Myelitis, die Entzündung des Rückenmarks, kann durch verschiedene Ursachen ausgelöst werden, darunter Infektionen und Autoimmunerkrankungen. Die Diagnose erfordert eine sorgfältige Anamnese, neurologische Untersuchung und bildgebende Verfahren. Die Behandlung zielt auf die zugrunde liegende Ursache ab und umfasst häufig Medikamente zur Entzündungshemmung.
Was ist Myelitis?
Myelitis ist der medizinische Fachbegriff für eine Entzündung des Rückenmarks. Das Rückenmark ist ein Teil des zentralen Nervensystems, der im Spinalkanal innerhalb der Wirbelsäule verläuft. Die Rückenmarksentzündung kann einmalig (monophasisch) oder wiederkehrend auftreten. Sie kann sich plötzlich (akut), innerhalb von Stunden oder Tagen, bis hin zu langsam und schleichend (chronisch) entwickeln.
Einteilung der Myelitis
Rückenmarksentzündungen (Myelitiden) lassen sich nach ihrem Verteilungsmuster oder ihrer Lokalisation einteilen.
Einteilung nach dem Verteilungsmuster:
- Transversale Myelitis (Querschnittsmyelitis): Die Entzündung dehnt sich in einem oder mehreren angrenzenden Rückenmarkssegmenten diffus über den ganzen Querschnitt des Rückenmarks aus. Betroffen ist vor allem das Rückenmark der Brustwirbelsäule. Die Symptome können bis zu einer vollständigen Querschnittslähmung fortschreiten.
- Disseminierte Myelitis: Die Myelitis verteilt sich hier auf mehrere einzelne Entzündungsherde.
Einteilung nach der Lokalisation:
- Leukomyelitis: Hier ist die weiße Substanz des Rückenmarks entzündet (griech. leukós = weiß). Vor allem Rückenmarksentzündungen, die bei oder nach einer Infektionskrankheit auftreten, entsprechen einer Leukomyelitis.
- Poliomyelitis: Darunter versteht man eine Entzündung der grauen Substanz des Rückenmarks (griech. poliós = grau). Im engeren Sinne steht der Begriff Poliomyelitis für die Kinderlähmung (Poliomyelitis epidemica oder P. anterior acuta).
- Querschnittsmyelitis: Bei der Querschnittsmyelitis ist das Rückenmark über den ganzen Querschnitt entzündet, also sowohl im Bereich der grauen als auch weißen Substanz.
Sind am Rückenmark entspringende Nervenwurzeln in die Entzündungsprozesse einbezogen, sprechen Mediziner von Myeloradikulitis.
Ursachen von Flecken auf dem Rückenmark (Myelitis)
Die Ursachen für eine Myelitis sind vielfältig. In vielen Fällen kann die genaue Ursache nicht festgestellt werden. Mediziner sprechen dann von idiopathischer Myelitis. Bekannte Ursachen sind:
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Infektionen
Eine infektiös bedingte Myelitis wird direkt durch Infektionserreger ausgelöst. Das können Viren, Bakterien, Parasiten oder Pilze sein.
- Viren: Herpes-, Entero- oder Coxsackie-Viren, FSME-Virus, Poliovirus, Epstein-Barr-Virus (Pfeiffersches Drüsenfieber), HIV
- Bakterien: Erreger von Syphilis, Tuberkulose und Borreliose
- Parasiten: Auslöser der Bilharziose
In anderen Fällen entsteht eine Rückenmarksentzündung nicht durch einen Erreger selbst, sondern durch fehlgeleitete Reaktionen des Immunsystems auf diesen - entweder noch im Rahmen der Infektion (parainfektiöse Myelitis) oder erst danach (postinfektiöse Myelitis). Dies kann zum Beispiel bei Masern, Mumps, Röteln oder einer Herpesinfektion passieren.
