfte sei in Bewegung, wodurch die betroffenen Gliedmaßen wieder vermehrt eingesetzt werden. Diese Übungen für Schlaganfallpatienten lassen sich durch speziell angefertigte Spiegel auch leicht zu Hause durchführen und steigern den Erfolg einer Ergotherapie erheblich.
Feinmotorik-Übungen im Detail
Feinmotorik-Übungen sind ein wichtiger Bestandteil der Rehabilitation nach einem Schlaganfall. Sie zielen darauf ab, die Geschicklichkeit, Koordination und Kraft der Hände und Finger zu verbessern. Im Folgenden werden verschiedene Übungen vorgestellt, die in der Therapie eingesetzt werden können.
Allgemeine Übungen zur Verbesserung der Feinmotorik
- Greifübungen: Mit verschiedenen Objekten unterschiedlicher Größe und Form können die Feinmotorik und die Handkraft verbessert werden.
- Koordinationsübungen: Das Aufnehmen kleiner Gegenstände, das Schreiben oder das Falten von Papier sind gute Übungen für die Hand-Auge-Koordination.
- Zielbewegungen: Mit einem Kugelschreiber vorgegebene Punkte unterschiedlicher Größe der Reihe nach von links nach rechts antippen.
- Tippen: Nacheinander mit den Fingern auf den Tisch tippen, dabei mit dem Daumen beginnen.
- Münzen umdrehen: Eine Münze zwischen Daumen und Fingern der betroffenen Hand halten und drehen.
- Labyrinth: Mit einem Kugelschreiber zügig ein vorgedrucktes Labyrinth nachzeichnen, ohne dabei die Labyrinthlinie zu überqueren.
- Schrauben: Muttern auf Schrauben drehen und wieder abdrehen, wobei nur mit der betroffenen Hand gedreht werden darf.
Spezifische Übungen zur Verbesserung der Handfunktion
- Handtrainer, Therapieknete und Haltegriffe: Diese Hilfsmittel können den Greifreflex und die Handmotorik trainieren.
- Therapieknete: Verformen Sie die Knete unterschiedlicher Stärke und trainieren Sie damit Ihre Finger und die Muskulatur Ihrer Hand.
- Hand Grip Trainingsgerät oder Reha Pro Therapiegerät: Diese Hilfsmittel können die Greifkraft verbessern.
- MOBILAS Handlagerungs- und Mobilisationssystem: Dieses System kann helfen, Verkrampfungen zu verhindern und die Muskeln und Sehnen zu entspannen.
- Twin Grip von Sissel: Mit diesem Gerät können Sie Ihre Hand auf einfache Art und Weise trainieren.
- Press-Ball oder Press-Egg: Diese Geräte eignen sich besonders gut zur Fingertherapie und zur Mobilisierung von Fingern und Händen.
Übungen zur Verbesserung der Schreibfähigkeit
- Schreiben üben: Kostenlose Übungsblätter für Volksschüler können am Anfang der Rehabilitation helfen. Langfristig sind jedoch speziell entwickelte Übungsbücher zum Wiedererlernen des Schreiben besser.
- Schwungübungen: Schwungübungen für Erwachsene nach Schlaganfall fördern die Fähigkeit den Stift zu halten und richtig beim Schreiben zu führen.
- Feinmotorikübungen der Hand: Diese Übungen fördern die Fähigkeit den Stift zu halten und richtig beim Schreiben zu führen.
- Übungen zur Verbesserung der Augen-Hand-Koordination: Diese Übungen sind wichtig, um eine gerade und sichere Schrift zu garantieren.
Übungen zur Verbesserung der Sensibilität
- Fühl- bzw. Tastbox: Eine Fühl- bzw. Tastbox kann helfen, die Sensibilität der Hände zu verbessern.
Weitere Therapieansätze
Neben den genannten Übungen und Therapieformen gibt es weitere Ansätze, die bei der Rehabilitation nach einem Schlaganfall eingesetzt werden können:
- Physiotherapie: Physiotherapeutische Übungen zielen darauf ab, die Beweglichkeit, Kraft und Koordination des Patienten zu verbessern.
- Sprachtherapie: Gezielte Übungen zur Verbesserung der Aussprache und der Mundmotorik können Teil der Sprachtherapie sein.
- Atemübungen: Tiefes Atmen und das Trainieren der Atemmuskulatur kann hilfreich sein, insbesondere wenn Atemprobleme nach dem Schlaganfall vorliegen.
- Neuroplastizitätstraining: Spiegeltherapie und Constraint-Induced Movement Therapy (CIMT) sind Methoden, die die Neuroplastizität fördern können.
- Aquatherapie: Übungen im Wasser reduzieren das Körpergewicht und bieten eine geringere Belastung der Gelenke.
- Psychotherapie und Sozialarbeit: Kognitive Übungen zur Gedächtniswiederherstellung und Problemlösung sowie soziale Interaktion in Gruppenübungen können die Rehabilitation unterstützen.
- NOVAFON Schallwellengeräte: Die sanften Vibrationen der NOVAFON Schallwellengeräte können dazu beitragen, Schmerzen zu reduzieren sowie die Folgen eines Schlaganfalls zu lindern.
Wichtige Hinweise für die Durchführung der Übungen
- Individuelle Anpassung: Die Art der Übungen hängt von der Schwere des Schlaganfalls, den betroffenen Bereichen und den individuellen Bedürfnissen des Patienten ab. Ein individueller Therapieplan, der von Fachleuten erstellt wurde, ist unerlässlich.
- Kontinuität: Der Schlüssel zur erfolgreichen Rehabilitation liegt in der Kontinuität und im individuellen Ansatz, der den Fortschritt und die Bedürfnisse des Patienten berücksichtigt.
- Motivation: Die Betroffenen brauchen Motivation und sollten gut informiert werden, wie der Therapie-Prozess abläuft.
- Unterstützendes Umfeld: Ein unterstützendes soziales Umfeld ist hilfreich.
- Realistische Ziele: Es ist wichtig, realistische Ziele zu setzen und sich nicht zu überfordern.
- Geduld: Die Rehabilitation nach einem Schlaganfall ist ein langwieriger Prozess, der Geduld erfordert.
tags: #feinmotorik #nach #schlaganfall