Der Fliegenpilz (Amanita muscaria) ist ein ikonischer Pilz, der in vielen Kulturen eine besondere Bedeutung hat. Oftmals wird er als Glückssymbol zu Neujahr verschenkt, zusammen mit anderen Symbolen wie Schornsteinfegern, Marienkäfern und Hufeisen. Doch was steckt wirklich hinter diesem Pilz, der sowohl für seine giftigen als auch für seine psychoaktiven Eigenschaften bekannt ist? Dieser Artikel beleuchtet die vielfältigen Aspekte des Fliegenpilzes, seine Inhaltsstoffe, Wirkungen auf den menschlichen Körper und seine Rolle in Geschichte und Kultur.
Einführung: Der Fliegenpilz - mehr als nur ein Glückssymbol
Zu Neujahr erfreuen sich Glückssymbole großer Beliebtheit. Neben Marzipanschweinchen und vierblättrigem Klee findet sich oft der Fliegenpilz mit seinen roten und weißen Tupfen. Doch warum schenken wir uns zu Neujahr einen giftigen Pilz? Die Antwort liegt tiefer als nur in seiner auffälligen Farbe.
Namensgebung und traditionelle Verwendung
Der Name "Fliegenpilz" leitet sich von seiner traditionellen Verwendung ab, Fliegen und Mücken zu betäuben. Im 16. Jahrhundert empfahl der Botaniker Adam Lonitzer, Fliegenpilze in Milch zu sieden, um Insekten damit zu vertreiben. Früher wurden Hauswände mit Pilzbrei bestrichen, um Insekten fernzuhalten, wobei diese lediglich betäubt und nicht getötet wurden.
Die psychoaktive Wirkung des Fliegenpilzes
Die Popularität des Fliegenpilzes rührt nicht von seiner Wirkung auf Insekten her, sondern von seiner Wirkung auf den Menschen. Bereits 1855 wurde in einem deutschsprachigen "Drogenbuch" mit dem Titel "Die narkotischen Genußmittel" beschrieben, dass der Fliegenpilz die Fantasie ähnlich anregt wie Opium und Haschisch. Konsumenten berichteten von Glücksgefühlen, Liebe, Reichtum und dem Gefühl, wohlbeleibt und fett zu sein.
Kulturelle Bedeutung und germanische Mythologie
Schon unsere Vorfahren wussten um die Wirkung des Fliegenpilzes. In ihren Sagen reitet Wotan zur Wintersonnenwende durch die Wolken, und wo der Schaum seines Pferdes auf die Erde tropft, wachsen Fliegenpilze. Somit war der Pilz ein Geschenk der Götter und ein Glücksfall für die Menschen, was seinen symbolischen Wert begründet.
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Berserkerwut und körperliche Ekstase
Personen, die einen Fliegenpilz-Trip erleben, fühlen sich extrem stark und unverwundbar. Diese Beschreibung erinnert an die "Berserkerwut" nordischer Völker im Kampf, die im Rausch ungeheure Kräfte entwickelten und danach in tiefe Erschöpfung fielen.
Inhaltsstoffe und ihre Umwandlung
Frische Fliegenpilze enthalten bis zu ein Prozent der giftigen Ibotensäure. Beim Trocknen wandelt sich diese Säure in Muscimol um, den Stoff, der zu Halluzinationen führt. Der Pilz kann die Sanges- und Fabulierfreude anregen, für rauschhafte Ekstase und große körperliche Ausdauer sorgen.
Fliegenpilz als Speisepilz: Eine riskante Delikatesse
Obwohl die meisten Menschen den Fliegenpilz für einen tödlichen Giftpilz halten, bereiten ihn einige auch als Speisepilz zu. Die Gifte befinden sich hauptsächlich in der Huthaut und sind wasserlöslich. Daher wird die rote Haut entfernt und der Pilz über Nacht in Wasser eingelegt. Früher wurde er sogar in Deutschland in der Pfanne zubereitet.