Impfungen
Eine postvakzinale Myelitis ist eine Rückenmarksentzündung, die sich vereinzelt nach einer Schutzimpfung entwickelt - beispielsweise nach einer Impfung gegen Tollwut, Tetanus, Masern, Mumps, Röteln, Windpocken, Hepatitis oder Sars-CoV-2. Wie bei einer para- beziehungsweise postinfektiösen Myelitis spielen auch hier fehlgeleitete Abwehrreaktionen eine Rolle.
Autoimmunerkrankungen
Oft entzündet sich das Rückenmark im Rahmen von Autoimmunerkrankungen. Das sind Erkrankungen, bei denen das Immunsystem aufgrund einer Fehlregulation körpereigenes Gewebe angreift.
- Multiple Sklerose
- Erkrankungen aus dem Spektrum der Neuromyelitis optica (NMOSD)
- Sarkoidose
- Systemischer Lupus erythematodes
- Autoimmunbedingte Gefäßentzündung (Vaskulitis)
- Kollagenosen (entzündliche Autoimmunerkrankungen des Bindegewebes)
Im Zusammenhang mit einer Krebserkrankung kann eine paraneoplastische Myelitis auftreten. Vermutlich reagiert dabei das Immunsystem auf gemeinsame Antigene des Tumors und des Nervensystems.
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Weitere Ursachen
- Vergiftungen: Vergiftungen etwa mit Blei können ebenfalls eine Myelitis verursachen.
- Physikalische Ursachen: Eine Rückenmarksentzündung kann physikalisch bedingt sein, beispielsweise infolge einer Strahlentherapie, wie sie zur Krebstherapie durchgeführt wird (radiogene Myelitis oder Strahlenmyelitis).
Symptome der Myelitis
Das Erscheinungsbild der Rückenmarkentzündung kann äußerst unterschiedlich sein, in Abhängigkeit davon, welche Ebene des Rückenmarks betroffen ist und welche Fläche des Rückenmarkquerschnitts betroffen ist. Die Symptome der Myelitis umfassen:
- Muskelschwäche bis hin zur Lähmung
- Gefühlsstörungen in Form von Taubheitsgefühlen
- Kribbelmissempfindungen sowie schmerzhaften Missempfindungen
- Fehlfunktionen der Harnblase, des Enddarms sowie sexuelle Störungen
- Bei Schädigungen des oberen Halsmarks können auch Herz-Kreislauf-Regulationsstörungen auftreten.
- Kribbel- oder Taubheitsgefühle vor allem in den Beinen sowie strumpfhosenförmig im Bereich des Rumpfes unterhalb der Läsion
- Lähmungen der Beine und ggf. der Arme bis hin zu einer Querschnittlähmung
- Spastik der Beine
Untersuchungen und Diagnose
Der Arzt beginnt in der Regel mit der Erhebung der Krankengeschichte (Anamnese), wenn er Beschwerden wie Missempfindungen oder Taubheitsgefühlen auf den Grund gehen will. Besonders wichtig ist die klinisch-neurologische Untersuchung. Der Arzt prüft dabei unter anderem die Reflexe des Patienten. Sie können abgeschwächt oder erloschen sein oder aber deutlich gesteigert. Zudem testet der Arzt die Muskelkraft und die Funktion der Hirnnerven.
Bildgebende Verfahren
Mittels MRT (Magnetresonanztomografie oder Kernspintomografie) machen Ärzte Bilder des Rückenmarks in hoher Auflösung. Üblicherweise verabreichen sie dabei im Vorfeld ein Kontrastmittel, um Entzündungsherde deutlicher zu erkennen. In den MRT-Aufnahmen sind in der Regel die Entzündungsherde im Rückenmark gut zu erkennen. Eine Raumforderung im oder am Rückenmark oder Veränderungen der Wirbelsäule sollten dabei ausgeschlossen werden.
Liquordiagnostik
Auch eine Liquordiagnostik ist bei der Abklärung einer Myelitis notwendig: Der Arzt entnimmt mit einer feinen Hohlnadel eine Probe des Nervenwassers (Liquor) aus dem Rückenmarkskanal auf Höhe der Lendenwirbelsäule (Lumbalpunktion). Diese wird dann im Labor genau analysiert.
