Einführung
Das menschliche Gehirn ist ein komplexes Organ, das ständig mit einer Flut von Informationen aus unserer Umwelt konfrontiert wird. Um diese Informationen effektiv verarbeiten zu können, verfügt das Gehirn über Mechanismen zum Filtern und Sortieren von Reizen. Bei manchen Menschen funktionieren diese Mechanismen jedoch nicht optimal, was zu Problemen bei der Reizverarbeitung führen kann. Dieser Artikel untersucht die Ursachen für Filter- und Sortierprobleme im Gehirn und beleuchtet deren Auswirkungen auf verschiedene Personengruppen, insbesondere Menschen im Autismus-Spektrum und mit ADHS.
Sensorische Verarbeitung und ihre Herausforderungen
Die Flut der Reize
Täglich werden wir von einer Vielzahl von Reizen bombardiert: Geräusche, Licht, Gerüche, Berührungen und vieles mehr. Tatsächlich erreichen unser Gehirn über zwei bis drei Millionen Nervenfasern, von denen jede bis zu 300 Impulse pro Sekunde überträgt. Das Gehirn ist also ständig damit beschäftigt, die unwichtigen Reize auszusortieren, Informationen zu sortieren, zu gruppieren, zu priorisieren und zu verstehen. Dieser Prozess geschieht meist automatisch und unbewusst.
Sensorische Integrationsschwierigkeiten
Schon kleine Abweichungen in der Wahrnehmungsverarbeitung können dazu führen, dass unser Gehirn mit Reizen überflutet wird, Schwierigkeiten hat, sie angemessen zu sortieren, oder zu verstehen. Menschen im Autismus-Spektrum filtern und verarbeiten alltägliche Reize wie Geräusche, Licht und Gerüche oft anders als nicht-autistische Menschen. Dies wird oft als sensorische Integrationsschwierigkeiten oder sensorische Empfindlichkeit bezeichnet.
Wichtig zu verstehen ist, dass die Besonderheiten in der Wahrnehmungsverarbeitung nicht durch Sinnesbeeinträchtigungen entstehen. Augen, Ohren usw. funktionieren in der Regel normal. Es kann aber sinnvoll sein, die Funktion der Sinne zu überprüfen.
Über- und Unterempfindlichkeiten
Menschen im Autismus-Spektrum können im Vergleich zu nicht-autistischen Menschen in einigen oder allen sensorischen Bereichen über- oder unterempfindlich sein. Eine Person kann sowohl Über- als auch Unterempfindlichkeiten haben; das kann auch abwechseln (eine Untersensitivität kann eine weitgehende Abschottung gegenüber Reizen als Folge einer Reizüberflutung sein - muss aber nicht). Die Über- als auch Unterempfindlichkeiten können sehr spezifisch oder situationsbedingt sein.
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Auswirkungen von Reizüberflutung
Menschen, die Schwierigkeiten haben, all diese Reize zu verarbeiten, werden oft gestresst oder angespannt und verspüren möglicherweise körperliche Schmerzen. Das kann sich in Verhaltensproblemen äußern.
Die Rolle der Sinne
Der Sehsinn
Der Sehsinn sitzt in der Netzhaut der Augen und wird von Licht aktiviert. Er hilft uns, Gegenstände und Personen, Farben, Kontraste und räumliche Grenzen zu erkennen. Diese Form der sensorischen Beeinträchtigung kommt am häufigsten vor.
Der Hörsinn
Unfähigkeit, Geräusche auszufiltern - zum Beispiel Schwierigkeiten, eine einzelne Stimme unter vielen Geräuschquellen herauszufiltern. Hintergrundgeräusche führen oft zu Konzentrationsschwierigkeiten, oder Teile eines Gesprächs (oder des Lehrervortrags) werden nicht verstanden, weil sie von Hintergrundgeräuschen übertönt werden.
Der Tastsinn
Berührungen sind wichtig für soziale Beziehungen. Sie helfen uns auch, unsere Umgebung zu verstehen (ist ein Gegenstand heiß oder kalt?) und entsprechend zu reagieren.
