Fingernägelkauen: Neurologische Ursachen, Folgen und Behandlungsmöglichkeiten

Fingernägelkauen, auch Onychophagie genannt, ist ein weit verbreitetes Verhalten, das oft als harmlose Angewohnheit abgetan wird. Allerdings können die Ursachen vielfältig sein und von einfachen nervösen Ticks bis hin zu tieferliegenden psychischen oder neurologischen Problemen reichen. Dieser Artikel beleuchtet die neurologischen Aspekte des Fingernägelkauens, seine potenziellen Ursachen, Folgen und verfügbaren Behandlungsansätze.

Was ist Fingernägelkauen?

Allein schon der Anblick von abgekauten Nägeln vermittelt oft den Eindruck von körperlichem und seelischem Schmerz. Das Abknabbern der Fingernägel (Onychophagie) kann eine vorübergehende schlechte Angewohnheit sein, die relativ harmlos ist. Es können aber auch ernste seelische Störungen dahinter liegen. Als medizinische Diagnose wird Onychophagie unter „Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend“ eingeordnet, wo auch z. B. Daumenlutschen, exzessive Masturbation und Nasebohren aufgeführt sind.

Neurologische Ursachen und Zusammenhänge

Obwohl Fingernägelkauen oft als psychologisches Problem betrachtet wird, können neurologische Faktoren eine wichtige Rolle spielen. Hier sind einige mögliche Zusammenhänge:

  • Impulskontrollstörungen: Fingernägelkauen kann als eine Form der Impulskontrollstörung betrachtet werden, bei der die Betroffenen Schwierigkeiten haben, dem Drang zu widerstehen, ihre Nägel zu kauen. Impulskontrollstörungen können mit Veränderungen in bestimmten Hirnregionen verbunden sein, die für die Steuerung von Impulsen und Verhaltensweisen verantwortlich sind.
  • Zwangsstörungen (OCD): Es gibt Überschneidungen zwischen Fingernägelkauen und Zwangsstörungen. Einige Menschen kauen ihre Nägel zwanghaft, um Angst oder Stress abzubauen. Zwangsstörungen sind mit spezifischen Veränderungen in der Hirnaktivität und -struktur verbunden.
  • Stress und Angst: Stress und Angst sind häufige Auslöser für Fingernägelkauen. Neurologisch gesehen können Stress und Angst zu einer erhöhten Aktivierung des sympathischen Nervensystems führen, was wiederum zu nervösen Verhaltensweisen wie Fingernägelkauen führen kann.
  • Dermatillomanie: Die Dermatillomanie oder „Skin-Picking-Disorder“ wird den Impulskontrollstörungen zugeordnet. Auch sind Ähnlichkeiten zu Zwangs- und Substanzmissbrauchstörungen sowie zur Borderline-Störung vorhanden.

Ursachen und Risikofaktoren

Die Ätiologie (Ursachen) von Nagelbildungsstörungen lässt sich nach den zugrundeliegenden Faktoren differenzieren:

  • Psychische Faktoren:
    • Stress und Angst: Schwelende Konflikte sollten gelöst werden, um Angst und Stress abzubauen. Entspannungsmethoden wie Yoga, Autogenes Training oder Meditation können helfen, innere Ruhe zu erlangen.
    • Emotionale Spannungen: Fingernägelkauen kann ein Kanal sein, um emotionale Spannungen abzubauen. Dies kann in angespannten Situationen wie Angst vor Kindergarten/Schule oder schwierigen familiären Verhältnissen auftreten.
    • Autoaggressives Verhalten: Autoaggressives Verhalten könnte in Frage kommen, weil Aggression nicht anders ausgedrückt werden kann bzw. nicht an den, dem sie gilt, gerichtet werden kann bzw. wird.
  • Verhaltensfaktoren:
    • Gewohnheit: Fingernägelkauen kann einfach eine Gewohnheit sein, ähnlich wie Rauchen.
    • Nachahmung: Kinder können das Kauen von Kameraden abschauen.
  • Sensorische Faktoren:
    • Taktile Überempfindlichkeit: Bei taktiler Überempfindlichkeit kann jedes kleine Überstehen von Fingernägeln oder Nagelhaut als Irritation empfunden werden, was zum Abkauen führt.