Beispielsweise wird die Zellzahl im Liquor gemessen - sie ist bei einer Myelitis meist erhöht (Pleozytose). Außerdem finden sich oft eine erhöhte Eiweißmenge sowie bestimmte Eiweißmuster (oligoklonale Banden). Die Liquoruntersuchung kann auch klären, ob die Rückenmarksentzündung im Zusammenhang mit einer Infektion steht. Dazu fahndet man im Liquor nach Erregern oder anhand spezifischer Antikörper gegen die Erreger. Eine bakterielle Infektion lässt sich auch mittels Liquorkultur nachweisen.
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Blutuntersuchungen
Bei einer nicht-infektiösen Myelitis gelingt manchmal der Nachweis von bestimmten Autoantikörpern. Autoantikörper lassen sich auch in Blutproben finden. Außerdem erheben Ärzte bei der Abklärung einer Rückenmarksentzündung weitere Blutwerte, etwa die Anzahl der verschiedener weißer Blutkörperchen (Differenzialblutbild) und die Blutsenkung.
Differenzialdiagnosen
Bei der Abklärung einer Myelitis schließen Ärzte andere Erkrankungen aus, die ähnliche Symptome hervorrufen können. Zu diesen Differenzialdiagnosen zählen unter anderem:
- Nicht-entzündliche Formen einer Rückenmarkserkrankung (Myelopathie)
- Spinale Ischämie: Durchblutungsstörung des Rückenmarks
- Epiduralabszess oder Epiduralblutung an der Wirbelsäule
- Guillain-Barré-Syndrom: seltene neurologische Erkrankung mit Entzündung der am Rückenmark entspringenden Nervenwurzeln und der peripheren Nerven
Behandlung der Myelitis
Die Myelitis-Behandlung richtet sich nach der Krankheitsursache.
- Infektionen: Ärzte verordnen beispielsweise Antibiotika, wenn Bakterien das Rückenmark entzündet haben. Mit Virostatika (virenhemmenden Mitteln) wiederum behandeln sie eine Myelitis durch Viren.
- Autoimmunreaktionen: Wenn Abwehrreaktionen des Immunsystems gegen einen Erreger hinter der Rückenmarksentzündung stecken (para-, postinfektiöse oder postvakzinale Myelitis), können Glukokortikoide ("Kortison") helfen. Sie wirken entzündungshemmend und unterdrücken Immunreaktionen (immunsuppressive Wirkung). Glukokortikoide kommen daher auch zur Anwendung, wenn eine Rückenmarksentzündung autoimmun bedingt ist oder unklarer Ursache bleibt (idiopathische Myelitis).
- Plasmapherese/Immunadsorption: Bei einer schweren Myelitis führen Ärzte womöglich eine Art Blutwäsche durch: Das Blutplasma des Patienten wird ausgetauscht (Plasmapherese) beziehungsweise man filtert gezielt lösliche Faktoren des Immunsystems aus dem Blut heraus (Immunadsorption).
- Behandlung der Grunderkrankung: Bei Grunderkrankungen wie Multipler Sklerose, Neuromyelitis optica oder einer Tumorerkrankung sind weitere Therapiemaßnahmen nötig.
- Rehabilitation: Nach Abschluss der Akuttherapie mit Medikamenten schließt sich eine intensive Rehabilitationsphase an. Physiotherapie und Ergotherapie sollen dauerhaften Einschränkungen durch Muskelschwäche, Spastizität und Koordinationsstörungen entgegenwirken bzw. deren Auswirkungen verringern. Einige Patienten leiden aufgrund der körperlichen Einschränkungen auch unter psychischen Belastungen wie Ängsten und Depressionen.
Prognose
Wie schnell sich Betroffene von einer Myelitis vollständig erholen, sprich die Genesungsdauer, ist sehr variabel. Die Prognose hängt wesentlich von der Ursache und dem Ausmaß der Rückenmarksentzündung ab. Einen großen Einfluss hat auch, ob es eine gezielte Behandlung gibt und wie frühzeitig Ärzte mit einer Behandlung beginnen (können).