Der Geschmackssinn
Rezeptoren in der Zunge ermöglichen es uns, verschiedene Geschmäcker zu erfahren - süß, sauer, salzig usw. Alles wird gegessen - Erde, Gras, Knetmasse. Manches Essen wird als zu intensiv im Geschmack empfunden.
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Der Geruchssinn
Rezeptoren in der Nase lassen uns wisse, wie es in unserer unmittelbaren Umgebung riecht. Manche Menschen im Autismus-Spektrum haben praktische keinen Geruchsinn und nehmen selbst extreme Gerüche einfach nicht wahr. Gerüche sind intensiv und überwältigend.
Der Gleichgewichtssinn
Der Gleichgewichtsinn sitzt im Innenohr und ermöglicht es uns, Gleichgewicht und Körperhaltung zu wahren.
Der Propriozeptive Sinn
Dieser Sinn sitzt in unseren Muskeln und Gelenken, und unser Körper teilt uns darüber mit, wo im Raum wir uns befinden, welche Haltung oder Lage unser Körper gerade einnimmt, wie verschiedene Körperteile sich bewegen, wie der Spannungszustand von Muskeln und Sehnen ist. Außerdem können wir damit erkennen, ob wir uns gerade bewegen und in welche Richtung. Zu nahe bei anderen stehen, weil sie ihren Abstand zu anderen nicht einschätzen können.
Synästhesie
Synästhesie ist eine seltene Besonderheit, die einige Menschen im Autismus-Spektrum (aber auch andere) aufweisen. Eine sensorische Wahrnehmung wird durch ein System aufgenommen, löst aber (auch) eine Empfindung in einem anderen System aus.
ADHS und Reizverarbeitung
Ungefilterte Eindrücke
Ungefiltert strömen Eindrücke auf viele ADHS-Kranke ein. Das Gefühl von Getriebensein, nicht abschalten können, fehlende Impulskontrolle: Nicht nur bei Kindern sind das mögliche Anzeichen von AD(H)S.
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Symptomverschiebung im Erwachsenenalter
Allerdings ist bei ihnen eine Aufmerksamkeitsstörung nicht immer gleich zu erkennen, weil es hier zu einer Symptomverschiebung kommt. Vor allem die typische "Zappeligkeit", die motorische Hyperaktivität, lässt nach. "Ich denke, dass ich's mehr im Griff habe, weil man sich als Erwachsener zusammenreißen kann", sagt Jasmin. "Das ist halt das, was aber den Druck noch mehr erhöht. Dieses Getriebensein, das Gefühl, wie unter Strom zu stehen, nicht abschalten zu können. Man ist erschöpft, todmüde und schlaflos zugleich, erzählt Jasmin. Denn das Problem mit der Aufmerksamkeit bleibt.
Auswirkungen auf den Alltag
Manche erleben schmerzlich, wie die ganze Welt ungefiltert auf sie einströmt. "Ich hab so einen Rummel im Kopf, und der ist mal einen Tag besser, mal einen Tag nicht so, aber eigentlich ist der immer da, und es passiert immer was, ich war letztes Jahr bei einem klassischen Konzert, und das war sehr schön, mit meiner Partnerin, aber ich kriege halt auch so viel mit, was sie nicht mitkriegt. "Ich kann es nicht abwarten, bis jemand endlich zu Ende gesprochen hat, fahr ihm dann ins Wort und manchmal auch auf ne Art und Weise, die vielleicht verletzend ist für andere", sagt Jasmin. Zum Beispiel Mark: "In Beziehungen, aber auch im Job hätte ich schon viel mehr Probleme gehabt, wenn ich nicht nette Vorgesetzte gehabt hätte, die verstehen, warum das so ist, oder einen Partner, der das mittragen kann, obwohl das für den Partner noch schlimmer ist, weil der alles ungefiltert abkriegt. "Ich kann keine Prioritäten setzen, ich versuche dann, irgendwas anzufangen, will sofort aber das nächste und das übernächste, und das führt dann eben auch zu einer Überforderung, es muss ja mal irgendwann irgendwas fertig werden, denkt man sich", berichtet Jasmin.