Symptome und Folgen

Abgekaute Fingernägel sind kurz oder gar nicht mehr vorhanden, oft wird die Nagelhaut auch mit abgeknabbert. Die Haut fängt an zu bluten, sie kann sich entzünden, Schmerzen treten auf. In die verletzte Haut können leicht Keime eindringen, z. B. entwickeln sich leicht virusbedingte Warzen.

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  • Körperliche Folgen:
    • Beschädigung der Nägel und Nagelhaut: Das ständige Kauen kann zu Verletzungen, Entzündungen und Infektionen führen. Die Nagelplatte kann sich verkürzen, und es können Nagelwuchsstörungen auftreten.
    • Erhöhtes Infektionsrisiko: Durch die verletzte Haut können Bakterien und Viren leichter eindringen.
    • Zahnprobleme: Das Kauen kann zu Zahnfehlstellungen und Schäden am Zahnschmelz führen.
  • Psychische Folgen:
    • Scham und Schuldgefühle: Betroffene schämen sich oft für ihre abgekauten Nägel und versuchen, sie zu verstecken.
    • Soziale Isolation: Die Scham kann dazu führen, dass sich Betroffene zurückziehen und soziale Kontakte meiden.
    • Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls: Gepflegte Hände und Nägel tragen zu einem positiven Selbstbild bei. Fingernägelkauen kann das Selbstwertgefühl negativ beeinflussen.

Diagnose

Die Diagnose von Fingernägelkauen erfolgt in der Regel durch eine klinische Untersuchung und ein Gespräch mit dem Betroffenen. Es ist wichtig, andere mögliche Ursachen für Nagelveränderungen auszuschließen. In einigen Fällen kann eine psychologische oder neurologische Untersuchung erforderlich sein, um zugrunde liegende psychische oder neurologische Probleme zu identifizieren.

Behandlung

Je nach Ursache wird das Nägelkauen auf unterschiedliche Weise angegangen. Schauen sich Kinder das Kauen von Kameraden ab oder beißen sie nur gelegentlich, z. B. in Leerlaufphasen, kann man die schlechte Angewohnheit meist leicht wieder loswerden. Dazu sollte das Kind über die unschönen Folgen des Kauens aufgeklärt werden und in kritischen Phasen darauf aufmerksam gemacht werden. Ernstere Gründe brauchen andere und intensivere Maßnahmen.

  • Verhaltenstherapie:
    • Habit-Reversal-Training: Das Habit-Reversal-Training ist eine Methode, mit der man nervöse Verhaltensgewohnheiten schrittweise abtrainieren kann. Dabei werden u. a. andere Bewegungen gefunden, die statt des Nägelkauens ausgeführt werden, z.B. die Hand zur Faust ballen oder einen Massageball kneten.
    • Kognitive Verhaltenstherapie: Diese Therapieform hilft, negative Gedanken und Verhaltensmuster zu erkennen und zu verändern.
  • Medikamentöse Therapie: In einigen Fällen können Medikamente zur Behandlung von zugrunde liegenden psychischen Erkrankungen wie Angststörungen oder Zwangsstörungen eingesetzt werden.
  • Zusätzliche Maßnahmen:
    • Beschäftigung der Hände: Anti-Stress-Bälle oder Fidget Toys können helfen, die Hände zu beschäftigen und vom Kauen abzulenken.
    • Bitterer Nagellack: Bitterer Nagellack kann helfen, das Kauen zu verhindern, ist aber nicht immer wirksam.
    • Künstliche Nägel: Künstliche Nägel können das Kauen erschweren und den Nägeln Zeit geben, sich zu erholen.
    • Stressmanagement: Entspannungstechniken wie Meditation, Yoga oder Atemübungen können helfen, Stress abzubauen.
    • Ergotherapie: Bei taktiler Überempfindlichkeit kann eine ergotherapeutische Behandlung helfen.