Heutige Vorsichtsmaßnahmen
Da Vergiftungen nicht ausgeschlossen sind, wird der Fliegenpilz heute meist nur noch als Schokoartikel zu Neujahr angeboten. Unseren Bedarf an Speisepilzen decken wir vorzugsweise in Supermärkten und als Genussmittel dient uns zum Jahreswechsel der Sekt, der bekömmlicher ist als die Drogen unserer germanischen Vorfahren.
Die Wirkung von Muscimol auf die Synapse
Muscimol, ein Inhaltsstoff des Fliegenpilzes, kann beim Menschen eine halluzinogene Wirkung auslösen und zu Vergiftungssymptomen führen. Im Onlinehandel werden sogar Gummibärchen mit Muscimol angeboten. Doch wie wirkt Muscimol genau, welche Dosis ist tödlich und wie ist bei einer Muscimol-Vergiftung zu handeln?
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Muscimol: Ein halluzinogenes Alkaloid
Muscimol wirkt als psychotropes Alkaloid halluzinogen. Nach der Einnahme von Pilzen tritt die Wirkung nach 30 Minuten bis zwei Stunden ein und hält vier bis acht Stunden an. Die Wirkung wird oft als "alkoholähnlich" beschrieben, mit Störungen der Raumwahrnehmung und des Zeitgefühls, einem Gefühl der Schwerelosigkeit und Euphorie sowie farbigen Scheinbildern und einer höheren Empfindlichkeit gegenüber Geräuschen.
Wirkmechanismus von Muscimol
Muscimol ähnelt strukturell der Gamma-Aminobuttersäure (GABA), dem wichtigsten inhibitorischen Neurotransmitter unseres Nervensystems. Es wirkt als Superagonist an extrasynaptischen GABAA-Rezeptoren und entfaltet dort eine stärkere Wirkung als endogenes GABA. GABAA-Rezeptoren sind Liganden-gesteuerte Chloridkanäle, die sich nach Aktivierung öffnen und die Nervenzelle hyperpolarisieren, was die neuronale Aktivität dämpft. Der Effekt ist Sedierung, Anxiolyse und ein hypnotischer Effekt.
Muscimol aktiviert auch GABAB-Rezeptoren, allerdings mit geringerer Affinität. Im Gegensatz zu GABA wird Muscimol nicht von der GABA-Transaminase abgebaut.
Extrasynaptische GABAA-Rezeptoren: Tonische Hemmung
Extrasynaptische GABAA-Rezeptoren sind nicht an Synapsen lokalisiert. Sie vermitteln eine tonische Hemmung durch niedrige GABA-Konzentrationen im Extrazellularraum, die die Chloridkanäle längere Zeit öffnen und die Nervenzellen andauernd hyperpolarisieren.
Symptome einer Muscimol-Vergiftung
Eine Muscimol-Vergiftung äußert sich durch gastrointestinale Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen und Durchfälle sowie Schwindel. Auch vermehrter Speichelfluss, Ataxie und Psychosen sind beschrieben, ebenso Kreislaufversagen. Bei größeren Mengen kann es zu Muskelzuckungen, Verwirrtheit, Bauchschmerzen und Erregungszuständen kommen, die bis zur Bewusstlosigkeit oder Koma führen können. Schwere, tödlich endende Vergiftungen sind selten, aber möglich, besonders für Kleinkinder, ältere Menschen oder chronisch Kranke.
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Toxische Dosis von Muscimol
Die tödliche Dosis LD50 bei Ratten beträgt 45 mg Muscimol pro kg Körpergewicht, bei Mäusen 22 mg/kg Körpergewicht. Beim Menschen sollen Vergiftungen ab einer oralen Aufnahme von 6 mg Muscimol auftreten. Der Muscimol-Gehalt in natürlich vorkommenden Pilzen schwankt jedoch stark, sodass die Wirkung schwer abzuschätzen ist.