Ursachen von ADHS
Die Ursachen der Erkrankung sind noch nicht vollständig aufgedeckt und sehr vielfältig. "Man weiß, dass es bestimmte neuroanatomische Veränderungen im Gehirn gibt. Das Frontalhirn ist die Steuerzentrale für die Informationsverarbeitung. Die wichtigste Aufgabe: Reize zu filtern, zu sortieren, sie zu löschen oder weiterzuleiten. Das passiert über eine chemische Signalübermittlung, die von Botenstoffen gesteuert wird. "Bei ADHS-Patienten geht man von einer Botenstoff-Disbalance aus, dass besonders zwei Botenstoffe zu wenig zur Verfügung stehen. Und das ist Noradrenalin und Dopamin. Das lässt sich allerdings diagnostisch noch nicht einsetzen. ADHS ist eine Störung des Informationsflusses im Gehirn. "Ja, ganz sicher", sagt Ritter. "Alles, was mit Verhalten zu tun hat, basiert auf den neuronalen Prozessen im Gehirn. Und prinzipiell sind das genau die Prozesse, die wir mit der Gehirnsimulation unter die Lupe nehmen. Nämlich: Wie verändert sich bei Krankheiten die Neurotransmission - so nennt man den Transport von den Botenstoffen von einer Nervenzellpopulation zu der nächsten.
Diagnose und Behandlung von ADHS
Die gesicherte Diagnose ADHS, gerade wenn man sie erst im Erwachsenenalter bekommt, ermöglicht eine Versöhnung mit sich selbst, heißt es oft. Zumindest eröffnen die Diagnose und eine umfassende Aufklärung eine Reihe von Möglichkeiten, den Alltag besser zu bewältigen. Der wichtigste chemische Wirkstoff gegen ADHS ist Methylphenidat, am bekanntesten das Präparat "Ritalin". Er erhöht die Konzentration der Nervenbotenstoffe Dopamin und Noradrenalin im Gehirn, das dadurch Reize von außen besser filtern kann. Viele brauchen daher zusätzlich eine nicht-medikamentöse Therapie. Bei ADHS allerdings kann man sagen, dass die Verhaltenstherapie die Therapie der Wahl ist, also man lernt beispielsweise Ablagesysteme, Ordnungssysteme, Kalendersysteme sich mit den drei Regeln "immer, alles und zwar sofort" in den Kalender zu schreiben. Heilbar ist die Aufmerksamkeitsdefizitstörung bis heute nicht. Man muss lernen, damit zu leben.
Stress und Gedächtnis
Wenn wir zum nächsten Termin hetzen oder bis tief in die Nacht lernen, beeinflusst der Stress unser Gedächtnis. Doch er kann Erinnerungen sowohl hemmen als auch stärken. Moderater Stress kann das Lernen fördern, dauerhaft unter Strom zu stehen, mindert jedoch die Gedächtnisleistung. Ist der Stress zu stark, können sich Erlebnisse regelrecht ins Gedächtnis einbrennen, etwa bei einem Unfall. Traumatische Erfahrungen graben sich tief in das Gedächtnis ein. Denn durch das Stresshormon Cortisol lässt sich das unkontrollierte Aufflackern der Gedächtnisinhalte hemmen.
Stress als Filter
Eigentlich ist Stress ein Alarmzustand. Er bereitet den Körper darauf vor, im nächsten Moment zu kämpfen oder zu flüchten. Die Aufmerksamkeit richtet sich dann auf das, was uns bedroht oder was uns retten könnte. Wenn eine Information wichtig ist, um eine Stresssituation zu bewältigen, brennt sie sich offenbar tief in das Gedächtnis ein. Moderater Stress dagegen scheint beim Lernen wie ein Filter zu wirken: Stressrelevante Information fließt besonders schnell in das Gedächtnis. Dagegen blenden wir Eindrücke aus, die nicht mit dem Stressor verknüpft sind. Verantwortlich dafür ist die Amygdala, eine mandelförmige Struktur im vorderen Schläfenlappen des Großhirns. Sie drückt emotionalen Erinnerungen den Stempel „Wichtig, nicht vergessen!“ auf. Unter Stress verstärkt das Hormon Cortisol diesen Effekt.