Beispielsweise hat eine akute Myelitis bei Multipler Sklerose (MS) eine viel bessere Prognose als eine bei einer Neuromyelitis optica-Spektrum-Erkrankung (NMOSD). Ebenfalls eher schlechter ist die Prognose einer Myelitis dann, wenn sich die Symptome sehr schnell ausbilden oder die Entzündung das Rückenmark der Halswirbelsäule betrifft. Viele Betroffene müssen auf Dauer mit den Myelitis-Folgen leben. Unter Umständen können Patienten sogar versterben. So endet eine hohe (also weit oben an der Wirbelsäule) auftretende akute Querschnittsmyelitis oft tödlich.
Es gibt aber auch Fälle von Myelitis, in denen sich die Patienten wieder vollständig erholen - auch wenn das mitunter viele Monate in Anspruch nimmt. Für so einen erfolgreichen Verlauf entscheidend sind mitunter gezielte Rehabilitationsmaßnahmen (neurologische Reha).
Myelopathie: Eine wichtige Differenzialdiagnose
Als Myelopathie wird eine Reihe an klinischen Symptomen bezeichnet, die durch Schädigung des Rückenmarks vor allem im Bereich der Halswirbelsäule (mitunter auch an der Brustwirbelsäule) ausgelöst wird. Eine Myelopathie wird durch eine Verengung des Spinalkanals ausgelöst, wodurch das Rückenmark und die Nerven eingeschnürt oder gereizt werden. Typische Beschwerden einer Myelopathie sind Schmerzen im Nacken, die in die Arme ausstrahlen, Taubheit und mitunter Kraftverlust in den Armen. In den Schichtaufnahmen der Magnetresonanztomografie (MRT) ist die Myelomalazie (heller Fleck), eine fortgeschrittene Rückenmarksschädigung, klar erkennbar. Ziel des neurochirurgischen Eingriffs ist es, dem Rückenmark und den Nerven wieder mehr Raum zu verschaffen.
Myelodysplastisches Syndrom (MDS)
Das myelodysplastische Syndrom (MDS) ist eine Erkrankung des blutbildenden Systems. Die Entwicklung zu einer Leukämie ist in fortgeschritten Stadien möglich. Bei Patienten mit einem MDS sind die Reifungsprozesse der Blutzellen im Knochenmark gestört. Die Zellen reifen fehlerhaft aus und gehen oft schon im Knochenmark zugrunde, so dass von dort aus nicht genügend Blutzellen ins Blut übertreten können. Das myelodysplastische Syndrom (MDS) ist die häufigste bösartige Erkrankung des Knochenmarks bei älteren Menschen; im Kindes- und Jugendalter tritt es sehr selten auf. Die genauen Ursachen für ein myelodysplastisches Syndrom (MDS) bleiben meist ungeklärt. Die Krankheitszeichen (Symptome), die bei einem Patienten mit myelodysplastischem Syndrom (MDS) auftreten können, richten sich vor allem danach, wie stark der Mangel an (funktionstüchtigen) Blutzellen ausgeprägt ist. Zur Diagnosestellung ist eine Entnahme von Knochenmark notwendig. Die Behandlung von Patienten mit myelodysplastischem Syndrom (MDS) richtet sich danach, welche Form der Erkrankung vorliegt.
Multiple Sklerose (MS) und Plaques im Rückenmark
Bei der Multiplen Sklerose (MS) führt eine Entzündung im Zentralnervensystem zur Bildung von Narben. Wenn mehrere vernarbte Stellen größere Herde bilden, spricht man von Plaques. Plaques entstehen bei MS auch im Rückenmark. Mittels MRT lassen sich PML-Läsionen von fokalen MS-Läsionen unterscheiden, so dass eine etwaige PML so früh wie möglich diagnostiziert werden kann. Die Magnetresonanztomographie erlaubt aber auch eine frühere Diagnose von MS selbst.
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