Behandlung von Muscimol-Vergiftungen
Es gibt kein spezifisches Antidot gegen Muscimol. Bei Vergiftungserscheinungen nach Pilzverzehr wird die Einnahme von medizinischer Kohle und der Besuch eines Krankenhauses empfohlen. Bei Agitation sollte jedoch von Kohle oder einer Magenspülung abgesehen und stattdessen eine Sedierung mit einem Benzodiazepin erfolgen. Die Behandlung erfolgt symptomorientiert, mit Flüssigkeits- und Elektrolytersatz bei gastrointestinalen Beschwerden und Benzodiazepinen bei Krampfanfällen. Bei Verdacht auf Vergiftungen ist der Giftnotruf eine erste Hilfe.
Warnung vor Muscimol-Gummibärchen
Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) warnte bereits vor Muscimol-haltigen Gummibärchen, die als gesundheitsschädliche Substanz eingestuft wurden.
Psilocybin und Neuroplastizität
Psilocybin, der Wirkstoff in Magic Mushrooms, wird im Körper zu Psilocin umgewandelt, das die psychoaktive Wirkung entfaltet. Studien haben gezeigt, dass Psilocin die Aktivität bestimmter Gene verändert, die für die Anpassungsfähigkeit des Gehirns wichtig sind. Es macht das Gehirn formbarer und könnte eine Therapieoption für psychische Erkrankungen darstellen.
Muscarin: Ein weiteres Toxin im Fliegenpilz
Muscarin ist ein weiteres Pilzgift, das im Fliegenpilz vorkommt, jedoch in geringeren Mengen als Muscimol und Ibotensäure. Es wirkt an den muskarinergen Acetylcholinrezeptoren der Synapsen wie Acetylcholin und wird von der Acetylcholinesterase nicht abgebaut. Seine Wirkungen führen zu Tobsuchtsanfällen, Atemlähmung, Pupillenverengung und vermehrtem Speichel- und Tränenfluss. Bei einer Muscarin-Vergiftung steht Atropin als Antidot zur Verfügung.
Muscarin-Rezeptoren und ihre Funktion
Muscarin-Rezeptoren (mACh-Rezeptoren) sind transmembrane Acetylcholin-Rezeptoren, die zu den metabotropen Rezeptoren gehören. Es gibt fünf Subtypen (M1-M5), die sich in Anzahl, Zielgewebe und Reaktionsweg des Second-Messengers unterscheiden. Sie beeinflussen verschiedene Körperfunktionen, darunter kognitive Fähigkeiten, Herzfrequenz, Muskelkontraktion und Drüsensekretion.
Curare, Latrotoxin, Botulinumtoxin und Tetrodotoxin: Vergleich mit anderen Synapsengiften
Es gibt viele verschiedene Synapsengifte, die auf unterschiedliche Weise die Signalübertragung an den Synapsen beeinflussen. Curare blockiert Acetylcholin-Rezeptoren, Latrotoxin führt zur verstärkten Freisetzung von Neurotransmittern, Botulinumtoxin verhindert die Freisetzung von Neurotransmittern und Tetrodotoxin blockiert spannungsgesteuerte Natriumkanäle.
Muscarin-Vergiftung: Symptome und Behandlung
Muscarin wirkt an den Rezeptoren der Synapse wie der Neurotransmitter Acetylcholin, wird aber nicht abgebaut, was zu einer dauerhaften Weitergabe von Signalen führt. Typische Symptome sind Sehstörungen, Tränen- und Speichelfluss, Schweißsekretion, Erbrechen, Durchfall, Magen-Darm-Störungen, Zittern und Kopfschmerzen. Bei starken Vergiftungen verlangsamt sich der Puls, der Blutdruck fällt ab, es kommt zu Atemnot und Angstgefühlen. Die Behandlung erfolgt mit Atropin.
Verwechslungsgefahr und Speicherung von Muscarin
Muscarin kommt nicht nur im Fliegenpilz vor, sondern auch in höheren Konzentrationen in Risspilzen und Trichterlingen. Eine Studie hat gezeigt, dass Muscarin im Rinnigbereiften Trichterling in Form des wenig giftigen 4'-Phosphomuscarin gespeichert wird. Erst bei Verletzung des Pilzes wird das giftige Muscarin freigesetzt.
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