Chronischer Stress
Wer die Erkenntnisse der Stressforschung für sich nutzen möchte, tut also gut daran, dauerhaften Stress zu vermeiden. Auch wenn man versucht, sich an etwas zu erinnern, sollte man lieber einmal tief durchatmen, anstatt in Panik auszubrechen.
Reizverarbeitung bei Autismus im Detail
Die Wahrnehmung als Überfülle
Für viele Menschen im Autismus-Spektrum ist genau das eine permanente Herausforderung: Es gibt keinen „unsichtbaren Filter“, der nervige Hintergrundgeräusche ausblendet oder flackerndes Licht in den Hintergrund rückt. Stattdessen wirkt alles gleich „gehörig“, „hell“, „spürbar“ und verlangt Aufmerksamkeit. Viele Menschen im Autismus-Spektrum berichten, dass sie mehr Details gleichzeitig wahrnehmen: Hintergrundgeräusche, einzelne Schritte, Kleinstbewegungen, Texturveränderungen. Da Filter weniger zuverlässig sind, konkurrieren viele Reize um Aufmerksamkeit. Manche haben das Gefühl, einfach keine Filter zu haben.
Langsame oder ausbleibende Gewöhnung
Ein Summen eines Kühlschranks, das andere kaum noch wahrnehmen, bleibt spürbar. Der Parfumgeruch, der ständige Hintergrundton, das leichte Vibrieren eines Lüfters, all das „geht nicht weg“. Autistische Personen zeigen in vielen Studien eine reduzierte Habituation (also eine Gewöhnung) an wiederholte oder gleichförmige Reize. Der neuronale und physiologische „Rückgang“ der Reaktion über Zeit ist schwächer. Wenn sich die Umgebung ändert (z. B. neue Frequenzbereiche), ist die Anpassung langsamer.
Erregungszunahme, Stress und Erschöpfung
Wenn viele Reize mit hohem Gain einwandern (Reize vom Gehirn verstärkt werden), steigen das körperliche Erregungsniveau und der Stresslevel. In Alltagssituationen zeigt sich das in schneller Ermüdung, Gereiztheit, Überwältigung, Überforderungsgefühlen, innerer Unruhe und Anspannung oder dem Bedürfnis nach Rückzug. Ist das Nervensystem einer dauerhaften Überreizung ausgesetzt, droht ein autistischer Burnout.
Unsicherheit und Vorhersehbarkeitsbedürfnis
Da Vorhersagen weniger stabil und die Fehlergewichtung rigider sind, bleibt für ein autistisches Gehirn vieles unvorhersehbar, autistische Menschen sind auf eine gewisse Weise ständig „überrascht“. Das führt zu einem Bedürfnis nach Strukturen und Vorhersehbarkeit: Rituale, Routinen, Vorankündigungen, feste Abläufe, Pläne. Überraschungen und Änderungen wirken oft doppelt belastend.
Kompensation durch kognitive Strategien
Viele Autist:innen entwickeln unbewusst kompensatorische „Filterstrategien“: Sie setzen Regeln, ignorieren oder vermeiden bewusst bestimmte Reize, oder bauen Checklisten, um sensorische Überladung zu vermeiden. Soziale Situationen, laute Umgebungen oder wechselhafte Räume werden gemieden.