Selbsthilfestrategien

  • Bewusstmachung: Achten Sie bewusst auf das Kauen und notieren Sie, in welchen Situationen es auftritt.
  • Auslöser identifizieren: Versuchen Sie, die Auslöser für das Kauen zu erkennen und Strategien zu entwickeln, um diese zu vermeiden oder zu bewältigen.
  • Alternativen suchen: Finden Sie alternative Verhaltensweisen, um Stress oder Langeweile abzubauen, z. B. Kneten, Malen oder Sport treiben.
  • Unterstützung suchen: Sprechen Sie mit Freunden, Familie oder einem Therapeuten über Ihr Problem.
  • Geduld haben: Es braucht Zeit und Geduld, um das Kauen abzugewöhnen. Seien Sie nicht entmutigt, wenn es Rückschläge gibt.

Fingernägelkauen bei Kindern

Bei Kindern kann Fingernägelkauen ein Zeichen von Stress, Angst oder Langeweile sein. Es ist wichtig, die Ursache des Verhaltens zu verstehen und dem Kind zu helfen, alternative Strategien zur Stressbewältigung zu entwickeln. Ermahnungen und Bestrafungen sind in der Regel nicht hilfreich und können das Problem sogar verschlimmern. Stattdessen sollten Eltern versuchen, eine unterstützende und verständnisvolle Umgebung zu schaffen.

Tipps für Eltern

  • Vorbild sein: Kauen Sie nicht selbst an den Nägeln.
  • Positive Verstärkung: Loben Sie Ihr Kind, wenn es nicht kaut, und belohnen Sie Fortschritte.
  • Nägel pflegen: Halten Sie die Nägel Ihres Kindes kurz und gepflegt.
  • Beschäftigung anbieten: Bieten Sie Ihrem Kind altersgerechte Beschäftigungen an, um Langeweile zu vermeiden.
  • Gespräche führen: Sprechen Sie mit Ihrem Kind über seine Gefühle und Ängste.
  • Professionelle Hilfe suchen: Wenn das Kauen stark ausgeprägt ist oder mit anderen Problemen einhergeht, suchen Sie professionelle Hilfe bei einem Kinderarzt oder Therapeuten.

Selbstinduzierte Nagelstörungen: Eine Studie

Eine multizentrische Studie der Istanbul Arel University untersuchte Patienten mit selbstinduzierten Nagelstörungen (SINDs) genauer. Ziel war es, demografische und klinische Charakteristika von Patienten mit SINDs zu erfassen. In 13 dermatologischen Zentren in der Türkei wurden zwischen Februar und Juni 2024 insgesamt 675 Patienten mit entsprechender Diagnose rekrutiert.

Die Studie teilte SINDs in sechs Subgruppen ein, darunter klassische Formen wie Onychophagie und neu beschriebene Muster wie das wiederholte Entfernen von Nagellack oder künstlichen Nägeln. Diagnostiziert wurden diese durch dermatologische Fachkräfte anhand klinischer Befunde und strukturiertem Anamnesegespräch.

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Das mittlere Alter der Patienten lag bei etwa 29 Jahren, das durchschnittliche Manifestationsalter bei 16 Jahren. 60,9 % der Betroffenen waren weiblich. Besonders auffällig war der hohe Anteil (47 %) an Patienten, die mehreren Subtypen gleichzeitig zugeordnet werden konnten.

Etwa 45 % der Betroffenen litten zusätzlich an anderen BFRBs, am häufigsten waren hier Wangenkauen oder Lippenbeißen (55,7 %) und Acne excoriée (44,9 %). Frauen zeigten signifikant häufiger weitere BFRBs als Männer. Auch familiäre Häufungen waren erkennbar: Bei 27 % der Patienten lag eine positive Familienanamnese für BFRBs vor.

Bei 22 % der Teilnehmer war bereits eine psychiatrische Erkrankung diagnostiziert. Häufige Komorbiditäten waren: Ängste oder Angststörungen (33 %), Depressionen (30 %), Zwangsstörungen (11 %), Panikattacken (5 %) und ADHS (3 %).

