Tutzing und die Behandlung von Migräne und Kopfschmerzen: Ein Überblick

Chronische Schmerzen, insbesondere Migräne und Kopfschmerzen, sind weit verbreitet und beeinträchtigen die Lebensqualität vieler Menschen erheblich. In Deutschland gibt es verschiedene spezialisierte Einrichtungen, die sich der Behandlung dieser Erkrankungen widmen. Ein wichtiger Ort für den Austausch und die Weiterentwicklung in diesem Bereich ist Tutzing, wo regelmäßig Fachtagungen und Symposien stattfinden.

Kopfschmerzen im Kindes- und Jugendalter

Im Rahmen eines Symposiums der Initiative „Schmerzlos“ in Tutzing wurde 2016 betont, dass neben der häufigen Migräne auch seltene idiopathische Kopfschmerzerkrankungen im Kindes- und Jugendalter auftreten. Sowohl bei Migräne als auch bei idiopathischen Kopfschmerzen ist eine individualisierte Therapie von großer Bedeutung. Etwa ein Sechstel aller Schulkinder leidet unter behandlungsbedürftigen Kopfschmerzen, was in den letzten 40 Jahren deutlich zugenommen hat.

Diagnostik und Therapie kindlicher Kopfschmerzen

Die Diagnostik kindlicher Kopfschmerzen stellt in der kinderärztlichen Praxis in der Regel kein spezifisches Problem dar, so Prof. Dr. Raymund Pothmann aus Hamburg. Meist können organische Ursachen mithilfe der zur Verfügung stehenden diagnostischen Verfahren sicher ausgeschlossen und symptomatische Kopfschmerzen erfolgreich behandelt werden. Eine kinderneurologisch ausgerichtete Untersuchung dient dem Ausschluss symptomatischer Kopfschmerzen.

Basis jeder Behandlung ist ein Migränetagebuch, in dem Kopfschmerzen nach Auftreten, Intensität und Dauer sowie Auslöser, Auswirkungen der Kopfschmerzen, Begleitsymptome und Medikation eingetragen werden. Alleine das Führen eines solchen Tagebuchs kann bereits einen therapeutischen Effekt haben. Von Bedeutung ist auch eine Verhaltensoptimierung. Zu lange Pausen zwischen den Mahlzeiten, Rauchen, alkoholische Cocktails oder Bewegungsmangel bei stundenlangem Fernsehen sollten vermieden werden.

Bei Migräne ist eine Akuttherapie, zum Beispiel mit Ibuprofen, notwendig. Bei Nichtansprechen können Migräne-spezifische 5-HT1B/1D-Serotonin-Agonisten („Triptane“) eingesetzt werden. Bewährt hat sich dabei Sumatriptan (Imigran®) als Nasenspray (10-20 mg) ab dem 12. Lebensjahr, im Einzelfall auch bei jüngeren Kindern. Bei vier oder mehr unbeherrschbaren Attacken pro Monat ist eine Langzeitprophylaxe über drei bis sechs Monate indiziert. Oft ist die Einnahme von Magnesium von bis zu 10 mg/kg KG ausreichend. Die Einnahme des Calciumkanalblockers Flunarizin (5 mg täglich, Einnahme abends) ist zwar gut wirksam, jedoch sehr häufig mit einer Gewichtszunahme verbunden. Betablocker wie Metoprolol (1,5 mg/kg KG pro Tag, abends) oder Propranolol (1-2 mg/kg KG pro Tag) sind ebenfalls zumeist effektiv.

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Von besonderer Bedeutung ist die Verhaltenstherapie. Hiermit kann die Bewältigung der Kopfschmerzen eigenverantwortlich optimiert werden. Erfolgreiche Ansätze lassen sich drei Hauptgruppen zuordnen:

Mit diesen Maßnahmen sind etwa drei Viertel aller Fälle gut therapierbar. Bei etwa 10% der Jugendlichen ist eine individuelle Behandlung notwendig. Reicht eine ambulante Schmerztherapie nicht aus, sollte eine stationäre Schmerztherapie durchgeführt werden. Inzwischen gibt es hierfür fünf Spezialzentren in Deutschland.

Seltene idiopathische Kopfschmerzerkrankungen

Die sogenannten periodischen Syndrome im Kindes- und Jugendalter gehen oft in eine Migräne über oder sind mit einer Migräne assoziiert und wurden daher früher auch als Migräneäquivalente bezeichnet. Der pathophysiologische Zusammenhang ist noch weitgehend ungeklärt. Die IHS(International Headache Society)-Klassifikation nennt diagnostische Kriterien für das zyklische Erbrechen, die abdominale Migräne, den gutartigen paroxysmalen Schwindel und den paroxysmalen Torticollis in der Kindheit. Noch nicht geklärt ist der Stellenwert der infantilen Koliken und der kindlichen alternierenden Hemiplegie.

Für die medikamentöse Therapie der periodischen Syndrome in der Kindheit gilt Flunarizin in einer täglichen Dosis von 5 bis 10 mg (im Einzelfall auch höher) als Mittel der ersten Wahl. Beim zyklischen Erbrechen und der abdominalen Migräne kommen auch Propranolol oder Amitriptylin in Betracht, bei der alternierenden Hemiplegie der Kindheit auch Topiramat in niedriger Dosierung (1-3 mg/kg KG). Von Bedeutung ist die Aufklärung über den gutartigen Charakter dieser Syndrome (mit Ausnahme der alternierenden Hemiplegie).