Spezifische Reize und ihre Auswirkungen
Auditive Reize
Auditive Reizüberflutung entsteht häufig in Situationen, in denen das Gehirn mehrere konkurrierende Klangquellen gleichzeitig verarbeiten und voneinander trennen muss. Dazu gehören Hintergrundgeräusche, Hall-Effekte, Musik, Stimmengewirr oder wechselnde Sprecher. Das auditive System filtert normalerweise relevante von irrelevanten Reizen, ordnet sie räumlich zu und blendet Nebengeräusche weitgehend aus. Bei vielen Autistinnen und Autisten funktioniert diese Filterleistung jedoch deutlich weniger automatisiert. Dadurch können Alltagssituationen, die für neurotypische Menschen als gesellig oder angenehm gelten, schnell überfordernd oder schmerzhaft werden. Restaurants, Cafés oder Familienfeiern mit Parallelgesprächen und Hintergrundmusik werden häufig als extrem anstrengend beschrieben. Das Gehirn ist in solchen Momenten nicht in der Lage, sich auf nur eine Stimme zu fokussieren, sondern registriert jeden Reiz mit gleicher Intensität.
Visuelle Reize
Visuelle Reizüberflutung entsteht, wenn das Gehirn gleichzeitig zu viele optische Informationen verarbeiten muss. Bewegungen im peripheren Blickfeld, blinkende Lichter, Monitore, Spiegelungen, Beschilderungen oder vorbeigehende Menschen werden vom visuellen System automatisch registriert, auch dann, wenn sie eigentlich irrelevant sind. Während neurotypische Gehirne viele dieser Reize unbewusst filtern, werden sie bei Autistinnen und Autisten oft mit gleicher Priorität wahrgenommen. Besonders in Umgebungen mit hoher Reizdichte - etwa in Supermärkten, Einkaufszentren, Bahnhöfen oder an Straßenkreuzungen - können sich die einzelnen Eindrücke zu einer überwältigenden visuellen Gesamtsituation aufsummieren.
Taktile Reize
Das taktile System ist permanent aktiv und verarbeitet ununterbrochen Informationen von der Haut, den Gelenkrezeptoren und den Schleimhäuten. Kleidung, Etiketten, Nähte, Materialwechsel, Gürtel, Taschenriemen, Schmuck, Temperaturunterschiede, Druckpunkte oder leichte Reibung - all diese Reize werden kontinuierlich registriert. Bei vielen Autistinnen und Autisten arbeitet der neuronale Filter für solche Empfindungen weniger automatisch. Dadurch können Stoffe, die objektiv weich erscheinen, plötzlich als scharf, brennend oder stechend empfunden werden. Schon geringe Veränderungen (in anderer Pullover, ein neuer BH-Verschluss, ein Etikett im Nacken oder ein kleiner Temperaturunterschied zwischen Kleidungsschichten) können massiven Stress auslösen. Das Gehirn bleibt ständig im „Scan-Modus“ und überprüft, ob etwas kratzt, drückt oder irritiert. Das führt zu Erschöpfung, Anspannung, Ablenkbarkeit und im Alltag häufig zu Vermeidungsverhalten (zum Beispiel bestimmte Textilien, Schnitte oder Materialien). Auch die Mundsensorik ist ein sensibler Bereich und häufig belastend. Konsistenz, Temperatur, Bisswiderstand oder Textur können eine Rolle spielen.
Reizfilterschwäche: Diagnose und Abgrenzung
Die Frage, ob eine reine Reizfilterschwäche als Diagnose existiert oder immer mit Autismus, ADHS oder Hochsensibilität einhergeht, ist komplex. Auch die Abgrenzung zur Hochsensibilität ist nicht immer einfach.
Hochsensibilität vs. Reizfilterschwäche
Je nach Definition bringt man die Reizoffenheit mit Neurotizismus in Verbindung. Das wäre dann eine Persönlichkeitsakzentuierung, die noch keine Krankheit darstellt. Hochsensibilität hat ja verschiedene Bereiche: emotional (muss mit Reizverarbeitung nicht unbedingt was zu tun haben) und sensorisch. Aber sensorisch ist auch nicht eindeutig. Man kann die normal gefilterten Reize einfach stärker/ heftiger wahrnehmen, mehr Reize wahrnehmen, schlechter ausblenden können/ filtern, oder eine Kombination aus beidem.