Die Studie zeigte eindrücklich, dass Dermatologen eine zentrale Rolle bei der frühzeitigen Erkennung und interdisziplinären Versorgung haben. Eine strukturierte Anamnese, die gezielt nach anderen BFRBs neben SIND fragt, ist essenziell. Zur unterstützenden Behandlung eignen sich Barriere-Methoden, topische Substanzen mit antiinflammatorischer Wirkung und - bei Vorliegen psychischer Komorbiditäten - Verhaltenstherapie oder medikamentöse Optionen wie N-Acetylcystein.

Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) und Muskelatrophie

Es ist wichtig zu erwähnen, dass Muskelatrophie, also der Abbau von Muskelmasse, auch im Zusammenhang mit neurologischen Erkrankungen wie der Amyotrophen Lateralsklerose (ALS) auftreten kann.

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Was ist ALS?

Die amyotrophe Lateralsklerose (ALS) ist eine stetig fortschreitende Krankheit, die die motorischen Nervenzellen im Rückenmark und Hirnstamm und die motorischen Areale der Hirnrinde zerstört. Die Folge sind vor allem zunehmende Lähmungen von verschiedenen Muskelgruppen, aber auch andere Beschwerden.

Symptome von ALS

Der Beginn der Erkrankung ist davon abhängig, welche Nervenzellen betroffen sind. Am häufigsten macht sich ein Gefühl der Unbeholfenheit zunächst einer Hand oder eines Unterarms bemerkbar. Feine Fingerbewegungen sind schwierig durchzuführen, und die Finger fühlen sich teils steif und wenig beweglich an. Häufig kommen Faszikulationen (Zittern einzelner Muskeln, ohne dass z. B. die ganze Hand zittert) oder auch Krämpfe vor. Bei vielen Patient*innen bleiben die Muskeln in den Oberarmen und Schultern in diesem Stadium noch gesund.

Im Verlauf verschlechtert sich die körperliche Verfassung kontinuierlich (allerdings individuell unterschiedlich schnell); bei manchen Betroffenen entwickeln sich auch sehr starke Muskelkrämpfe (Spastizität), die die Muskelbewegungen zusätzlich erschweren.

Aufgrund der stärker werdenden Gehschwierigkeiten sind die Betroffenen nach einiger Zeit auf den Rollstuhl angewiesen und werden schließlich bettlägerig. Besonders belastend ist die zunehmende Schwäche der Atemmuskulatur, die zu Schwierigkeiten beim Atmen bzw. Atemnot führt.

Ursachen von ALS

Der Krankheitsmechanismus ist unbekannt; es werden verschiedene Theorieansätze verfolgt. 5 bis 10 % der Fälle stellen eine vererbte Form dar, d. h. Personen in der Verwandtschaft sind ebenfalls erkrankt und haben die Veranlagung weitergegeben. Hier sind bestimmte Genveränderungen bereits identifiziert.

Häufiger ist die sporadische Form der ALS, bei der Ursache und Risikofaktoren unbekannt sind. Viele Umweltfaktoren wurden als mögliche Risikofaktoren der ALS geprüft, die Studien auf diesem Gebiet sind jedoch noch unzureichend und konnten keinen deutlichen Zusammenhang nachweisen.

Diagnose und Behandlung von ALS

Die Bestätigung der Diagnose erfolgt meist durch die Erfassung der geschilderten, typischen Symptome und der körperlichen Untersuchung. Die behandelnden Ärzt*innen lassen sich die Beschwerden genau beschreiben und untersuchen daraufhin alle Muskelgruppen.

Es gibt aktuell keine Therapie, die die Krankheit heilt. Aber man kann die Symptome wie Spastizität, Muskelkrämpfe, Angst und depressive Symptome lindern und das Fortschreiten der Krankheit verlangsamen. Ein Team aus verschiedenen Fachrichtungen koordiniert die Behandlung.

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