Multimodale Schmerztherapie

Die stationäre multimodale Schmerztherapie wird bei chronischen Schmerzen eingesetzt, wenn eine unimodale oder multidisziplinäre ambulante Therapie nicht ausreichend erfolgreich war. Bei dieser Therapieform werden verschiedene Behandlungselemente miteinander kombiniert. Der Patient verlässt täglich nach Behandlungsende die Klinik und verbringt die Nacht zu Hause oder in einem Gästehaus. Die Behandlung erfolgt werktäglich entsprechend einem ganztägigen, festgelegten Behandlungsprogramm in einer festen Therapiegruppe. Tagesklinisch werden neben alltagsbegleitenden, einmal wöchentlich durchgeführten Programmen auch mehrwöchige Behandlungsprogramme von Montag bis Freitag angeboten.

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Chronische Schmerzen entstehen durch das Zusammenwirken vieler Faktoren. Es bedarf einer hochspezialisierten Vorgehensweise im interdisziplinären Team. Verschiedene Berufsgruppen arbeiten mit unterschiedlichen Methoden, aber immer innerhalb eines Gesamtbehandlungsplans und stehen in ständigem wechselseitigem Austausch. Neben einer Linderung der Schmerzen steht eine Verbesserung der Funktionsfähigkeit und der Lebensqualität im Mittelpunkt der Therapie. In einem solchen Team sind Ärzte verschiedener Fachrichtungen, Psychologen, Diplomsportlehrer, Physio- und Trainingstherapeuten, Kunsttherapeuten, Sozialarbeiter und in der Schmerztherapie speziell geschultes Pflegepersonal tätig.

Schmerzzentren und ihre Angebote

Benedictus Krankenhaus Feldafing

Das Benedictus Krankenhaus Feldafing ist ein akademisches Lehrkrankenhaus der TU München und bietet mit seinem interdisziplinären Schmerzzentrum eine spezialisierte Versorgung für Patienten mit chronischen Schmerzen. Es ist das einzige DMKG (Deutsche Migräne und Kopfschmerz Gesellschaft) -Level-2 zertifizierte Krankenhaus in Bayern. Die Betreuung durch Ärzte, Therapeuten und Pain-Nurses wird als hervorragend beschrieben. Die multimodale Schmerztherapie führt zu vielen Teilerfolgen, die insgesamt eine Verbesserung bewirken. Die Organisation und Verpflegung werden als vorbildlich gelobt, und die Lage am Starnberger See trägt zusätzlich zum Wohlbefinden bei.

Schmerzklinik Kiel

Die Neurologisch-verhaltensmedizinische Schmerzklinik Kiel unter der Leitung von Prof. Dr. Hartmut Göbel bietet eine spezielle Therapie von Migräne mit und ohne Aura, Migräne-Komplikationen, allen Kopfschmerzen (z.B. chronische Spannungskopfschmerzen, Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch, Clusterkopfschmerz), Nervenschmerz, Rückenschmerz und anderen Formen chronischer Schmerzerkrankungen.

Für die Planung eines Aufnahmetermins sind folgende Schritte notwendig:

  • Der behandelnde Arzt stellt eine Verordnung von Krankenhausbehandlung aus.
  • Der Arzt füllt die Aufnahme-Checkliste aus.
  • Der Patient füllt den Schmerzkalender und den Schmerzfragebogen aus.
  • Alle Unterlagen und Kopien relevanter Arztbriefe, Röntgenbilder etc. werden an die angegebene Anschrift gesendet.

Zahlreiche Krankenkassen haben eine integrierte Versorgung ihrer Versicherten mit dem Behandlungsnetz der Schmerzklinik Kiel vertraglich geregelt.

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Zentrum für Interdisziplinäre Schmerztherapie (ZIS)

Im ZIS werden Menschen mit chronischen Schmerzen behandelt. Die Therapie basiert auf dem bio-psycho-sozialen Modell, demzufolge Schmerz aus dem Zusammenspiel biologischer, psychischer und sozialer Faktoren entsteht. Ein interdisziplinäres Team entwickelt für jeden Patienten ein individuelles Behandlungskonzept, wobei Respekt, Augenhöhe und aktive Mitbestimmung im Mittelpunkt stehen. Als universitäres Zentrum arbeitet das ZIS eng mit den Kliniken für Neurologie, Anästhesiologie und Psychosomatik zusammen.

Tutzinger Schmerztage

Die „Tutzinger Schmerztage“, die regelmäßig in der Evangelischen Akademie Tutzing stattfinden, sind ein renommiertes Meeting für Schmerzexperten. Im Fokus stehen aktuelle Themen und neue Erkenntnisse in der Schmerzmedizin. So standen beispielsweise Kopf- und Gesichtsschmerz im Mittelpunkt, aber auch andere Themenschwerpunkte wie die diabetische Polyneuropathie oder der Einsatz von Cannabis in der Schmerzmedizin wurden beleuchtet.

Masterstudiengang Migräne- und Kopfschmerzmedizin an der Universität Kiel

An der Universität Kiel wurde der berufsbegleitende Masterstudiengang Master of Migraine and Headache Medicine (MMHM) entwickelt. Dieser Studiengang vermittelt zeitgemäße Neuentwicklungen in der Migräne- und Kopfschmerztherapie und basiert auf einem fachübergreifenden Konzept mit theorie- und praxisorientierten Modulen. Renommierte Dozenten präsentieren einen fachübergreifenden akademischen Wissenskanon. Der Studiengang richtet sich primär an Absolventen der Studiengänge Medizin, Zahnmedizin sowie Psychologie mit Berufserfahrung bei der Behandlung von Kopfschmerzen und Migräne.

Der Studiengang wird von Experten als eine hervorragende Initiative zur Verbesserung der Qualität in der Betreuung von Patienten mit Migräne und Kopfschmerzen gelobt. Er wird als Meilenstein gesehen, der auch gesundheitspolitisch nachhaltig Wirkung entfaltet.

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