Reizfilterschwäche und Aufmerksamkeitsstörung
Ab einem gewissen Ausmaß an Reizoffenheit/ Reizfilterschwäche MUSS es immer zu einer Aufmerksamkeitsstörung kommen. Die "Gehirn-Rechenleistung" ist begrenzt. Wenn man gar keinen Reizfilter hätte (also absolut 0), wäre man denk ich 24/7 pflegebedürftig.
Autismus und Reizfilterschwäche
Ich glaube mal gelesen zu haben, dass auch Autismus ohne Reizfilterschwäche vorliegen kann. Bei ADHS könnte ich mich dem gedanklich nur annähern da Themengebiete und Übergänge fliessend sein können. Zudem wird eine Reizfilterschwäche nicht nur mit Überreaktion, sondern auch Unterreaktion beschrieben. Kombination und Bandbreite sind somit schier unendlich daher ist es durchaus logisch, wenn sie auch bei einigen in normalen Parametern bewegen würde.
Ablenkbarkeit und Achtsamkeit
Ablenkbarkeit, Achtsamkeit und Reizfilterschwäche und/oder ähnliches können somit meines erachtens nicht immer sauber "aus der Entfernung" getrennt werden. Das eine Reizfilterschwäche jedoch gesondert auftreten kann empfinde ich mehr als denkbar. Bei einer gefühlt endlosen Anzahl an menschlichen Störungsbilder und Abweichung ist jedes Extrem in jeder Kombination denkbar und "Denktabus" schaden den Betroffenen.
Das Tourette-Syndrom
Beim Tourette-Syndrom handelt es sich um eine komplexe neurologisch-psychiatrische Erkrankung. Motorische und vokale Tics, die sich ständig wandeln und in ihrer Intensität stark schwanken, sind das Kernsymptom. Vereinfacht gesagt besitzt unser Gehirn eine Art inneren Filter, der dafür sorgt, dass nur Bewegungen und Laute ausgeführt werden, die wir wirklich wollen. Dieser Filter sitzt in einem tief liegenden Netzwerk aus Hirnregionen, den Basalganglien. Bei Menschen mit dem Tourette-Syndrom funktioniert dieser Filter nicht zuverlässig. Bestimmte motorische oder vokale Impulse werden nicht mehr ausreichend gebremst und gelangen „durch den Filter hindurch“. Das Ergebnis sind die typischen Tics.
"In einer anderen Welt leben"?
Es ist eine Formulierung, die oft verwendet wird - „sich in die eigene Welt zurückziehen“ - obwohl eigentlich jede/r weiß, dass wir alle in ein und derselben Welt leben. Warum also sagt man das? Mit der „eigenen Welt“ ist ein Bereich gemeint, zu dem man als Außenstehende/r keinen Zutritt hat. AutistInnen wollen nicht grundsätzlich isoliert sein, sondern brauchen hin und wieder Ruhezeiten und angepasste Rahmenbedingungen, die wir neurotypischen Menschen respektieren müssen. Das hat nichts mit Abkehr oder einem „Lebewohl, ich bin jetzt auf einem anderen Planeten“ zu tun, sondern mit einem Haushalten und Auftanken von Ressourcen und Kräften.
Hochsensibilität
Im Alltag registrieren unsere Sinne viel mehr, als den meisten von uns letztlich bewusst wird. Dafür verantwortlich ist ein Wahrnehmungsfilter im Gehirn. Wie ein Pförtner sortiert dieser alle ankommenden Informationen vor und lässt nur wichtige oder neue Reize zur bewussten Weiterverarbeitung und Speicherung durch. Bei Menschen mit Hochsensibilität funktioniert der Wahrnehmungsfilter ein bisschen anders als meist üblich. So bewertet der Pförtner viel mehr Informationen als wichtig und leitet diese entsprechend weiter.
Merkmale der Hochsensibilität
Menschen mit Hochsensibilität verfügen über eine niedrige sensorische Reizschwelle, das heißt sie können besonders viele und schwach ausgeprägte Sinneseindrücke wahrnehmen. Diese feine Wahrnehmung kann sich auf äußere (z.B. Gerüche, Geräusche), innere (z.B. eigene Gedanken, Gefühle) und soziale Reize (z.B. Stimmungen anderer) beziehen. In reizintensiven Situationen reagieren hochsensible Personen stärker und sind schneller überstimuliert (Überreizung).
Nutzen der Hochsensibilität
Wenn Menschen eine Hochsensibilität bei sich erkennen, können sie diese für sich nutzen und zu einer richtigen Superkraft entwickeln. Aufgrund der vertieften Informationsverarbeitung können viele hochsensible Personen z.B. neues Wissen besonders gut abspeichern. Sie gelten deshalb auch als gute Zuhörer, da sie sich viele Einzelheiten eines Gesprächsverlauf merken können. Hinzu kommt, dass sie sich in ihr Gegenüber einfühlen und mitdenken können. Zudem erleben Menschen mit Hochsensibilität ihre Umwelt oft als detail- und facettenreicher als nicht-hochsensible Menschen. Das kann z.B. in kreativen Bereichen genutzt werden. Und auch die verstärkte Emotionalität kann von Vorteil sein, wenn angenehme Emotionen vertieft erlebt und ausgekostet werden.
Herausforderungen der Hochsensibilität
Menschen mit Hochsensibilität wissen meist ganz gut, welche Herausforderungen mit dieser besonderen Form der Reizverarbeitung einhergehen. So führt die permanente Fülle wahrgenommener Reize oft zu früher Erschöpfung und einer manchmal geringeren Belastbarkeit. Vor allem dann, wenn nicht ausreichend Ruhephasen eingeplant werden können. Zudem kann es emotional belastend sein, die Stimmungen anderer zu spüren. Oft stoßen hochsensible Personen in ihrem Umfeld dabei auf Unverständnis, Genervtsein oder Verärgerung.
Genetische und Umweltfaktoren
Es gilt heute als gesichert, dass ADHS zu einem hohen Prozentsatz erblich ist. Die Wahrscheinlichkeit für Kinder ADHS zu haben, wenn auch ein Elternteil betroffen ist, liegt bei 20-30 %. Drogenabhängigkeit der Mutter und/oder Zigaretten- und Alkoholkonsum während der Schwangerschaft erhöhen das Risiko für ADHS. Ein stützendes, liebevolles, aber klar strukturierendes Elternhaus ist für die Bewältigung des Alltags hilfreich. Denn Kinder, die ADHS haben, sind weniger stressresistent und belastbar. ADHS wird sich stärker ausprägen, wenn das Elternhaus problematisch und belastend ist oder aber die Kinder schwere Schicksalsschläge hinnehmen mussten.
Neurobiologische Grundlagen
Sicher ist heute, dass die ADHS eine Störung bzw. eine Normvariante des Frontalhirns darstellt. Das Frontalhirn ist zuständig für die Verhaltensregulierung, aber auch für Entscheidungen, Auswertung von Erfahrungen und für die gesamte Steuerung des Organismus. Medizinisch hat man durch neue PET-Untersuchungen (Positronenemissionstomographie) eindeutig nachweisen können, dass die vorderen Hirnabschnitte beim ADHS-Betroffenen weniger stark durchblutet sind. Auch konnte eine geringere Nervenaktivität in bestimmten Hirnregionen nachgewiesen werden. Darüber hinaus werden Nebenregionen des Gehirns aktiviert, die eine genaue Zuordnung/Verarbeitung erschweren. Das wichtigste Hormon bei der Entstehung der ADHS ist das Dopamin. Wissenschaftler konnten belegen, dass sich bei ADHS Störungen am Dopaminrezeptor und auch am Dopamin-Transporter-Gen finden, so dass Dopamin in bestimmten Hirnarealen nicht ausreichend vorliegt weil er zu schnell abgebaut wird. Gesichert ist, dass der Neurotransmitter Dopamin zu schnell im synaptischen Spalt, seinem Wirkort, abgebaut wird.